Jens Fuge hinterlässt große Lücke
Montag, 26. Juli 2010, 11:02 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 2. Dezember 2010, 11:04 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Vereinspolitik

Aufbruchsstimmung adé: Jens Fuge kam, sah und ging. Das bedeutet das Aus nicht nur für das Projekt „geiler Stadtteilverein“, sondern vor allem auch für die Leutzscher Wiedervereinigung. Eine Bestandsaufnahme

Er ist schon eine Weile her, aber entfaltet seine Wirkung fein dosiert, nachhaltig und zukunftsträchtig: Der Rücktritt von Jens Fuge sorgt, nun ja, für Ernüchterung im grün-weißen Lager. Jens Fuge ging ebenso schnell wie er gekommen war. Im Oktober 2009 war dem Vorstand des FC Sachsen ein Coup gelungen, Ziegenhorn & Co. hatten Fuge als fünftes Vorstandsmitglied kooptiert. Im Nachgang wurde das durch ein Gros der Mitglieder goutiert – gleichwohl die Personalie Fuge von Beginn an für heftige Diskussionen in der Fanszene sorgte.

Fernziel „geiler Stadtteilverein“

Neu-Vorständler Fuge ließ keinen Stein auf dem anderen, krempelte den FC Sachsen um. Das Fernziel vor Augen: Der FC Sachsen sollte ein geiler Stadtteilverein werden, der neben der Konkurrenz von RasenBallsport und 1. FC Lok seinen eigenen Weg geht. Authentisch, transparent, familiär, sympathisch – vom liegengebliebenen Schnellboot zum Ausflugskahn, bei dem jeder und jede mitrudert.

In einem ersten unkonventionellen Schritt setzte Fuge das Vorstandsblog „Leutzscherleben“ auf, präsentierte fortan „Innenansichten aus dem FC Sachsen Leipzig“. Ungeschönt, ehrlich, meinungsfreudig. Fuge schrieb über jeden Grashalm, der umgebürstet wurde. Mal explizit, öfter implizit schwang dabei immer ein Stück Ernüchterung mit. Fehlende Unterstützung, was die ehrenamtliche Arbeit betraf, sowie ständiges Querschießen einiger Strippenzieher im Hintergrund. Fuge polarisierte, weil er den Mund aufmachte, an Besitzständen rüttelte, Kritik offen aussprach.

Fuge setzte auf Transparenz

Was ich persönlich Jens Fuge besonders hoch anrechne, war sein Wille, den Verein voranzubringen, die gespaltene Fanszene wiederzuvereinigen. Fuge („Ich sehe, dass beide Leutzscher Vereine allein langfristig nicht überlebensfähig sind.“) positionierte sich von Beginn an als Moderator zwischen FC Sachsen und BSG Chemie. Das bedeutete unzählige Gespräche und ebenso viele Rückschläge. Fuges Wirken machte offenbar, wie tief sich der Leutzscher Fußball in einer Identitätskrise befindet. Unfähig, sachorientiert und zielführend zu denken und zu handeln, Vereinsmeierei in seiner prototypischsten Form.

Fuge hatte Recht. Nicht zuletzt mit seiner Kooptierung schien auch die letzte Hürde einer Wiedervereinigung aus dem Weg geräumt. Der FC Sachsen wollte schon lange nichts mehr vom Zentralstadion wissen, Winfried Lonzen, der vom (Leipziger) Fußball soviel versteht wie der Bock vom Gärtnern, ist Geschichte. Michael Kölmel sowieso, er hat sich in Red Bull verliebt – mindestens bis 2040. Was blieb, war die ungeklärte „Politik“-Frage. Neonazis im Stadion gibt es, liebe Medien, nicht nur beim 1. FC Lok, sondern auch im beschaulichen Leutzsch.

Neonazis in der Kurve: Problem erkannt

Auch dieses Problem ging Fuge an. Nach dem Neonazi-Eklat in Zwickau bezog er eindeutig Stellung. Fuge machte öffentlich, wenn im Stadion der Hitlergruß gezeigt wurde und setzte mit seinen Vorstandskollegen Stadionverbote durch. Auch beim Singen des U-Bahn-Liedes schaute der FC Sachsen nicht mehr väterlich-wohlwollend hinweg, sondern thematisierte es wieder und wieder. Jens Fuge wusste genau, welches Klientel dem Verein selbst dann schadet, wenn es Eintritt und Mitgliedsbeiträge zahlt und ehrenamtlich hilft.

Das ändert nichts daran, dass Fuge grandios gescheitert ist. Weniger an sich selbst, als vielmehr an der harten Leutzscher Realität. Neben zeitlichen Gründen begründete Fuge seinen Rücktritt damit,

dass die Vision eines unabhängigen, eigenständigen Vereines mit unverwechselbarer Aura und Identität unter den derzeitigen Umständen wohl unerreichbar ist. Das oft unrealistische Anspruchsdenken und das weit verbreitete Unvermögen, die eigenen Interessen hinter die des Vereines zu stellen, machen die Arbeit im obengenannten Sinne fast unmöglich und wirken demotivierend. Das musste ich so zur Kenntnis nehmen und akzeptieren.

