Müssen wir jetzt ganz neu über Sportjournalismus nachdenken?
Mittwoch, 16. Mai 2012, 0:28 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 16. Mai 2012, 20:28 Uhr
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Von einem kuriosen Platzsturm, der von nichts als Emotionen zeugt, und der ARD, die damit nicht umzugehen weiß

Nur noch ein paar Sekunden, dann ist Schluss. Fortuna Düsseldorf steht vor der Rückkehr in die Bundesliga, zum ersten Mal seit Jahren. Fortuna-Stürmer Ranislav Jovanovic vergibt die Großchance zum alles entscheidenden Tor. Doch das 2:2 im Relegationsrückspiel gegen Hertha BSC reicht nach dem Sieg im Berliner Olympiastadion ohnehin. Für die Fans der Fortuna, zumindest für viele von ihnen, gibt es kein Halten mehr. Sie stürmen auf den Platz, obwohl der Schiedsrichter noch gar nicht abgepfiffen hat. Euphorie pur. Eines besseren Beweis bedarf es kaum, dass Fußball mit Emotionen ebenso untrennbar verbunden ist wie das Christentum mit der Bibel.

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Ja, wo wollen sie denn hin?
Mittwoch, 9. Mai 2012, 0:46 Uhr
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Der SSV Markranstädt ist der stille Profiteur des Einstiegs von Red Bull in den Leipziger Fußball. Die Ausgangslage des Wieder-Oberligisten ist besser als vor drei Jahren

Der Schatten ist groß. Der Schatten ist mächtig. Der Schatten bietet Schutz. Geräuscharm hat sich der beflügelte SSV Markranstädt wieder dorthin zurückgekämpft, wo er seine Unschuld verlor: in die Oberliga. Vor drei Jahren verkaufte sich der damalige Fünftligist an das Dosenimperium von Dietrich Mateschitz. Der Deal: Hunderttausende Euro, ausgeschüttet über mehrere Jahre, gegen das Oberliga-Startrecht für den neuen Marketingklub RasenBallsport Leipzig.

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BSG Chemie will Leutzsch für sich zurückerobern
Donnerstag, 8. März 2012, 0:17 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 8. März 2012, 0:24 Uhr
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BSG Chemie Leipzig und TuS Leutzsch kooperieren künftig im Nachwuchsbereich – davon können beide Vereine nur profitieren

Das Projekt „Kiezklub“ nimmt Konturen an. „Leutzscher Nachwuchs“ heißt das hoffnungsvolle neue Gemeinschaftsprojekt von BSG Chemie Leipzig und TuS Leutzsch. Künftig wollen beide Vereine im Nachwuchsbereich zusammenarbeiten. Laut gemeinsamer Pressemitteilung sei eine „Kooperation auf gleicher Augenhöhe“ geplant. Weiter heißt es:

Im Mittelpunkt stehen die Bildung von Spielgemeinschaften in allen Altersklassen und die Bündelung personeller, infrastruktureller und logistischer Kräfte für eine kontinuierliche Nachwuchsarbeit. Die gemeinsame Zielsetzung ist im gemeinsamen Kooperationsvertrag festgehalten.

Grundlage unserer Zusammenarbeit ist das Bestreben, den fußballbegeisterten Kindern und Jugendlichen Leipzigs – insbesondere denen im Leipziger Westen – eine breite Anlaufstelle im Volkssport Nr. 1 zu bieten. Hierbei wollen wir ein gesundes Mittelmaß zwischen Breitensport und leistungsorientiertem Fußball finden, bei dem die altersgerechte und fortdauernde Ausbildung der Kinder und Jugendlichen im Vordergrund stehen und in dem sich die beiden Vereine getreu ihrer Philosophien wiederfinden.

Von dem Projekt können beide Vereine nur profitieren. Für den TuS Leutzsch ist vor allem der große Name des Partners und sein riesiges Fanpotenzial attraktiv. Womöglich kann der Stadtligist mittelfristig neue Unterstützer und Mitglieder akquirieren. Die BSG Chemie hingegen braucht den vermeintlich kleinen Partner nicht nur wegen der großen Herausforderung, die die Nachwuchsarbeit darstellt. Außerdem muss der Landesligist seinem Anspruch der stärkeren Verwurzelung im Stadtteil Leutzsch und im Leipziger Westen auch in der Praxis gerecht werden. Der TuS von der Rietschelstraße kann glaubwürdig auf seine Kiezkompetenz verweisen: Seit Jahren leistet der Klub seriöse Vereinsarbeit – vor Ort in Leutzsch. Zudem herrschten gute Kontakte zum verblichenen FC Sachsen. Gewiss spielen auch sportliche Erwägungen eine Rolle, die Kooperation erleichtert es, Nachwuchsspieler zwischen den Vereinen zu tauschen.

