„Die Leutzscher Legende lebt“
Samstag, 10. Mai 2014, 11:44 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13. Mai 2014, 11:12 Uhr
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Fan, Buchautor, Sponsor und Macher: Jens Fuge, Jahrgang 1963, hat im Leutzscher Fußball schon alles durch, was geht. Jetzt hat sich der Chronist der „Leutzscher Legende“ am Niedergang des Leutzscher Fußballs abgearbeitet. Ich sprach mit Jens Fuge über sein neues altes Buch, die Wut des Autors, intime Einblicke in zwei Jahrzehnten FC Sachsen Leipzig, ehrliche Hoffnungsschimmer und das 50-jährige Jubiläum des Meistertitels am 10. Mai 1964.

Jens, statt des leidenschaftlichen Fans und Machers gibst du inzwischen den zottelhaarigen Motorradrocker, der durch die Welt reist. Ist das eine ganz normale Midlife-Crisis oder hast du dich ernsthaft vom Alfred-Kunze-Sportpark entliebt?

Jens Fuge: Die Mid-life-crisis habe ich hinter mir. Bei zwei Firmen kam ich auf einen Arbeitstag von zwölf, 14 Stunden, sieben Tage die Woche. Ich wusste nicht mehr, wie Wald und Wiese riechen. Bevor ich den Spiegel auslesen konnte, kam nach einer Woche schon der nächste. Ich beschloss, aus dem Hamsterrad auszubrechen, um mich dem Leben zuzuwenden: mehr reisen, mehr Zeit nehmen für das wirklich Wichtige, für Freunde.

Und Fußball ist gar nicht mehr wichtig?

Fuge: Nach dem letzten Nackenschlag, als ich es nochmal wissen wollte als Vorstandsmitglied des FC Sachsen 2009/10, habe ich mir gesagt: Nie wieder, das war’s jetzt. Bereits damals deutete alles auf die Katastrophe hin. Trotzdem gilt nach wie vor, was der gute alte Alfred mal gesagt hat: Einmal Chemie, immer Chemie. Ich nehme Anteil daran, was gerade in Leutzsch passiert.

„Bei Chemie sind Leute am Werk, die nicht quatschen, sondern machen“

Wie siehst du die aktuelle Entwicklung?

Fuge: Bei der BSG Chemie entdecke ich vieles von dem wieder, was ich damals beim FC Sachsen verwirklichen wollte, diesen geilen Stadtteilverein, die gelebte Basisarbeit. Es hat gekribbelt, als ich gesehen habe, dass jetzt an der Brücke am Schleußiger Weg ein großes Chemie-Transparent zum 50-jährigen Jubiläum der Meisterschaft hängt. Mich begeistert es, wie die Fans den Familienblock auf eigene Faust saniert haben. Allein das macht den Verein so besonders und kann ihn überhaupt am Leben halten. Da sind Leute am Werk, die nicht nur quatschen, sondern machen.

An dein Buch „Leutzscher Legende“ hast du jetzt 19 neue, düstere Kapitel drangehängt, die keine Erfolgsgeschichte erzählen, sondern den Niedergang des FC Sachsen sezieren. Trägt diese erweiterte, aktualisierte Neuauflage den Titel Leutzscher Legende noch zurecht?

Fuge: Eine Legende stirbt bekanntlich nie. Also muss sie auch mal harte und dunkle Zeiten überstehen. Die aktuelle Entwicklung deutet darauf hin, dass die Leutzscher Legende lebt und sich behauptet, als würde sie sich gerade aus dem Staub erheben und schütteln. Allein deshalb denke ich, dass das Buch den Titel zurecht trägt.

„Das Schreiben hat mich irre gemacht“

Wie hat es sich angefühlt, die vordergründig leidvolle Nachwende-Chronik aufzuschreiben?

