Babelsberg, Lok-Nazis und der Ballermann
Donnerstag, 22. August 2013, 22:34 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 22. August 2013, 22:40 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau, Vereinspolitik

Den Problemfans des 1. FC Lok Leipzig war die Reise nach Potsdam-Babelsberg eine dankbare Angelegenheit. Im Verein ist man sich des Problems mehr bewusst denn je. In der Ferne staunt der Badeurlauber

Als sich Probstheida mitsamt fragwürdigem Gefolge in Babelsberg umtut, liege ich auf Mallorca (wohl gewollt) am Ballermann (ein Versehen) am Strand und träufle mir kühles Dosenbier ein. Regionalliga-Auftakt, 3. August, Babelsberg 03 siegt 1:0 gegen den 1. FC Lok Leipzig, das Ergebnis war nebensächlich. Was auf den Rängen abgegangen ist, erfahre ich – den geneigten Nutzer dieses Internets mag das belustigen – zwei Tage später aus der Zeitung. (Wenngleich nicht auf gewesenem Holz, sondern dem Tablet.) Die Lektüre hat mich schnell aus dem unfreiwilligen Ballermann-Dasein gerissen. Lok, Nazis, Medienreaktionen, das geht einfach immer.

Die Protagonisten: Autoren der Märkischen Allgemeinen (MAZ), meines durchweg Babelsberg-affinen Arbeitgebers, und der Leipziger Volkszeitung (LVZ), deren Fußballwelt um einiges bunter ist. Beide Blätter erscheinen im Madsack-Verlag, aber wenn es um Fußball geht, hört jede Freundschaft auf. Am Montag nach dem schrieb LVZ-Sportredakteur Steffen Enigk im letzten Textdrittel:

Getrübt wurde die Partie durch Fan-Ausschreitungen. Zunächst flogen Hass-Gesänge und Polit-Parolen zwischen den unzureiechend getrennten Blöcken (Pufferzone nur rund 20 Meter) hin und her, später dann auch Wurfgeschosse. Die Babelsberger, unter ihnen BFC-Hooligans, begannen damit, schmissen Wasserflaschen, katapultierten Urin-Beutel und Stahlkrampen in Richtung der rund 800 Leipziger, von denne laut Lok-Präsident Heiko Spauke einige verletzt wurden. Darauf überkletterten drei Lok-Anhänger den Sperrzaun und stürmten wie zwei Babelsberg-Fans aufs Feld.

Befis, die vom BFC Dynamo, Faust an Faust mit Nulldreiern? Meine Fußball-Politik-Welt gerät durcheinander, ich lese immer nur „Polit-Parolen“. Jens Trommer, bei der MAZ ist Nulldrei Sportchefsache, muss aufklären:

Bevor am Samstag das Fußballspiel zwischen Babelsberg 03 und Lok Leipzig angepfiffen wurde, hatten Randalierer aus der Messestadt bereits für Ärger gesorgt. Laut Polizeibericht durchbrachen 50 Fans die Absperrungen und gelangten ohne Kontrollen ins Karl-Liebknecht-Stadion. Zehn Minuten vor dem Anpfiff überwanden zahlreiche Chaoten die ungesicherte Pufferzone zwischen dem Block der Leipziger und den Babelsberg-Fans in der Nordkurve. Es kam zu Handgreiflichkeiten, Gegenstände flogen (…)

Die Stimmung schaukelte sich hoch. Im Leipziger Block brüllten sie: „Wir sind die Krieger, wir sind die Fans, Lokomotive – Hooligans.“ Die Babelsberger riefen immer wieder: „Nazis raus.“ (…)

Die Nordkurve hob ein Spruchband hoch: „Raus aus der Sonne, ihr seid braun genug.“

So weit zu den Polit-Parolen, von denen die Antifa bei den Blau-Gelben noch ganz andere ausgemacht hat (das U-Bahn-Lied, „Arbeit macht frei – Babelsberg 03″, „NSU, NSU“, „Zick, Zack, Zigeunerpack“, „Beate Zschäpe, werd meine Frau“). Tags darauf legt die MAZ nach:

Auf der RÜckreise der Lok-Anhänger eskalierte die Lage erneut. Randalierende Fans hielten Personal und Fahrgäste im Regionalexpress 7 sowie später Angestellte und Gäste des Cafés im Bahnhof am Park Wiesenburg/Mark in Atem. Sie randalierten in der Banhofskneipe, belästigten Mitreisende, (Achtung! Anm. bp) auch sollen sich einige entblößt haben.

