Guido Schäfer 2.0
Donnerstag, 27. Januar 2011, 17:17 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 27. Januar 2011, 17:20 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, FC Sachsen Leipzig, Medienschau

Die Leipziger Volkszeitung schickt Sport- und Boulevardexperte Guido Schäfer als Blogger ins Rennen. Mit gutem Grund.

Guido Schäfer bloggt. Und das nicht erst seit ein paar Tagen, sondern gefühlt schon seit einer ganzen Ewigkeit. Wo unverblümte Meinungsfreude, schräge Vergleiche und markige Stilblüten mit einer gehörigen Portion Selbstreflexion und Sendungsbewusstsein in 40 Anschläge pro Zeile gepresst werden, steht Guido Schäfer drunter. Seit gut einem Jahrzehnt beglückt gs einsame Rentner und gelangweilte Jungleser (soll es ja noch geben) in der Leipziger Volkszeitung. Die hat jetzt, nach reiflicher Überlegung, die Zeichen der Zeit erkannt und schickt den eigensinnigen Sportredakteur ins Onlinebusiness.

Dieser multiple Aufgabenbereich muss für Guido Schäfer kein Problem darstellen. 2000 stieg der ehemalige Mainzer Fußballprofi bei der LVZ als mal kritischer, mal mitfiebernder Hofberichterstatter des FC Sachsen Leipzig ein. Im Sommer 2009 wechselte Schäfer frustriert (wie wohl so viele, die jetzt nicht mehr viel mit dem FCS zu tun haben wollen und sich bei diversen anderen Leipziger Vereinen verdingen) zum neuen regionalen Hoffnungsträger RasenBallsport Leipzig – als journalistischer Wegbegleiter gewiss. Dazu kommen keinesfalls deplatzierte Gastauftritte im Boulevard der LVZ. Und seit Neuestem also das Bloggen.

Guido Schäfers Ansichten und Stil muss man nicht mögen. Er polarisiert wie kein Zweiter. Und gerade darin liegt seine Stärke. Nicht auszudenken, wieviele Leser allmorgentlich am Küchentisch die LVZ aufschlagen und zunächst zum Sport blättern, um sich dort wiederum auf die Suche nach – je nach Lesart – schäferscher Brillianz oder Schmiererei zu begeben.

Frauen, Autos, Alkohol – es sind jene Motive, die Guido Schäfers LVZ-Kolumnen in regelmäßigen, wenngleich größeren Abständen durchziehen. Mitunter lesen sich aber auch die schäferschen Tatsachenberichte wie eine Glosse. Es ist kaum überzubewerten, welche journalistischen Freiheiten Guido Schäfer in der LVZ allgemein und der Sportredaktion insbesondere zugestanden werden. Schäfers Duktus und Themen funktionieren nur im Sport – soviel ist sicher. Aber dort funktionieren sie gut.

Für all jene, die davon nicht überzeugt sind, muss Guido Schäfer 2.0 wie eine Drohung daher kommen. Welche Grenze soll er dort überschreiten, die er im Print nicht schön längst ausgelotet hätte? Nun, ein Blog ist immer auch ein stückweit Versuchslabor. Guido Schäfer dort selbstverwirklichend tätig werden zu lassen, ist ein richtiger Schachzug von der LVZ. Auch wenn Online selbst bei hohen Klickzahlen im Vergleich zum kriselnden Print nur ein Bruchteil der Werbeerlöse zu erwarten sind, stellen für Zeitungshäuser bloggende Journalisten doch zumindest ein digitales Aushängeschild eines (scheinbar) überkommenen Geschäftsmodells dar. Bisher zögert ein Großteil der Verlage, die Möglichkeiten des Web 2.0 zu erschließen, oder scheitert daran, diese auch nur zu erkennen. Die Marke des Printproduktes mit einem guten Onlineauftritt zu stärken, ist immerhin ein erster Anfang.

Fragt sich nur, ob Verlag und Neu-Blogger Schäfer auch genügend Durchhaltevermögen beweisen, das Projekt langfristig zu betreiben. Einen Versuch wäre es wert.




