Leipzig – eine Stadt, sein Fußball und soziale Verwerfungen

Die linke Wochenzeitung Jungle World wartet mit einer Artikelserie auf, in der es um Leipzig, seine Ambitionen, seine Gesellschaft und nicht zuletzt auch seinen Fußball geht. Ein paar Leseempfehlungen

Zur Einstimmung provoziert, ja kokettiert Gero Hirschelmann mit Lokalprovinzialismus und sagt, dass Halle kleiner und proletarischer, kurzum liebenswerter ist als die „Pleiße-“, „Bach-“ oder wahlweise auch „Sportstadt“ Leipzig. Ganz ohne Größenwahn:

Es mag sein, dass Leipzig von seinen Bewohnern geliebt wird. Halle aber liebt umgekehrt auch seine Bewohner. Leipzig ist also eine gute Stadt, Halle, nun ja, ist eine Weltanschauung.

Arthur Leone skizziert die politische Dimension des Leipziger Fußballs und erklärt, warum insbesondere der 1. FC Lokomotive Leipzig für Neonazis interessant ist:

Dass sich beim FC Sachsen weniger Nazis als bei Lok tummeln, hatte weniger mit verantwortlicherem Handeln des Vereins zu tun als mit der Aktivität von alternativen Fans. Zugleich ist Lok für Nazis attraktiver, weil der Club traditionell als der bei der Straßengewalt erfolgreichere Club gilt. Spätestens seit einem großen Angriff von Lok- auf Chemie-Fans 1983 übt Lok auf gewaltbereites Publikum die wesentlich größere Anziehungskraft aus. So prahlen die »Blue Caps« im Web mit ihren Übergriffen auf Sachsen-Fans beim Ortsderby: »Lok beherrscht die Straßen nach Belieben.« Es ist also nur folgerichtig, dass gewalt- und autoritätsfixierte Jugendliche, die das Rekrutierungspotential organisierter Nazis bilden, vor allem bei Lok landen, wenn es um Fußball geht. Wenn sie dort wie in vielen unterklassigen Clubs eher auf Toleranz für Rassismus, Sexismus und Antisemitismus stoßen, ist die weitere Entwicklung absehbar. Der FC Sachsen ist davor keineswegs gefeit. Seitdem die antirassistischen Fans den Verein verlassen haben, können sich die Nazis wieder ungestört ausbreiten, und auch die »Metastasen« haben neue und immer jüngere Mitglieder.

So weit, so gut. Dass der Fußball aber auch abseits antidemokratischer Unterwanderung eine gesellschaftliche Relevanz besitzt, beweist Martin Krauss:

Was sich im Leipziger Fußball zeigt – und was der Fußball über die Leipziger Lebensverhältnisse aussagt –, ist: Von jeder Entwicklung, die Teilhabe am Wohlstand bedeuten könnte, wurden die Leute abgehängt. Das Versprechen auf Glück und Reichtum kommt einzig in Gestalt des nicht nur geschmacklich hoch unattraktiven Red-Bull-Konzerns daher.

Im Fußball lässt sich diese soziale Enteignung sogar architektonisch besichtigen: Das Zentralstadion fasste früher 100 000 Zuschauer. Das baufällige Areal zu modernisieren, schien niemandem profitabel, also tüftelten Investoren etwas Besonderes aus: Einem gelandeten Raumschiff gleich wurde ein neues, reines Fußballstadion in das alte Oval platziert. Die Zuschauerränge des alten Zentralstadions sind zwar noch da, aber von ihnen aus kann man nur die neue Stadionmauer anschauen. Das ist der überflüssige Platz, der Leuten wie den Fans von Chemie und Lok zugewiesen wurde: Gleichzeitig nahm und ließ man ihnen ihre Tradition; sie können zu ihren Fünftligisten gehen, sie können sich schlagen, sie können sich gut benehmen – es ist alles gleichgültig.

„Soziale Enteignung“ also – eine Metapher, die gefällt. Die Kommerzialisierung des Fußballs und die damit verbundene Erschließung eines konsumorientierten Massenpublikums ist eine ebenso totale wie auch langfristige, bis heute nicht abgeschlossene Entwicklung. In Leipzig veranschaulichen der Bau des Zentralstadions und die erfolgreiche Implantation von RasenBallsport Leipzig die sicherlich nicht letzte Konsequenz dieses Entfremdungsprozesses. Fortsetzung folgt.




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3 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Sebastian
    Kommentar von
    31.03.2010 um 14:15
    1

    Wenn mich jemand nach Leipzig fragt, dann erzähle ich immer von dieser Stadt, die Berlin den Größenwahn aus der Nachwendezeit abgenommen hat. Das betrifft leider nicht nur Entscheidungsträger in sämtlichen Bereichen der Stadt. Immer sein wollen wie [Platz für eine Stadt der eigenen Wahl]. Das war und ist Leipzig. Sollte Leipzig auch mal wieder Leipzig sein wollen, freue ich mich. Nicht nur für den Fußball.


  1. Gravatar of Pegasus
    Kommentar von
    Pegasus
    05.04.2010 um 21:27
    2

    Sehr interessant zu lesen (kompletter Artikel). Nur versteh ich den an den Haaren herbeigezogenen Vergleich zu Leipzig nicht.
    Kaft ist erstmal:
    SA ist ein anderes Bundesland, warum schießt er sich nicht auf MD ein. Ich sehe keinen Bezug nach Leipzig, wir sind Sachsen!!!
    Ansonsten natürlich mit einem müden Lächeln zu lesen. Halle, noch Meilen vor Chemnitz, sind nachweislich die lächerlichsten Städte in Mitteldeutschland. Und obendrein sind seine achso tollen Fussballfans (HFC) nix anderes als widerum seine beschriebenen potenziellen politisch/erlebnisorientierten LOK-Anhänger. Hier gibt es in der Vereinsfindung keine Unterschiede. Rechts bleibt Rechts, ob in Halle oder Ost-Leipzig!!!
    Es ist sher interessant, wenn in einer alternativen Hallenser Zeitung über den HFC geschrieben wird. Das ist ja fast ein NoGo. Oder er ist da in der Kurve ganz alleine.
    HFC-politisch NoWay


  1. Gravatar of Matze
    Kommentar von
    10.12.2010 um 11:24
    3

    Vllt. passt’s hier ganz gut hin: Udo Ueberschär möchte das Lok-Fanprojekt schliessen (lassen). Dieses Gebäude in der Kommandant-Prendel-Allee 63 soll dann der Rote Stern als FP übernehmen. Keine Ahnung, warum er so einen Käse unter den Traktor Dösen Anhängern verbreitet …




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