Fuge: Das war wirklich kein Spaß. Ich spürte Ärger und Wut, hatte jeden Tag schlechte Laune. Natürlich wusste ich, was über die Jahre passiert ist. Aber die konzentrierte Dosis, das Stöbern in alten Artikeln und Erinnerungen, das hat mich irre gemacht. Dennoch ist es nicht nur die Geschichte eines Untergangs, sondern zugleich die einer Selbstbehauptung. Mit den Diablos und der Ultrà-Bewegung hat sich über die Jahre eine ganz neue Fangeneration herausgebildet. Es war also nicht alles schlecht. Das ist alles, was es für ein großes Drama braucht – leider ist es eine wahre Geschichte und hat unseren Verein getroffen.

Wie würdest du die Nachwendezeit in drei Schlagworten umschreiben?

Fuge: Enttäuschte Hoffnungen, immer wiederkehrende Überheblichkeit und unfassbare Treue.

„Es gibt noch so viel zu erzählen“

So ähnlich lesen sich auch die Überschriften der Buchkapitel. Du warst über die Jahre immer wieder nah dran an den Entscheidern: als Journalist, Sponsor und Fan, in Präsidium, Aufsichtsrat und Vorstand. Inwiefern dient das Buch der Verarbeitung des von dir Erlebten?

Fuge: In der Neuauflage der Leutzscher Legende steckt natürlich auch persönliche Wertung drin. Ich erhebe gar nicht den Anspruch, völlig neutral zu sein. Wenn man mir das vorwirft, halte ich das aus. Die persönliche Aufarbeitung aber behalte ich mir für das nächste Buch, „Chemisches Element“, vor. Eigentlich dachte ich, es sei schon alles gesagt. Beim Schreiben habe ich aber gemerkt, dass es noch viel mehr Subjektives zu erzählen gibt, was nicht in den engen Rahmen einer Chronik passt. Also setze ich mich demnächst hin und lasse 35 Jahre Erlebtes in Leutzsch Revue passieren.

Zur Jahrtausendwende war der Ortsrivale aus Probstheida in der Viertklassigkeit versunken der FC Sachsen endlich die Nummer eins in Leipzig. Entsprechend optimistisch liest sich dein gleichnamiges Buch, das 2000 erschien. War damals die Welt noch in Ordnung?

Fuge: Ja, besonders in der Saison 1999/2000, die neben dem Regionalliga-Aufstieg 2003 das erfolgreichste in der Zeit seit der Wende war. Doch schon kurz drauf musste ich erkennen, dass dieses Zwischenhoch nicht von langer Dauer sein würde. Als Präsidiumsmitglied wurde mir nach und nach klar, wie die wichtigen Köpfe des Vereins alle ihren eigenen Weg gehen wollten – jedenfalls nicht gemeinsam mit dem damaligen Geldgeber, der Vermarkter Sportwelt von Michael Kölmel.

„Michael Kölmel schimpfte über ‚Geldvernichtung auf höchstem Niveau‘ und forderte Gerd Achterbergs Kopf“

Was ist schiefgelaufen?

Fuge: Präsident Thomas Till, Manager Gerd Achterberg und Schatzmeister Rainer Bähr haben Kölmel so nachhaltig verärgert, dass es zwangsläufig in der Insolvenz enden musste. Nach anderthalb Jahren waren die zwölf Millionen D-Mark alle, die eigentlich für vier Jahre bestimmt waren. Ich habe mich gewundert und nachgefragt, ob das mit Kölmel abgesprochen sei. Dann hieß es immer: ja ja, macht euch keine Sorgen. Dass das gelogen war, zeigte sich spätestens dann, als Kölmel zur Präsidiumssitzung auftauchte, über „Geldvernichtung auf höchstem Niveau“ schimpfte und Achterbergs Kopf forderte.

Für derart scharfe Worte ist der Cineast Kölmel, der im Stadion glatt als Feingeist durchgeht, nicht gerade bekannt.

