Vom Fall einer Leutzscher Legende

Bernd Bauchspieß war ein ganz Großer. Zwischen 1959 und 1973 erzielte der ehemalige Stürmer für die BSG Chemie Zeitz, Dynamo Berlin und die BSG Chemie Leipzig in 264 Einsätzen in der DDR-Oberliga 120 Tore. Der „Spießer“, dem aus politischen Gründen eine Karriere in den Leistungszentren und der Nationalmannschaft der DDR versagt wurde, war maßgeblich beteiligt am sensationellen Gewinn der Meisterschaft der BSG Chemie 1964 und am FDGB-Pokalsieg zwei Jahre später. Bauchspieß ist eine Leutzscher Legende – und arbeitet an seiner eigenen Demontage.

„Ein Relikt aus DDR-Zeiten“

Nach seinem Karriereende hatte sich Bauchspieß als praktizierender Orthopäde niedergelassen. Dem Leipziger Fußball blieb er dennoch verbunden: als einer seiner größten ehemaligen Stars, dessen Meinung Gewicht hat, der etwas zu sagen hat. Von seinen eigenen Wurzeln, von seiner Vergangenheit als Teil des „Rests von Leipzig“, hat sich Bauchspieß jedoch inzwischen weit entfernt.

„Der Name Chemie ist ein Relikt aus DDR-Zeiten“, ließ Bauchspieß zuletzt via Bild mitteilen. „Welcher Sponsor soll sich noch für so einen Namen begeistern lassen? Wichtiger ist ein kompletter Neuanfang, ohne Altlasten.“ Es sind nicht die ersten Aussagen des „Spießers“, die in Fankreisen für Irritationen sorgen. Dem Mann, der in Pressemitteilungen so viel Wert auf seinen Doktortitel legt, scheint sein Gespür für Fußballbefindlichkeiten längst abhandengekommen zu sein.

Red Bull und Chemie – „das passt doch“

„In dem Getränk ist jede Menge Chemie, von daher passt das doch …“, sagte Bauchspieß in der Leipziger Volkszeitung, als im Oktober 2006 Red Bull vor dem Einstieg beim FC Sachsen Leipzig stand. „Wir alle wollen Bundesliga-Fußball, und das geht ohne Geld bekanntlich nicht. Geld regiert die Welt. Eine Umbenennung des Vereins wäre ein starker Eingriff. Man muss alles abwägen.“ Dass der FC Sachsen nicht zum zweiten Red Bull Salzburg wurde, scheiterte dann doch am Widerstand der Fans. Für Käpt‘n Bauchspieß im Bundesliga-Schnellboot muss sich das wie eine Enttäuschung angefühlt haben. Mit Interessen von Einzelpersonen, die in den Leutzscher Fußball wohl kaum ihres grün-weißen Herzens wegen investierten, konnte sich Bauchspieß, der Michael Kölmel im Januar 2008 in der LVZ als „Ehrenmann und Lebensretter“ des FC Sachsen bezeichnete, offensichtlich schon immer arrangieren.

Als sich FC Sachsen und BSG Chemie vor einem Jahr endlich wieder näher kamen, wollte Bauchspieß von einer Wiedervereinigung nichts wissen. Jens Fuge, damals im FCS-Vorstand, erntete Beschimpfungen, weil er beide Vereine als BSG Chemie wieder zusammenführen wollte. „Der FC Sachsen hat in Deutschland einen guten Namen, und er deckt sich mit dem des Landes, trägt auch dessen Farben“, sagte Bauchspieß in der LVZ – eine klare Absage an die BSG Chemie, deren Namen für eine „Rückentwicklung“ stehe, „die nicht in die Zeit passt“. Was die Fans wollen, ist Bauchspieß egal. „Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ‘ ich einen Arbeitskreis“, polemisierte der „Spießer“ auf der letzten Mitgliederversammlung gegen den Vorschlag, eine Kommission zu gründen, die zwischen den beiden Leutzscher Vereinen vermitteln sollte.

Bauchspieß ist sich treu geblieben. Auch nach dem Ende des FC Sachsen will der Meister von 1964 nichts mit dem Vereinsnamen zu tun haben, der untrennbar mit der Leutzscher Legende verknüpft ist. Also gibt Bauchspieß seit ein paar Wochen der neu gegründeten SG Leipzig-Leutzsch ein Gesicht. Mit deren Namen, der alles andere ist als ohne Vergangenheit, scheint der 71-Jährige keine Probleme zu haben. 1948/49, als die sowjetische Besatzungsmacht den Fußball in der Ostzone neu strukturierte und in den Dienst des späteren „planmäßigen Aufbaus des Sozialismus“ stellte, firmierte die spätere BSG Chemie unter dem Namen SG Leipzig-Leutzsch. Für Bauchspieß, der ein eigenwilliges Verständnis von „Relikten“ und „Altlasten“ hat, ist das offenbar eine zukunftsweisende Perspektive.

Dieser Beitrag ist parallel in der Sportzeitung Bornaer Allgemeine erschienen.




«
»




4 Kommentare bisher
Hinterlasse deinen Kommentar!

  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    05.07.2011 um 23:33
    1

    Bauchspieß ist Geschichte. Auf welcher Seite des Buches entscheidet jeder für sich. Mich gelüstet nach neuen Einträgen von Dir!


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    09.07.2011 um 21:07
    2

    @NORTHEND: Ja, zugegeben, ich bin gerade in einer Phase, in der ich mich erst einmal sammeln muss ;-).


  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    09.07.2011 um 23:31
    3

    … verstehe ich! Fang mit Flaschen an! Und irgendwann sind es dann wieder Punkte. Mit der BSG Chemie.

    Gruß!


  1. Gravatar of Blogs aus Sachsen im Wikio-Ranking Juni 2011
    4

    [...] (Dresden/3744) 37. Rechtsanwalt Jens Hänsch (Dresden/3736) 38. Harlem (Dresden/3891) 39. chemieblogger.de (Leipzig/3909) 40. AMI-Blog (Leipzig/3923) 41. mephisto 97.6 (Leipzig/4409) 42. Frank informiert [...]




Einen Kommentar hinterlassen