Sensationeller Saisonauftakt und viel Luft nach oben
Dienstag, 16. August 2011, 20:27 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, BSG Chemie Leipzig, Fanszene, Vereinspolitik

Die Ergebnisse stimmen, die Mannschaft hat noch viel größeres Potenzial, die Neugierde bei den Fans ist überwältigend und der Verband weiter skeptisch. Ein erstes Zwischenfazit

Nach nur zwei Spieltagen ist es gewiss zu früh für ein erstes Zwischenfazit. Aber außergewöhnliche Zeiten erfordern nun einmal eben solche bloggerische Mittel. Es ist bemerkenswert, wie die Saison für die BSG Chemie Leipzig angelaufen ist – sowohl auf als auch neben dem Platz. Zum Auftakt gegen Eilenburg kamen 1690 Zuschauer. Damit hätte ich persönlich nicht gerechnet. Auch zum ersten Auswärtsspiel nach Markkleeberg sind viele Neugierige mit Chemie gereist. Gut 1000 Chemiker im Sportpark Camillo Ugi – so sieht Aufbruchsstimmung aus.

Abstimmung mit den Füßen

Im Kampf um die Vorherrschaft und Deutungshoheit im Leutzscher Fußball – ich will hier kein Blatt vor den Mund nehmen – bedeuten diese Zahlen einen klaren Punktsieg gegenüber der SG Leipzig-Leutzsch. Nach Plauen gegen Merkur Oelsnitz reisten mit Jamal Engel & Co. wohl 200 Anhänger, zum ersten Heimspiel gegen den VFC Plauen II sollen es 700 Zuschauer gewesen sein. Schon früh geisterte in Markkleeberg durch den Block, dass es tatsächlich gerade einmal die Hälfte davon gewesen wäre. Für mich ergibt das wenig Sinn: Mehr Zuschauer bedeuten mehr Abgaben und strengere Sicherheitsauflagen. Andererseits scheint die Engel-SGLL ja geradezu im Geld zu schwimmen. Da kann man es sich wohl leisten, die Zuschauerzahlen zu frisieren.

Wie auch immer: Die Fans stimmen mit den Füßen ab, rennen der BSG Chemie, die sich auf der Mitgliederversammlung am vergangenen Freitag endlich von der Ball- zur Betriebssportgemeinschaft zurückgewandelt hat, derzeit die Türen ein. In Markkleeberg war ich kurz vor dem Kulturschock. Die Diablos waren – sehr wohl aus bestimmten Gründen, siehe weiter unten – kaum wahrnehmbar. Der Block ist bunt wie immer und gemischt wie lange nicht mehr. Zur Erklärung reicht einfach nur ein Wort: die pure Neugier. Zum Auftakt gegen Eilenburg fiel mir ein Mittelaltriger auf, der ein ausgewaschenes Shirt der Bohemians Praha trug. Lange, ungepflegte Haare, nur ein Beispiel für den Typus Leutzscher Original. Das ist Fußball. Und das ist die BSG Chemie.

Diablos bleiben gutes Beispiel für kritisches Fanbewusstsein

Das bedeutet aber auch, dass die Diablos, die dank der Mitgliederversammlung ihre prominente Stellung im Verein weiter stärken konnten, eine neue Rolle einnehmen. Seit drei Jahren waren die Leutzscher Ultras quasi identisch mit der BSG Chemie – zumindest in der Außenwahrnehmung. Das wird sich ändern, schon allein, weil sie künftig nicht mehr die Mehrheit im Block stellen. Das ist kein Problem, weder für die Leutzscher Fankultur im Allgemeinen noch für die Diablos im Besonderen. Letztere werden weiter unbequem und unangepasst bleiben – und damit auch ein gutes Beispiel für die übrigen Fans sein. In Markkleeberg herrschte Stille im Ultras-Block. „Old-School-Support“, wie das im Fanszenen-Jargon heißt: verhalten, spielbezogen, erst gen Ende hin auftauend.

