Wir müssen reden – über RB Leipzig
Freitag, 21. Februar 2014, 0:22 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 21. Februar 2014, 7:33 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, Kommerz- & Medienfußball, Medienschau, Vereinspolitik

RB Leipzig steigt auf und erhält problemlos die Zweitliga-Lizenz: Für 11FREUNDE-Chefredakteur Philipp Köster ist das kein Hurra-Szenario. Seine Streitschrift gegen den Leipziger Brauseklub und für eine andere Fußballkultur bereichert die Debatte – und bleibt nicht ohne Wirkung

Dicke weiße Buchstaben auf rotem Grund, kurze Wörter mit großem Eindruck, das ist eigentlich nicht der 11FREUNDE-Stil. „Der Große Red-Bull-Bluff“, titelt das erklärte „Magazin für Fußballkultur“ in Ausgabe #148, „Wie der Leipziger Retortenklub die Liga an der Nase herumführt“. Das ist populistisch. Das verkauft sich. Und das ist auch gut so.


Im Heftinneren arbeitet sich 11FREUNDE-Chefredakteur Philipp Köster unter der Überschrift „Rote Linie“ an der Red-Bull-Fußballunternehmung RasenBallsport Leipzig e. V. ab. Die Kernthesen: Kommerz ist für den Klub ein Selbstzweck, die Zweitliga-Lizenz und der Aufstieg im Sommer sind nicht in Gefahr, dafür aber umso mehr die in der allgemeinen Wahrnehmung zunehmend angestaubt erscheinenden Referenzpunkte klassischer Anhängerschaft, nämlich Tradition und Fankultur. Köster schreibt:

Schon ein flüchtiger Blick auf die Satzung von RB macht jedoch klar, dass in Leipzig nichts weniger gewünscht ist als ein aktives Vereinsleben. Der Rasenballsport e. V. ist eine einzige Farce. Der Ehrenrat: ein Trio aus alteingesessenen Red-Bull-Prokuristen aus Fuschl. Der Vorstand: ebenfalls ein Trio aus langjährigen Gefolgsleuten des Firmengründers Mateschitz. Der Verein: hatte früher sieben und inzwischen elf stimmberechtigte Mitglieder, alle sind mit Red Bull verbandelt. Der Mitgliedsbeitrag: 800 Euro pro Jahr plus 100 Euro Aufnahmegebühr.

Köster glaubt, dass Red Bull damit bei den Verbandsfunktionären ebenso durchkommen wird wie in der Zeit der Gründung 2009, als das Firmenlogo trotz anderslautender Vorgaben des Sächsischen Fußball-Verbands ungeniert ins Vereinsemblem übersetzt wurde. Der Klub hat unverrückbare Tatsachen geschaffen. Ein „veritabler Skandal“, meint Köster.

Andreas Rettig, der Präsident des Ligaverbands DFL, gibt sich kritischer als die sächsischen Kollegen. Ihm liegt, das zumindest bekräftigt er öffentlich, viel an der 50+1-Regel, wonach Investoren nicht die Stimmmehrheit in einem Verein halten dürfen. Das aber ist kaum mehr als ein „Agreement unter Gentlemen“, meint Köster mit Blick auf einflussreiche Financiers wie Bayer in Leverkusen, Volkwagen in Wolfsburg und Dietmar Hopp in Hoffenheim. Vor Gericht würde die DFL nicht durchkommen, das wisse man in der Verbandszentrale in Frankfurt ebenso wie in Leipzig. Dort feilen die RB-Macher aussichtsreich an einer zweitligareifen Satzung. Köster:

Am Ende wird, soviel ist heute schon klar, RB Leipzig an seinen Statuten so weit herumschrauben, dass am Ende die Lizenzerteilung für die zweite Bundesliga steht.

Die Verbindungen des Klubs in die Chefetagen der Verbände sind ohnehin bestens. Köster macht das an der Personalie des Ex-DFB-Managers und jetzigen RB-Geschäftsführers Ulrich Wolter („Gute Verbindungen sind nie abträglich“) fest, auch Franz Beckenbauer und Reiner Calmund sind prominente Fürsprecher – und, nach Erfolgsberichten lechzend, die lokalen Medien:

Manch ein Bericht der „Leipziger Volkszeitung“ oder des MDR wäre dem RB-Pressesprecher nicht schmeichelnder aus der Feder geflossen. Kein Wunder also, dass Dietrich Mateschitz der „LVZ“ auch prompt eines seiner seltenen Interviews gab, bei dem Redakteur Guido Schäfer feststellen durfte, dass die Fans den Klub immer besser annähmen, um dann buckelnd zu fragen: „Ist diese Resonanz eine Abstimmung mit den Füßen, die den Kritikern des Bundesliga-Projekts den Wind aus den Segeln nimmt?“ Gerne stimmte Mateschitz dieser Einschätzung zu.

