Keine Antworten auf nicht gestellte Fragen
Mittwoch, 7. Dezember 2011, 13:03 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 7. Dezember 2011, 13:10 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Gewalt & Rassismus, Medienschau

Am 5. Dezember startete der private Fernsehsender RTL 2 die Reportagereihe „Investigativ“ mit einer Folge über Hooligans – und erhielt dafür viel Lob. Eine Gegenbetrachtung

Zu Hooligans kann man ähnlicher Meinung sein wie zu Karneval. Es handelt sich um ein soziales Phänomen, das man einerseits interessant finden kann, bei dem man vielleicht sogar mitmachen will. Andererseits aber, und so wird die große Mehrheit denken, kann man Hooligans dumm und verachtenswert finden. Wolfram Kuhnigk gehört zu jenen, die zu Hooliganismus die denkbar größte Distanz aufweisen. Das ist nicht zwangsläufig die schlechteste Voraussetzung, um unter dem Label „Investigativ“ im Auftrag für den Privatsender RTL 2 eine Fernsehreportage über Hooligans zu drehen. Drängen sich doch Fragen auf, die jemand, ginge er das Thema mit heißem Kopf an, wohl kaum befriedigend beantworten könnte: Was macht aus einem Menschen einen Hooligan? Worin liegt der Reiz? Und was sagt uns Hooliganismus über unsere Gesellschaft?

Wolfram Kuhnigk scheitert daran, diese Fragen zu formulieren. Erhält er dennoch einmal eine interessante Antwort, ist das für Kuhnigk kein Anlass, nachzuhaken. Denn die Thesen der Reportage müssen schon vor den Gesprächen mit freundlichen Polizisten, dümmlich-groben Fans und solchen, die es vermochten, aus ihrer Hooliganvergangenheit Kapital zu schlagen, festgestanden haben.

Mein Fazit: Die 15 000 prügelnden Hooligans handeln brutal und mit hemmungsloser Gewalt. Diese Männer kosten dem Steuerzahler viel Geld und sie schädigen den Ruf friedlicher Fußballfans. Die Täter vergessen schnell und sind Meister im Suchen von Ausreden. Oder sie schreiben Bücher, mit denen sie ihre Gewaltexzesse auch noch zu Geld machen. Das Leben der Opfer ist zerstört. Und dann müssen sie auch noch mühsam vor Gericht um Schadensersatz kämpfen. Die Polizisten halten ihren Kopf hin, um die friedliche Mehrheit der Fans vor der enthemmten Gewalt zu schützen. Egal welche Perspektive ich suche, für die Exzesse der Hooligans gibt es keine Rechtfertigung – gar keine.

Verschiedene Perspektiven hat Kuhnigk jedenfalls nicht eingenommen. Seine Erkenntnisse sind ebenso banal wie tendenziös. Er muss sich fragen, ob er tatsächlich eine Reportage gedreht hat, von dem Attribut „investigativ“ ganz zu schweigen. Kuhnigk wird über den gesamten Film hinweg nicht müde, hervorzuheben, dass er Journalist sei. Gerade im Gespräch mit wenig zimperlichen Schlägern hat das erhöhtes Slapstick-Potenzial: Wiederholt fragt Kunigk, ob er gefährdet sei – und liefert seinem Gegenüber die Steilvorlage, in dem „Journalisten“ jemanden zu erkennen, der von vornherein nicht dazu bereit ist, eine neutrale Perspektive einzunehmen. Als Kuhnigk damit im Fanblock des 1. FC Lok beim Derby gegen den FC Sachsen auf wenig Verständnis stößt („Sollen wir dich umschlagen? Da hat er was zu filmen.“), sieht sich der Journalist in seiner Ansicht bestätigt.

Und wenn das Filmmaterial nicht hergibt, was Kuhnigk sagen will, muss nachgeholfen werden. Nach dem Leipziger Derby läuft Kuhnigk auf ein älteres Paar zu, das in Stadionnähe auf einer Bank sitzt.

Kuhnigk: Sie sind jetzt hier ganz lässig sitzen geblieben eigentlich. Obwohl das ja grade nicht so friedlich aussah. – Sie: Ja. – Kuhnigk: Haben Sie gar keine Angst gehabt? – Sie: Nö. – Er: Nö. – Sie: Wir haben keine Angst gehabt. Wir sind es eigentlich hier in der Waldstraße ein bissel gewöhnt, dass immer was los ist. – Kuhnigk: Und Sie kommen dann hier jetzt hin und gucken was passiert? – Sie: Na ja, nö, nicht so, aber wir haben unseren Nachmittagssitz hier und da haben wir auch keine Angst und es war ja auch ausreichend Polizei da. – Kuhnigk: Ach Sie sitzen jeden Nachmittag oder wenn die Sonne scheint? – Sie: Viel, viel, ja, viel, mein Mann kann nicht mehr weit laufen und da sind wir oft hier. – Kuhnigk: Und wenn das jetzt wieder friedlicher wird, dann ist es richtig schön hier?

