Berlin, Berlin
Donnerstag, 23. Februar 2012, 21:20 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, BSG Chemie Leipzig, Fanszene

Die Hauptstadt ist anders. Ein Raumschiff, das es stets aufs Neue wiederzuentdecken gilt, auch fußballerisch. Ein Erfahrungsbericht in eigener Sache

Ruhig ist es hier geworden in den letzten Wochen und Monaten. Das liegt nicht nur an der Winterpause. Ich habe Distanz gewonnen. Weniger im emotionalen, als viel mehr im örtlichen Sinne. Es hat mich nach Berlin verschlagen. Seit Beginn dieses Jahres arbeite ich für die Märkische Allgemeine, die in Potsdam erscheint. Das ist, beruflich wie privat, eine Herausforderung. Aber keinesfalls ein Grund, den Leipziger Fußball allgemein und die BSG Chemie insbesondere aus Augen und Herzem zu verlieren.

Es gibt drei Biersorten. Das Glas kostet unter zwei Euro

Meine Perspektive ändert sich. Alles ist im Fluss. Berlin ist anders. Schrill und bunt, dreckig und ehrlich. Jeden Morgen verlasse ich dieses Raumschiff in Richtung Provinz, um es abends stets aufs Neue beeindruckt wiederzuentdecken. Fußball ist allgegenwärtig. Der Dönerverkäufer schräg gegenüber meiner WG in Prenzlberg hat Sky, ebenso wie jede zweite verrauchte Eckkneipe. Überall stehen vom Leben Gezeichnete, ob jünger oder älter, vor den Spielautomaten und drücken selbstvergessen immer wieder auf dieselben Tasten. Quer über die Straße verkauft eine Eckkneipe Schultheiss und andere Spezialitäten. Es gibt einen Billardtisch und Erdnüsse, Strohmatten sollen ein Lebensgefühl vermitteln, das gar nicht hierher passt. Der Weg zum nächsten Bier ist stets kurz und preiswert. Der Kaiser’s direkt gegenüber hat bis 24 Uhr geöffnet.

Ein paar Straßen weiter, im „Willy Bresch“, scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Auf den kleinen, dunkelbraun lackierten Tischen liegen Deckchen, die großzügig weiß und blau karriert sind. Zigarettenrauch liegt in der Luft. Die Kneipe muss sich, seitdem sie Willy Bresch, der Großvater des heutigen Inhabers, vor über 40 Jahren eröffnet hat, kaum verändert haben. Die große Videoleinwand, über die Fußball flimmert, wirkt wie ein Anachronismus. An einem Bundesliganachmittag schmeißt die Frau hinter der Bar den Laden alleine. Es gibt drei Biersorten. Das Glas kostet unter zwei Euro.

Das Olympiastadion macht es der Hertha nicht leichter

Berlin ist eine Migrantenstadt. Wer seinen Lieblingsverein Fußball spielen sehen möchte, kann das innerhalb seiner Community tun. Für fast jeden Bundesligisten gibt es Szenekneipen, in die man nur reinkommt, wenn man weiß, wer Ende der sechziger Jahre die Nummer drei im Tor war – oder wenn man eine entsprechend qualifizierte Begleitung hat, die ein gutes Wort einlegt. Das Niedersachsenstadion in Neukölln ist so ein Ort. An den Wänden hängen alte Fotos und Schals, man trinkt Herrenhäuser und andere Biermarken aus Hannover. Betreiber ist der 96-Fanklub „Das Rote Berlin“. Die Klobrille der Männertoilette ziert ein Aufkleber von Eintracht Braunschweig.

Wer nach Berlin kommt, gibt seine alte Liebe nicht auf, so scheint es. Zweimal habe ich es bei der Hertha probiert, völlig leidenschaftslos, ich wollte Bundesligafußball sehen. Neben mir saßen Exilschwaben, als ich gegen den VfB Stuttgart und den FC Augsburg Karten der billigsten Kategorie im Heimblock ergattert hatte. Hertha erscheint so seelenlos, so bieder wie sein verkrampfter Marketingslogan: „Meine Stadt. Mein Kiez. Mein Verein.“ Das Olympiastadion macht es der Hertha nicht leichter. Diese brutale Architektur, diese in Stein gemeißelte Barbarei. In den Chefredaktionen des Tagesspiegel und der Märkischen Allgemeinen drückt man der Hertha die Daumen, und ich habe bis heute nicht verstanden, warum.