Viel Potenzial im einstigen Malocherstadtteil

Chemie will ein Verein für alle Leipziger und insbesondere auch die Leutzscher sein – mit der geplanten umfassenden Zusammenarbeit mit dem TuS Leutzsch stehen die Chancen deutlich besser, nicht nur den einstigen Malocherstadtteil, sondern auch die Herzen seiner heutigen, durchaus vielfältigen Bevölkerung wiederzugewinnen. Kürzlich lernte ich bei einer Mitfahrgelegenheit zwei Neu-Leutzscherinnen kennen. Sie kamen ursprünglich aus Hamburg und Bremen, haben aber des Studiums und Geldes wegen in der Georg-Schwarz-Straße in Leutzsch ihre neue Heimat gefunden. Und sind sehr glücklich dort. Der Stadtteil hat Potenzial, die „Schwarz“ könnte zur neuen Karl-Heine-Straße werden. Die BSG Chemie war den beiden Studentinnen jedenfalls ein positiv besetzter Begriff: Schließlich sei der Verein sehr präsent im Stadtbild.

Künftig wird sich der Verein in seiner Selbstvermarktung noch intensiver – jedoch keinesfalls ausschließlich – auf Leutzscher und den Leipziger Westen konzentrieren, soviel scheint sicher. Erst kürzlich lief die sublokale Werbemaschinerie an: Nun schmücken Plakate mit Spielankündigungen Geschäfte in der Georg-Schwarz-Straße.





Berlin, Berlin
Donnerstag, 23. Februar 2012, 21:20 Uhr
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Die Hauptstadt ist anders. Ein Raumschiff, das es stets aufs Neue wiederzuentdecken gilt, auch fußballerisch. Ein Erfahrungsbericht in eigener Sache

Ruhig ist es hier geworden in den letzten Wochen und Monaten. Das liegt nicht nur an der Winterpause. Ich habe Distanz gewonnen. Weniger im emotionalen, als viel mehr im örtlichen Sinne. Es hat mich nach Berlin verschlagen. Seit Beginn dieses Jahres arbeite ich für die Märkische Allgemeine, die in Potsdam erscheint. Das ist, beruflich wie privat, eine Herausforderung. Aber keinesfalls ein Grund, den Leipziger Fußball allgemein und die BSG Chemie insbesondere aus Augen und Herzem zu verlieren.

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Die Baustelle
Sonntag, 29. Januar 2012, 15:34 Uhr
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Jahrelang praktizierte das Leipziger Fanprojekt akzeptierende Jugendarbeit mit Neonazis. Nach dem Trägerwechsel soll mit einem neuen Team alles anders werden. Die neuen Inhalte umzusetzen, ist nicht die einzige Herausforderung. Eine Reportage

Die schmale Tribüne ächzt. Es gibt Sitzbänke, aber alle stehen. Hunderte Menschen, eine Familie in Grün-Weiß. Was sie eint, ist die Leidenschaft für Fußball und ihren Verein, die BSG Chemie Leipzig. Sie sind immer da, egal wie es läuft. Sie leben für ihren Klub. Grün-Weißer ist man immer. Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, und in den Träumen sowieso. „Schähm …, Schähm …“, tönt es aus biergetränkten Kehlen. Gemeint ist Chemie, der Schlachtruf ist so alt wie die größten Erfolge des Vereins, der vor Jahrzehnten zwei DDR-Meisterschaften errang, zuletzt 1964. Ein unerwarteter Erfolg, die Geburtsstunde eines Mythos, der auch in tristen Zeiten Tausende mobilisiert. Chemie spielt in der sechsten Liga, die zweite Mannschaft sogar noch weit tiefer.

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Keine Antworten auf nicht gestellte Fragen
Mittwoch, 7. Dezember 2011, 13:03 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 7. Dezember 2011, 13:10 Uhr
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Am 5. Dezember startete der private Fernsehsender RTL 2 die Reportagereihe „Investigativ“ mit einer Folge über Hooligans – und erhielt dafür viel Lob. Eine Gegenbetrachtung

Zu Hooligans kann man ähnlicher Meinung sein wie zu Karneval. Es handelt sich um ein soziales Phänomen, das man einerseits interessant finden kann, bei dem man vielleicht sogar mitmachen will. Andererseits aber, und so wird die große Mehrheit denken, kann man Hooligans dumm und verachtenswert finden. Wolfram Kuhnigk gehört zu jenen, die zu Hooliganismus die denkbar größte Distanz aufweisen. Das ist nicht zwangsläufig die schlechteste Voraussetzung, um unter dem Label „Investigativ“ im Auftrag für den Privatsender RTL 2 eine Fernsehreportage über Hooligans zu drehen. Drängen sich doch Fragen auf, die jemand, ginge er das Thema mit heißem Kopf an, wohl kaum befriedigend beantworten könnte: Was macht aus einem Menschen einen Hooligan? Worin liegt der Reiz? Und was sagt uns Hooliganismus über unsere Gesellschaft?