Das Ja auf Kuhnigks letzte Frage wirkt eher gequält als überzeugt. Das Paar hat seine Ruhe, Kuhnigk seine Bestätigung – und leitet zum Fazit über.

Szenenwechsel ganz an den Anfang der Reportage.

Normalerweise gehört Neutralität zu den wichtigsten Eigenschaften eines Reporters, doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Heute halte ich es für sinnvoll, mich anzupassen, um nicht aufzufallen.

Sagt Kuhnigk. Und zeigt dazu Bilder, wie er sich einen Schal des 1. FC Köln kauft und umbindet. Das Rhein-Derby gegen Borussia Mönchengladbach steht an – traditionell ein Sicherheitsspiel der obersten Kategorie. Aus seiner Tarnung heraus beobachtet Kuhnigk sein Umfeld. Und lässt sich dabei von der schönen Architektur inspirieren:

Im Zentrum von Köln, direkt am Hauptbahnhof, liegt der Dom, Deutschlands bekanntesetes Gotteshaus. Doch die Gläubigen, die sich heute hier versammeln, haben andere Heilige. Sie beten zum Fußballgott. Singen kann diese Gemeinde auch. Aber ihre Choräle („Gladbach, zweite Liga“ und „Scheiß Borussia Mönchengladbach“, bp) klingen gar nicht christlich.

Eine Gruppe von Hooligans will Kuhnigk schnell ausgemacht haben. „Mir fällt auf: diese Gruppe verzichtet komplett auf Schals oder Trikots.“ Spricht das nun für oder gegen Kuhnigks Tarnung?

Am Stadion hat Kuhnigk Schal und Hemmungen abgelegt.

Ok, volles Risiko. Mit denen will ich sprechen. Als Journalist muss man sehr vorsichtig sein, aber ich will wissen, was diese Hooligans denken.

Das Gespräch darüber, ob die nächste Schlägerei bereits verabredet sei, bringt Kuhnigk in seiner Erkenntnis zwar nicht weiter, bestätigt ihn aber in seinen Vorurteilen. Besser durchdacht als die spontane Kontaktaufnahme mit tatsächlichen oder vermeintlichen Hooligans ist die Passage, in der Kuhnigk auf Hannelore Steiner trifft, die als unschuldiges Opfer eines Hooliganangriffs ein Auge verlor. Außerdem trifft Kuhnigk den ehemaligen Hooligan Frank Renger – er war einer der Täter, die bei der Weltmeisterschaft in Frankreich 1998 den Polizisten Daniel Nivel ins Koma und in die Erwerbsunfähigkeit prügelten. Mehr als Unverständnis für die Tat und noch mehr darüber, dass Renger nach zehnjähriger Haftstrafe bei TuRa Essen eine Beschäftigung als Mannschaftsbetreuer gefunden hat, leistet Kuhnigk allerdings auch hier nicht.

Stefan Schubert hat von allen Gesprächspartnern die interessanteste Biographie. Schubert arbeitete acht Jahre für den Bundesgrenzschutz und schlug sich parallel ein Jahrzehnt lang für die „Blue Army“ von Arminia Bielefeld. Das Buch des Ex-Polizisten, das von seiner Hooliganvergangenheit und seinem Doppelleben handelt, soll bereits 20 000-mal verkauft worden sein.

Dann habe ich halt so in zwei Welten gelebt, die sich aber damals für mich gar nicht so unterschieden haben, auch wenn sich das jetzt komisch anhört. Es waren also beide so Männergruppen, man hat Spaß zusammengehabt, man hat getrunken. Man hat mal Streit gehabt, mal ’ne Schlägerei, das hat man mit den Jungs von der Polizei, wenn wir da abends losgingen, auch mal gehabt.

Diese Aussage birgt viel Stoff für eine weiterführende Recherche, auch für wirklich interessante Thesen. Kuhnigk („Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt. Sie sehen richtig bürgerlich aus, ganz brav.“) aber geht dem nicht weiter nach und lässt Schuberts („Haben Sie Attila den Hunnenkönig erwartet?“) Worte unkommentiert stehen. Und so wird der Zuschauer allein gelassen mit der Frage, was es denn nun mit dem Hooliganismus auf sich hat. Die Ventilfunktion – dass es sich womöglich um menschliche Ersatzhandlungen handelt, um die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren – ist mit Kuhnigk eine geradezu verwegene Erkenntnis. Hauptsache, man kann zum Karneval mal wieder so richtig die Sau raus lassen.