In Berlin habe ich viele fußballverrückte Leute kennengelernt. Mein hessischer Mitbewohner Sepp ist vernarrt in die Frankfurter Eintracht, manchmal gehen wir den Dönerladen schräg gegenüber, um seine Eintracht spielen zu sehen. Ich habe Bier getrunken mit jemandem, von dem ich zwar nicht mehr den Namen weiß, aber dass er früher, ganz früher mal zum 1. FC Lok gegangen ist, bevor es ihn nach Berlin gezogen hat. In Potsdam war ich im „Nowawes“, der Kneipe, in der sich die Fans von Babelsberg 03 treffen. Im „Kasiske“ im Friedrichshain redete ich mit Hannes, einem Babelsberger Ultrà, über den Leutzscher Fußball, während sein Bruder den Tisch mit marxistischer Philosophie unterhielt.

Union vermag es, das Berlin-Flair ins Stadion zu transportieren

Die neue Leiterin des Leipziger Fanprojekts, Sarah Köhler, habe ich zum Fankongress ins Kosmos, einem alten Kino an der Karl-Marx-Allee nahe der Kreuzung zur Warschauer Straße, begleitet. Ich sah Hunderte junger Menschen, die alle ähnlich gekleidet waren und irgendwie für das Gleiche leben. Die meisten Journalisten, die da waren, erschienen mir etwas verloren, wie Außerirdische. Ich lernte dort Saumselig von Textilvergehen kennen, genauso wie die freie Journalistin Nicole Selmer aus Hamburg, die unter anderem für publikative.org über Fanthemen schreibt.

Mit Norbert, meinem Mitbewohner aus Wittichenau, und seinen Freunden aus der Lausitz war ich einmal in der Alten Försterei. Es ging gegen den Karlsruher SC. Die Badener standen unten drin, es waren trotzdem mehr als 15 000 Zuschauer da. Union ist anders, anders als die Hertha. Union vermag es, dieses bunte, laute, schmutzige Berlin-Flair ins Stadion zu transportieren. Unverkrampft, trotz aller Eigenwerbung, trotz der klugen Marketingstrategie. Union ist auch in der zweiten Liga authentisch geblieben. Als die Mannschaften einliefen und die Musik spielte, bekam ich – zwischen all den Lederjacken und Kapuzenpullovern, den schlichten rot-weißen Schals – Gänsehaut. Es war fast, aber auch nur fast genauso wie bei Chemie.




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13 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Sebastian
    Kommentar von
    23.02.2012 um 21:29
    1

    Wir sollten mal gemeinsam ein Spiel besuchen. Berlin-Liga. Lichtenberg 47 vielleicht. Tolles Stadion. Mit schönem Blick auf die MfS-Zentrale.
    Ansonsten teile ich Deine Beobachtungen. Nur schrill finde ich es hier nicht. Eher trübselig. Vor allem wenn es um Fußball geht.


  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    23.02.2012 um 21:34
    2

    Ganz feiner, liebevoller Text den ich sehr gern gelesen habe! Man spürt, dass es Dir gut geht und das Leben die eine oder andere Freude parat hält.

    Beste Grüße von mir! 


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    23.02.2012 um 22:20
    3

    Danke euch, meine Lieben. Meine Tür steht offen!

    @Sebastian: Sehr gerne, ein reizvoller Vorschlag.


  1. Gravatar of Bango
    Kommentar von
    Bango
    24.02.2012 um 2:38
    4

    Du hast fairerweise die Befis vergessen. Die Fanszene soll ja dort auch etwas im Wandel sein nach dem weitestgehenden Rückzug deren Alt – Hoolszene.
    Berliner Fußball? Da denken die Leute in den Ossi –  Breiten eher an BFC, Union und sogar TeBe (obwohl Westsektor). Hertha ist ne Randbemerkung weil gehätschelter Hauptstadt – Bundesligist.