Guido Schäfer (@schfer_g) sieht das anders – und beschwerte sich via Twitter über die ganze Geschichte bei Autor Köster, woraus ein launiger Schlagaustausch wurde:

Da streiten zwei, die sich zumindest inhaltlich nichts zu sagen haben. Mit seinen Argumenten wird Köster bei vielen nicht weit kommen. Weder bei Red-Bull-Fußballboss Ralf Rangnick noch bei Coach Alexander Zorniger, die sich offenbar „nicht dem verpflichtet fühlen“, „was den Fußball besonders macht, seiner Kultur“. Die Stadionatmosphäre in der Red-Bull-Arena sei „eine leidlich ausgefeilte Simulation von Fankultur“, kritisiert Köster. Ihm geht es um tatsächliche Leidenschaft, um „tiefe Passion“.

Diese Leidenschaft lässt 12 000 Frankfurt unter der Woche nach Bordeaux reisen und ebenso viele Gladbacher nach Rom. Sie lässt Fans schon Stunden vor dem Spiel vor den Stadiontoren ungeduldig auf Einlass warten. Und sie lässt Kiebitze bei Wind und Wetter zum Trainingsplatz pilgern, um den Ersatzkeeper bei Dehnübungen zuzuschauen. (…) Echte Fankultur ist eine Kultur, die von Teilhabe und Kreativität lebt, von Witz und Spontaneität, und bisweilen auch davon, dass Grenzen ausgetestet werden. Womit ziemlich genau das angerissen wäre, was der Klub nicht will. Aktive Fans, Ultrakultur, Mitbestimmung der Fans – all das kann gerne in Halle, Jena, Berlin stattfinden, nicht aber in Leipzig.

Der Klub stehe „für fusselfreies, cleanes Entertainment für die ganze Familie, planbar und überraschungsarm wie ein Museumsbesuch“. Einziger Vereinszweck sei es, „Emotionen konsequent zu kapitalisieren“. „Kalkül ersetzt hier konsequent Passion. Emotionen stehen hier im Dienste der Marke.“

Das sind ehrliche Sätze, zwischen Wut und Enttäuschung. Aufgeschrieben im wichtigsten Magazin des deutschen Fußballs, das nicht nur die Fans, die hoffnungslosen Sozialromantiker, lesen. 11FREUNDE ist die Pflichtlektüre für jeden, der im deutschen Fußball etwas auf sich hält. Etwa Sportredakteur Guido Schäfer, der die Streitschrift von Köster (spöttisch: „der Mann mit Deutungshoheit“) in der LVZ umfassend zitiert, um seinem Namen am Ende des Artikels betroffen ein „buckelnd“ hinzuzufügen. RB-Coach Alexander Zorniger, 11FREUNDE-Leser, muss am Erscheinungstag der Titelgeschichte auf einer Spieltags-Pressekonferenz bekennen: „Ich weiß vielleicht nicht, was diese Fußballkultur ist, aber ich weiß was Leidenschaft ist.“ Und der Rotebrauseblogger Matthias Kießling schimpft über das Zuviel an Kösters Meinung. Die 11FREUNDE-Redaktion hat, soviel ist bei diesen Reaktionen sicher, alles richtig gemacht.

Transparenzerklärung: Der Verfasser Bastian Pauly ist bereits selbst für 11FREUNDE als Autor tätig gewesen.




