Eitelkeit und Größenwahn verhindern Einigung in der Leutzscher Frage
Montag, 29. November 2010, 13:53 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 1. Dezember 2010, 14:16 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Vereinspolitik

Der konstruktiven Zusammenarbeit und kritischen Selbstreflexion unfähig: Der FC Sachsen Leipzig zeigt sich beratungs- und reformresistent und wird von selbstherrlichen Meinungsführern regiert. Eine Nachbetrachtung zur Mitgliederversammlung

Der FC Sachsen Leipzig hat Nein gesagt. Nein zu Annäherung und Vernunft, nein zu Neuausrichtung und Zukunft. Die Mitgliederversammlung lehnte am vergangenen Freitag einen Antrag der „Interessengemeinschaft für einen geeinten Verein unter dem Namen BSG Chemie Leipzig“ (IG) ab. Dieser sah vor, zwischen FC Sachsen und BSG Chemie eine „enge Kooperation“ anzustreben, um „mittelfristig“ das Ziel eines „gemeinsamen Verein[s] mit Sitz in Leipzig-Leutzsch“ zu erreichen. Den Weg sollte eine Kommission aus Mitgliedern beider Vereine ebnen, die „gleichberechtigt“ „Vorschläge zur Ausgestaltung der Kooperation [und] deren Um- und Durchsetzung“ sowie ein gemeinsames Vereinsleitbild erarbeiten würden. Zudem definierte der Antrag die „Organisation gemeinsamer Aktivitäten und Intensivierung der Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen“ als Aufgaben der Kooperationskommission. Die Namensfrage ließ die IG außen vor.

Konstruktives Miteinander? Fehlanzeige

Dennoch hatte der Antrag von Beginn an keine Chance. FCS-Boss Lars Ziegenhorn („Ich wünsche mir eine konstruktive Mitgliederversammlung“, „Es geht nur mit- und nicht gegeneinander“) wollte von einer mittelfristig vollzogenen Vereinigung nichts wissen. Es gebe zu viele Unstimmigkeiten, es solle zunächst eine Basis heranwachsen, ein Zusammenschluss sei im Moment nicht – schon gar nicht unter Druck – realisierbar.

Konstruktives Miteinander? Fehlanzeige. Stattdessen verlor sich Ziegenhorn in persönlichen Schuldzuweisungen und Polemik. So sei es angeblich erst auf Nachfrage des FC Sachsen zu einem einzigen Treffen mit dem BSG-Vorstand gekommen. Es stellt sich die Frage, warum Ziegenhorn das bedauert, denn: Der Anfrage, die Heimspiele der BSG Chemie zukünftig im Leutzscher Alfred-Kunze-Sportpark auszutragen, erteilte Ziegenhorn eine unbegründete Absage. Die 6000 Euro möglicher Mieteinnahmen pro Saison werde er „notfalls aus der eigenen Tasche“ bezahlen. Ziegenhorn hat offensichtlich ganz andere Vorstellungen, wähnt den Verein im Profifußball, hat den Regionalligaaufstieg fest ins Visier genommen. Sportlich scheint es zu laufen – wer braucht da noch Fans, die von weiten Teilen des FC Sachsen nach wie vor als überkritische Sektierer wahrgenommen werden?

„Wenn ich mal nicht weiter weiß, gründ ich einen Arbeitskreis“

Ziegenhorns Adjutanten sitzen in der Reihe 1b, haben inhaltlich nur wenig Konstruktives beizutragen, aber ihr Wort hat Gewicht. Bernd Bauchspieß („Die Kommission ist überflüssig“, „Wenn ich mal nicht weiter weiß, gründ ich einen Arbeitskreis“), niedergelassener Orthopäde und (in den Augen vieler Fans) gefallener ‚Held‘ der Leutzscher Legende, kann mit seiner eigenen Chemie-Vergangenheit scheinbar nichts mehr anfangen. Nach der Wende propagierte Bauchspieß die Fusion von FC Sachsen und VfB zu einem „Großverein“. Da er sich mit dieser Forderung kein Gehör verschaffen konnte, befürwortete Bauchspieß später den Einstieg von Red Bull beim FC Sachsen. Auch das wurde nichts, glücklich kann Bauchspieß anno 2010 trotzdem sein. Wenn RB Leipzig die Ehrenmitgliedschaft an ihn heranträgt, ist vielleicht endlich Schluss mit der Bauchspieß’schen Profilierungssucht auf Mitgliederversammlungen des FC Sachsen. Es ist nur schwer zu fassen, dass Bauchspieß einst für die BSG Chemie an der Leutzscher Legende mitschrieb und heute alles, was an die Erinnerung an seine eigene sportliche Glanzzeit anknüpft, rigoros ablehnt.

Den Bauchspieß’schen Apologien steht Michael Stelzer in nichts nach. Der Vereinsrevisior tut sich im FC-Sachsen-Forum als großer Stratege hervor und sieht die Leutzscher – ähnlich wie Ziegenhorn – bereits in höheren Gefilden. Stelzer („Jetzt ist endlich klar, wer hier Braut und wer Bräutigam wäre, wer Elefant und wer Maus“) deklassiert die Mitglieder der BSG Chemie als „Dritte, welche nichts haben, was uns interessieren könnte und wollen den Verein FCS in seiner Art und Form, da er immer noch lebt und nicht erlöschen [sic!] ist, ihren Stempel aufdrücken“.