Eine verklausulierte Version für die ständige Missgunst, die Fuge mal begründet, vielfach aber unbegründet entgegenschlug. Für die Leutzscher Wiedervereinigung waren die Fans und Mitglieder des FC Sachsen (noch) nicht reif genug. Bereits im Mai hatte ich hier orakelt:

Käme es zu einem negativen Votum der Mitglieder des FC Sachsen [bezüglich einer Fusion mit der BSG Chemie], könnte sich damit auch die Personalie Jens Fuge erledigt haben. Er hatte stets betont, das Schicksal seines Amtes mit der Frage nach der Leutzscher Wiedervereinigung zu verbinden.

Fuge selbst wollte das nicht so richtig bestätigen.

Ich habe mein Amt nicht davon abhängig gemacht, wie sich die Mitglieder entscheiden …

Strukturelle Defizite

Jetzt hat Jens Fuge Tatsachen geschaffen. Was das für die Zukunft des FC Sachsen und auch des Leutzscher Fußballs bedeutet, ist schwer abzusehen. Es mutet schon etwas zynisch an, dass sich ausgerechnet die Mitglieder des FC Sachsen ihr eigenes Grab schaufeln. Der Vorstoß mit der kurzfristigen Fusion mag in seiner Kommunikation und Umsetzung ein aktionistischer Schnellschuss gewesen sein, aber er bot den Grün-Weißen eine einmalige Chance, die Frage nach der eigenen Identität zu beantworten.

Im Juli 2010 sind wir um einiges klüger. Es wird weiterhin zwei Leutzscher Vereine geben, die finanziell und strukturell weit abgeschlagen hinter RB und auch dem 1. FC Lok vor sich hindümpeln werden. FC Sachsen und BSG Chemie fehlen die Fans und Mitglieder, die anpacken. Während beim 1. FC Lok die Fans in Eigenregie das Bruno-Plache-Stadion aufhübschen, fehlt es in Leutzsch an Man- und Womanpower. Die Zuschauerzahlen sind überschaubar. Die Attraktivität für Sponsoren ist bescheiden. Die Konkurrenz ist groß. Die Zukunft ist ungewiss.




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9 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Sündenbock
    Kommentar von
    Sündenbock
    26.07.2010 um 11:33
    1

    Kann man nur unterschreiben.


  1. Gravatar of BSGFan2
    Kommentar von
    BSGFan2
    26.07.2010 um 20:49
    2

    Das kann ich auch so unterschreiben.

    Sachlich mit einer kleinen persönlichen Note präsentiert.

    Gut gemacht!


  1. Gravatar of Almir
    Kommentar von
    Almir
    27.07.2010 um 9:32
    3

    @ Chemieblogger
    So sehr ich auch für die Fusion und eine geeinte grün-weiße Fanszene bin, umso mehr stört mich die leicht überhebliche Art mit der auf die FCS-Fans geschaut wird. Auch wenn ich deine differenzierten Artikel schätze, im großen und ganzen bleibt meistens ein Bild, wenn man sich die Äußerungen von BSG-Seite anschaut: Beim FCS ist der Klüngel, DIE FCS-Fans und Mitglieder haben persönliche Befindlichkeiten, schaufeln sich ihr eigenes Grab, sind unfähig über ihren Schatten zu springen… Wie will man bei solchen Schuldzuweisungen nach dem Schwarz-Weiß-Schema, die Mehrheit der FCS-Fans und Mitglieder gewinnen? Auf Schuldzuweisungen folgen gemeinhin Abwehrreaktionen.
    Die Wahrheit liegt weder im Willy-Kühn-Sportpark noch im AKS, sondern irgendwo in der Mitte, auch wenn beide Seiten meinen, den wahren Chemiker zu repräsentieren.

    Noch was: Kann mir deinen letzten pessimistischen (aus FCS-Sicht) Absatz nur schwer erklären. Der FCS hat abgesehen von den schwer einzuschätzenden Zuschauerzahlen im Gegensatz zu Lok hervorragende Testspielgegner an Land gezogen, eine junge hungrige Mannschaft, einen Trainer mit grün-weißem Herz und eine lange nicht gehabte Unabhängigkeit draußen in Leipzig-Leutzsch. Warum gerade du, als Kritiker von RB und des „modernen Fußballs“ (wo ich auch mit dir übereinstimme), dies als „herumdümpeln“ bezeichnest, verstehe ich nicht ganz.

    p.s.: Lese die Artikel aber natürlich immer wieder gern.


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    27.07.2010 um 14:06
    4

    Danke an alle fürs Feedback!