  1. Gravatar of anonyme Leserschaft
    Kommentar von
    anonyme Leserschaft
    24.02.2012 um 16:13
    5

    Prima zu lesender Text!
    Eine Empfehlung zur Hauptstadt: das Lied „Berlin“ von Freygang.


  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    25.02.2012 um 0:35
    6

    … nicht zu vergessen der BAK! Die „sind schließlich Berlin“!

    http://northend1889.blogspot.c.....erlin.html 
    http://northend1889.blogspot.c.....issel.html  


  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    25.02.2012 um 9:09
    7

    Danke für den Artikel!
    Bin nun auch seit Anfang des Jahres vollends Berliner (meldetechnisch) und habe gestern Abend das erste Mal Union in der Alten Försterei besucht (vorher nur im Jahn). Schön daher, genau nach dem Spiel diesen Artikel bei dir zu finden. Kann dem Gesagten nur zustimmen: Union strahlt eine absolute Ehrlichkeit aus, ein ungeheures Kultpotential dass nicht bemüht wirkt. Du merkst einfach, dass bei dem Lied „Unsre Mannschaft, unsrer Stolz…“ jeder Besucher genau das fühlt was er da gerade singt. Da ist die Hertha tatsächlich meilenweit entfernt davon. Gar nicht zu sprechen von der ungeheueren Vielfalt an Menschen im Stadion. Dennoch muss man das alles natürlich vor dem Hintergrund sehen, dass es bei Union seit Jahren verdammt gut läuft, da sind die Gräben nicht erkennbar.
    Noch eine Lehre für mich aus dem gestrigen Abend: Wenn man Fankulturen und Eigenheiten der Fanszene nicht unterdrückt sondern fördert, entsteht nicht mehr, sondern weniger Konfliktpotential, wie gestern zu beobachten zwischen 60ern und Unionern.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Chemie ist auf dem richtigen Weg, Ehrlichkeit und Transparenz sind durchaus wiederentdeckte Charaktereigenschaften im Leutzscher Holz. Und Union nun wieder mein zweitliebster Verein.
     


  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    26.02.2012 um 23:36
    8

    … dennoch tut es mir auch um die gute, alte Hertha leid! Das war mal ein „verrauchter“ Verein mit vielen Westberliner Kneipen und einem etwas armseligen aber nicht minder liebenswerten Charme. Deren ausdauerndes, größtes Problem ist doch das belastete Stadion!

    Habe mal im damaligen „Holst am Zoo“ den Inhaber kennen, schätzen und verehren gelernt – Hertha schoss ihm wie Knoblauch-Geruch aus jeder Pore. Das musste man einfach mögen.

    Schade auch, dass die einstmalige Verbundenheit von Unionern mit Herthanern nur noch reine Geschichte ist.

    Ach, es gäbe so viel zu bereden. 


  1. Gravatar of Grobi
    Kommentar von
    Grobi
    01.03.2012 um 21:25
    9

    im (…) redete ich mit (…), einem Babelsberger Ultrà.
    Ultras bei der DEFA…
    nee komm hör auf, guter Artikel, aber Ultras Babelsberg. Das ist unseriös!!!! das gab es noch nie…


  1. Gravatar of Bango
    Kommentar von
    Bango
    02.03.2012 um 17:26
    10

    Sorry, @Grobi. Aber da scheinst du keine Ahnung zu haben.


  1. Gravatar of Grobi
    Kommentar von
    Grobi
    02.03.2012 um 21:44
    11

    dann hat auch RBL welche…klar ham die welche…verstehst du den Unterschied???
    ich rede hier von Fussball, nenn mir eine Fussballsaison in der Babelsberg erwähnenswert wäre. Du kannst ruhig 1901 anfangen und 2012 enden…du wirst keine finden!!!
    Aber du hast ja die Ahnung…


  1. Gravatar of Bango
    Kommentar von
    Bango
    02.03.2012 um 23:18
    12

    Bei RB gibt es nicht mal ansatzweise eine Gruppierung, die die Bezeichnung „Ultras“ verdient hätte. Und das sage ich nicht nur weil ich diesen „Verein“ und die Idee dahinter ablehne.

