Das Red-Bull-Dossier
Donnerstag, 5. August 2010, 1:52 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Sonntag, 26. September 2010, 17:50 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Kommerz- & Medienfußball, Vereinspolitik

Morgen startet das Red-Bull-Fußballprojekt RasenBallsport Leipzig in seine zweite Saison. Anlass genug für einen kleinen bloginternen Rückblick. Red Bull rettet Fußball-Leipzig – das Dossier

Red Bull war und ist im Leipziger Fußball ein Dauerbrenner, seit 2006 waberten Gerüchte um einen Einstieg zunächst beim FC Sachsen Leipzig, später auch beim VfK Blau-Weiß Leipzig umher. Ich habe versucht, an dieser Stelle die Entwicklung umfassend zu begleiten.

Vorgeplänkel und Warnungen

Was ein möglicher Einstieg von Red Bull für denjenigen Klub zu bedeuten hätte, der sich als Wirt zur Verfügung stellen würde, war bereits im Vorhinein absehbar. Das Beispiel SV Austria, der zum FC Red Bull Salzburg mutierte beweist: Red Bull macht keine halben Sachen, zielt auf aggressives Branding, steht für Eventkultur und sucht sich sein Publikum selbst aus. Die Fans des FC Sachsen waren durch die Salzburger Ereignisse gewarnt.

Als Ende 2006 Red Bull beim FC Sachsen Ernst machen wollte, konsultierte die Redaktion des Fanzines Culthoch64 Moritz Grobovschek von der Salzburger Anti-Red-Bull-Initiative Violett-Weiß um Rat. Grobovscheks Expertise ist dokumentiert in „Red Bull verleiht manchmal auch kurze Beine“.

Der Einstieg und die Reaktionen

Als der Leipziger Fußball 2009 mal wieder am Boden lag, grätschte Red Bull noch vor dem Beginn der Sommerpause jegliches auch nur im Entstehen begriffene Sommerloch ab und verkündete den Einstieg beim SSV Markranstädt: „Rasenball Leipzig: Red Bull, jetzt aber wirklich“.

In den folgenden Wochen quälte ich Google und begab mich auf der Suche nach allem, was das Internet zum Thema Red Bull in Leipzig so hergeben konnte. Darunter waren auch kritische Stimmen, zu finden in „,… ganz oben feiert Mateschitz den Meistertitel‘“ und „RB Leipzig ist Deutschlands ,erster Marketingclub‘“.

Die Kritik an den Fußballambitionen von Red Bull wird häufig undifferenziert vorgetragen. Die Argumentation ist mitunter oberflächlich und verkennt den tatsächlichen Kern, die neue Qualität, das Novum, das RB Leipzig für den deutschen Fußball bedeutet. Dies habe ich versucht in „Hopp, VW und Red Bull: Über ungleiche Fußball-Wohltäter“ zu verdeutlichen.

Besonders in engagierten Fanszenen wurde das Thema RB Leipzig nachgefragt, auch international. Für ein polnisches Fanportal schrieb ich „Red Bull in Leipzig: The fan base’s hopes and fears“ – ein Rundumschlag, der den Red-Bull-Einstieg vor dem Hintergrund der Geschichte des Leipziger Fußballs beleuchtet.

Die Rolle der (kritischen) Fans

Es geht um Fußball, soziale Enteignung und Entfremdung, um die Frage, was die Fans tun können. Die oben verlinkten Vereinsgründungen von unten sind eine Möglichkeit. Und auch Red Bull hatte scheinbar – in weiter Ferne – für sich ein Ausstiegsszenario zurecht gelegt. Der Widerstand ist bisher dennoch vergleichsweise gering und erschöpft sich – zugegeben – an dieser wie an anderer Stelle in theoretischen Pamphleten. Als der FC Sachsen zum Spiel gegen RB Leipzig vom Alfred-Kunze-Sportpark in die damals noch Zentralstadion genannte WM-Arena umziehen sollte, gab es Proteste und Boykottandrohungen – am Ende bestimmte dennoch derjenige die Musik, der bezahlt.

Für mich war die Frage besonders spannend, was die Entwicklung, die Red Bull nun antreibt und die Nachahmer finden könnte, für den Fußball bedeutet. „Über die Identität des Fußballs: Das Beispiel RB Leipzig“ und „Leipzig – eine Stadt, sein Fußball und soziale Verwerfungen“ suchen Antworten. Leipzig, so scheint es, verfügt über die differenziertesten Fankulturen in Deutschland. Eine Vielfalt, die ich in „Korrumpiert und kritisch, braun und bunt: Die Vielfalt des Leipziger Fußballs“ versuche, zu erfassen.

Anekdoten, Skandälchen und ein Sieg auf dem Platz

Was bleibt, sind Anekdoten und verhinderte Skandale, die eingedenk des Leipziger Lechzens nach Profifußball mitunter wenig Beachtung finden. Dazu gehören Kurzschlüsse und Anfälle von Selbstironie in der RB-Fankultur, Salzburger Muskelspiele und diskussionswürdige Personalentscheidungen, eine bisher kaum ernsthaft verfolgte Marketing-Gegenstrategie für Traditionsklubs (bekannt ist mir da der FC St. Pauli, Namensgebung umstritten), ein in den Medien hochgespielter Flirt mit Felix Magath und zuletzt die Affäre um „Die Mensa-Mafia“. Tja, und da gab es noch einen sonnigen Tag im Mai, an dem im Zentralstadion seltener Fußball zum Genießen zelebriert wurde.

Fortsetzung folgt – gewiss.




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2 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Roter Steen
    Kommentar von
    13.08.2010 um 12:53
    1

    Einen kritischen Bericht zum ersten Spiel findet man hier: http://urs.blogsport.de/2010/0.....ne-bullen/


  1. Gravatar of généralité
    Kommentar von
    généralité
    14.08.2010 um 12:53
    2

    Sehr guter Beitrag.
    Danke für diese sehr gute Analyse.
    Gruß généralité.




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