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Zitat des Tages (20): Grenzen der grün-weißen Toleranz
Montag, 5. Dezember 2011, 11:47 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 6. Dezember 2011, 23:41 Uhr
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Na bei uns ist halt kein Platz für Nazis. Also wir verlangen wirklich von niemanden, dass sie jetzt ’ne rote Fahne draußen aufhängt … weiterlesen





Wenig Fußball, viele Unterschiede
Montag, 28. November 2011, 14:04 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 2. Dezember 2011, 11:36 Uhr
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Das Duell zwischen der BSG Chemie Leipzig und der SG Leipzig-Leutzsch hat bewiesen, warum es zwei grün-weiße Vereine gibt

Nein, mit Derbystimmung hatte das nichts zu tun. Seltsam ruhig war es über weite Strecken des Spiels auf den sehr gut gefüllten Rängen des Alfred-Kunze-Sportparks. 2690 Interessierte – Guido Schäfer mutmaßt in der Leipziger Volkszeitung, dass darunter 1800 Chemiker gewesen seien – wollten sich das Sechstliga-Spiel zwischen der BSG Chemie Leipzig und der SG Leipzig-Leutzsch (SGLL) nicht entgehen lassen. Ebenso wenig wie die journalistische Eliteliga der Republik. Die Süddeutsche Zeitung soll da gewesen sein (und hatte auch im Vorfeld berichtet). Eine Stunde vor Anpfiff schlenderten 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster und Kollege Jens Kirschneck erwartungsfroh am Gästeblock vorbei.

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Nachdenken – anlässlich der „Aktion Libero“
Mittwoch, 16. November 2011, 12:43 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 18. November 2011, 20:12 Uhr
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„Beim FC Sachsen ist der Fußball noch ‚homofrei‘“, hieß es hier vor wenigen Monaten. Der FC Sachsen ist längst Geschichte, Homophobie hingegen noch lange nicht. Heute ist die Aktion Libero gestartet. Weil es im Fußball Fans und Verantwortliche gibt, für die Schwule einfach nicht dazu gehören – wie auch alles andere, das anders ist.

Identifikation bedeutet Exklusion

Die Fankurve ist so ein enger Ort. Über allem steht der Erfolg. Der Erfolg des eigenen Teams. Das schweißt zusammen. Die Kurve, die letzte Bastion kollektiver Glaubensbekenntnisse? Das Fußballstadion als ein Ort, an dem nicht nur die Ekstase ihre Heimat findet, sondern auch der Verstand äußerst flüchtig ist? Rational, soviel ist sicher, ist das alles nicht mit dem Fansein. Die Identifikation mit dem Verein, die Anonymität der Masse, die permanente Rebellion, die in der Handlungsarena Fankurve angelegt ist – was die eigene Einheit stärkt, führt zwangsläufig zu Exklusion.

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Wenn die Medien randalieren
Donnerstag, 27. Oktober 2011, 14:21 Uhr
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Der Sportjournalismus ist tot, weil unkritisch. Das zeigt die unreflektierte Mediendebatte über Fußballrandale und Pyrotechnik. Die Fans müssen sich besser organisieren

„Das hat das friedliche Radebeul noch nicht erlebt“, schrieb die Sächsische Zeitung vor dem Gastspiel der BSG Chemie Leipzig beim Radebeuler BC am vergangenen Wochenende. „300 vermummte Hooligans“ aus Leipzig würden erwartet. Wer einen Schal von Dynamo Dresden trage, werde mindestens abgezogen, vielleicht aber auch sterben, wird zwischen den Zeilen suggeriert. Schlechter Sportjournalismus, der sich auf eine problematische Quelle stützt, nämlich die Polizei, ist kein exklusives Problem der sächsischen Provinz (Und nein, das geschmacklose Anbiedern in der Berichterstattung der Sächsischen Zeitung nach dem Spiel macht die Sache keinesfalls besser, sondern erhärtet nur den Vorwurf.). Geht es um Fußballfans, dann weiß die Polizei am besten Bescheid. Wer hat randaliert, Beamte beschimpft oder angegriffen – die Polizei gibt mit bürokratischer Gründlichkeit Auskunft, ist ein dankbarer Ansprechpartner für die Medien. Die Informationen sind leicht zugänglich und müssten nicht überprüft werden, so die Devise vieler Redaktionen. Das Problem: Die Polizei ist Quelle und Akteurin zugleich.

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