    Und zu Babelsberg.
    Die haben sogar mal kurzzeitig 2. Bundesliga gespielt.
    Für einen vergleichsweise kleinen Randberliner Fußballverein mit bescheidenen Mitteln eine große Leistung. Wenn du Sachverstand hast, müßtest du das eigentlich wissen.
    Natürlich ist die Ultraszene dort offen linkspolitisch aktiv und man kann über das politische Engagement von Ultragruppen durchaus diskutieren (nebenbei waren die ersten Ultragruppen Italiens vorwiegend linksalternativ orientiert), nichts desto weniger zählt diese vergleichsweise kleine Szene als durchaus kreativ. Man leistet dort sehr viel im Verein (abseits von Politik) und das mit sehr beschränkten Möglichkeiten.

    Bei RB bekommt man alles vorgekaut. Ein bissel (eher lächerlicher) Singsang von ein paar Hanseln, ein bissel klatschen. Mehr ist nicht erwünscht! Mit Ultra hat das in etwa soviel zu tun wie der Papst mit dem heiraten. Klingt drastisch, ist aber so.


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    04.03.2012 um 15:42
    13

    Eine rege Diskussion ist entstanden, und ich wollte mich ohnehin zu Wort melden, war allerdings verurlaubt und ohne die nötige Ruhe.

    Danke für euer Feedback. Ich wollte gewiss keine umfassende Abhandlung über den Berliner Fußball schreiben, sondern wollte einfach nur mitteilen, welche ganz persönlichen Erfahrungen ich hier in Bezug auf Fußball sammeln konnte. Das ist nur ein ganz, ganz kleiner Ausschnitt aus einer nicht komplett zu fassenden Wirklichkeit. Ich bin bereit für neue Abenteuer. Und, @Sebastian, ich würde mich ernsthaft mal auf einen gemeinsamen Ausflug in den Berliner Fußball freuen.

    @Bango: Es kommt natürlich immer darauf an, was man unter Fußball versteht. Natürlich gehört die Hertha zu dieser Stadt, in der zweiten Liga hat sie es auch geschafft, das Olympiastadion vollzumachen. Aber Hertha versprüht eben ein ganz anderes Fußballfeeling als Union (oder TeBe, der BFC, Türkiyemspor usw.), Hertha ist sehr etabliert, Hertha ist etwas grau, aber die halbe Stadt scheint sich hier trotzdem zu freuen, wenn es dort läuft. Mein Eindruck.

    @anonyme Leserschaft: Ich habe mir gerade „Berlin“ von Freygang angehört, die Band kannte ich tatsächlich nicht. Sehr interessant, mal wieder den Horizont erweitert.

     @NORTHEND: Die Links zu deinem Blog gehen nicht? [Edit: Es ist offenbar down.] Deine Anmerkungen das Olympiastadion betreffend teile ich voll und ganz.

    @Almir: Dann sind wir ja quasi Weggefährten. Ich habe es mir fest vorgenommen, es schon bald mal wieder in die Alte Försterei zu schaffen. 

    @Grobi: Ich muss dir auch widersprechen. Es kommt natürlich immer darauf an, welche Maßstäbe man anlegt, aber: Nulldrei ist ein Verein, der lebt. In Potsdam gibt es eine kleine, aber sehr feine Fankultur. Natürlich kann man von Ultras sprechen, die größe einer Gruppen gibt keine Auskunft über die Qualität, sonst würde Chemie ja niemanden interessieren, der Ruf der Diablos geht aber weit über die Stadtgrenzen hinaus. Die Leute, die bei Nulldrei was tun, sind unglaublich kreativ, kritisch, leidenschaftlich. Das tut dem Verein gut. Und, wie @Bango sagt, was sportlich geleistet wird, ist sehr bemerkenswert. Ich habe großen Respekt vor der Fußballkultur in Babelsberg, will mir das aber künftig auch noch etwas stärker aus der Nähe angucken. Alles verstanden etwa habe ich noch nicht, im Karli stehen sich ja offenbar auch rivalisierende Ultrà-Gruppen in einem Stadion gegenüber.




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