FC Sachsen Leipzig schreibt zum letzten Mal Geschichte
Mittwoch, 18. Mai 2011, 23:15 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 19. Mai 2011, 23:38 Uhr
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Schluss, aus und vorbei: Das Kapitel FC Sachsen Leipzig ist beendet. Der Leutzscher Traditionsverein soll abgewickelt und aus dem Vereinsregister gestrichen werden. Eine Bestandsaufnahme

Der 18. Mai 2011 ist ein historischer Tag. Er steht für das endgültige Aus des FC Sachsen. Insolvenzverwalter Heiko Kratz verkündete heute auf einer Pressekonferenz, dass der Spielbetrieb zum 30. Juni eingestellt wird. „Der Verein wird im Rahmen des Insolvenzverfahrens abgewickelt“, so Kratz. Aus Kostengründen könne der Spielbetrieb in der nächsten Saison nicht sichergestellt werden. Nach der Abwicklung soll der FC Sachsen aus dem Vereinsregister gelöscht werden. Damit würde der Rechtsnachfolger der Betriebssportgemeinschaft Chemie Leipzig, die zu DDR-Zeiten zwei Mal Meister wurde und einmal den Pokal holte, endgültig von der Bildfläche verschwinden.

„Man kann kein Spielrecht kaufen“

Anlass für die kurzfristig einberufene Pressekonferenz waren Berichte der Leipziger Volkszeitung, die bereits im Vorfeld von Kratz’ Plänen erfahren hatte. Der Insolvenzverwalter bestätigte heute, dass alle Nachwuchsmannschaften und das U23-Team des FC Sachsen der BSG Chemie beitreten sollen. Damit würde sich auch das Landesliga-Spielrecht der zweiten Mannschaft auf die BSG Chemie übergehen. Für den Startplatz in der NOFV-Oberliga Süd kommt RB Leipzig in Frage. Das genaue Prozedere ließ Kratz jedoch offen: „Man kann kein Spielrecht verkaufen. Man kann Abteilungen übertragen. Dafür gibt es Rahmenbedingungen. Das versuchen wir gerade.“

Kratz und die beiden nach dem Abgang von Lars Ziegenhorn verbliebenen Vorstandmitglieder Matthias Weiß und Uwe Seemann haben offenbar bis zur letzten Sekunde auf das Überleben des Vereins gehofft. Weil jedoch keine neuen Sponsoren akquiriert werden konnten, etwa die Hälfte aller Mitglieder ihre Beiträge nicht zahlten, die Zuschauerzahlen in den letzten Monaten stark rückläufig waren und mehrere Heimspiele wetterbedingt abgesagt wurden, ist die Deckungslücke im Etat immer weiter angewachsen.

Große Deckungslücke und kein Geld für nötige Investitionen

Für die jüngsten Rückschläge sorgten die verhaltenen Zuschauerzahlen beim Derby gegen den 1. FC Lok sowie gegen den FSV Zwickau. Weiß und Seemann („Der Vorstand ist mitgescheitert“) zeigten sich „enttäuscht“ von den Mitgliedern und Fans, hätten außerdem „mehr Unterstützung von der Stadt erwartet“. Was bleibt, ist ein großes Loch im Etat. „Es gibt eine Deckungslücke“, so Kratz, „aber die Höhe ist Spekulation.“ Wie Kratz andeutete, könnte diese im mittleren fünfstelligen Bereich liegen. Eine Summe jenseits der 100 000 Euro, wie sie Guido Schäfer in der LVZ kolportiere, wies Kratz jedoch zurück.

Schwerer noch als die kurzfristigen Verbindlichkeiten wiegen die strukturellen Begebenheiten im maroden Alfred-Kunze-Sportpark. „Die Bausubstanz ist weit über zehn Jahre alt. Und die Energiekosten verteuern sich weiter“, so Kratz. „Die Kosten, die der Alfred-Kunze-Sportpark verursacht, kann mit dem Spielbetrieb in der Oberliga nicht gedeckt werden.“ So verschlingt etwa der Fuchsbau pro Jahr 20 000 Euro Energiekosten. Mit moderner Dämmung würde sich dieser Betrag mindestens um die Hälfte verringern. Allein, es fehlt an Liquidität, um die nötigen Investitionen in der Energieinfrastruktur zu ermöglichen.