Fuge: Wer ihn ein bisschen kennt, weiß, dass da sehr viel passieren muss. Er installierte dann seinen Vertrauten Georg Schäfer als Kontrolleur im Verein. Doch der wurde dann gemobbt. Als ich versuchte, ihm zuzuarbeiten, wurde ich öffentlich als Spitzel hingestellt. Das ist alles nicht lustig gewesen. Das kurze Hoch war teuer erkauft, indem man das Geld mit vollen Händen und unvernünftig ausgegeben hat. Sicherlich hatte Kölmel selbst finanzielle Probleme, weil die Aktie der Kinowelt in den Keller rauschte und die Sportwelt Pleite ging. Ich bin aber überzeugt, dass der Bruch mit Kölmel die Hauptursache für die Insolvenz des FC Sachsen im Sommer 2001 war.

Michael Kölmel trug also keine Schuld?

Fuge: In der ersten Phase seines finanziellen Engagements, zwischen 1999 und 2001, gab es keinen Grund, auf Kölmel sauer zu sein. Ihm ging es damals finanziell schlecht. Der Aktienkurse seiner Kinowelt war dramatisch abgesackt. Das hat auch sein Sportwelt-Modell zum Einsturz gebracht. Sicherlich war die Kohle alle, aber Kölmel hatte nach dem ganzen Ärger mit der Vereinsspitze einfach keine Lust mehr. Der FC Sachsen spielte damals in der selben Liga mit Union Berlin, denen Kölmel damals den Arsch gerettet hat. Er und der Verein sind noch heute Partner. Wo Union heute steht, muss ich niemandem erklären.

Aber Kölmel hat weiter beim FC Sachsen investiert, nachdem er seine Finanzen neu geordnet hatte.

Fuge: In der zweiten Phase, zwischen 2004 und 2008, muss sich Kölmel schon Vorwürfe gefallen lassen. Obwohl er damals Rolf Heller aus dem Präsidentenamt drängen und seinen Vertrauten Winfried Lonzen an der Spitze installieren konnte, hat er den Verein jedes Jahr aufs Neue hingehalten. Als er dann Geld gab, war es zu spät, um es vernünftig einzusetzen. So war eine seriöse Kader- und Saisonplanung überhaupt nicht möglich. Kölmel hat es also selber versaubeutelt. Am Ende stand erneut eine Insolvenz.

„Die SG Leutzsch ist der FC Sachsen in verkürzter und verschärfter Form“

Diese Pleite sollte nicht die letzte sein. Gerade hat die SG Sachsen Leipzig dem Leutzscher Fußball die dritte Insolvenz eingehandelt. Du schreibst, der Nachfolger des FC Sachsen sei grandios gescheitert am „Traum vom guten Fußball und vom besseren Leutzscher“. Wie meinst du das?

Fuge: Das Kapitel der SG Leutzsch, das sich nun dem Ende zuzuneigen scheint, ist eine grandiose Zusammenfassung von 20 Jahren FC Sachsen – in einer verkürzten und verschärften Form. Zwar spielt Geld diesmal eine untergeordnete Rolle, aber dafür umso mehr Eitelkeiten und der Hang zur Selbstdarstellung in Person von Jamal Engel. Er und seine Gefolgsleute haben gesagt: Wir zeigen mal, wie es richtig geht. Doch das war alles eine große Lüge.

Warum?

Fuge: Anders als versprochen, war nach anderthalb Jahren die Hälfte des vom FC Sachsen übernommenen Nachwuchses weg. Die Übernahme des Oberliga-Startplatz hat auch nicht geklappt. Stattdessen haben die SG Leutzsch und später die SG Sachsen Leipzig alles dafür getan, es der BSG Chemie so schwer wie möglich zu machen.

„Die Macher haben sich selbst überschätzt“

Die Entscheider kamen und gingen – und doch wurden seit der Wende immer wieder die selben Fehler gemacht. Wie ist das zu erklären?

