Red Bull Leipzig, BASF Ludwigshafen und Aldi Essen
Freitag, 31. Oktober 2014, 13:49 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 31. Oktober 2014, 14:17 Uhr
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+++ Österreicher blicken nach Leipzig +++ Zwischen Bierbauch und intellektueller Elite +++ Eine Fußballstadt fasert aus +++ Investorenmodell wird Schule machen +++

In der November-Ausgabe berichtet der Ballester, im Zeitschriftenmarkt so was wie die geistige österreichische Halbschwester von 11FREUNDE, aus Leipzig. Autorin Nicole Selmer hat sich umgesehen, was der Ösi-Export Red Bull in Leipzig so anstellt. Ihr Urteil kommt ziemlich nüchtern daher. Im Stadion spart der Investorenklub mit allzu marktschreierischem Kommerz. Auf den Banden präsentieren sich überschaubar viele, aber dafür ausgesuchte Marken. Weniger ist mehr. Red Bull probt in Leipzig den Werbepurismus. Keine Großraumdisco wie in Salzburg – dieses Experiment hat der Konzern offensichtlich unter Versuch und Irrtum abgehakt.

Die Österreicher können nicht nach Leipzig blicken, ohne sich die Ereignisse des Jahres 2005 vors innere Auge zu führen. Damals walzte Red Bull die stolze Austria platt – nicht nur dem Namen nach. Das traditionelle Violett-Weiß wurde durch die Konzernfarben ersetzt. Keine Kompromisse. Das tat selbst den Ösis weh, obwohl man im Land der „tipico-Bundesliga“ noch nie Probleme mit bescheuertem Product Placement hatte.

Weil es viel zu einfach wäre, in Leipzig mit der Austria-Keule zu wüten, ist also Nachsicht gefragt, wenn Ballesterer-Autorin Selmer im Leipziger Zentralstadion vornehmlich ganz normale Fußballprolls ausmacht, die mit der einen Hand das Bier verschütten und mit der anderen einen Bratwurstfettfleck auf dem Trikot anrichten. Das sind die Fans, die auch gegen Liechtenstein ins Stadion kamen, weil es nichts Besseres zu sehen gab, und dann bitterlich pfiffen, wenn Mario Gomez mal wieder den Ball verstolpert hatte.

Die „Rasenballisten“ waren mit Sicherheit nicht darunter. Diese rührselige Truppe versucht sich darin, Dietrich Mateschitz und seine Dosen aus dem Fangewissen zu verdrängen. Leipzig und sonst nichts, das ist die Devise der „Rasenballisten“, die sich in der Kurve als Ultras geben, aber das branchenübliche Geprolle und das antikapitalistische Moment der Bewegung entschieden von sich weisen. Mit ihrer Ansicht, meint Selmer, stehen die Idealisten aber weitgehend allein da.

Ein paar Absätze weiter gibt sich Matthias Kießling alle Mühe, nicht als verblendeter Hardcore-Fan abgestempelt zu werden. Der Mann hinter dem rotebrauseblog führt sich selbst als „Pragmatiker“ ein, der dem Verein „wohlgesonnen“ gegenüber stehe. Das ist sonderlich bescheiden für einen, der Tag für Tag mit jedem neuen Blogbeitrag das Internet zuschreibt. Kießling geht es, das ist rauszulesen, um guten Fußball. Ohne Red Bull wäre das in Leipzig wohl nie möglich gewesen. Also nippen die Intellektuellen der Kurve, von den „Rasenballisten“ bis zum Rotebrauseblogger, in den stillen Momenten aus der Dose, um sich kurz zu schütteln. Aber nur bis zum nächsten Tor.

Am Erfolg von Dosenkavalier Mateschitz, der Leipzig mit dem süßen Gesöff gefügig zu machen wusste, hatte ich nie einen Zweifel. Das habe ich Nicole Selmer gesagt. Ich durfte als Kritiker ran – und übte mich passend zum Generalton in Relativierungen.