    @Almir: Offen gestanden bin ich tief enttäuscht (und das kommt sicherlich nicht nur zwischen den Zeilen raus) von der aktuellen Entwicklung. Mir geht es nicht darum, einseitig auf den FCS einzuhauen, auch, wenn das in der Vergangenheit an der einen oder anderen Stelle passiert ist. Die Vereinsentwicklung in der letzten Saison sah ich sehr positiv – und das war zu 90 Prozent das Verdienst von Jens Fuge. Der Gegenwind, den ihn einige Mitglieder haben spüren lassen, trug sicherlich einen erheblichen Teil zu dieser Entscheidung bei. Schade!

    Innerhalb der BSG Chemie wurde das Fusionsangebot kontrovers diskutiert – es gab viel Skepsis. Aber auch Gespräche. Ich war sehr erstaunt, dass es am Ende fast ausschließlich Stimmen pro Fusion gab. Trotz aller Probleme, trotz der Skepsis. Das ist schon etwas zynisch: Die BSG springt über ihren Schatten, und der FCS will nicht verhandeln über ein Angebot, das einfacher nicht sein kann – nämlich Leutzscher Fußball im AKS unter dem Label Betriebssportgemeinschaft Chemie. Wie man sich allen Ernstes gegen dieses Angebot wehren kann, verstehe ich nicht. Jens Fuge hat überzeugend dargelegt, dass die Marke FCS kaputt ist. In Schnellboote brauchen wir zu Zeiten von Red Bull ohnehin nicht mehr zu steigen. Wozu also der Name FC Sachsen, wenn er seine Existenzberechtigung verloren hat? Ich möchte da noch mal einen der Befangenheit Unverdächtigen zitieren:

    Wenn sie ‘Chemie’ rufen, können sie auch wieder ‘Chemie’ werden.

    Zur aktuellen Aufstellung des FC Sachsen: Es ist mein subjektives Empfinden, dass der Verein tiefe strukturelle Probleme hat. Das fängt beim Geld an und hört – viel schlimmer – in der Fanszene auf. Beim 1. FC Lok wird das Stadion gerade von Fans in Eigenregie auf DFB-Standard gebracht. Für mich im FC Sachsen anno 2010 undenkbar. Undenkbar in einem Verein, der händeringend und der Verzweiflung nahe nach Menschen sucht, die anpacken, der intern zerstritten und zur rationalen Entscheidung nicht mehr fähig ist. In einem Verein, der sein bestes Führungspersonal wegmobbt.


  1. Gravatar of Testspiele und andere Zukunftsprognosen | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
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    [...] Testspiele und andere Zukunftsprognosen (2. August 2010) Die Mensa-Mafia (29. Juli 2010) Jens Fuge hinterlässt große Lücke (26. Juli 2010) Zitat des Tages (11): Felix Magath, Red Bull und die Medien (13. Juni 2010) [...]


  1. Gravatar of Große Worte | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
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    [...] gab es zur Genüge. Jens Fuge kam, sah und scheiterte. Die „IG Chemie“ versuchte sich an ähnlichen Zielen – mit dem gleichen [...]


  1. Gravatar of Es zählt allein das Leitbild und sonst nichts | chemieblogger.de – Das Blog rund um die BSG Chemie Leipzig
    7

    [...] ein zunehmend problematisches Klientel breit. Jens Fuge, der unermüdlich kämpfende Reformator, wurde aus dem Verein gedrängt und gab entnervt auf. Unter seiner Federführung hatten sich FC Sachsen und BSG Chemie zwischenzeitlich angenähert. [...]


  1. Gravatar of derHarti
    Kommentar von
    derHarti
    24.09.2012 um 16:38
    8

    Ein Hallo an den Herrn Blogger,

    Es ist schade, dass du es nicht mehr öfters schaffst über Chemie zu schreiben aber es gibt ja zum Glück deine alten Artikel.
    Durch sie versteht man wieder wie es so weit kommen konnte, wie es gekommen ist und dass der Fussball in Leutzsch schon immer ein Kabinett der Absurditäten war. Zumindest in dem Punkt bleibt sich die Szene treu 🙂

    Was ich eigentich sagen wollte: Tauscht man im letzten Absatz Juli 2010 gegen September 2012 und FC Sachsen gegen SG Leipzig Leutzsch, gruselt es einem, dass er noch immer Sinn ergibt.
    Außer vielleicht bei den helfenden Händen bei der BSG.
    Aber es wurde leider viel Zeit verschenkt bzw. vernichtet, die man in den Aufbau einer starken Chemie hätte stecken können. Hoffentlich erholt Leutzsch irgendwie irgendwann davon.

    Lass mal wieder von dir lesen,

    Grüße
    derHarti


  1. Gravatar of „Die Leutzscher Legende lebt“ | chemieblogger.de – Das Blog rund um die BSG Chemie Leipzig
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