Carsten Hänsel hier, Peter Pacult da
Dienstag, 3. Mai 2011, 20:40 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 18. Mai 2011, 10:00 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, FC Sachsen Leipzig, Kommerz- & Medienfußball, Medienschau, Transfers, Vereinspolitik

Neutrainer-Tage in Fußball-Leipzig: Mit Carsten Hänsel und Peter Pacult treffen ab der nächsten Saison zwei verschiedene Welten auf Leipzigs Trainerbänken aufeinander.

Im Gegensatz zu Achim Steffens oder Dirk Heyne muss man seinen Namen erst einmal googeln: Mit Carsten Hänsel (28) soll Heyne beim FC Sachsen Leipzig ein Vertreter jenes Typs Trainer nachfolgen, der stark im Trend liegt. Jung, dynamisch, kommunikativ, umfassende Erfahrungen in der Arbeit im Nachwuchsbereich – Hänsels Bewerbungsunterlagen decken sich mit jenen eines Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder Michael Oenning. Der moderne Trainer scheint sich nicht mehr über eine meritorische Spielerkarriere und eine entsprechend gefüllte Pokalvitrine legitimieren zu müssen. Für eine erfolgreiche Trainertätigkeit sind Respekt und Autorität zwar nach wie vor notwendige, längst aber keine hinreichenden Bausteine mehr. Es bedarf zunehmend der Ergänzung durch soziale Kompetenz, Offenheit und psychologische Expertise.

Wandel im Trainer-Rollenbild

Der internationale Fußball kennt solche Beispiele bereits seit Jahren. José Mourinho und Joachim Löw sind nur die prominentesten Vertreter eines fundamental gewandelten Trainer-Rollenbildes. Mit einigen Abstrichen passt auch der jüngst bei RB Leipzig vor die Tür gesetzte Tomas Oral in dieses Raster. Dass der hessische Bub in der deutschen Red-Bull-Dependance nicht funktionierte, lag wohl auch an seinen zwischenmenschlichen Defiziten. Umso bemerkenswerter scheint vor diesem Hintergrund die Direktive aus Salzburg, Peter Pacult als Oral-Nachfolger zu installieren.

Anachronismus Pacult

Der Grantler Pacult passt nicht in das Bild eines modernen Trainers. Pacult steht für wenig Zuckerbrot und viel Peitsche, ist ein Schüler von Ernst Happel – seines Zeichens primäre Soziallisationsinstanz für Felix „Quälix“ Magath – und Werner Lorant, wie Guido Schäfer in der Leipziger Volkszeitung treffend feststellt. Die Personalie Pacult ist ein Anachronismus. Sollte auch er in Leipzig scheitern, könnte sich das Sportimperium von Dietrich Mateschitz endgültig der Lächerlichkeit preisgeben. Die Vorgeschichte ist so ereignisreich, dass die Umschreibung als permanente Fluktuation wie eine schamhafte Untertreibung wirkt. Guido Schäfer erinnert an zwei inzwischen unübersichtlich gewordene Jahre:

RB-Club-Präsident Andy Sadlo ist Vergangenheit, die vermeintliche Zukunft, Didi Beiersdorfer, hat auch schon wieder aufgehört.
Aufstiegs-Sportdirektor Joachim Krug ist passé, sein Nachfolger Thomas Linke steht nach den jüngsten Entwicklungen zur Disposition.
Aufstiegstrainer Tino Vogel ist weg, sein Nachfolger Tomas Oral nur noch geduldet.
Der in der Bundesliga gestählte Pressechef Hans Felder wurde gegangen, Enrico Bach in Dresden eingekauft.
Der junge Mann ist in bewegten Zeiten nach Leipzig gekommen, sitzt auf einem brodelnden Kochtopf. Unterm Deckel: Enttäuschte, Unzufriedene, Gerüchte.

