Willkommen in der Provinz
Montag, 21. Oktober 2013, 21:49 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 22. Oktober 2013, 1:01 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, BSG Chemie Leipzig, Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus

In der Bezirksliga sportlich ungeschlagen, werden der BSG Chemie Leipzig die Gegner abseits des Platzes zur größten Herausforderung. Nach zwei Absagen ist nun ein drittes Spiel abgebrochen worden

Sie wollen nur spielen, aber man lässt sie nicht. Die mit dem Fünfeck auf der Brust, Alfred Kunze im Kopf, die Leutzscher Legende im Herzen. Wer für die BSG Chemie Leipzig aufläuft, hat die Heldensaga im Ohr, als 1964 die Falschen DDR-Meister wurden. Das war vom System nicht vorgesehen, das verhalf dem „Rest von Leipzig“ zu Glaubwürdigkeit auf der Straße. Im 50. Jahr danach klingen die Konkurrenten nicht mehr nach Arbeiter-und-Bauern-Maloche, führen die Auswärtsreisen nicht einmal mehr über die einstigen DDR-Bezirksgrenzen. Empor Rostock heißt jetzt Bornaer SV 91 und aus dem SC Karl-Marx-Stadt wurde ATSV Frisch Auf Wurzen.

Die DDR hat sich abgeschafft, doch die Chemiker sind ein Fremdkörper geblieben. Von acht in der Bezirksliga Leipzig angesetzten Spielen haben die Leutzscher bisher nur fünf ausgetragen. Die Fahrt nach Bad Lausick: mangels ordnender Kräfte abgesagt. Das Derby gegen die Zweite des 1. FC Lok: zunichte gemacht mit Unkrautgift auf dem Rasen des Alfred-Kunze-Sportparks, eingeätzt in Form eines Hakenkreuzes, ein überdimensionales Bekennerschreiben. Ein geistiger Bruder, ein NPD-Parteigänger mit Stadtratsmandat, hütet für Frisch Auf Wurzen üblicherweise Tradition und Tor. Den Alfred-Kunze-Sportpark hat er am vergangenen Wochenende lieber gemieden.

An einem „Nazischwein“ soll es dennoch gelegen haben, weshalb in diesem Spiel abermals keine Punkte zu vergeben waren. Die Wurzener verließen den Platz, als sie aus dem grün-weißen Block „massive Anfeindungen und Beschimpfungen“ vernommen haben wollen. Nun muss man nicht aufs Grundgesetz schwören, um beim Stand von 0:2 und angesichts des dritten Elfmeters gegen das eigene Team einen Spielabbruch zu provozieren. Das ist sicher eine böse Unterstellung. Vielleicht aber hat die sächsische Provinz, sei es im Fußball oder in der Politik, auch einfach nur ihre eigenen Spielregeln.




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2 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Sündenbock
    Kommentar von
    Sündenbock
    21.10.2013 um 22:34
    1

    Sowas von treffend.


  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    22.10.2013 um 14:21
    2

    Danke für den Artikel!
    Was in den letzten Wochen passiert ist, zeigt wohl auch, worauf man sich in Zukunft (weiterhin) einstellen muss. Die Polizei scheint sich in Liga 7 sicher genug zu fühlen, zur hemmungslosen Kriminalisierung aller Chemiefans überzugehen bzw. dies zu verstärken, ganz klar mit Kalkül (und mit Erfolg). Und nun verfolgt Wurzen die Strategie, die schlechte Presse von Chemie für sein sportliches Fortkommen zu nutzen. Schon dass gegen beide Vereine ermittelt wird (selbst wenn es nur eine Formalie ist), ist ein klares Zeichen und  ich will mir die Diskussionen im SFV dazu gar nicht ausmalen. Ich glaube allerdings gar nicht, dass es explizit an der sächsischen Provinz liegt, es liegt an DER Provinz, und die ist sehr groß und wächst in Deutschland von Tag zu Tag.
    Nur noch Chemie




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