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10 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    28.01.2011 um 1:04
    1

    Es stimmt ohne Frage, dass GS unverwechselbar ist, Wiedererkennungswert genießt und daher im LVZ-Mief etwas Besonderes darstellt. Wahrscheinlich willst du nichts weiteres mit diesem Artikel sagen.
    Was mich jedoch immer als Chemie-Fan störte war, von seinen Freundschaften zu Bauernschmidt&Co abgesehen, dass zwischen Fakten & Selbstdarstellung/Fiktion nicht unterschieden werden konnte. Schrieb er nun etwas bestimmtes weil es eben so war oder weil es in seinen „der Käse ist gerollt“-Stil passte? Zudem sich eben jener unverwechselbare Stil auch sehr schnell erschöpft. Das alles hat für mich wenig mit Journalismus zu tun, will ich Fakten und Fiktion vermischt sehen, lese ich die, die es gut können, wie Hunter S.Thompson oder Mark Twain. Von daher erscheint mir auch die Stilisierung zum vermeintlichen journalistischen Revolutionär etwas übertrieben: „Welche Grenze soll er noch ausloten?“, Hallo? nur weil er inmitten von LVZ-Langweiler-Rentner-Journalisten mit seinen ewig wiederholten Plattitüden hervorsticht?
    Deinen zweiten Absatz verstehe ich mal als obligatorische Breitseite gegen den FCS. Vielleicht setzt mein Gedächtnis auch schon aus, aber den Teil als Hofberichterstatter von Chemie muss ich zum Großteil überlesen haben und wenn dann muss er sich auf ein halbes Jahr bezogen haben. Den Rest „kritisch“ zu nennen ist auch mutig. Man kann zum großen Teil dazu „unterste Schublade“ sagen, man kann es aber auch „etwas Besonderes“ nennen. Die tatsächliche Hofberichterstattung der letzten anderthalb Jahre für RB (die er vor kurzem sogar selbstkritisch in der LVZ einräumte) hast du leider nicht erwähnt.
    Davon abgesehen waren seine Serien-Berichte von der Südafrika-WM unter aller Kanone. Ich habe ja nichts gegen Gonzo-Stil, aber manche der damaligen Artikel waren einfach nur sexistisch und rassistisch.
    Ok, ein Reizthema, dennoch mal wieder Danke für deine Artikel, wär ja schade wenn man nichts zum diskutieren hätte.
     
     


  1. Gravatar of rotebrauseblogger
    Kommentar von
    28.01.2011 um 10:26
    2

    @chemieblogger: Ich stimme Dir darin zu, dass es aus LVZ-Sicht eine absolut sinnige Entscheidung ist, Ihren subjektivsten Sport‘Journalisten‘ etwas Subjektives wie einen Blog füllen zu lassen. Dass Schäfer je nach Sicht irgendwo zwischen einzigartig, anders, witzig, unterhaltsamem White Trash und Sexist/ Rassist rangiert, wird davon nicht tangiert. Auffällig bleibt, wie lieblos die LVZ ihre (reichlich versteckte) Blog-Ecke mit ihrer Handvoll Autoren (vor allem optisch) behandelt. Vielleicht ist es work in progress, aber wenn das so bleibt, produzieren sie das Nichtgelingen des 2.0-Experiments gleich mit. Mal ganz davon abgesehen, dass es bisher nur als weiterer Distributionskanal betrieben wird. Naja, mal schauen, was draus wird.
    @Almir: die Hofberichterstattung Schäfers unterscheidet sich aus meiner Sicht in Bezug auf den FCS und den RBL nicht wesentlich. Es ist doch immer vom selben Prinzip getragen. Am Anfang der Saison wurde/ wird der Marsch in die Bundesliga ausgerufen, der angesichts des Personals gar nicht schief gehen kann und nach zwei, drei schlechten Spielen gibt es auf den Sack, den berühmten. Da gab es beim FC Sachsen, aufgrund der Geschichten im Umfeld des Vereins eventuell noch etwas mehr Möglichkeiten, das auszubauen, aber im Grunde ist die Herangehensweise ähnlich.


  1. Gravatar of Matze
    Kommentar von
    28.01.2011 um 11:43
    3

    @Almir: Besonders mit deinem vorletzten Absatz sprichst du mir aus der Seele.


  1. Gravatar of Sündenbock03
    Kommentar von
    28.01.2011 um 12:20
    4

    @Almir: Doch, Bastian verweist sehr wohl auf Schäfers neuen Hof. Sogar im gleichen Abschnitt.


