Leipzig vor der nächsten Fußball-Revolution
Dienstag, 17. Mai 2011, 23:39 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 18. Mai 2011, 10:02 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, BSG Chemie Leipzig, FC Sachsen Leipzig, Kommerz- & Medienfußball, Medienschau, Vereinspolitik

Adé, FC Sachsen Leipzig – dem Verein, der in der Insolvenz dahinsiecht, soll endgültig das Licht ausgeknipst werden. Fakten, Fragen und keine Antworten

2008, 2009 und jetzt 2011? Der Leipziger Fußball steht vor einer weiteren Fußball-Revolution. Das legt zumindest die Leipziger Volkszeitung nahe, die von einer „sensationelle[n] Entwicklung“ schreibt und sich auf „exklusiv[e] Informationen“ beruft. Demnach soll Insolvenzverwalter Heiko Kratz den Laden FC Sachsen Leipzig endgültig zuschließen und den Schlüssel ins Elsterwehr werfen. Nach der Wiederbelebung der BSG Chemie 2008 und der Installation von RasenBallsport Leipzig 2009 würde sich damit ein Leipziger Fußball-Kreis schließen.

Verein ohne Geld und ohne Fans

Die Hintergründe, die Kratz zu diesem Schritt bewogen haben sollen, sind wenig überraschend. LVZ-Mann Guido Schäfer nennt bekannte Fakten: eine sechsstellige Deckungslücke im Etat, wegfallende Sponsorengelder, nicht gezahlte Mitgliedsbeiträge, hohe Betriebskosten im maroden Alfred-Kunze-Sportpark und nicht zuletzt die Fan-Abspaltung 2008 und der auch damit zu begründende Zuschauerrückgang insbesondere in den letzten Monaten. Schäfer erklärt, warum der Leutzscher Fußball trotz dieser Entwicklung eine Zukunft haben soll:

Weil Kratz mittlerweile aber ein Grün-Weißer durch und durch ist und er unter dem finalen Aus für den FC Sachsen selbst leidet, laufen seit Wochen geheime Gespräche mit dem Fußball-Verband, der abtrünnigen BSG Chemie Leipzig und RB Leipzig über einen gangbaren Plan B. Der soll retten, was zu retten ist und aus der schlimmen Lage das Bestmögliche für alle Beteiligten herausholen.

Wie die LVZ erfuhr, sehen die Eckdaten des bahnbrechenden Vorhabens so aus: Die Oberliga-Spielberechtigung der Leutzscher wird zu Geld gemacht, muss zu Geld gemacht werden. Dem Vernehmen nach hat der in der Bezirksliga aktive Unterbau der Roten Bullen Interesse signalisiert, könnte über das Vehikel FCS sofort zwei Klassen überspringen und so seine Aufgabe als Zulieferer für die Rasenball-Profis besser nachkommen. […]

Die aktuell im Abstiegskampf der Sachsenliga befindliche U23 des FC Sachsen wiederum schließt sich, wenn alles funktioniert, wie gewünscht, zur neuen Saison der BSG Chemie Leipzig an und bringt als Mitgift sämtliche Jugendmannschaften (!) mit. Damit wäre erreicht, dass die Leutzscher Talente in Leutzsch gehalten und weiter gefördert werden.

Für manche Augen liest sich das sicherlich wie ein Pakt mit dem Teufel. Für mich nicht. Soll der Alfred-Kunze-Sportpark auch demnächst mit grün-weißem Vereinsleben gefüllt werden, ist eine bedingte Zusammenarbeit mit RB Leipzig unerlässlich. Ein solches Interesse ist übrigens von Gegenseitigkeit. Denn Red Bull bedient sich hier eines genialen Marketingtricks – getreu der Weisheit „Teile und herrsche“. RB wäre der erste und einzige in der Schlange der Vereine, die sich anschickten, den Alfred-Kunze-Sportpark zu übernehmen, sollte der FC Sachsen liquidiert werden. Das Interesse daran kann bei Red Bull jedoch nicht sonderlich ausgeprägt sein, es sei denn, das Projekt will mit dem Vorwurf, ein Aasgeier zu sein, leben. Da scheint es ungleich zielführender, dem Leutzscher Fußball ein bisschen auf die Beine zu helfen – und ganz nebenbei das Landesliga-Spielrecht für die eigene zweite Mannschaft abzugreifen.

Kontinuierlich auf die Liquidierung hingearbeitet – Chance für Neuanfang

Aus Leutzscher Sicht bliebe kein bitterer Nachgeschmack. Nicht nach der Entwicklung der letzten Monate und Wochen. Der FC Sachsen hat seit der Wiederbelebung der BSG Chemie ebenso beharrlich wie kontinuierlich auf seine Liquidierung hingearbeitet, konstruktive Kooperationsangebote ausgeschlagen, sich in fatale Selbstgerechtigkeit geflüchtet. Diesem FC Sachsen muss man keine Träne nachweinen.

