FC-Sachsen-Fans diskutieren über Neonazis in der Kurve
Freitag, 27. November 2009, 12:54 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Sonntag, 29. November 2009, 14:53 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Vereinspolitik

Von 400 nach Zwickau gefahrenen Fans des FC Sachsen hat sich eine Gruppe von 50 Personen mit neonazistischer Provokation und Agitation hervorgetan. Im Internetforum des FC Sachsen Lepzig wird kontrovers diskutiert. Innenansichten eines Fußballvereins

In der Fanszene des FC Sachsen gibt es mal wieder – nunja – Irritationen. Es geht um das bekannte Motiv „Politik im Stadion“, im FCS-Forum Gegenstand einer intensiven Debatte. Zu meiner Verwunderung ist die Zahl derer, die den Vorfällen vom vergangenen Wochenende mit Verharmlosungen und Relativierungen begegnen, entschieden gering. Die Fans haben begriffen: Der FC Sachsen steht nach wie vor am Abgrund, und der entscheidende Schupser kann von allen Seiten kommen.

„Hier marschiert der nationale Widerstand!“

Zwickau, 22. November 2009. Der FC Sachsen gastiert beim FSV Zwickau und darf auf Grund eines NOFV-Sportgerichtsurteils ([1] [2]) gegen den Heimverein nur 400 Fans mitbringen. Ein Teil dieser erlesenen Auswahl fällt negativ auf. Etwa 50 Neonazis, organisiert von den rechtsextremen „Metastasen“, grölen wiederholt das Führer- und U-Bahn-Lied, skandieren „Zwickau, ihr Zigeuner“, „Teutonisch, barbarisch, wir Leutzscher wir sind arisch“ sowie „Hier marschiert der nationale Widerstand“ und präsentieren mit dem Schriftzug „EDI – EHT“ ( „88“) verunstaltete Auswärts-Mottoshirts. Hatte sich zuletzt nur der 1. FC Lok mit derart negativer öffentlicher Außenwirkung konfrontiert sehen müssen, erschüttert die geballte Neonazi-Power im FCS-Block Verein und Fanszene.

Die Richterskala ist das Internetforum des FC Sachsen: Beinahe unisono sprechen die Fans von vereinsschädigendem Verhalten. Paparazz Locke erlebte seinen „SCHOCK im eigenen BLOCK“:

Für mich war heute einer meiner schlimmsten Tage bei Chemie. Das 1:3 und die Tortour mit der DB waren jedoch schon nebensächlich.

Aus meiner Sicht gab es heute einige im Gästeblock, die Chemie für immer das Licht ausblasen möchten. Die Meisten davon hatten diese sechs Buchstaben auf den Rücken. Teile ihres Liedguts (z.B. Führer) sind einfach nur vereinsschädigend. Es kommt zusätzlich hinzu, dass solche Lieder offensichtlich in der Hauptsache zur Provokation anderer Chemie-Fans gesungen wurden, wie der Singsang: „Wo sind denn die Ultras hin?“ belegt. Das macht mich wütend und ich finde das in keinster Weise hinnehmbar.

„Rassismus aus den Köpfen!“

Teile der Fans sahen sich zum Einschreiten gezwungen, wie das Bündnis 64 in einer Stellungnahme erklärt:

Im Stadion stellt man sich neben uns und verbreitet durch Singen diverser, teilweise verbotener Lieder, rechtsradikales Lied -und Gedankengut, was absolut vereinsschädigend ist. Um uns davon zu distanzieren, sahen wir es als notwendig an, den Block zu verlassen. Anschließende Gesänge wie: „Wo sind unsere Ultras hin? – Die W*chser“, stellten noch die Spitze des Eisbergs dar.

Dennoch fanden wir es auch gut, dass sich 2 Leute von den „Paparazzis“ ein Herz gegriffen haben, einzugreifen und was zusagen. Alles was dem jedoch entgegen kam, war ein niveauloses „Halt dein Maul“. Ebenfalls so niveaulos, wie die ganze Aktion, die gestern einiges kaputt gemacht hat…

Rassismus aus den Köpfen, gegen Politik im Stadion!

