Red Bull und der erbärmliche Rest von Leipzig

Vor vier Jahren startete das RasenBallsport-Projekt am Elsterflutbecken – in Fußball-Leipzig aber hat sich im Grunde nichts geändert

Karfreitag in Leutzsch, Zeitpunkt und Ort für die ganz großen Gedanken. Wie steht’s um den Leipziger Fußball? Das wollen die OstDerby-Initiatoren Michael Kummer und Fedor Freytag, zwei Rot-Weiße aus Erfurt, wissen.

Matthias Kießling, der Rotebrauseblogger, und ich sollen uns ein Streitgespräch liefern: zu Red Bull in Leipzig und dem verkümmerten Rest in Leutzsch und Probstheida. Das ist verdammt schwierig. Nullachtfuffzehn-Argumente ziehen nicht, aber das ist hier nur eine Randnotiz, das Ergebnis wird in der kommenden OstDerby-Ausgabe zu lesen sein.

Die Fundamentalkritik greift zu kurz

Ich sitze unvorbereitet am Wohnzimmertisch bei Kaffee und Kuchen. Die ganz großen Gedanken kommen schon von alleine, habe ich mir vorher gedacht. Ich führe mir immer wieder vor Augen: RasenBallsport Leipzig ist die äußerste Konsequenz der Profifußball-Logik, darin unterscheiden sich Sport und Markt nicht, es geht stets um erfolgreichen Wettbewerb. Die Fundamentalkritik, mit der sich viele Traditionsbewahrer aus dem Lager der Ultras bis hin zu BVB-Boss Hans-Joachim Watzke dem Leipziger Red-Bull-Projekt entgegenstellen, greift fast immer zu kurz.

Kühlen Köpfen wie Matthias Kießling ist das eine Steilvorlage: Er seziert die Kritik genüsslich und findet gute Gegenargumente. Trotz noch immer ausbleibenden Erfolgs wächst der Fanzuspruch beständig. Red Bull wird kein zweites Hoffenheim, weil sich Leipzig so sehr nach der Bundesliga sehnt wie Mäzen Dietmar Hopp nach Anerkennung. Anderswo, in Wolfsburg etwa, muss sich der Fußballclub ebenfalls nicht selbst refinanzieren, sondern kann auf potente externe Geldgeber setzen. Und gerät einer der sagenumwobenen Traditionsvereine in finanzielle Nöte, greift die öffentliche Hand schon mal in die Staatskasse.

Ein Argument aber, das die Red-Bull-Befürworter gerne anführen, hat sich bisher noch nicht bewahrheitet: Die übrigen Leipziger Vereine, heißt es immer, müssten nicht um ihre Existenz fürchten, für deren Sponsoren sei RB Leipzig keine Konkurrenz. Stattdessen könnten Leutzsch und Probstheida im Windschatten durchstarten und etwa von der umfassenden Nachwuchsarbeit profitieren.

Geldnöte und Grabenkämpfe

Und? Im Jahr vier nach dem Red-Bull-Einstieg droht dem viertklassigen Probstheida die dritte Insolvenz, Hunderttausende Euro fehlen trotz nach wie vor großen Potenzials und Engangements der Fans. Im sechstklassigen Leutzsch streiten sich zwei Vereine um das Erbe von Alfred Kunze und den gleichnamigen Sportpark, um die Betriebskostenabrechnung und die richtige Idee. Dem Modell des basisdemokratischen, „geilen Stadtteilvereins“ der BSG Chemie steht die SG Leipzig-Leutzsch mit ihrem Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Club gegenüber, der es in naher Zukunft seinem Vorbild, dem FC Sachsen Leipzig, gleichtun könnte: Die erklärte einstige „Hoffnung Mitteldeutschlands“ verschwand nach dem zweiten Insolvenzverfahren 2011 aus dem Vereinsregister.

So nachvollziehbar die Probleme und Streitigkeiten im Detail sein mögen, in der Außenperspektive gibt Fußball-Leipzig ein erbärmliches Bild ab, darin hat sich seit der politischen und der Red-Bull-Wende also überhaupt nichts geändert. Das ist ein gar nicht so ganz großer Gedanke, den ich ohne das dreistündige Streitgespräch niemals so klar hätte fassen können.