Stattdessen liegt in der Entwicklung die Chance für einen echten Neuanfang. Die aktuellen Ereignisse geben all jenen recht, die sich in den letzten Jahren vom FC Sachsen verabschiedet haben. Unabhängig davon, ob sie ihren Weg zur BSG Chemie, zu RB Leipzig oder ins Fußball-Nirvana gefunden haben. Die finale Auflösung des FC Sachsen ist – und das meine ich frei von jeglicher Häme und Arroganz – ein Glücksfall für den Leipziger Fußball und eine späte Gewissheit für diejenigen, die sich von ihm abwendeten, ihn zu retten versuchten und/oder an ihm scheiterten: Es war nicht umsonst.

Keine klaren Bekenntnisse für den Leutzscher Fußball

Bis zuletzt hatte es Bestrebungen gegeben, den real existierenden Leutzscher Fußball zu reformieren. Auch innerhalb des FC Sachsen entstand eine oppositionelle Strömung. Vom Verein wurde sie jedoch böse abgegrätscht. Welche Rolle spielte dabei eigentlich der Insolvenzverwalter? Guido Schäfer suggeriert, dass die Rettung des Leutzscher Fußballs für Heiko Kratz eine Herzensangelegenheit sei. Da scheint es zumindest verwunderlich, dass Kratz bis heute nicht aktiv an einer Leutzscher Wiedervereinigung mitgewirkt hat. Bemühungen auf Seiten der Fans waren da. Unterstützung oder zumindest ein klares Bekenntnis der Verantwortlichen blieben aus. Stattdessen nährte der Verein bis zu seinen – offensichtlich – letzten Zügen Aufstiegshoffnungen. Wie passt das zusammen? Hat sich Kratz als erster und letzter Mann im Verein tatsächlich nicht durchsetzen können?

Auch sonst gibt es mehr Fragen als Antworten. Sollte die BSG Chemie tatsächlich eines Tages den Alfred-Kunze-Sportpark beziehen, stünde auch sie vor dem Problem, den Betrieb zu finanzieren. Bei aller Großzügigkeit – dafür würde Red Bull dann wohl doch nicht aufkommen. Fraglich ist auch, wie der harte Kern der unverbesserlichen Sachsen-Leutzscher reagiert. Steht TuRa 1899 bereits in den Startlöchern? Man darf gespannt sein. Die nächsten Wochen werden alles andere als langweilig. Sollte sich auch nur die Hälfte der LVZ-Geschichte bewahrheiten, würde der FC Sachsen wohl tatsächlich sein verdientes Ende finden. Nach all den Querelen mit dem Zentralstadion, Michael Kölmel, Red Bull und dem „Verrat“. Nach einer über zwanzigjährigen Geschichte zwischen Schnellboot und Schiffbruch. Noch vor einem Jahr hatte Jens Fuge, damals Vorstandsmitglied, die Marke und das Projekt FC Sachsen für gescheitert erklärt. Jetzt ist der Verein drumherum gestorben.

Übrigens: Die LVZ hat einen Scoop gelandet. LVZ Online vermeldete die geplante Liquidierung heute Abend 20:39 Uhr – für andere Printmedien (namentlich die Bild) war das wohl zu spät, um noch rechtzeitig in der Ausgabe für den nächsten Tag zu reagieren.

Update vom Mittwoch, 18. Mai 2011, 9:30 Uhr:

Es verdichten sich die Anzeichen, dass die Geschichte wasserdicht ist. Die BSG Chemie Leipzig hat auf ihrer Homepage offiziell bestätigt, dass der Verein über das bevorstehende Ende des FC Sachsen informiert war. Derzeit wird geprüft, unter welchen Umständen die Aufnahme der Nachwuchsmannschaften und der Umzug in den Alfred-Kunze-Sportpark gewährleistet werden kann:

Wir als BSG Chemie Leipzig sehen uns nach unserem Leitbild in der Tradition des Leutzscher Fußballs.
Nach Gesprächen mit Vertretern des FC Sachsen Leipzig und Insolvenzverwalter Heiko Kratz in den letzten Tagen sind wir über das bevorstehende Ende des Vereins informiert worden.
Um den Nachwuchsmannschaften des FC Sachsen Leipzig eine Zukunft zu sichern, und den Fortbestand des Leutzscher Fußballs im Alfred-Kunze-Sportpark zu gewährleisten, arbeiten wir an einem tragfähigen Konzept. Dazu gibt es Gespräche mit Freunden und Förderern des Fußballs in Leipzig-Leutzsch.
Mit dem offensichtlichen Aus des FC Sachsen Leipzig sind alle Chemiker in der Pflicht, ihren Beitrag für den Erhalt des grün-weißen Fußballs zu erbringen – frei nach dem Motto von Alfred Kunze: „Wer nicht alles gibt, gibt nichts.“

Leipzig, den 18.05.2011
Der Vorstand der BSG Chemie Leipzig e.V.