Fuge: Ich habe das zweifelhafte Privileg genießen dürfen, dass ich fast alle Präsidenten und ihr Umfeld gut gekannt habe. Eines ist allen mehr oder weniger gemein gewesen. Von Volker Hecht über Thomas Till bis Christian Rocca haben sie sich fast alle selbst überschätzt. Aber man muss Abstufungen machen. Winfried Lonzen war eigentlich ein Pragmatiker, aber er hatte keine Mitstreiter. Lonzen war von Kölmel eingesetzt und musste nach dessen Pfeife tanzen. Der hatte in der zweiten Phase aber gar keinen Plan. Rolf Heller war auch ein anderer Typ, nämlich der Repräsentant, aber auch nicht der Macher, den es gebraucht hätte. Über Matthias Weiß und Lars Ziegenhorn, die mich ganz zum Schluss ins FC-Sachsen-Präsidium geholt haben, kann ich nichts Schlechtes sagen. Denen war diese Selbstdarstellerei fremd. Die haben echt gekämpft. Aber da war der Karren schon viel zu tief in den Dreck gefahren.

Wir feiern den 50. Jahrestag des Meistertitels. In Leipzig gibt es mit RB Leipzig längst eine ganz andere Nummer eins, und die feiern jetzt die Aufstiegsparty für die zweite Bundesliga. Was unterscheidet beide?

Fuge: Das ist eine philosophische Frage. Man kann es nicht vergleichen Das sind Welten, die nicht etwa aufeinandertreffen, sondern nebeneinanderher existieren. RB Leipzig ist ein Kunstprodukt, das mit viel Geld und Know-how gepusht wird und jetzt auf einen für Dietrich Mateschitz richtigen, erfolgreichen Pfad kommt. Da läuft alles glatt, es gibt keine Kanten, keine Ecken. Alles was stört, wird entfernt. Die Leute scheinen aber darauf zu stehen. Mir scheint, dass das inzwischen kultureller Mainstream in Deutschland ist: möglichst keine Fragen und keine Konflikte. Die BSG Chemie hingegen hat ihre Wurzeln und eine Geschichte voller Rückschläge, die sich eingebrannt haben. Ich hoffe, dass das Meisterjubiläum eine Initialzündung ist.

„Der 10. Mai ist ein wichtiges Datum, um nach vorne zu blicken“

Wohin kann das bestenfalls führen?

Fuge: Ich hoffe, dass dieser kleine Verein daraus seine Stärke schöpft und weiterwächst – gesund weiterwächst. Das ist ein Mitwachverein. Insofern ist der 10. Mai ein wichtiges Datum. Nicht der Nostalgie wegen, sondern um nach vorne zu blicken.

Am 10. Mai 1964 warst knapp ein halbes Jahr alt. Was war dein erster Berührungspunkt mit der BSG Chemie?

Fuge: Mein Großonkel Erich hat mich einfach einmal mitgenommen. Ich war damals elf Jahre alt. Es war das Ortsderby am 3. August 1975 im Zentralstadion, der Saisonauftakt in der DDR-Oberliga. Chemie war gerade aufgestiegen und dann ging es gleich vor 46.000 Zuschauern gegen Lok. Trotz 0:3-Rückstand brachte Bernd Trunzer Chemie noch mit zwei Toren heran und hatte kurz vor Schluss sogar die Ausgleichschance. Trunzer wohnte bei uns im Dunckerviertel, er war quasi mein Nachbar. Ich saß seitlich von den Chemie-Fans. Sie füllten zwei, drei Blöcke, die Lok-Fans hatten nur einen. Ich war begeistert. Die Massen, die gute Stimmung trotz Rückstand, die fast geglückte Aufholjagd – das werde ich nie vergessen.

Zur Person

Aufgewachsen im Leipziger Arbeiterviertel Lindenau, entdeckte Jens Fuge früh seine Leidenschaft für die BSG Chemie Leipzig, produzierte aufmüpfige Fanzines und machte nach der Wende Karriere als Journalist und Buchautor. Er ist Gründer der Agentur WestEnd und war dem FC Sachsen Leipzig seit 1990 in verschiedenen Funktionen verbunden.

Nach seinem letzten Einsatz im Vereinsvorstand in der Saison 2009/10 wandte sich Fuge resigniert vom Fußball ab, um auf dem Motorrad die Welt zu bereisen. Seine Geschichten, etwa vom „Höllenritt durch Arizona“, erzählt er in mehreren Büchern, die im eigens von Fuge gegründeten Verlag Backroad Diaries erschienen sind.




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