Wider die „Tradition“ in der Debatte über „Modernen Fußball“
Freitag, 12. November 2010, 12:30 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Samstag, 4. Dezember 2010, 16:40 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, Kommerz- & Medienfußball, Medienschau, Vereinspolitik

In der Diskussion über die Kommerzialisierung des Fußballs oszilliert das Wort „Tradition“ zwischen rhetorischem Kampfbegriff und sinnentleerter Worthülse. Ein Plädoyer für einen alternativen Problemfokus

Tradition ist eine mächtige Vokabel. Tradition ist das erste und letzte Argument, das angeführt wird, wenn es um die Abwehr neuer Modelle in der von Kommerz durchdrungenen real existierenden Fußballwelt geht. Was Tradition bedeutet und was davon zu halten ist, wird selten reflektiert. Geradezu inflationär ist von „Traditionsvereinen“ zu lesen oder zu hören, die als Antipoden zu tatsächlichen oder vermeintlichen „Plastikprodukten“ à la Bayer 04 Leverkusen, VfL Wolfsburg, TSG 1899 Hoffenheim oder neuerdings RasenBallsport Leipzig verklärt werden. So einfach ist es nicht. Der Moderne Fußball hat seine Probleme, die es zu thematisieren gilt. Aber der Frage nach dem „Wie“ müssen sich die Fans, die sich zur aktiven und kritischen Szene zählen, sehr wohl stellen.

Was ist ein „Traditionsverein“?

Ein wichtiger Beitrag zu dieser Debatte kommt von Thomas Hahn (Süddeutsche Zeitung), der den Vorschlag von Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, den Wert von Bundesliga-Vereinen nach ihrer Tradition zu messen, kritisch hinterfragt:

Der Traditionsverein existiert im Grunde nur noch in der Gefühlswelt eines Publikums, das sich die besondere Verbundenheit zu seinem Lieblingsverein aus der Vergangenheit erklärt. Das teure Tagesgeschäft aber erledigen Betriebsgesellschaften und Managementetagen, und zwar bei der mäzenfinanzierten TSG 1899 Hoffenheim genauso wie bei dem angeblich traditionslosen Erstliga-Stammmitglied Bayer Leverkusen (seit 1979), der VW-Tochter VfL Wolfsburg oder dem Altmeister Schalke 04.

Markenidentität als Voraussetzung für Identifikation

Jeder Verein entwickelt eine spezifische Markenidentität, konkurriert der Marktlogik entsprechend um Zuschauer und Sponsoren (Es ist eine interessante Frage, ob dies auch auf Red Bull in Leipzig zutrifft). Der FC St. Pauli etwa kokettiert mit seinem Image als Underdog, bezeichnet und vermarktet sich als „Non established“ und kultiviert das „Andere“. Dies ist nicht zwangsläufig als Problem zu sehen, schließlich müssen Vereine ihren Fans auch eine entsprechende Grundlage bieten, auf der Identifikationsprozesse überhaupt möglich sind. Fußballvereine müssen also zwangsläufig ambivalente Strategien entwickeln, um Erfolge zu gewährleisten. Dazu wieder Hahn:

Immerhin, die Tradition lebt fort als Verkaufsargument und Teil der Marketingstrategie. Viele Fußballunternehmen tragen ja tatsächlich das Erbe alter, prägender Vereine weiter und arbeiten deswegen für eine gewachsene, treue Kundschaft. Tradition war für eine Firma wie Borussia Dortmund immer eine Art weiches Startkapital, das Mitbewerber wie Wolfsburg, Hoffenheim oder Leverkusen in dem Maße nicht hatten. Aus dem sich große Chancen ableiteten, aber natürlich auch eine besondere Verantwortung.

Tradition ist als Begriff schwer fassbar und stets in der Gefahr, zu einer sinnentleerten Worthülse zu verkommen. So zeugt es von Willkür, Tradition in Jahren zu messen. Diese Logik ist überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass RBL-Fans Aufkleber mit dem Slogan „Tradition seit 2009“ verbreiten und damit vor allem in jenen distinguierten Kreisen Zustimmung finden, wo Fußball als Sport des einfachen Pöbels und brutaler Hooligan-Ultras gilt. Die Verteidigung von Tradition, die nichts Anderes als die Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen bedeutet, ist im Kern ein konservatives Anliegen und birgt ein irrationales und unreflektiertes Moment. Tradition verhindert Emanzipation und Fortschritt. Sicherlich ist nicht jeder Fortschritt zwangsläufig positiv. Dennoch kann es nicht das Ziel sein, die Fußballuhr nach 1960 zurückzudrehen.

Selbstkritik und Gegenmodelle

Für die Debatte um den Modernen Fußball gilt es, die Missstände fernab von romantisierenden und verklärenden Kategorien wie Tradition zu problematisieren. Das bedeutet gewiss keine Absage an das Sichbewusstwerden der eigenen Geschichte, im Gegenteil. Nur damit ist es noch nicht getan. Denn selbst die Vereine, die sich unter dem Label „Traditionsverein“ mit einer vermeintlich weißen Weste präsentieren, sind Teil des Problems. In dem „Anderen“ das „Böse“ zu erkennen, ist ein vorschneller Reflex, der einem kritisch-selbstreflexiven Blick nicht gerade förderlich ist.