FC Sachsen verharrt in Denkmustern einer zweigeteilten Fußballstadt

Nun, die BSG Chemie hält die Rechte an einem in FCS-Kreisen äußerst populären Namen und Logo. Und besagte „Dritte“ sind fast ausschließlich ehemalige Fans, Mitglieder und Mandatsträger des FC Sachsen. Es ist keinesfalls so, dass sich diese der IG bedienen, um den FC Sachsen zu infiltrieren. Die IG ist unabhängig, stimmt mit der BSG Chemie aber in einem zentralen Punkt überein: in der Kritik und Ablehnung der gegenwärtigen Vereinspolitik des FC Sachsen, die sich nie von dem „Leipzigs-Nummer-eins“-Denken emanzipieren konnte. Dieser Anspruch ist unumgänglich verbunden mit dem Namen Michael Kölmel und dem Zentralstadion – und somit auch ursächlich für die gegenwärtige Verfasstheit des Leutzscher Fußballs. Die Expertise der IG zeugt im Gegensatz von Ziegenhorn, Bauchspieß, Stelzer & Co. von einer äußerst realistischen Perspektive:

Die Lage unseres Vereins hat sich in den letzten drei Jahren grundlegend gewandelt. Die Insolvenz, die Trennung der Fans in zwei Vereine bzw. die gänzliche Abkehr vieler vom Leipziger Fußball, die jahrelange Vernachlässigung des Alfred-Kunze-Sportparks, das Fehlen eines verbindlichen Leitbildes, der Einbruch der Mitglieder- und Zuschauerzahlen und nicht zuletzt der Verlust der Vormachtstellung im Leipziger Fußball brachten und bringen unseren Verein in Existenznot.

Eine radikale Neuausrichtung des Vereins ist für die Zukunft des Leutzscher Fußballs existenziell, konkret: die Zusammenführung der gespaltenen Fanlager in einem grün-weißen Verein und die Profilierung als traditionsreiche und einzigartige Alternative im Leipziger Fußball.

In der Ära Red Bull scheint das Festhalten an veralteten Konzeptionen fatal. 20 Jahre lang investierte der FC Sachsen Geld, über das er gar nicht verfügte, um die sportliche Vormachtstellung im Leipziger Fußball zu erreichen beziehungsweise zu festigen. So konsequent und überlebenswichtig diese Strategie in einer zweigeteilten Fußballstadt gewesen sein mag, so obsolet ist sie spätestens seit 2009 geworden. RasenBallsport Leipzig ist die Zukunft des Leipziger Fußballs: liquide, schillernd, weltmännisch, professionell, massentauglich. Attribute, die auf den FC Sachsen teils nie zugetroffen haben und teils spätestens jetzt zu den Akten gelegt werden sollten. Der Leutzscher Fußball braucht ein neues, alternatives Leitbild, um weiterhin attraktiv für den Sponsoren- und Zuschauermarkt zu sein.

Die Alternative: Projekt „Geiler Stadtteilverein“ statt Schnellboot-Mentalität

Mein Vorwurf an die Ziegenhorns dieser Welt ist, dass sie genau das nicht verstanden haben. Noch vor einem halben Jahr war Ziegenhorn scheinbar überzeugt von Jens Fuges Plädoyer, die Marke „FC Sachsen“ sei abgewirtschaftet und bedürfe einer Ablösung. Heute stellt sich Ziegenhorn hin und sagt, der Name „FC Sachsen“ müsse „auf jeden Fall“ erhalten bleiben. Die Mission lautet Regionalligaaufstieg, und zwar so schnell wie möglich. Wie ein Verein, der unfähig ist, in der Oberliga einen Etat von 800 000 Euro zu stemmen, in der nächst höheren Liga 1,5 Mio. Euro auftreiben will, ist mir ein Rätsel. Glaubt der Ziegenhorn-FC-Sachsen, in der Regionalliga kämen auch nur ein Zuschauer und ein Sponsor mehr, wenn RB Leipzig gleichzeitig die drittezweiteerste Liga unsicher macht? Nun, ich glaube nicht daran. Und schon gar nicht an einen Aufstieg noch in dieser Saison.

Woran ich jedoch glaube, ist der Leutzscher Fußball. Gelingt es FC Sachsen und BSG Chemie in Zukunft, ein gemeinsames Konzept zu entwickeln und eines fernen Tages alle (überwiegend persönlich motivierten) Streitigkeiten beizulegen und zu fusionieren, haben Alfred-Kunze-Sportpark und Grün-Weiß eine sportliche Zukunft. Das Stichwort lautet „geiler Stadtteilverein“, wurde in diesem Zusammenhang von Jens Fuge eingeführt und stellt eine mögliche Zukunftsvision dar. Als Vorbilder könnten der FC St. Pauli und der 1. FC Union Berlin dienen, die es trotz übermächtiger lokaler Konkurrenz vermögen, ein attraktives und sportlich erfolgreiches Alternativprojekt zu verkörpern.