Der Hintergrund für den Stimmungsboykott: Im schmucken Markkleeberg werden für Sechstliga-Partien auch schon einmal Eintrittsgelder in Höhe von acht beziehungsweise ermäßigt sieben Euro aufgerufen. Bei rund 1000 Chemikern kann man sich damit die Klubfinanzen aufpolieren. Der geneigte Fußballinteressent kann sich für diesen stolzen Preis auch die 2. Bundesliga antun. Außerdem bewies sich die Polizei einmal mehr mit umfangreichen Kontrollen, die Kickers Markkleeberg sollen sich nicht an Absprachen aus der vorangegangenen Sicherheitskonferenz gehalten haben. Der stille Protest war verständlich und konsequent, aber nicht unproblematisch. Der Mannschaft wird er kaum geholfen haben. Und ein gros des übrigen Blocks die Ursachen mal wieder nie erfahren. Das übliche Kommunikationsproblem zwischen „Normalos“ und Ultras. Leider.

… und zu Silvester spielen alle dritter Weltkrieg

Überhaupt geht das ganze unrefelektierte und undifferenzierte Ultrà-Bashing weiter: Chemie steht beim Sächsischen Fußball-Verband offenkundig auf der Abschussliste. Die beeindruckende, kontrollierte Pyro-Show am ersten Spieltag sorgte für Respekt in der Szene und Unmut beim Verband. Und die Engel-SGLL übt sich in Populismus. (Das zwingt in Zynismus und Ironie: Wann werden die Diablos als kriminelle Vereinigung eingestuft? Wo bleiben konzertierte Hausdurchsuchungen? Sachsen, deine Innenpolitik!). Es ist müßig, an dieser Stelle zu erwähnen, welche Doppelmoral hinter diesem langweilenden Diskurs steckt. Ja, liebe sächsische Innenpolitik und liebe Fußballverbandsfunktionäre, ich freue mich auch schon auf das nächste Silvester, wo Millionen Deutsche mal wieder für den dritten Weltkrieg proben.

Aber hey, is‘ ja Fußball hier. Und sportlich könnte es tatsächlich kaum besser laufen. Chemie liegt auf Platz zwei, unmittelbar hinter dem Kuckucks-Zwilling SG Leipzig-Leutzsch. Eine Momentaufnahme, mehr nicht. Die Tabelle wird sich noch früh genug bereinigen. Aber: Die BSG Chemie hat ein enormes Entwicklungspotenzial. René Behring ist ein sehr moderner, kommunikativer Trainer. Er spricht mit seinen Spielern und dem Umfeld, arbeitet transparent. Zwei Spiele und vier zu null Tore stehen auf der Habenseite – aber da ist noch viel Luft nach oben, sagt Behring. Beide Siege wurden trotz grundsätzlich großer fußballerischer Fähigkeiten im Team eher erarbeitet denn erspielt. Dazu kommen Verletzungssorgen. Und die Mannschaft muss sich noch finden, mehr an sich selbst glauben.

Vor einer rosa-grün-weißen Zukunft?

Schafft es Behring, das Team weiter voranzubringen, ist in dieser Saison viel, sehr viel drin. Das steht auch ganz oben auf der Wunschliste: Die lang ersehnten, hoch verdienten Früchte der letzten drei Jahre. Euphorie in Leutzsch. Eine transparente Vereinspolitik. Mitgliederbeteiligung. Und nun sportlicher Erfolg? Zurück zur Leutzscher Hölle? Der Weg ist kein leichter, es gibt viele Hindernisse und Gegner, Missgunst nicht nur beim Verband und der SG Leipzig-Leutzsch. Wir alle sind gefragt. Packen wir’s an.




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8 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    16.08.2011 um 23:40
    1

    Wunderbare Reflektion der derzeitigen Geschehnisse – sauber getextet!


