Auf ein Helles im „Martinique“
Donnerstag, 26. September 2013, 22:06 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 27. September 2013, 12:25 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene

Wir stehen im Blickfeld. Gefühlte zwei Augenblicke schon. Viel zu lange. Der Wirt gibt sich nordisch-unterkühlt bei der Begrüßung: hinsetzen, die in der Raucherecke sehen nichts. So viel Preußentum hätten wir nicht erwartet. Nicht hier im „Martinique“, deren Internetseite uns bayerische Gemütlichkeit versprochen hat. In der Kneipe am Berliner Kreuzberg sollen ausnahmslos alle Spiele des FC Bayern über XXL-Leinwände flimmern.

Das können die Bayern

Noch zehn Minuten bis zum Spielbeginn. Bayern gegen Hannover 96, DFB-Pokal. Der Journalistenkollege, den ich in seiner Eigenschaft als 96er inmitten dieser blau-weißen Diaspora nicht sich selbst überlassen wollte, weiß, wie man sich als Niedersachse zu geben hat. Ja doch, wir suchen ja einen Platz, die Antwort ist in der Satzlänge überschaubar und im Tonfall unmissverständlich. In Berlin braucht es norddeutsche Verbindlichkeit, um einem Bayern-Wirt das Herz zu öffnen. Wir werden platziert, ein Raum war noch frei. Vom Fass wird uns Helles serviert, einem Sachsen bekommt das naturgemäß nicht so gut, doch ich bleibe standhaft. Die Bayern können’s halt, das Bierbrauen.

Lahm, Robben und Atze Boa

Und Fußball spielen. Da macht man sich selbst als 96er keine Illusionen. Vier Tore Unterschied für die Bayern, tippen mein Kollege und ich einhellig. Ein Helles nach dem anderen fließt die Kehle hinab. Der Pegel nimmt proportional zur Spielzeit zu. Es gibt nichts zu feiern, zumindest für uns nicht, nach einer halben Stunde führen die Bayern 2:0. Lahm, Robben und Atze Boa, so steht es auf den Trikots der Stehplatz-Inhaber vor uns, jubeln. Modisch gewagt, der eine trägt das Haar fettig, der andere ein Basecap, mit dem Schirm nach hinten, versteht sich.

Bei Spezi, Sprite und selbstgedrehten Zigaretten

Fehlende Textkenntnis ist den rot uniformierten Jungs nicht vorzuwerfen. Ob’s für die Aufnahme in die Schickeria reicht, frage ich mich. Überhaupt, wo sind die schlagkräftigen Ultrà-Trupps, wenn man sie mal braucht. Während ich laut darüber nachdenke, gibt einer der Trikotträger den Stadionsprecher. An der Seite jubeln zwei beleibte Fanfrauen, in der Ecke hält sich ein junges Pärchen zurück und 90 Minuten lang an je einem Getränk fest. Spezi, Sprite und selbstgedrehte Zigaretten. Fansein hat eben auch was mit Demut zu tun.

Dann darf Kirchhoff ran

Oder mit Zynismus. Der ergreift meinen Kollegen, als Franck Ribéry ins Spiel kommt. Wir wissen: 96 liegt nur 1:2 zurück, jetzt aber ist das Spiel verloren. Mein Begleiter beklagt, dass sich an der Seitenlinie keine 15-Jährige auftreiben lässt, die den weltbesten Fußballer Europas aufhalten kann. Ribéry kommt. Tor. Mein Kollege tippt da gerade auf dem Handy. Wieder ein Tor, jetzt, nach dem 4:1, darf Kirchhoff ran. Mein Nachbar, Kicker-Sonderheft-sicher, nennt ihn Paul, ich entgegne, das war der Professor aus Heidelberg. Wir sind uns einig: Jan-Paul Kirchhof(f) hat beim FC Bayern genauso nichts zu suchen wie wir in dieser Kneipe. Ehe wir ausgetrunken haben, ist der Lahm-Robben-Atze-Boa-Mob längst zu Hause. Als Bayern-Fan muss man mit seinen Feierkräften schließlich haushalten.




«
»




1 Kommentar bisher
Hinterlasse deinen Kommentar!

  1. Gravatar of #Link11: Immer vorne mit dabei | Fokus Fussball
    1

    [...] Pokal. Der Textilvergehen-Podcast über den DFB-Pokal-Auftritt in Osnabrück. +++ Ein Helles: Der Chemieblogger hat sich den Bayern-Auftritt gegen Hannover in einer Kneipe angetan. +++ Platzsperre: Das [...]




Einen Kommentar hinterlassen