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7 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Tomate
    Kommentar von
    Tomate
    07.12.2011 um 14:22
    1

    Naja, „viel Lob“…das finde ich durch den einen Artikel nicht unbedingt belegt.
    Was mir aber besonders aufgefallen ist – und zwar eigentlich durch zufälliges reinklicken in das Video – ist dass die MacherInnen einfach mal zwischen die Youtube-Videos von „Wiesenmatches“ Szenen aus Rostock vom G8-Protest geschnitten haben, in denen aus dem Black Block heraus eine Polizeikarre zerlegt wird (während des Gesprächs mit dem Ex-Cop/Ex-Hool). Ich denke das zeigt eigentlich schon die ganze „journalistische“ Sorgfältigkeit…oder aber man ist tatsächlich der Meinung das wäre die selbe Klientel, nur an anderem Ort und aus anderem Anlass.
    Danke für den Artikel und Grüße!
     


  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    07.12.2011 um 23:23
    2

    Die Hooligan-Szene ist einfach viel zu facettenreich, um einfach mal ein paar Folgen Betroffenheit in die deutschen Wohnzimmer zu jagen. Ich persönlich würde mich an ein solches Thema gar nicht erst heran wagen … ein Aufgabe fürs Leben, mit der man praktisch nur verlieren kann. Das beginnt schon bei der Definition von „Hooligan“ … sind das nun Teile einer urbanen Fankultur oder gehört jeder Rotzer in vollgepisster Jogginghose dazu?

    Die Clips sind luschig abgedreht und letztlich immer fiebernd auf der Suche nach Brenzligem und Fratzenhaftem. Unruhig wippt die Kamera, Bewegungen sind inszeniert und lassen Hinz und Kunz teilhaben an – ja was denn nun eigentlich?

    Wie so oft werden sächselnde Fans aus der Reserve gelockt und ich sehe die intellektuellen Filmemacher beim Abklatschen ob der punktgenauen Szenerie für das spannungsreiche Drehbuch. RTL 2 braucht Emotionen! Da kommen die LOK-Kutten aus dem dümmlichen Osten gerade recht.

    In einzelnen Passagen erinnert mich das gesamte, inhaltliche Dilemma an die Sendung mit der Maus. Überschrift: Wo landen unsere Steuergelder? Jetzt wissen wir es. Bei der Polizei.

    http://www.youtube.com/watch?v=8dnrRB6TuM8
     


  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    07.12.2011 um 23:29
    3

    … und völlig vergessen: sehr gut reflektierter und sezierter Beitrag von Bastian!


  1. Gravatar of Wayne
    Kommentar von
    Wayne
    07.12.2011 um 23:48
    4

    Dieser Bericht war einfach nur grausam gemacht und übertrifft sogar noch die Boulevard Presse! Wer kein Trikot trägt ist ein potentieller Hooligan, der ohne mit der Wimper zu zucken auch den Tod von Unbeteiligten in Kauf nimmt. Es wurde schlicht in die Kerbe der Polizeigewerkschaft geschlagen und Lebensgefahr im Stadion und seinem Umfeld heraufbeschworen. Da ist jedes Schulreferat investigativer.


  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    09.12.2011 um 16:59
    5

    Sehr guter und treffender Beitrag!
    …und Respekt für diejenigen, die es geschafft haben den ganzen Bericht anzugucken. Ich musste abbrechen.
     


  1. Gravatar of JM
    Kommentar von
    JM
    16.12.2011 um 16:36
    6

    @Almir
    Wieso? Icst Dir etwas auch übel geworden? Das Lustigste (???) war für mich, wie sich der „Reporter“ neben die beiden alten Leutchen auf die Bank am ZSL setzte, die nur mal eben so Fußballterror gucken wollten… Was soll man mit Medien anfangen, die nicht mal den Unterschied zwischen Ultras und Hooligans kennen? Schon primitiv.
    @Basti
    Gutes Statement und immer schön kritisch bleiben gegenüber Sensationstouristen, die sich als Journallie tarnen. 


  1. Gravatar of Christoph
    Kommentar von
    27.01.2012 um 21:18
    7

    Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber allein die Tatsache, dass ein Sender wie RTL 2 solche Sachen bringt und unter dem Titel wie „Investigativ“ verkauft – verkaufen will – hätte mich als Zuschauer auf der einen Seite und als Soziologen auf der anderen arg misstrauisch werden lassen. Da gebe ich Northend Recht wenn er sagt, dass RTL 2 Emotionen braucht und mit billigen und schlecht recherchierten „Reportagen“ diese bedienen will. Nur beleidigt er die Sendung mit der Maus, wenn er den Beitrag auf dieses Nivaeu stellt.
    Fazit: Die TV-Kritik ist nicht nachzuvollziehen und umso besser und wichtiger ist diese Gegendarstellung.




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