  1. Gravatar of sure, not
    Kommentar von
    sure, not
    17.08.2011 um 5:07
    2

    Chemieblogger, liebe Gemeinde,
    ich bin mir nicht sicher ob man das Problem ausreichend beschrieben hat, wenn man es Mißgunst nennt, was der BSG und speziell den Diablos da entgegenschwappt.
    Gleichwohl und um so mehr bin ich dankbar für jedes wahre Wort das über den Grün-Weißen Fußball in Leipzig verloren wird. Und während man sich natürlich als Blogger in Zeiten der Spaltung und Neuorientierung eines Vereins mit übermäßiger Kritik zurückhalten sollte und daher eher geneigt ist einen Artikel objektiv zu halten, hab ich das Problem an dieser Stelle zum Glück nicht.
    Meine erste Erfahrung an diesem 1. Spieltag in Leipzig Leutzsch war nämlich leider keine Positive, passt aber für mich sehr gut ins Gesamtbild. Nachdem ich als Kind mit Chemie Leipzig praktisch sozialisiert wurden bin, gab es für mich zu diesem Verein in meiner Heimatstadt nie eine Alternative, ABER ich bin auch, als jemand der versucht eigenständig zu denken, nicht bereit über Dinge innerhalb eines Vereins oder dessen Anhängerschaft hinwegzusehen, die sich mit dem eigenen Gewissen (sofern vorhanden) nicht vereinbaren lassen.
    Und obwohl ich weder zu den Diablos gehöre, noch wirklich über „Insiderwissen“ verfüge, vermute ich- waren es ähnliche Motive, die sie damals, sicher schweren Herzens, zum Abschied vom FC Sachsen bewogen haben.
    Ich kann mir nicht helfen, ich werde das Gefühl nicht los, dass diese überzogene Kritik an der BSG etwas mit der offen antifaschistischen Einstellung der Diablos und des Vereins zu tun hat.
    Chemie- und der Leipziger Fußball allgemein ist seit jeher ein Politikum und emotionale Ausbrüche wie „nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ bezeugen das.
    Nur konnte man zu DDR Zeiten noch über einen solchen Spruch als einen Schrei nach Öffnung bzw. Veränderung innerhalb eines totalitären Staates hinwegsehen.
    Wenn man aber im Jahre des Herrn 2009 bei einem Fußballspiel im Leipziger Zentralstadion nicht nur vereinzelte Rufe hört wie „Jude“ und „Kanacke“, wenn man dann im August 2011 freudig und voller Zuversicht nach Leutzsch fährt, sich ein Ticket kauft, nach langer Zeit mal wieder den AKS betritt und dann um die erste Kurve gebogen von zwei volltrunkenen Vollpfosten mit „…eine U-Bahn bauen wir, von Probstheida bis nach Auschwitz…“ begrüßt wird, dann hat man eine Ahnung dass das mit dem Antifaschistischen Schutzwall damals auch nicht völlig aus der Luft gegriffen war bzw. in was für einem schwierigen Terrain man sich bewegt.
    Und so wie ich das aus einem positiven Betrachtungswinkel mitbekommen habe, dass sich die BSG samt Anhängerschaft diesbezüglich klar positioniert hat, so bekommt das natürlich auch der andere „Rest“ von Leipzig mit und kann sich dann dementsprechend verhalten. Und da stehen wir meines Erachtens derzeit. Dass man Vielen bereits mit einer antifaschistischen Einstellung zu weit links ist wurde ja bereits hinlänglich und öffentlich diskutiert. Und insofern ist auch der Jargon zu verstehen der vom „Verrat am eigenen (Volk(-streichenSiedas-))Verein“ redet.
    Das was zu DDR Zeiten als Kritik am Bestehenden sich äußerte, entpuppt sich in einer freien Überflußgesellschaft in der man aber nicht mehr gebraucht wird als hoffnungs- und orientierungslose Nörgelei ohne Ziel oder Idee, in dem Moment wo man das eigene Darsein als irrelevant begreift.
    Insofern war die BSG zu DDR Zeiten für die Einen ein progressives Element in einer repressiven Umgebung und für die Anderen einfach der „deutschere“ von zwei Vereinen. Beide Strömungen wurden erst nach der Wiedervereinigung sichtbar und nun, nach der Pleite des FCS, erst wirklich zum Problem.
    Dass sich ein paar Dumme vom Start weg nicht von eben jener Vereinsphilosophie der „neuen“ BSG haben abschrecken oder stören lassen, lässt die Prognose zu dass sich auch der Rest der FCS Familie über kurz oder lang an der Rückverwandlung der BSG hin zu einem FCS ähnlichen Verein versuchen wird, man hat es ja bereits mit der SGLL probiert. Dass bisher mehr Zuschauer zur BSG kamen lässt hoffen, aber auch die Vermutung zu, dass dies einfach aufgrund des attraktiven Namens geschah.
    Ich wünsche dem Verein und den Diablos dass sie es schaffen sich ihre Unabhängigkeit und ihr Selbstverständnis gegen all diese Widerstände zu bewahren.
    Es wird sicher nicht leichter in der nächsten Zeit.