Kratz fordert alle Beteiligten an einen Tisch

Vor diesen Herausforderungen würde selbstverständlich auch die BSG Chemie stehen, sollte sie tatsächlich in den Alfred-Kunze-Sportpark einziehen. Kratz sieht jedoch die Chance, mit einem unterklassigen Spielrecht „Dinge zu bewegen“ – im Namen der Nachwuchsmannschaften betonte Kratz die soziale Funktion, die ein starker Fußballverein in Leutzsch erfüllen würde. „Dafür müssen alle Beteiligten ins Gespräch kommen“, sagte Kratz an die Adresse von BSG Chemie und Stadt Leipzig als Verpächterin des Sportpark-Geländes.

Welcher Verein auch immer zukünftig im Alfred-Kunze-Sportpark Fußball spielen wird – der FC Sachsen wird es auf jeden Fall nicht sein. Im Sommer ist endgültig Schluss. Bis dahin, so Kratz, sei genügend Liquidität vorhanden, um die Saison zu Ende zu spielen. Danach stehen die Zeichen auf Abschied. Laut Kratz laufen alle Spielerverträge aus. Das sei übrigens kein Insolvenzspezifikum, schob der Mann hinterher, der den FC Sachsen abwickeln wird.

Trivia: Gegen Ende der Pressekonferenz meldeten sich die treuesten der treuen Leutzscher Seelen mit verzweifelten Fragen zu Wort. So etwa Uwe Herziger, designierter ehemaliger Verantwortlicher für das Fanprojekt des FC Sachsen. Herziger artikulierte seine Hoffnungen auf den Mann aus der Schweiz mit dem Geldköfferchen und der einen oder anderen Million. Darauf Kratz kompromisslos: „Die Strukturen sind nicht überlebensfähig.“ Langfristige Perspektive gleich null. „Die Frage ist: Kann man nachhaltig strukturieren? Das ist mit den Gegebenheiten nicht machbar. Diese Rahmenbedingungen wird es nicht geben.“

Analoge Leseempfehlung: Die Leipziger Volkszeitung hat in ihrer Printausgabe vom Donnerstag, dem 19. Mai Stimmen zusammengetragen. Zu lesen sind die Meinungen von Enrico Köckeritz (aktueller Spieler), Klaus Reichenbach (Präsident Sächsischer Fußballverband), Dirk Majetschak (Vorstand Sport des 1. FC Lok) sowie von den ehemaligen Spielern und Trainern Hans-Jörg Leitzke, Uwe Ferl, Achim Steffens und Frank Engel.

Fakten, Pläne und Hoffnungen: So könnte es weiter gehen im Leutzscher Fußball

* der FC Sachsen stellt den Spielbetrieb zum 30. Juni ein, wird abgewickelt und schließlich aus dem Vereinsregister gelöscht

* RB Leipzig übernimmt (über welchen dunklen Pfad auch immer) das Oberliga-Spielrecht der ersten Mannschaften des FC Sachsen

* die U23 (zur Zeit im Abstiegskampf in der Landesliga) und alle Nachwuchsmannschaften (insgesamt soll es sich um zehn Teams handeln) treten der BSG Chemie bei, die Spielrechte würden jeweils an die BSG Chemie gehen

* BSG Chemie und Stadt Leipzig erarbeiten ein tragfähiges Nutzungskonzept für den Alfred-Kunze-Sportpark

* Klüngel, Nazis & Co. buchen ein One-Way-Ticket in die Südsee

* die BSG Chemie schlägt den Weg des „geilen Stadtteilvereins“ ein, beginnt einen Neuanfang auf dem Leutzscher Kiez und akquiriert neue (alte) Sponsoren