Ein Detail nach dem anderen wird öffentlich, manches bietet Stoff für Realsatire. Am Mittwoch schreibt LVZ-Redakteur Norbert Töpfer:

(Lok Anhänger ließen) bei einem Polizeiwagen am Bahnhof Wiesenburg die Luft aus den Reifen, wo sie aufgrund des Halts der Regionalbahn (Blitzeinschlag) lange standen. Die zwei Ordnungshüter indes ergriffen aus Angst vor den zirka 50 Randalierern die Flucht. Die laut Augenzeugen angetrunkenen Fans hatten das Bahnhofscafé „Flämingperle“ gestürmt, sich dort selbst bedient, Möbelstücke beschädigt, sich vor Frauen entblößt und sie sollen auch nazistische Parolen gegrölt haben.

Töpfer zitiert Lok-Vorstand Heiko Spauke, der offenkundig unter die Rechercheure gegangen ist und in Erfahrung gebracht hat, wer die eigenen unliebsamen Fans unterstützt hat:

Er hat von Insidern gehört, dass Fans von Hansa Rostock, Stahl Brandenburg und des BFC Dynamo an den Ausschreitungen beteiligt waren (…)

Über Plakate, in denen Lok als „braun genug“ bezeichnet wird, will sich Spauke beschweren.

Was daraus geworden ist, bleibt offen. Sechs Tage nach dem Spiel sendet der 1. FC Lok eine ungewöhnliche Pressemitteilung, seitenfüllend. Es ist die Rede von „rechtsradikalen Fans“ und „Missbrauch“, möglichen Mitgliederausschlüssen, der Forderung nach bundesweiten Stadionverboten:

Zudem wurde „Scenario Lok“ im diesjährigen Sächsischen Verfassungsschutzbericht als rechtsextreme Vereinigung eingestuft. Aus den vorgenannten Gründen wird „Scenario Lok“ mit sofortiger Wirkung ein bis auf weiteres geltendes Erscheinungs- und Auftrittsverbot sowohl für die Heimspiele als auch für die Auswärtsspiele des 1. FC Lok ausgesprochen. Das betrifft Fahnen und Banner jeglicher Art sowie Erkennungssymbole der Gruppierung.

Was alles so passieren kann, wenn man mal nicht aufpasst und sich auf Mallorca verdingt. Vorgestern hat hat das Sportgericht des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) geurteilt: 2500 Euro Geldstrafe für Lok. Geradezu lächerlich, bei der beeindruckenden Fankultur-Vita und angesichts drakonischer Strafen etwa für Dynamo Dresden, Stichwort Ausschluss aus dem DFB-Pokal.

Aber: Der 1. FC Lok hat sich entschieden vom chronischen Lavieren der Ära unter dem Vorsitz Steffen Kubalds losgesagt. Das NOFV-Urteil muss man vor diesem Hintergrund lesen. Von Leipzig ist es ja gar nicht so weit bis nach Dresden. Man muss also kaum lange überlegen, warum LVZ-Autor Steffen Enigk das Urteil als „letzten Warnschuss“ wertet.




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  1. Gravatar of Lok-Nazis ohne Freifahrtsschein | chemieblogger.de – Das Blog rund um die BSG Chemie Leipzig
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    […] Wende kam mit einem Auswärtsspiel bei Babelsberg 03. Gut ein Jahr ist es her, dass sich die Lok-Problemfans einmal mehr schlagzeilenträchtig daneben benahmen. Präsident Heiko Spauke schimpfte im Nachgang über „rechtsradikale Fans“, drohte mit […]




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