Der Schlusssatz ist beachtlich, wurde doch „Politik im Stadion“ seit Sommer 2008 vor allem mit den Diablos asssoziiert. Überhaupt hielten sich die Forumuser mit Relativierungen zurück, wie auch Chemie89 befindet:

mich wunderts das hier bis jetzt kaum jmd versucht die situation schön zu reden oder zu verharmlosen. also gibts doch anscheind genug chemiker die so ein mist wie heute nicht noch einmal erleben wollen. da sollte man sich mal gemeinsam ein paar gedanken machen was auch jeder einzelne machen kann und nicht „nur“ fanprojekt und fanverband.

freiburgundchemie ergänzt:

Tja es gab ja eine Initiativ Gruppe wegen diesen Problems. Leider ist diese Gruppe wieder eingeschlafen. Aber es wurden gute Ideen gesammelt vieleicht sollte man die wieder Aufgreifen.

„Die Fanszene war mal viel weiter“

Gute Ideen gegen Diskriminierung und deren Umsetzungen gab es schon mal in Leutzsch, das entsprechende kreative Potential verdingt sich jedoch derzeit lieber bei der BSG Chemie, woran der FC Sachsen keinesfalls unschuldig ist. Selbiges scheint sich auch Almir zu denken:

Schade daran ist, daß wir als Fanszene mal viel weiter waren, ich fand es ausgesprochen gut, daß wir im Gegensatz zu Lok, für eine antirassistische Fankultur standen.
Das ist Vergangenheit, aber es ist doch jedem aufgefallen, wie auch immer man dazu steht, daß vermehrt Nazi-Symbolik bei Chemie Einzug hält. Ich sehe heute wieder einige Nasen, die waren damals ganz klein mit Hut, heute singen sie wieder triumphierend das Führer-Lied.

Ich hoffe wir alle können dem entgegenwirken und ich finde es nicht sonderlich hilfreich Sprüche zu bringen wie „wir haben die linken Zecken vertrieben, dann vertreiben wir auch die Rechten“. Die „Rechten“ lassen den Führer und das dritte Reich hochleben und die „linken Zecken“ die, äähm…na die…ääh…achso, die haben den Antirassismus ins Stadion gebracht, wirklich widerlich.

Eine rhetorische Frage richtet Sündenbock, auch hier im Blog als Kommentator aktiv, an das Forum:

Es ist einfach sinnlos, mit Leuten zu diskutieren, die kein Problem haben, mit Nazis zusammen in einer Kurve zu stehen. Das tolle an solchen Codes ist ja, dass Außenstehende nicht direkt darauf kommen, was damit gemeint ist. Aber OK, wenigstens sind es immer die gleichen paar User, die solche Aktionen relativieren (*wuff*wuff*), während die überwältigende Mehrheit der FCS-Fans doch (hoffentlich) dagegen ist?!

Entpolitisierte Statements werden politisch

Trotzdem werden bei der ganzen Diskussion unweigerlich Fans wie Sachsenjunge auf den Plan gerufen:

Meine Oma wird im Januar 88 Jahre alt, ich habe mir überlegt, da nicht hinzugehen, nicht das ich nachher noch als Rechter hingestellt werde.

Die rechts links Diskussionen gehen mir hier langsam auf den Keks. In jedem Verein gibt es rechte und linke und welche die in der mtte stehen. Das gab es auch schon immer bei Chemie. Damals stand aber CHEMIE im Vordergrund und das ist es was uns alle hier verbindet, CHEMIE ! Aber ständig schreiben hier irgend welche Leute, der hat das gesagt, der hat das gesungen, der hat solche Sachen an … und waren am Ende nicht mal dabei.

Gasmann schlägt in die gleiche Kerbe und gibt unverhohlen zu:

Ich habe kein Problem damit mit Nazis zusammen in einer Kurve zu stehen. Womit ich aber ein Problem habe ist, wenn diese unser angeschlagenen Vereinsansehen noch weiter nach unten drücken, und den Fussball für politische Botschaften nutzen.