Was man über den Leutzscher (und den Leipziger) Fußball unbedingt wissen sollte:
Der FC Sachsen Leipzig ist 1990 als Rechtsnachfolger der legendären BSG Chemie Leipzig gegründet worden, die 1964 unter Trainer Alfred Kunze mit dem „Rest von Leipzig“ sensationell DDR-Meister wurde. Die über 20-jährige Geschichte des FC Sachsen ist die Geschichte der „Hoffnung Mitteldeutschlands“, die in regelmäßigen Abständen „Schnellboote“ (wenn sich das Vokabular verselbstständigt) in Richtung Bundesliga ins Elsterwehr einließ. Doch fehlendes Geld, Konzeptlosigkeit und persönliche Eitelkeiten – oder wahlweise auch all diese Faktoren in ihrer Kombination – verhinderten einen Aufstieg jenseits der Drittklassigkeit. 2001 sorgte die erste Insolvenz für den Absturz in die vierte Liga. Zehn Jahre später besiegelt die zweite Insolvenz das endgültige Aus des Vereins – in Liga fünf. Die Vorgeschichte in Stichworten: Michael Kölmel, Zentralstadion, Winfried Lonzen, Red Bull – einige der Gründe, weshalb 2008 die BSG Chemie wiederbelebt wurde. Damit verbunden wanderten zahlreiche kreative, engagierte und kritische Kopfe in die Kreisklasse ab. Für die Leutzscher Fanszene hatte das folgenschwere Konsequenzen. Dieser Tage holt den Verein diese Entwicklung ein – der Kreis scheint sich zu schließen.




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6 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Aus die Maus « tee
    Pingback von
    19.05.2011 um 0:43
    1

    [...] es mit dem FC Sachsen ja genug bergab ging, ist er nun auch schon Geschichte. Share and [...]


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    19.05.2011 um 0:48
    2

    „Eine Summe jenseits der 100 000 Euro, wie sie Guido Schäfer in der LVZ kolportiere, wies Kratz jedoch zurück.“
     
    hat der mdr dann nur <a href=“http://www.mdr.de/sport/fussball_ol/8610210.html“>nicht richtig zugehört</a>?
     
    „“Keine Bank der Welt würde dem Verein Geld geben“, begründete Insolvenzverwalter Kratz die Entscheidung gegen den Fortbestand des Vereins. Die Deckungslücke des Vereins soll durch fehlende Sponsorengelder und geringe Zuschauereinnahmen auf mindestens 100.000 Euro gestiegen sein.“


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    19.05.2011 um 8:24
    3

    Es ist auch möglich, dass ich nicht richtig zugehört habe, aber: Kratz hat explizit gesagt, dass die Summe noch nicht genau taxiert werden kann. Das sei alles Spekulation, und daran werde er sich nicht beteiligen. Das machte er dann aber doch: Er sagte so etwas wie, dass die Summe nicht einmal halb so hoch ist, wie sie in den Medien dargestellt wurde. Die Zahl ist meine Interpretation und muss nicht stimmen. Also streite würde ich mich nicht darum.

    Wichtig ist aber: Die Deckungslücke ist strukturell beding. Sollte sie ausgeglichen werden, würde sich langfristig eine neue auftun.


  1. Gravatar of Sündenbock03
    Kommentar von
    19.05.2011 um 10:33
    4

    Du hast richtig gehört, Bastian. Genau so war die Aussage.


  1. Gravatar of Sachsen Leipzig muss Spielbetrieb einstellen
    5

    [...] zum 30 Juni eingestellt werden wird Der TraditionsClub steht damit vor dem endgültigen Aus FC Sachsen Leipzig schreibt zum letzten Mal Geschichte der FC Sachsen stellt den Spielbetrieb zum 30 Juni ein wird abgewickelt und schließlich aus [...]


  1. Gravatar of Flohbude
    Trackback von
    23.05.2011 um 11:25
    6

    Grün-Weißes Requiem…

    „Der Verein wird im Rahmen des Insolvenzverfahrens abgewickelt“, sprach der Insolvenzverwalter und ich denke nur: Das ist der Gnadenschuss. Und: Danke. *** Es gab da mal einen Fan im Rollstuhl, verziert wie ein Karnevalswagen in Rio, alles in Grün und…




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