Zur Durchsetzung dieses Modells im grün-weißen Rahmen bedürfte es jedoch einer Leutzscher Identität. Diese ist nur über eine Wiedervereinigung zu erreichen und – ich gehe noch weiter – kann ausschließlich mit dem Namen BSG Chemie Leipzig Erfolg haben. Gelänge die Einheit, würde der Leutzscher Fußball eine neue Attraktivität gewinnen – vor allem für jene mittelständischen Sponsoren, die bei RB keinen Platz finden sowie für die Generation jugendlicher Fans, die es momentan vor allem zu RB, im Zweifel jedoch noch eher zur BSG Chemie als zum FC Sachsen zieht. In seiner derzeitigen Verfassung verharrt der FC Sachsen in der seit nunmehr zwei Jahrzehnten (!) andauernden Schnellboot-Mentalität. So scheint die nächste wirtschaftliche Pleite vorprogrammiert. Auf der Tribüne wird sie nur von der Generation 40 plus begleitet werden.

Dass die Vision eines „geilen Stadtteilvereins“ mit der letzten Mitgliederversammlung nahezu zur Utopie verkommen ist, dessen bin ich mir bewusst. Die Fans, Mitglieder und Vereinsverantwortlichen der BSG Chemie wurden zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit von den Mitgliedern und einzelnen Selbstdarstellern des FC Sachsen brüskiert. Jede radikale Abwehrhaltung gegenüber dem real existierenden FCS auf Seiten der BSG ist für mich in dieser Folge mehr als nur verständlich. In Zukunft wird sich der FC Sachsen wohl auf eine verschärfte Gangart einstellen müssen. Der freizügige (und oftmals illegale) Umgang des FC Sachsen mit Logo und Namen der BSG Chemie besonders im Bereich von Öffentlichkeitsarbeit und Merchandising könnte damit ein jähes Ende finden.

Ernüchternd, aber kein Grund zur Aufgabe

Am Freitag ging es um einen ersten Schritt auf dem Weg zu einem Wandel durch Annäherung, etwa mit der Verwirklichung einer Spielgemeinschaft im Nachwuchsbereich oder der Durchführung gemeinsamer Doppelspieltage von FC Sachsen und BSG Chemie – ein äußerst moderater Vorstoß, der auf Transparenz und Ergebnisoffenheit setzte. Die Mitglieder sollten nicht vor vollendete Tatsachen gestellt, sondern zur Mitarbeit ermutigt werden.

Mit ihrem Vorschlag begriff sich die IG nicht als elitäre Avantgarde, sondern als Medium und Mittlerin. Doch die Mitgliederversammlung hat gezeigt: rationale Positionen, die auf zukunftsweisende Konzepte, Veränderung und Neuausrichtung setzen, haben im zur konstruktiven Zusammenarbeit und kritischen Selbstreflexion unfähigen FC Sachsen keine Chance. Stattdessen regiert ein selbstherrlicher Klüngel aus Personen wie Ziegenhorn, Bauchspieß und Stelzer, die im Hinblick auf die ihnen eigene Eitelkeit, Arroganz, Großmannssucht und Realitätsverleugnung ihres Gleichen suchen. Das ist ernüchternd. Aber dennoch kein Grund zur Aufgabe.




«
»




54 Kommentare bisher
Hinterlasse deinen Kommentar!

  1. Gravatar of Große Worte | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    1

    [...] gab es zur Genüge. Jens Fuge kam, sah und scheiterte. Die „IG Chemie“ versuchte sich an ähnlichen Zielen – mit dem gleichen Ergebni.... Noch vor wenigen Monaten polemisierte der Leutzscher Honoratior Bernd Bauchspieß gegen jenen [...]


  1. Gravatar of Viel Wut, viel Trauer, wenig Hoffnung « Lipsia
    2

    [...] Rückkehr in die Regionalliga und sah seinen Verein wirtschaftlich offenbar schon wieder gesundet. So lehnte er beispielsweise eine Anfrage seitens der BSG Chemie ab, die ihre Heimspiele im Kunze-Sportpark austragen wollte, und sorgte somit offenbar für [...]


  1. Gravatar of Es zählt allein das Leitbild und sonst nichts | chemieblogger.de – Das Blog rund um die BSG Chemie Leipzig
    3

    [...] die Leutzscher Teilung ist manifester, als es die (zumindest mir) unbekannten, mindestens ein Jahr zu spät kommenden Verfechter einer Wiedervereinigung wohl glauben. 1964 reicht längst nicht aus, den für [...]


  1. Gravatar of Wenig Fußball, viele Unterschiede | chemieblogger.de – Das Blog rund um die BSG Chemie Leipzig
    4

    [...] der BSG Chemie, IV. Die wiederholten politisch motivierten Angriffe auf die Diablos, V. Die gescheiterten Bemühungen, den FC Sachsen und die BSG Chemie wiederzuvereinigen, VI. Die Neugründung der SGLL und Jamal Engels Anti-Ultrà-Affekte, [...]




Einen Kommentar hinterlassen