Ein entsprechendes Problembewusstsein lässt auch UnbekannterNr1 vermissen:

Zwickau ihr Zigeuner? Finde ich persönlich ist einfach nur ein Schmähruf wie jeder andere auch… Was das Ehdi-Eht bedeutet konnte ich allerdings auch am Spieltag trotz vieler Versuche nicht entschlüsseln…

Geradezu naiv fragt Mehli64:

Und T.Shirts mit einer 88 gab es schon in der DDR. Waren wir da als Kinder alle Faschos???????????????

Entpolitisierte Statements, die sich mit Politik auseinandersetzen wollen – das passt einfach nicht so richtig. Umso bezeichnender für das FCS-Forum ist es, dass die Admins Nutzer wie rückruf sperren, der lediglich konstatiert:

Wenn man das liest kann einen nur schlecht werden . Da waren mir die diablos tausendmal lieber, die haben für stimmung gesorgt und schöne choreos gemacht. Der fc sachsen ist schon lange nicht mehr chemie und es ist nur noch traurig was man sieht und liest.

An einer etwas tiefgründigeren Analyse versucht sich chapino:

So und nun kommt die entscheidende Frage: Wie verhält sich die Mehrheit zur Minderheit? Bei Chemie ist die eine Minderheit und mit ihr auch ein Teil der Mehrheit abgewandert. Wie ich meine, ein Fehler und auf lange Sicht durchaus geeignet um beide Vereine zu ruinieren. […] Im Affekt würde ich auch sagen, wo Naziparolen offen oder verdeckt vorgetragen werden ist jedenfalls nicht mein Platz. Da könnte ich den Sachsen-Schal dann gleich in die Ecke hauen. Nur was bringt das? Am Ende bleiben die Extremisten und bestimmen dann restlos das Bild des Vereins. […] Und machen wir uns nichts vor, Fußball an sich ist nicht politisch, aber mit Fußball wird Politik gemacht und Fußball spiegelt sowohl politische als auch gesellschaftliche Zustände wieder. […] Und eh jetzt das große Geschrei anfängt: Igitt mit de Diablos – diese Verräter – nie wieder etc… an die Hirnis vom Sonntag gerichtet die Bemerkung: Ihr seid keinen Deut besser – eher schlimmer. Zumindest kenne ich kein Diablos-Lied, das Stalin verehrt oder eine Elektritschka in den Gulag bauen will.

Gerade die Schlussbemerkung ist zutreffend (und es würde zu weit führen, das differenzierte Verhältnis der Leipziger Linken einerseits und der Diablos andererseits gegenüber Stalinismus und DDR zu diskutieren – kurzum: keine vorschnellen Schlüsse). Ob hingegen der Versuch der Marginalisierung einer unerwünschten Gruppe der einzige gangbare Weg ist, sei ebenfalls dahingestellt. Paparazz Locke hat da Lösungsvorschläge, die wesentlich zielführender sind:

Zum Beispiel könnte der Verein FC Sachsen sich öffentlich nach diesem Spiel von diesen 6-Buchstaben-Mitreisenden distanzieren und allen klar machen, dass kein Liedgut ala Führer, arisch oder U-Bahn geduldet wird. Umsetzen könnte er diese Nichtduldung beispielsweise durch seine Ordner. Ich habe leider keinen in gelber Jacke gesehen, der die vereinsschädigenden Gesänge dieser Gruppe in Zwickau beenden wollte.

„Wir werden reagieren, das ist sicher“

Zumindest diesbezüglich scheint sich im Verein einiges verändert zu haben. Vorstandsmitglied Jens Fuge schreibt in seinem Blog Leutzscherleben von

Auswüchsen in unserer Fan-Szene, die so nicht hinzunehmen sind. […] Förderlich für den Verein ist das alles nicht, das sind die Knüppel, die man nicht auch noch zwischen den Beinen braucht. […] Der Vorstand, die Spieler und viele Fans, die in Zwickau dabei waren, werden reagieren, das ist sicher.

Disclaimer: Alle Zitate mit grammatikalischen und Rechtschreibfehlern im Original.




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11 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Links « tous et rien
    Pingback von
    28.11.2009 um 19:14
    1

    [...] Chemieblogger über FC-Sachsen-Fans diskutieren über Neonazis in der Kurve [...]


