Lok-Nazis ohne Freifahrtsschein
Donnerstag, 28. August 2014, 18:03 Uhr
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Endlich schämt man sich beim 1. FC Lok Leipzig für seine braune Vergangenheit. In Probstheida haben Problem-Fans neuerdings Hausverbot. Doch die Ausgesperrten wollen nicht kampflos gehen

Der 1. FC Lok war lange ein dankbarer Gegner. Was musste sich die Vereinsführung nicht alles anhören, damals, als Steffen Kubald, der nach außen geläuterte Ex-Hooligan mit besten Kontakten in die Szene, das Sagen hatte.

Brauner Gründer, braunes Image

Seit dem Neustart 2003 lastete dem Klub ein braunes Image an. Das lag nicht nur daran, dass mit Nils Larisch ein Neonazi am Tisch der Gründer saß und lange Zeit den Fanartikelverkauf organisierte. Sein Kumpel und NPD-Kollege Enrico Böhm brachte die Ultrà-ähnliche Gruppierung „Blue Caps“ politisch auf Linie. Auch bei „Scenario Lok“ sammelte sich Problemklientel – ein Gemenge aus Partei- und Kameradschafts-Nazis, Hools und Kampfsportlern. Zwischenfälle redete die Lok-Führung mit großer Ausdauer klein, so wurde ein aus Menschen geformtes Hakenkreuz im Fanblock schon mal als dummer Zufall abgetan.

Konsequentes Handeln konnte man vom Verein nicht erwarten. Grundsätzlich fehlte es an Problembewusstsein. Stattdessen überwog die Sorge vor leeren Rängen, was die Lok-Führung zu fragwürdigen Schlüssen kommen ließ. Im Fanprojekt, in dem Neonazis ein und aus gingen, prangte nicht aus Zufall das Emblem von S. S. Lazio Rom an der Wand, dem Klub von Il Duce Mussolini, dem viele Laziali bis heute nachtrauern.

Umdenken nach Babelsberg-Randale

Das ist alles Geschichte. Das Fanprojekt hat einen neuen Träger, der sich jedem Ansatz akzeptierender Jugendarbeit verwehrt. Im Streit um eine Nachwuchskooperation mit RB Leipzig ging mit Kubald der fragwürdige Vorkämpfer der ersten Stunde – und machte Platz für eine geistige Erneuerung. Lok verbat die Präsenz der Gruppen „Blue Caps“ und „Scenario Lok“ im Stadion, mit den Konsequenzen für deren Protagonisten aber nahm es der Verein lange nicht so genau.

Die Wende kam mit einem Auswärtsspiel bei Babelsberg 03. Gut ein Jahr ist es her, dass sich die Lok-Problemfans einmal mehr schlagzeilenträchtig daneben benahmen. Präsident Heiko Spauke schimpfte im Nachgang über „rechtsradikale Fans“, drohte mit Mitgliederausschlüssen, forderte bundesweite Stadionverbote.

Diese Arbeit trägt nun – offensichtlich: braune – Früchte. „Scenario, wir lassen uns nicht verbieten“, sprühten die Ausgesperrten fast auf den Tag genau ein Jahr nach den Vorfällen in Babelsberg an die Anzeigetafel des Bruno-Plache-Stadions. Es las sich wie das Bekennerschreiben zu einem groß angelegten Rachefeldzug gegen die Vereinsführung. In den vergangenen Wochen gingen in Probstheida wiederholt Scheiben zu Bruch, übersäten Schmierereien das Vereinsgelände, wurden Autoreifen zerstochen.

Ausgesperrte auf Rachetour

Die Vereinsführung sieht sich im Visier „feiger Täter“, die „im Schutze der Nacht“ und „systematisch“ vorgingen:

Seit über einem Jahr verfolgt das neue Präsidium konsequent einen Kurs, um den Verein für eine erfolgreiche Zukunft aufzustellen. Die Strukturen des Vereins werden seitdem optimiert. Gegen Personen wird konsequent vorgegangen, die dem Ansehen unseres Vereins schaden. (…) Dieser neue Kurs wird von der überwältigenden Mehrheit der Mitglieder des 1. FC Lok getragen, die bei der Mitgliederversammlung im Mai alle Präsidiumsmitglieder in ihrem Amt bestätigt haben.

So entschlossen wie in diesen Tagen hat man sich die Männer im Lok-Führerstand lange gewünscht. Die Braunen, die sich zu Blau-Gelb bekennen, sind nicht aus der Welt. Aber in Probstheida sollen sie sich nicht mehr zu Hause fühlen. Nach all den Jahren voller Hohn und Kritik hat das jeden Respekt verdient.




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