Red Bull hat meine heile Fußballwelt zerstört, diese Übersichtlichkeit in einer wahlweise grün-weißen oder blau-gelben Stadt, lange gab es nichts dazwischen. Heute gibt es Lok und Chemie, Red Bull und den FC International, wo der ewige grün-weiße Besserwisser Jamal Engel angeheuert hat. Großspurigkeit, die hat in Leipzig ihre Tradition. Darauf verstand man sich beim aufgelösten FC Sachsen ebenso prächtig wie seinen ebenfalls gescheiterten Nachfolgern, der SG Leutzsch und der SG Sachsen. Die Leutzscher Anti-Ultrà-Fraktion macht trotzdem weiter, wenn auch ohne Engel. Neuerdings führt das Vereinsregister den LFV Sachsen …

Sportlich, aber auch den Zuschauerzuspruch betreffend, soll Leipzig also weiter gute Geschichten für große Pleiten bieten. Unterdessen wird das Red-Bull-Modell als Deutschlands Vorzeige-Marketingklub weiter Schule machen. Der Erfolg des Marketingklubs, diktierte ich Nicole Selmer, weckt Begehrlichkeiten von Investoren, die sich bisher noch mit Werbebanden und Aufsichtsratsposten begnügen. Einerseits. Andererseits, denke ich, werden sich Graswurzelklubs wie Union Berlin und St. Pauli mit ihren gegen den Strich gebürsteten Selbstbild auch dann noch bestens am Publikumsmarkt verkaufen können, wenn RB Leipzig einmal Meister wird und BASF Ludwigshafen und Aldi Essen um die Europa-League-Plätze konkurrieren.

Fraglich ist nur, in welche Liga so mancher Mitgliederverein bis dahin durchgereicht sein wird. Zur Erinnerung: Chemie Leipzig ist derzeit sechstklassig.




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2 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Matthias Puppe
    Kommentar von
    Matthias Puppe
    31.10.2014 um 21:16
    1

    Lieber Bastian,

    es ist müßig, immer wieder (unterschwellig) Red Bull Leipzig mit Chemie und Co. in einen Kontext zu setzten. Das System Fußball hat sich bereits in einen Operetten-Event-DFL-Millionenbereich und in den mit (simplem) Fußball als Kernobjekt aufgespalten. Perspektivisch wird sich diese Trennung noch verstärken. Ein Verein wie Chemie Leipzig wird nie mehr in irgendeiner dieser DFL-Bundesligen spielen. Das dürfte wohl allen klar sein. Und das ist 120 % GUT SO. Und auch Union Berlin und Co. werden (so dort nicht irgendwann Mäzene oder Unternehmen einsteigen) über kurz oder lang aus diesem Business der (momentan) ersten drei Ligen verschwinden. Auch das wäre dann kein Beinbruch.

    Die Frage ist für mich nur: Wann werden die Fußball-Interessierten (auch hierzulande) in größerer Anzahl merken: Bundesliga, Champions League … Das ist auch nicht anders als The Voice, als GZSZ, als so‘n Tillschweigerfilm. Und wird das dann irgendwas noch ändern?

    Deshalb: Lass das (unterschwellige) Zusammenbringen. Genau genommen sind die Genannten schon jetzt grundverschieden.


  1. Gravatar of BUFC
    Kommentar von
    01.11.2014 um 0:17
    2

    … ich für meinen Teil wünsche mir sehnlichst, dass natürlich gewachsene, unbequeme und diskutierbare Fußballkulturen wie bei Union Berlin, Rot Weiß Essen, Hessen Kassel, Dynamo Dresden, Chemie Leipzig, Darmstadt 98, HFC Chemie, Altona 93, Hamburger SV, Rapid Wien, Malmö FF oder Leeds United für immer von Bestand sind und nicht den Zeichen der Zeit eines Tages erlegen sind. Wenn aus einem Reformationstag ein Halloween-Familienfest wird und Fußballvereine letztlich nur Mittel zum Zweck werden, dann leckt sich der Depp selbst am Arsch und wundert sich zwei Wochen später über die eigene Entmündigung.

    Der Rufer in der Wüste schweigt.




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