  1. Gravatar of Chemie fan SEIT 74
    Kommentar von
    Chemie fan SEIT 74
    28.11.2009 um 20:25
    2

    immer drauf auf die metas . diechemi fans sind gespalten und nu ..? die frage wozu waren diablos in zwickau muss man fragen wenn grad 250 gegen zwenkau waren .!


  1. Gravatar of Grobi
    Kommentar von
    Grobi
    28.11.2009 um 22:28
    3

    Bezeichnend…
    …genau der Grund, warum ich lieber zum Kegeln gehe.
    Ohje Leutzsch…wo soll das noch hinführen.
    Schade, eine ehemals mächtige Fangemeinde stirbt gerade. Sowas wie uns gabs nur noch in Köpenick, die allerdings sind wieder da und spielen morgen gegen Pauli!!!
    Schlimm…


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    29.11.2009 um 13:31
    4

    zum „vereinsschädigend“:

    wenn andere, hier zitierte fans an den gesängen und dem verhalten der neonazis nichts anderes – jedenfalls nicht primär – auszusetzen haben, als dass es vereinsschädigend ist – so hat der verein doch alle verdient. für wen rechts“radikalismus“ erst ein problem darstellt, wenn es den „eigenen“ verein schädigt, für den zählt sowieso nur der verein, der standort, die heimat. kleiner klesetipp:

    http://ascetonym.blogsport.de/.....pottelend/


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    29.11.2009 um 14:08
    5

    ups, der link existierte nicht mehr. neu: http://brennessel.blogsport.de.....pottelend/


  1. Gravatar of Jens Fuge hinterlässt große Lücke | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    6

    [...] dieses Problem ging Fuge an. Nach dem Neonazi-Eklat in Zwickau bezog er eindeutig Stellung. Fuge machte öffentlich, wenn im Stadion der Hitlergruß [...]


  1. Gravatar of Chemiker
    Kommentar von
    Chemiker
    22.08.2010 um 18:53
    7

    Diese Seite beschwert sich über Politik im Stadion??? Aber auf dem Bild über der Hompage eine Chemiker mit einem Dual.Fanschal mit dem Roter Stern Leipzig Logo? Habt ihr ne Macke!!?? Macht die Seite zu! Lächerlich!


  1. Gravatar of Matze
    Kommentar von
    23.08.2010 um 12:58
    8

    Gähn … immer die selber Leier! Ich hab bisher noch kein Stalin, Lenin oder Ceaușescu – Konterfei beim Stern gesehen und ich geh da schon ein paar Jahre hin.

    *ausgeleierter Abspielmodus an* Antirassismus hat nichts mit Politik zu tun. *modus aus*


  1. Gravatar of Irrelevant
    Kommentar von
    Irrelevant
    25.08.2010 um 7:08
    9

    @ Chemiker
    Also ich weiß ja nicht so Recht, ob sich diese Seite über Politik im Stadion beschwert.
    Ich weiß übrigens nicht, was vereinsschädigender ist, ein Mob, welcher „Hier marschiert der nationale Widerstand!“ brüllt, oder eine Gruppe, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung im Stadion einsetzt. Wenn du tatsächlich meinst, das hier Beschwerden über Politik im Stadion existieren, dann würde ich das gerne mal sehen, weil ich hier nix konkretes erkennen kann. Für mich gehört eine antirassistische Meinung einfach mal zu einem gesunden Menschenverstand.


  1. Gravatar of Korrumpiert und kritisch, braun und bunt: Die Vielfalt des Leipziger Fußballs | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    10

    [...] Provokation und Proletentum. Dass darin durchaus eine politische Qualität liegt, zeigten die innerhalb der Fanszene kontrovers diskutierten Vorfälle in Zwickau sowie die nach „ag.doc“-Angaben gescheiterte Etablierung einer eigenen, offen rassistisch [...]


  1. Gravatar of FC Sachsen Leipzig schreibt zum letzten Mal Geschichte | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    11

    [...] engagierte und kritische Kopfe in die Kreisklasse ab. Für die Leutzscher Fanszene hatte das folgenschwere Konsequenzen. Dieser Tage holt den Verein diese Entwicklung ein – der Kreis scheint sich zu schließen. [...]




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