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9 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of BUFC
    Kommentar von
    21.02.2014 um 8:01
    1

    Der Finger gehört generell direkt in die Wunde. Genau das hat 11FREUNDE inklusive Direkt-Ansage per Titelblatt getan. Und genau DAS ist so furchtbar bitter für alle, welche sich mit RB ihre heile Fußballwelt gemixt haben. Wenn überhaupt eine kritische Auseinandersetzung erfolgt.
    Nehmen wir ein feines Stück Schinken: äußerlich gut anzusehen, selbst der Geschmack überzeugt aufgrund allerlei geheimnisvoller Zutaten. Bis sich eines Tages heraus stellt, auf welche Art und Weise dieses „gute“ Stück hergestellt wurde, welche Substanzen für den „guten“ Geschmack verantwortlich sind. Da wird es im Ergebnis die „konsumierende Klasse“ geben, welche meint: „Egal was dahinter steckt – Hauptsache es schmeckt mir“. Und andere die dieses Produkt ablehnen und damit in der Lage sind sich selbst zu reflektieren und zu korrigieren.
    Der Vergleich mag etwas zäh sein … aber so in etwa empfinde ich den Umgang mit diesem unsäglichem Produkt aus Österreich. Was da zufällig in Leipzig gelandet ist. 


  1. Gravatar of rotebrauseblogger
    Kommentar von
    21.02.2014 um 8:23
    2

    Ich schimpfe definitiv nicht über ein zu viel an Meinung. Ich finde einfach einen Artikel (als Topthema!) ziemlich dünn, der im Detail nicht sonderlich gut recherchiert und letztlich auf eine überschaubar begründete Meinung reduzierbar ist (überschaubar, weil sie sich dem absurden Geschäft verschreibt, definieren zu wollen, was Fankultur sein darf und was nicht). Die 11Freunde haben selbst vor ziemlich genau zwei Jahren vorgemacht, wie man einen meinungsbasierten Artikel gegen RB mit gut recherchierten Fakten und zumindest diskutierbaren (wenn auch aus meiner Sicht falschen) Thesen füllen kann. Das hatte Wert. Das Köstersche ‚Ich definiere Fankultur‘ ist dagegen brotlos und anmaßend. Konsequent wäre es gewesen, die 11Freunde hätten es beim Titelbild belassen. Hätte inhaltlich nicht viel Unterschied gemacht und wäre dann als hübscher Gag durchgegangen.
     
    Und Stichwort Reaktionen und alles richtig gemacht: Wenn das Überspringen einer bestimmten Aufmerksamkeitsschwelle (ich beschäftige mich drüben bei mir übrigens mit jedem Medienartikel rund um RB Leipzig und mit Meinungsartikeln im Normalfall auch ausführlicher) tatsächlich Kernaufgabe eines solchen Artikels ist, dann macht die BILD jeden Tag alles richtig. Wenn das der Anspruch der 11Freunde ist, dann gut. Bisher dachte ich immer, sie verstünden sich als Fußballmagazin, das mit dieser pur auf Populismus abzielenden Methodik nicht viel anfangen kann.


  1. Gravatar of Helge
    Kommentar von
    Helge
    21.02.2014 um 10:28
    3

    Was ist der Sinn dieses Blogbeitrages? Aus meiner Sicht wurde nur der 11Freunde-Artikel zusammengefasst, mit Zitaten versehen und die Twitter-Diskusion veröffentlicht. Sollte hier alles mal zusammen auf einer Seite stehen? Oder willst Du einfach nur mit dem Streitthema RB weiterhin Beachtung für Deinen Blog erhaschen? Deine Arbeit bzw. Beitrag fehlt mir.


  1. Gravatar of Presse 21.02.2014 | RB Leipzig News – rotebrauseblogger
    4

    [...] [chemieblogger] Wir müssen reden – über RB Leipzig: http://www.chemieblogger.de/20.....p-koester/ […]