Pacult und die Medien

Soviel ist sicher: Mit Pacult wird es nicht langweiliger beim Projekt RB Leipzig, das längst zu einem soziologischen Phänomen avanciert ist. Für den Österreicher spricht seine zuletzt sehr erfolgreiche Zeit mit Rapid Wien. 2008 holten die Hütteldorfer den österreichischen Meistertitel, zwei Mal gelang der Einzug in die Gruppenphase der Europa League. Bei Dynamo Dresden, sozialmoralisch dem FC Sachsen ungleich näher als der Klub aus der Stadt der Kaffeehauskultur, scheiterte Pacult jedoch. Sollten sich die Misserfolge auch in Leipzig häufen, wäre Pacult, dessen Verhältnis zu den Medien eher jenem Louis van Gaals als dem Jürgen Klopps gleicht, das ideale Angriffsziel.

Disclaimer: Weder die Personalien Hänsel noch Pacult sind von den Vereinen jeweils offiziell bestätigt worden. Es ist bezeichnend, dass beide Scoops von der oft sehr gut informierten Bild kamen. Aber wenn das Blatt schon die Kompetenz für sich beansprucht, Trainer zu entlassen, warum sollte sie dann nicht bei der Inthronisierung selbiger mitwirken?

Update vom Mittwoch, 23:57 Uhr

Es ist amtlich: Wie RB Leipzig heute Abend offiziell mitgeteilt hat, ist Peter Pacult ab kommender Saison neuer Trainer der deutschen Red-Bull-Filiale. Gleichzeitig zog Sportdirektor Thomas Linke seine Konsequenzen und trat zurück. Linke, der erst im Februar in seine Funktion berufen worden war, soll mit der Personalentscheidung nicht einverstanden gewesen sein und sich übergangen gefühlt haben. RB Leipzig kommt damit nicht zur Ruhe. In zwei Jahren hat das Projekt Bundesliga nicht nur zwei Trainer, sondern auch drei Sportdirektoren verschlissen. Eine lesenswerte, das Wirken Mateschitz‘ kritisch betrachtende Analyse dazu liefert rb-fans.de (via @DerPeder). Auf Abenteuer Fussball ist ein Interview mit @rapidhammer zu lesen (via @mschoob) – es geht um die Einschätzung Pacults als Trainer und Persönlichkeit.

Unterdessen hat Carsten Hänsel auf die Spekulationen um ein mögliches Engagement beim FC Sachsen reagiert. Es gebe keinen offiziellen Kontakt, ließ sich Hänsel bei LVZ Online zitieren. Das Dementi wirkt allerdings windelweich: Hänsel habe mit seinem derzeitigen Arbeitgeber Budissa Bautzen „Stillschweigen“ vereinbart, zukünftig sei er „offen für alles“.




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2 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    04.05.2011 um 10:32
    1

    Bin auch gespannt was mit Pacult bei RB abgeht. Hoffentlich wird es richtig schlimm und eklig. Um sicherzugehen sollte vielleicht noch Ansgar Brinkmann verpflichtet werden (wenn der noch spielt, ansonsten als Co-Trainer).
    Beim FCS finde ich die Entscheidung erstmal positiv, bin aber bei so sehr jungen Trainern eher skeptisch. Jünger als mancher Spieler zu sein kann auch schnell nach hinten losgehen. Kommt eben auf den Typ an. Man wird sehen.

    Nicht polemisch gemeint: Den Satz mit „sozialmoralisch“ habe ich nicht verstanden.


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    04.05.2011 um 11:24
    2

    Hänsels Verpflichtung ist ja immer noch nicht offiziell – mal sehen. Deine Skepsis kann ich aber nachvollziehen. Es ist zumindest ein spannender Schritt.

    Was ich mit dem sozialmoralisch meine: Ich denke, es liegen große kulturelle Unterschiede zwischen Rapid und Wien einerseits und den Städten Dresden und Leipzig und ihren Vereinen andererseits. Der Grantler funktioniert hier nicht, glaube ich.




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