Unterdessen hat Bild noch im Laufe des gestrigen Abends reagiert: „Insolvenzverwalter gibt den Klub auf“. Ein entsprechender Bericht hat es auch in die heutige Print-Ausgabe geschafft (danke an rotebrauseblogger).




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6 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of René
    Kommentar von
    18.05.2011 um 1:26
    1

    Das ist jetzt vielleicht eine etwas einseitige Sicht, aber für die Vereine, die in Leipzig noch eine Perspektive haben, in diesem Fall u.a. RB und Chemie, wäre es wohl das Beste. RB bekommt die Zweite auf ein annehmbares Ligen-Niveau und die BSG springt ebenfalls ein paar Ligen nach oben, wo sie fantechnisch auch hingehört.
    Und der FCS? Ich war gegen Zwickau im Stadion und das war erschreckend. Allein die Anwesenheit dieser beiden Mannschaften im Zusammenspiel mit der damals noch existenziellen Abstiegsnot der Sachsen sollte ja eigentlich Leben in die Bude bringen. Stattdessen (abgesehen von den Zwickauern) Friedhofsstimmung. Da muss selbst der größte RB-Hasser anerkennen, dass dort mittlerweile bei Weitem bessere Stimmung im Stadion ist. Ich hatte damals irgendwo geschrieben, dass sich der FC Sachsen nur noch aufgrund seines Namens von den restlichen Vereinen aus mittleren Ligen abhebt. Viele andere Gründe, warum es nun ausgerechnet diesen Verein statt sagen wir mal den VfB Auerbach in dieser Liga braucht, fallen mir nicht ein.
    Ohne ein besonderer Experte zu sein: Ich denke auch, dass die aktuelle Entwicklung für den Leutzscher Fußball das Beste ist (und es selbst bei einem Fortbestand der Sachsen mit jedem Aufstieg der BSG in diese Richtung bewegt hätte).


  1. Gravatar of rotebrauseblogger
    Kommentar von
    18.05.2011 um 7:59
    2

    Mal fernab der inhaltlichen Bewertung und der Frage danach, ob das alles tatsächlich so eintreten wird oder nicht, wollte ich nur anmerken, dass es das Thema auch bei BILD auf die heutige Titelseite und in den Sportteil gebracht hat. Scheint aber – ohne Quellenangabe – von der LVZ abgeschrieben zu sein..


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    18.05.2011 um 9:30
    3

    @René: Ich hatte damals schon mit großer Aufmerksamkeit im RB-Forum deine Eindrücke vom Spiel gegen den FSV Zwickau gelesen. Das macht insbesondere dann sprachlos, wenn man daran denkt, zu welchem Höhepunkt sich das Duell Leutzsch – Zwickau in den letzten Jahren entwickelt hat (inklusive des Gastspiels der BSG Chemie in Zwickau im Frühjahr dieses Jahres).

    @rotebrauseblogger: Danke für das Update. In der Nacht bin ich noch auf einen entsprechenden Online-Artikel von Bild gestoßen. Zumindest schien die Zeit dann zu kurz, die Geschichte noch mit eigenen Recherchen anzureichern. Ich habe das mal mit ergänzt.


  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    18.05.2011 um 11:06
    4

    Unabhängig aller Theorien, allen Planspielen und hoffnungsvollen Visionen: der Verfall der Grün-Weißen-Fußballkultur würde in einem solchen Pakt letztlich nur gipfeln. Mag das alles nicht mehr mit ansehen. Für die Lokomotive wird es genauso elend verlaufen. Letztlich dem großem Brause-Konstrukt so auf allen Vieren begegnen zu müssen … für etwas Gnadenbrot, einem Minimum fast musealer Fußballtradition – es ist paradox!


  1. Gravatar of René
    Kommentar von
    18.05.2011 um 11:13
    5

    Das Duell Zwickau-BSG, von dem ich da kurz vorher YouTube-Schnipsel gesehen hatte, kam mir dann auch in den Sinn. Da dämmerte mir dann auch, dass – wenn nichts Unvorhergesehenes passiert – in Leutzsch wohl mittelfristig bloß ein Verein ne Zukunft hat.


  1. Gravatar of FC Sachsen Leipzig schreibt zum letzten Mal Geschichte | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    6

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