Der finale Offenbarungseid
Montag, 23. Mai 2011, 18:29 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 24. März 2016, 10:02 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Gewalt & Rassismus, Medienschau, Vereinspolitik

Letzter Akt, letzter Auftritt: Der FC Sachsen ist auf Abschiedstournee. Gestern war der Alfred-Kunze-Sportpark dran. Geboten wurde allerlei Spektakel.

Ein Abschied mit Würde sieht anders aus. Im Minutentakt erreichten den Willi-Kühn-Sportpark gestern Nachmittag (die BSG Chemie gewann 6:2 gegen LSV Südwest II, steht vor dem dritten Aufstieg in Folge) neue Negativnachrichten aus Leutzsch. Offiziell 2500 Zuschauer hatten den Weg in den Alfred-Kunze-Sportpark zum letzten Heimspiel des FC Sachsen Leipzig gegen Budissa Bautzen gefunden – darunter auch viele, die später bei der BSG Chemie aufschlugen. Die zunächst irritierenden Gerüchte von fragwürdigem Liedgut über wiederholte Spielunterbrechungen und Böllerwürfe bis hin zu handgreiflichen Auseinandersetzungen in der Geschäftsstelle und im VIP-Zelt wurden später bestätigt.

Leseempfehlungen
Die Leipziger Volkszeitung berichtet in Print und Online, leutzscher-fussball.com schildert aus der Perspektive eines FC-Sachsen-Fans, ein ebenso ausführliches wie eindringliches Sittengemälde liefert René Loch, Flohbude hat auf flohbu.de fernab des letztens Spiels, aber äußerst lesenswert einige Anekdoten zusammengetragen und analysiert auf den Punkt: „Dieser Tage tritt das konzentrierte Gift hervor, welches zum Niedergang führte.“

„Ihr habt uns an Red Bull verkauft“, skandierten die Fans nach dem Spiel. Das war wohl als Vorwurf in Richtung Vorstand gerichtet. Allein, es greift zu kurz. In die missliche Lage hat sich der FC Sachsen mitsamt seiner Mitglieder und Fans zuvorderst selbst manövriert. Dass Red Bull, mehr noch Michael Kölmel und dessen Exekutor Winfried Lonzen einen gehörigen Anteil an der Spaltung der Leutzscher Fanszene und schließlich auch am Aus des Traditionsverein haben, ist ein Faktum. Sich jetzt zu beschweren kommt allerdings Monate, wenn nicht sogar Jahre zu spät.

Vor dem Anpfiff hatten die Spieler ein Plakat präsentiert. „DANKE an die besten Fans der Welt!“, war darauf zu lesen. Augenzeuge René Loch, einer Parteinahme in der Leutzscher Frage unverdächtig, ordnet ein:

Ein solches Banner hätte die Mannschaft seitens der Fans verdient gehabt. Auch jene Fans, die den Verein in den vergangenen Monaten im Stich gelassen haben, als die geilsten der Welt zu bezeichnen, grenzt an Sarkasmus. Die geilsten Fans der Welt sorgten nach nicht mal einer Minute für eine Spielunterbrechung, nachdem einige von ihnen auf den Rasen gelaufen waren und zuvor Feuerwerkskörper aufs Spielfeld geworfen hatten. Auf dem Norddamm explodierten auch einige Böller. Innerhalb der ersten 30 Minuten etwa aller zwei Minuten, anschließend nur noch sporadisch. Die Durchsage des Stadionsprechers, man schade damit dem Verein (finanziell), erntete nur noch bitteres Gelächter.

Auch die Namensfrage stößt bei Loch auf Unverständnis:

Das gehört zu den Dingen, die nur schwer zu begreifen sind. Kein einziger Fangesang kommt ohne die Worte „BSG“ oder „Chemie“ aus, doch trotzdem scheint es für viele so schwer vorstellbar, unter einer wiedervereinigten Flagge der BSG Chemie einen Neuanfang zu starten. Natürlich lassen sich die rechten Auswüchse des FC Sachsen („So ein Jude!“, „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher!“ halte ich auch für prinzipiell bedenklich) nur schwerlich mit den linken Diablos der BSG Arm in Arm vorstellen, doch gibt es beim FCS ja auch noch viele andere nun Heimatlose. Auf solche, die beim Anblick einer MDR-Kamera davon sprechen, dass man „diesen Fotzen in die Fresse schlagen“ müsse, kann die BSG Chemie hoffentlich auch verzichten. Doch der Versuch zweier Leutzscher Vereine, die sich auf die selbe Vergangenheit berufen, ist gescheitert. Es geht nur gemeinsam.

Enttäuschung, Trauer, auch Wut – eine labile Gefühlslage sei den Anhängern in den finalen Stunden ihres Vereins vergönnt. Dennoch war der letzte Heimauftritt unglücklich. Oder, je nach Lesart, bezeichnend: Während die Spieler auf dem Platz mit dem beachtlichen Sieg gegen Bautzen erfolgreich um ihre persönliche sportliche Zukunft kämpften, lieferten auf und neben den Rängen zumindest einige Fans ex post die besten Argumente dafür, warum beim FC Sachsen das Licht ausgeknipst wird. Ein neuer Leutzscher Verein ist bereits in der Mache, so wird gemunkelt. Als Nachfolger des FC Sachsen und Konkurrent zur BSG Chemie wohlgemerkt. Dieser Verein mit dem Arbeitstitel „BSG Sachsen Leipzig“ wäre wahrlich ein gutes Auffangbecken – die Spieler sind damit jedoch nicht gemeint.




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2 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Sündenbock03
    Kommentar von
    23.05.2011 um 18:45
    1

    Leseempfehlungen, die ihren Namen verdienen. Danke.


  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    24.05.2011 um 9:32
    2

    Scheint ja tatsächlich eine Neugründung als SG Leipzig-Leutzsch zu geben, einfach unglaublich. Da hört es echt auf. Wie dem auch sei, mein Mitgliedsantrag für die BSG Chemie ist raus, und aus Gesprächen meine ich zu wissen, dass viele folgen werden. Wäre nur schade um den AKS.

    Zum Artikel: Abgesehen von dem „fragwürdigen Liedgut“ das ja immer von den gleichen Idioten kommt, warum wird hier das bißchen Plätz stürmen und zündeln auf einmal als böse angesehen. Fand es eher positiv, dass wenigstens noch ein bißchen Leben und Wut im FCS steckt.
    Und es liest sich ja fast so, als wären alle die, die da skandierten „Ihr habt uns an RB verkauft“, immer nur brav hinter dem Vorstand hergedackelt. Es gab Protestaktionen und viele haben die letzten drei Jahre sehr kritisch begleitet und auch gegen Windmühlen gekämpft, die „beschweren sich nicht erst jetzt“. Kommt mir zu undifferenziert rüber.
    Und wenn du Rene Loch zitierst: Warum haben denn Fans und Mitglieder den Verein im Stich gelassen? Hier wird Ursache und Wirkung vertauscht, das ist die Argumentationslinie von Kratz&Co.

    Das bißchen Kritik musste sein, es grüßt in tiefster Verwirrung: Almir




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