Chemiker jagen Einhörner
Sonntag, 30. November 2014, 15:59 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Vereinspolitik

Der FC International Leipzig grüßte lange Zeit aus weiter Ferne von der Tabellenspitze der Landesliga. Doch der Vorsprung auf die BSG Chemie ist mit der Niederlage im Alfred-Kunze-Sportpark erheblich zusammengeschrumpft.

Um große Töne ist man beim FC Inter nicht verlegen. „Ich sage den Jungs, dass sie am besten mit uns in den Profibereich klettern können“, erklärte Trainer Heiner Backhaus jüngst in der Leipziger Volkszeitung. Kurz darauf ließen die selbsterklärten Profi-Aspiranten am vorletzten Hinrundenspieltag beim 0:2 alle Punkte bei der BSG Chemie. Seitdem ist die Herbstmeisterschaft zwischen den beiden Kontrahenten wieder offen. Ja, die Leutzscher sind nach dem holprigen Saisonstart als Aufsteiger endgültig angekommen in der Sachsenliga. Und nein, so einfach will die Konkurrenz den FC Inter dann doch nicht in höhere Sphären ziehen lassen.

Aber der Reihe nach. Chemie hatte vor der Saison gut zugelegt, sich sinnvoll verstärkt, im Ligamaßstab große Namen verpflichtet. Folglich durfte man sich von den ersten Spielen fast schon mehr erhoffen als zwei Nullnummern und die sich daraufhin immer wieder aufs Neue verfestigende Einsicht, dass spielerische Überlegenheit nicht zwangsläufig Punkte nach sich zieht. Und dann ist da ja noch die Personalnot der Polizei, die den Spielplan zerstückelt – ganz zum Leidwesen der Grün-Weißen. Die Sachsenliga ist einfach zu provinziell, um dauerhaft einen Spielbetrieb mit einem Verein zu organisieren, der Zuschauermengen in drei- und vierstellige Höhe anzieht. Also hechelt Chemie den Wettbewerbern hinterher. Nicht auszudenken, ob es das Team von Coach André Schönitz mit etwas mehr Spielrhythmus zu mehr gebracht hätte als Platz zwei hinter Liga-Primus Inter.

Im direkten Duell gegen den Spitzenreiter war das aber alles egal. Es waren allein die Umstände, die motivierten. 1600 Zuschauer im Alfred-Kunze-Sportpark. Die von der Gegenseite nimmermüde wiederholte Rede von den Aufstiegs-Ambitionen. Ohnehin gefällt sich der neue Ehrgeizling in einer eher abgeschmackten Selbstdarstellung: Inter gibt den vermeintlich neuen bunten Verein, der Leipzigs Migrantenschaft warmherzig die Hand reicht. In dieser Stadt taugt das eingedenk mancher Anstrengung von Roter Stern, BSG Chemie und auch dem 1. FC Lok schon lange nicht mehr zum Alleinstellungsmerkmal. Seine Multikulti-Truppe um den hoch veranlagten „La Masia“-Absolvent Manuel Moral Fuster, 26, füttert der FC Inter nach offizieller Lesart jeweils mit ein paar wenigen hundert Euro und einem Dach über dem Kopf durch.

Angesichts des machtvollen Netzwerks, das der in orange und mit einem Einhorn auf der Brust aufspielende Jungverein binnen kürzester Zeit um sich zu weben wusste, ist das kaum zu glauben. Das Personaltableau liest sich wie eine unheilvolle Allianz, die nicht einmal davor zurückschreckte, mit Jamal Engel den SG-Sachsen-Leutzsch-Totengräber zum zwischenzeitlichen Geschäftsführer zu machen. Die Bandbreite reicht vom Hintergrund-Strippenzieher Wolfgang Tiefensee, dem einstigen Leipziger Oberbürgermeister mit SPD-Parteibuch, der als Bundesverkehrsminister jäh abstürzte und nun vor seinem politischen Comeback als Thüringer Landespolitiker steht, über Präsident Christian Meyer, der als Sohn einer Sportamts-Bürokratin den Weg zum Rathaus ohne Umwege findet, bis zu Trainer Heiner Backhaus, der von Beruf eigentlich Wandervogel ist und von dem keiner weiß, weshalb der frühere FC-Sachsen-Profi mit den 13 Klubs im Lebenslauf ausgerechnet in Leipzig Wurzeln schlagen will.

Man kennt sich, man schätzt sich, man will etwas mit seinen Kontakten anfangen. Christian Meyer lässt in einem offizielles Vereinsvideo tief blicken:

Der Heiner und ich, wir haben letztes Jahr im Sommer zusammengesessen und haben uns überlegt, dass Leipzig noch einen guten, dynamischen Fußballklub gebrauchen kann und haben uns dann einfach, ja, aus einer gewissen Naivität auch gegründet.

Anschließend mussten der Wolfgang, der Heiner und der Christian allerdings äußert planmäßig zu Werke gegangen sein. Dank des entsprechenden Einsatzes ließ sich der SV See, der irgendwo bei Görlitz beheimatet ist, dazu bewegen, sein Sachsenliga-Spielrecht nach Leipzig zu exportieren. Sportlich funktionierte die Unternehmung Meisterschaft mit Migranten bislang ganz gut. Bis Chemie die Inter-Truppe mit seinen viel beschworenen Tugenden niederkämpfte und den Abstand auf drei Punkte verkürzte. Bei einem Spiel Rückstand – siehe oben. Chemiker jagen Einhörner!

Im Gespräch mit dem LVZ Sportbuzzer Magazin fiel selbst einem Heiner Backhaus nicht mehr viel ein. Während der Norddamm im Hintergrund seine grün-weißen Helden feierte, musste der Inter-Trainer unumwunden eingestehen:

Chemie hat uns die Hölle gemacht hier, (die Spieler) waren in den Zweikämpfen doppelt so stark wie wir, hatten eine klare Spielidee. Nach zehn Minuten habe ich zu meinem Co-Trainer gesagt: „Wie wir hier rauskommen, weiß ich nicht.“

Möge der Mahner auch für den Rest der Saison Recht behalten.




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3 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Sündenbock
    Kommentar von
    Sündenbock
    30.11.2014 um 16:58
    1

    Schön, mal wieder etwas hier lesen zu können 🙂


  1. Gravatar of Uwe Gronau
    Kommentar von
    Uwe Gronau
    01.12.2014 um 6:12
    2

    Sehr guter Artikel der die ganze Misere um diese sogenannten Neufußballclubs, die keiner in Leipzig braucht, sehr gut widerspiegelt!! Gut, dass es noch so Vereine wie unsere BSG gibt, die da ein wenig entgegenwirken können.


  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    01.12.2014 um 23:59
    3

    Sehr guter Artikel.
    Ist ja sehr modern, was sich der Heiner da ausgedacht hat. Man bietet mit dem Verein ambitionierten Spielern aus dem Ausland eine Plattform, mittels derer sie sich für höhere Aufgaben präsentieren können. Gleichzeitig profitiert man von Gewinnen aus Ablöse und kommt selber noch etwas hoch. Würde mich gar nicht so gross wundern, wenn die Spieler tatsächlich für vergleichsweise wenig Geld auflaufen, weil Inter ihnen die Versprechung gemacht hat, durch sie gross raus zu kommen. Insofern profitiert man davon dass man mit deren Träumen spielt.
    Da mittlerweile anscheinend jeder Idiot mit Geld und Beziehungen sich einen Verein kaufen und in hohen Ligen etablieren kann, muss man sich mit so etwas nun auseinandersetzen. Aber Chemie ist eben die richtige Antwort auf diesen Quatsch.




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