  1. Gravatar of Sören
    Kommentar von
    17.08.2011 um 7:59
    3

    lol, interessanter text….
    Finde es auch interessant, dass so viele Fans sich für Chemie begeistern…


  1. Gravatar of Matze
    Kommentar von
    17.08.2011 um 11:28
    4

    Der Polizeieinsatz und der überhöhte Eintrittspreis war meiner Meinung nach selbst provoziert. Letzte Saison im Spitzenspiel gegen die 2. von den Kickers haben vllt. 200 Leute das Stadion „gestürmt“. Das sich das die Verantwortlichen nicht nochmal gefallen lassen, sollte jedem klar sein. Und mit den 8 Euro haben sie sich einfach das fehlende Geld wiedergeholt.
    Ansonsten schöner Artikel!


  1. Gravatar of Chemie-Fan
    Kommentar von
    Chemie-Fan
    17.08.2011 um 15:08
    5

    Die Kickers Markkleeberg haben bereits in der letzten Saison versucht, die Chemie-Fans auf gut deutsch gesagt abzuzocken, indem sie die Preise extra für das Spiel erhöht haben und keine Ermäßigung anboten. Vor der Kasse stehend wurde das Angebot unterbreitet, den Normalpreis gern zu entrichten, nicht jedoch den „Chemiebonus“. Darauf wurde von Gastgeberseite leider nicht eingegangen. Gestürmt wurde ebenfalls nicht, das Stadion wurde ruhig betreten. Dennoch dürften die Kickers allein bei diesem Spiel soviel Reibach gemacht haben wie sonst in einer ganzen Saison.
    Ähnliches dürfte für diese Saison gelten. 1200 Zuschauer, soviel bekommen die Kickers doch in all ihren Heimspielen nicht zusammen. Von den Cateringeinnahmen wollen wir erst gar nicht reden. Dass es auch ohne diese Abzockmentalität geht, beweisen die Kamenzer, die ein faires und kooperatives Verhalten an den Tag legen.


  1. Gravatar of Grobi
    Kommentar von
    Grobi
    18.08.2011 um 0:05
    6

    locker bleiben Jungs…das ist doch seit 1990 so, als der Eintritt nicht mehr festgelegt, inklusive Kulturfond, war..Kapitalismus.
    Regt euch nicht über Sachen auf, die ihr nicht ändern könnt…konzentriert euch auf das Wesentliche…
    Wie viel Bierflaschen waren im Fahradkorb…5,6 oder 7…


  1. Gravatar of Ramona
    Kommentar von
    Ramona
    23.08.2011 um 12:12
    7

    Also, wenn der sog. „old school-support“ von den Diablos öfter gebracht wird, dann gehe ich auch wieder zu Chemie. Vorher nicht. Ich habe nämlich keine Lust auf 90 Minuten Dauergesinge unabhängig vom Geschehen auf dem Fussballplatz, und das in der Sachsenliga. Ich gehe auch nicht in den AKS, wenn solche „beeindruckenden, kontrollierten Pyro-Shows“, die letztendlich nichts anderes als Selbstinszenierungen sind, an der Tagesordnung sein sollten. Ich will nämlich Fussball sehen und kein Feuerwerk.
     


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    24.08.2011 um 9:12
    8

    @Ramona: Es steht dir ja frei, du musst dich nicht neben die Diablos stellen, das Stadion ist groß genug. Dann müsstest du wohl aber auch etwas mehr Verständnis für eine Subkultur mitbringen, die sich eben dezidiert von anderen Fankulturen unterscheidet.




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