  1. Gravatar of Milliwall
    Kommentar von
    Milliwall
    21.02.2014 um 12:30
    5

    Red Bull waere mir eigentlich egal.
    Aber:
    Die LVZ als MONOPOLblatt hat ihre staatlich subventionierte Rolle missbraucht und neben Luegen ueber Chemie auch Hetze gegen Chemie betrieben.
    Der Polizeieinsatz in Zwenkau war unverhaeltnismaessig und ist in Abstimmung zwischen dem Sicherheitschef von Red Bull und seinen vorhandenen Beziehungen zu ehemaligen Volkspolizisten im BRD-Staatsdienst erfolgt.
    Arbeiten bei Red Bull In Salzburg ehemalige Aerzte von der Sportabteilung Dynamo Berlin, die in Verbindung mit der Dopingpraxis der DDR stehen.
    Sportverbaende wurden systematisch von Red Bull benutzt, um die Vormachtstellung auszubauen. Eine Institution, die ueber eine eigene Strafgerichtsbarkeit verfuegt, darf keine finanzielle Abhaengigkeiten entwickeln, wie es der SFV getan hat. Da man sich mit der Sportschule Abtnaundorf uebernommen hat, ist mit Red Bull ein finanziell potenter Untermieter eingesprungen. Viele Unrechtsurteile gegen die BSG Chemie Leipzig wurden gefaellt, leider nicht um zu strafen, sondern und einen Sportverein zu schaden.
    Die sich tolerant gebende Kommune hat im Stadtrat eine linke Mehrheit. Selbst diese wurde genutzt, um den Verein SG Sachsen Leipzig mit seinem homophoben und teilweise rechtsradikalen Umfeld zu bevorzugen, damit der BSG Chemie hoehere Huerden in den Weg gestellt werden koennen. Solch Querfront aus SPD, Linke und Neonazis gab es zuletzt aus Schiffen mit Hilfsguetren fuer die Palaestinenser vor dem Gazastreifen, wo Bundestagsabgeordnete der Linkspartei keinerlei Probeleme mit tuerkischen Faschisten hatten.
    Die Fankultur von Red Bull widerspiegelt mit Gesaengen wie „Wir sind Leipziger Jungs!….“ die Regression im Fussballfanleben Leipzigs, kein Wunder, dass bei den BULLENwahn sich Maenner besonders angesprochen fuehlen. Die wohltuenede Atmosphaere bei der BSG Chemie Leipzig wird eigentlich nur von staatlicher Kriminalitaet gestoert.
     
    Lang lebe Chemie!
     


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    21.02.2014 um 14:17
    6

    @rotebrauseblogger: Mediale Aufmerksamkeit für diese Sache ist was Schönes. Ich bin froh über jeden, der sich über Red Bull den Kopf zerbricht und zu einem kritischen Urteil kommt. Denn nach meiner Wahrnehmung überwiegt die Gleichgültigkeit – leider.

    @Helge: Ich war sehr überrascht, welchen Weg die Diskussion bei Twitter am Erscheinungstag genommen hat. Mir ging was durch den Kopf, das ich nicht greifen konnte, aber @spielbeobachter hat das dann ganz gut auf den Punkt gebracht:

    Das Zitat fehlt im Beitrag, deshalb kommt es jetzt.

    Was einen Fußballverein und Fankultur ausmacht, das ist verhandelbar. Ich kann mich ganz gut wiederfinden in dem, was Köster schreibt. Nicht mehr, nicht weniger.


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    22.02.2014 um 15:16
    7

    Mateschitz und seine ausführendes Personal sind nicht gerade dafür bekannt, subtile Kritik wahrzunehmen. Aus den Gesprächen mit den Gründern von Austria Salzburg habe ich mitgenommen: Sie bereuen noch heute, nicht noch energischer gegen den RB-Einstieg vorgegangen zu sein und viel zu lange mit Mateschitz verhandelt zu haben. RB und Mateschitz brauchen es mit der ganz großen Kelle. 


  1. Gravatar of Sven
    Kommentar von
    Sven
    23.02.2014 um 16:13
    8

    Was immer wieder untergeht im Definitionskampf um wahres Fan-Dasein ist der Fußball. Aber das wundert mich nicht wirklich, wenn man z.B. auch Chemie betrachtet. Dessen offizielle Attitüde (politisch und so) ist mir sehr sympathisch. Wenn ich aber die Geschehnisse z.B. rund ums Chemnitz-Spiel betrachte, wo mal wieder Groundhopper abgezogen wurden und/oder Chemie-Fanartikel kaufen MUSSTEN, dann wird die ganze Diskussion doch ziemlich absurd. Nein, sie wird pervers.


  1. Gravatar of Fussball Kurios
    Kommentar von
    21.04.2014 um 10:05
    9

    Interessanter Tweet von Schäfer, den hab ich verpasst. Der Herr scheint ja fast ein wenig angefressen, aber warum? Muss man das denn sein als Sportjournalist? Oder muss man den Rasenballsport Leipzig e.V. denn verteidigen, als Sportjournalist? Oder nur als Leipziger Sportjournalist. Versteh ich irgendwie nicht so ganz.
    Kann das MDR aber auch:
    https://twitter.com/DirkHofmeister




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