Die etablierten Vereine und ihre Fans müssen sich zunächst einmal selbst hinterfragen, um auf dieser Basis neue Möglichkeiten der Abgrenzung zu entwickeln, die auf ein attraktives und rentables Gegenmodell zu RB Leipzig & Co. hinauslaufen. Sie müssen eine authentische, unverwechselbare Geschichte erzählen, die Identifikation ermöglicht. Sei es auf Grundlage einer spezifischen Markenstrategie, wie sie der FC St. Pauli verfolgt, oder sei es mehr oder weniger unfreiwillig, wie Dynamo Dresden mit einem Eklektizismus aus ruhmreicher Vergangenheit, unverhältnismäßig großem Fanpotenzial und jahrelanger Misswirtschaft und verfehlter Vereinspolitik. Tradition ist, was ihr draus macht. Ihr als Fans, ihr als Vereine.




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5 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Wider die „Tradition“ in der Debatte über „Modernen Fußball …
    1

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  1. Gravatar of Tradition seit 2009 « Gestrandet
    Pingback von
    13.11.2010 um 0:57
    2

    [...] Chemieblogger nun ein Klasse Beitrag, um die Auseinandersetzung für und wider modernen Fußball in einem [...]


  1. Gravatar of Über den Tellerrand geschaut | sportinsider
    3

    [...] Blog mit dem Thema Kommerzialisierung und der oft beschworenen Vokabel Tradition in seinem Artikel Wider die ,,Tradition“ in der Debatte über ,,Modernen Fußball“ [...]


  1. Gravatar of Eitelkeit und Größenwahn verhindern Einigung in der Leutzscher Frage | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    4

    [...] (29. November 2010) Lok und RasenBallsport kooperieren im Nachwuchsbereich (24. November 2010) Wider die „Tradition“ in der Debatte über „Modernen Fußball“ (12. November 2010) Als der DDR-Fußball in Leutzsch seinen Niedergang zelebrierte (9. [...]


  1. Gravatar of J.M.
    Kommentar von
    J.M.
    11.12.2010 um 11:32
    5

    Und die „Kunstprodukte“ werden von der Politik hoffähig gemacht !
    DAS hat in Leipzig Tradition und die heutige Rathausspitze sieht sich in einer direkten Traditionslinie mit den Herrschaften in der Karl-Liebknecht-Straße, als ein gewisser „Paul“ fröhlich darüber befand, dass man doch nun die „Guten“ in PROHEI und die „Miesen“ im Arbeiterbezirk Leutzsch kasernieren solle !
    Aber erstens kommt`s anders und zweitens als man denkt !
    Damals wurden die „Miesen“ Meister und das hat mich zum Schabenfan gemacht !
    Heute sollten sich alle vernunftbegabten Leipziger zusammentun und gegen diese unseelige Politik (quer durch alle Parteien) auf die Palme steigen, der weder die Vernichtung der Natur noch die der Fußballtradition wichtig ist. Der heutige LVZ-Artikel ist der absolute Hammer ! Andere sitzen wegen Korruption und Bestechlichkeit vor Gericht. Manch einer aber darf ungestraft politisch korrupt sein (Opportunisten nennt man solche Leute) und versuchen, die Leute mit versteckten Rückzugsdrohungen eines „Investors“ zu erpressen. Man verbietet den Bürgern den Mund und versucht sie durch Ausschluss von der Information/Diskussion regelrecht zu verdummen.
    Aber: Wir haben ja bald einen neuen Leuchtturm in der Stadt, mit der Championsleague an der Jahn-Allee.
    Da bleibt nur noch zu sagen: Danke den Herren die das Feld durch die Insolvenz des FCS so glänzend bereitet haben, auf dem jetzt die Sumpfpflanze aus der Dose gedeien kann. Nun sage noch einer, das wären keine weitblickenden und strategisch denkenden Manager ! Mit dem blöden FC Sachsen und diesen widerborstigen Fans und Mitgliedern, die sich ihre Ehre nicht haben abkaufen lassen und lieber zu ihrer BSG Chemie in die letzte Liga tingeln, hätte das doch sowieso nicht geklappt; und dann noch diese Ultras ! Das „Blutgeld“ für die Vernichtung eines Teils der Leipziger Fußballtradition fließt, zumindest in dem Zusammenhang, heftig.
    Und wer keinen eigenen Nachwuchs hat, der kauft den „Rest“ für `n Appel und `n Ei aus der Masse, die vorher von den Blutgeldempfängern hinterlassen wurd. „Gefickt eingeschädelt“, kann man da nur sagen ! Und den billigen anderen Rest, den kauft man sich bei käuflichen Leuten im Südosten ganz zum Schluss. Da wird`s durch Kooperation sogar noch billiger, als Massekäufe aus der Insolvenz.
    Das bringt doch was: Eine Investruine kommt zu neuem Glanze, „Arbeitsplätze“ werden geschaffen und dieser Scheißwald + die halbe Kleinmesse werden auch noch platt gemacht. Da ist dann genug Luft für den nächsten Anfall von Olympiawahn vorhanden, oder aber für ein Verkerhskonzept a la Rosenthal. 




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