  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    28.01.2011 um 14:52
    5

    @sündenbock
    Will ja nicht Haare spalten und Ich weiß welchen Satz du meinst, aber „journalistischer Wegbegleiter“ und „zum RB wechseln“ heißt nicht notwendig „Hofberichterstatter“. Zudem ist, jedenfalls meiner Meinung nach, die „Hofberichterstattung“ bezüglich RB auf ganz anderem Niveau als die damalige über Chemie.


  1. Gravatar of Sündenbock03
    Kommentar von
    28.01.2011 um 15:40
    6

    Naja, anscheinend ist auch bei GS die „Euphorie“ größer.
    Und du hast Recht, passender wäre wohl „Wegbereiter“ als „Wegbegleiter“ ; )


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    28.01.2011 um 18:18
    7

    „Journalistischer Wegbereiter“ – eine geniale Formulierung (und es scheint mir viel zu billig, das zu unterschreiben – ich machs trotzdem).

    Danke für die Meinungen und Ergänzungen, ich gehe überall im Großen und Ganzen mit. Mir ging es nicht um eine normative Beurteilung Guido Schäfers nach journalistischen Maßstäben (was aber durchaus eine relevante Frage ist, siehe @Almir und @Matze). Das wollte ich nur andeuten – unter anderem mit dem Verweis darauf, dass er polarisiert.

    Richtig ist, was der @rotebrauseblogger sagt: Online wirkt bei der LVZ leider immer noch wie ein Abfallprodukt der Printausgabe. Die Chance, tatsächlichen und potenziellen Lesern einen echten Mehrwert und Interaktionsmöglichkeiten zu bieten, bleibt weitgehend ungenutzt. Dieses Problem eint viele Verlagshäuser. Ja, auch die LVZ-Blogs sind irgendwie hingeklatscht, nehmen im Gesamtauftritt eine untergeordnete/gar keine entscheidende Bedeutung an. Hier mussdarfwird weiter experimentiert werden. Auf jeden Fall sollte mehr passieren, als der Versuch, das Print-Geschäftsmodell ins Internet hinüber zu retten. Denn dieser muss scheitern.

    Und da ist es eine nachvollziehbare Entscheidung, Guido Schäfer bloggen zu lassen. Beil aller berechtigter Kritik.


  1. Gravatar of interpreter
    Kommentar von
    interpreter
    01.02.2011 um 14:11
    8

    Hmm, kann es sein das der GS Blog nur wahllos seine hochnotpeinlichen Gedankengänge aus mehreren Dekaden recycled? Anders ist es nicht zu erklären wie man sich bei 2 aufeinanderfolgenden Beiträgen einen solchen Fauxpas leisten kann:
    Einstieg vom 28.01: „Just aus dem türkischen Trainingscamp zurück. Raki bis zum Verlust der Muttersprache, supergünstige Uhren, T-Shirts.“
    Einstieg vom 01.02: „Seit Silvester habe ich keinen Tropfen mehr angerührt, Leberwerte wie ein Kobe-Rind, sonstiges Befinden: beschissen.“
    Dazu abgewandelte DDR Witze („Ruhla, Ruhla wasserdicht – rein kommts Wasser raus kommt’s nicht“) in prosa, fehlt nur noch die alte Leier das alles von ihm abprallt wie das Wasser von der Ente.
    Wenigstens entlarvt sich die Substanzlosigkeit seiner Beiträge dadurch noch mehr und verdeutlicht die Unterschiede zwischen lesenswerten Blogs (zu welchen, trotz meiner Vereinsbrille, dieses oder das vom brauselogger gehört) und Hirnmüll.


  1. Gravatar of bfgf
    Kommentar von
    15.02.2011 um 14:39
    9

    @interpreter
    versuchst du einen auf Intellekt zu machen?
    Ließ doch einfach weiter und du erkennst die Ironie/den Sarkasmus…oder auch nicht.
    studier ruhig noch‘n bissel weiter, während der Ernst des Lebens an dir vorbeizieht.


  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    16.02.2011 um 13:05
    10

    Aber ziemlich lahm der Blog, seit zwei Wochen nix passiert und was bisher geschrieben wurde war ja auch einigermaßen hohl. So ganz scheint man da wohl von den neuen Medien noch nicht überzeugt zu sein.




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