Kein Erfolg macht auch bloß nicht sexy
Montag, 28. Januar 2013, 19:25 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 29. Januar 2013, 0:02 Uhr
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Sportlich im Mittelmaß versunken, knüpfen BSG Chemie und SG Leipzig-Leutzsch erste zarte Bande. Öffentlich werben die Vorstände auf beiden Seiten für einen starken grün-weißen Verein. Dafür müssen sie jedoch nicht nur sich selbst überzeugen

Fußball ist eine äußerst simple Angelegenheit. Da ist die Idee: mit Bauch, Bein oder Po das Leder nach vorne treiben, Gegenspieler übersprinten, Spielsysteme sprengen, das Runde ins Eckige befördern, Fans in Ekstase versetzen. Was zählt, sind Tore und Erfolg, das sind die Zutaten, die aus Kicker-Kämpfern Legenden machen, die Geschichten wie jene aus Leutzsch anno 1963/64 erzählen.

Vereinschefs auf Diplomaten-Mission

Das war einmal, dessen wird man sich im Jahre 49 nach Alfred Kunzes Meisterstreich im zweigeteilten Fußball-Leutzsch im grauen Sechstliga-Alltag zusehends deutlicher bewusst. Sportlichem Erfolg ist die grün-weiße Zwietracht von BSG Chemie und SG-Leipzig-Leutzsch abträglich, befinden die Macher hier wie da. Im Interview mit der Leipziger Volkszeitung proben Jamal Engel, 42, Sprachrohr der SG Leipzig-Leutzsch, und das BSG-Chemie-Duo aus Vorstandschef Frank Kühne, 53, und Schatzmeister Siegfried Klose, 58, die Verbrüderung. Das bilaterale Verhältnis? „Keinerlei Probleme“, sagt Chemie-Chef Kühne, „gut bis sehr gut“, sekundiert Klose. „Das kann ich nur bestätigen“, meint Engel.

Die drei Diplomaten stecken das Terrain ab. Was steht einer Leutzscher Einigung im Weg? Sicher, da ist zuallererst der Zwist zwischen beiden Fanlagern, den Frank Kühne bemerkenswert lässig beiseite wischt: In den vergangenen Jahren sei „in Chemie ‚links‘ und die SG ‚rechts‘ hineininterpretiert“ worden. So falsch ist das nicht. Gleichwohl gab es für besagte Interpretationen stichhaltige Beweise, einerseits. Andererseits will sich nicht jeder, der gerne darauf verzichtet, neben einem Neonazi in der Kurve zu stehen, das Etikett „links“ anheften.

Eine große Familie wie Union Berlin

Der Blick richtet sich nach vorn. Die Vorstände haben eine Vision: den wiedervereinigten Leutzscher Fußball. Siegfried Klose will einen „Weg wie Union Berlin“ beschreiten. „Unsere Philosophie ist, wie eine große Familie zu sein.“ Sonst wird’s nix, weder sportlich noch finanziell. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich beide Vereine derart offensiv um die Leutzscher Eintracht bemühen.

Die Hürden sind hoch, wie dieser verbale Schlagabtausch andeutet:

Jamal Engel: Das Zusammengehen mit Chemie muss ein Prozess sein, um den Prozess der auseinander driftenden Fans umzukehren. Dass es zu der Fantrennung kam, lag an Fehlentwicklungen beim FC Sachsen, ich konnte die Fans teilweise sogar verstehen.

Frank Kühne: Du musst mir mal erklären, warum man nicht einfach die BSG Chemie, die ja längst gegründet war, hätte als Nachfolger nehmen können? Selbst die Nachwuchssicherung ist unter der SGL ja kaum gelungen.

Jamal Engel: Ich kann bei euch auch das Haar in der Suppe suchen. Am Anfang konnte man sich bei Chemie mit keinem zusammensetzen, die waren trotzig. Der Tenor im Verein klang nicht nach Gemeinsamkeit.

Nun müssen die Macher bei den Fans für ihre hehre Mission werben. Frank Kühne kann sich schon im Sommer einen gemeinsamen Verein mit Landesliga-Startrecht und Aufstiegsambitionen vorstellen. „Es bedarf aber vieler Gespräche“, sagt Kühne. „Einzelne wird es immer geben, die man nicht erreicht.“ Für die wird beim künftigen Leutzscher Einheitsverein zumindest kein Platz mehr sein.





Profi-Fußballer trotzen Rassismus und Homophobie
Samstag, 5. Januar 2013, 14:35 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Sonntag, 6. Januar 2013, 0:24 Uhr
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Die ersten Januartage gelten gemeinhin als nachrichtenarme Zeit, besonders im Fußball. Ausgerechnet jetzt sind zwei Geschichten in den Schlagzeilen, die nichts mit Wintertransfers oder der Rückrundenvorbereitung zu tun haben und keinesfalls originäre Fußball-Themen sind: Kevin-Prince Boateng, 25, vom AC Mailand wehrt sich gegen rassistische Fans und zwei aktive Profi-Fußballer outen sich offenbar als schwul – und das in Russland

Kevin-Prince Boateng nimmt den Ball an, dreht sich um die eigene Achse, dribbelt – und bricht plötzlich ab. Er greift sich das Leder und drischt es auf die Tribüne. Dass Schiedsrichter und Gegenspieler auf ihn einreden, ist ihm egal. Der Mittelfeldspieler des AC Mailand, frustriert von den permanenten rassistischen Sprechchören von der Tribüne, zieht sich das Trikot aus verlässt mit seinen Mitspielern das Spielfeld. Es sind Szenen aus einem Testspiel zwischen Pro Patria und Milan, die eine kontroverse Debatte entfacht haben. Boateng hat nun nachgelegt: Er kann sich vorstellen, Italien zu verlassen. Sein Verhalten stößt prompt auf Kritik, etwa bei Clarence Seedorf.

Boateng macht alles richtig

Dabei macht Boateng, einst bekannt für Eskapaden abseits des Spielfelds, alles richtig. Die italienische wie deutsche Öffentlichkeit diskutiert sein Verhalten – und muss zwangsläufig die Hintergründe reflektieren. Rassismus ist ein globales Alltagsphänomen, selbst wenn es sich hierzulande ungleich latenter äußert als in italienischen Fußballstadien. Affenlaute schallten früher auch in der Bundesliga schwarzen Spielern entgegen. Die Rassisten sind stummer, aber gewiss nicht weniger geworden. Umso bedeutsamer ist es, dass Boateng nun die Zustände in Italien anprangert. Das hilft beim Nachdenken über die „Deutschen Zustände“, nicht nur in den Fankurven.

Kokorin und Mamajew: Echtes Outing oder Satire?

Aus Russland kommen immer wieder Nachrichten, die von grassierendem Hass zeugen auf alle, die anders sind. In der Politik wie zuletzt im Fußball bei Fans von Zenit St. Petersburg. Nun könnten sich mit Alexander Alexandrowitsch Kokorin, 21, von Dynamo Moskau und Pawel Konstantinowitsch Mamajew, 24, von ZSKA Moskau zwei russische Profi-Fußballer als schwul geoutet haben. In einem sozialen Netzwerk finden sich Fotos, die beide zusammen in vertrauten Posen zeigen. Alex Feuerherdt (@LizasWelt) ordnet die Bilder ein und trägt zugleich berechtigte Zweifel zusammen, ob es sich tatsächlich um ein Outing handele oder um eine satirische Antwort auf die Petersburger Fan-Forderungen. Zumindest gilt auch hier: Politik, Medien und Gesellschaft kommen an einer Debatte nicht vorbei.