„Sport im Osten“: Expertenrat gegen Wettbetrug
Montag, 23. November 2009, 18:01 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Samstag, 5. Dezember 2009, 15:18 Uhr
Abgelegt unter: Gewalt & Rassismus, Medienschau

Moderator Tom Scheunemann diskriminiert in der MDR-Sendung „Sport im Osten“ Chinesen und alle, die für solche gehalten werden. Eine Medienkritik

Man sieht ihm an, dass er seinen Fehler bemerkt. Noch während des Redens will er seine unangebrachte Formulierung korrigieren. Doch es ist zu spät. Tom Scheunemann moderierte am Sonntag die MDR-Sendung „Sport im Osten“ und leistete sich – um die richtigen Worte ringend – einen unverzeihlichen verbalen Fehltritt:

Also beim nächsten Fußballbesuch im Stadion den [Pause: bedeutungsschwangeres Luftholen, irritiertes Kopfnicken] Chinesen mal ruhig fragen, was er da gerade macht.

Selbiges hatte Christian Bergmann in seinem vorangegangen Beitrag zum aktuell wieder aufflammenden Thema „Wettbetrug“ getan. Bergmann stellte Fragen an einen anonymen, aus China stammenden „Spotter“. Diese stellen die Verbindung zwischen europäischen Fußballplätzen und den asiatischen Wettanbietern her, indem sie selbst in unbedeutenden Nachwuchsspielen Informationen wie Eckebälle, Fouls und Gelbe Karten via Handy übermitteln. Diese statistischen Daten bilden die Grundlage für Live-Wetten. Und für mögliche Manipulationen.

Eigentlich ein gut recherchierter, investigativer Beitrag. Doch Tom Scheunemanns Nachsatz, der nur wohlwollend als unbedacht eingeschätzt werden kann, konterkarierte die Arbeit des Kollegen. Jetzt wissen wir, dass die Abmoderation, eine journalistisch fragwürdige Institution in „Sport im Osten“, mehr zu bieten hat als Post-Spielbericht-Allgemeinplätze, die von „Eine tolle Serie …!“ bis zu „Jetzt wird’s langsam eng im Abstiegskampf“ reichen: Sie kann offensichtlich auch diskriminieren. Scheunemann übte sich in nichts anderem als im Bedienen alltagsrassistischer Klischees. Das fängt schon dabei an, Menschen, die scheinbar asiatischer Abstammung sind, als „Chinesen“ zu bezeichnen.

Bleibt zu hoffen, dass nicht allzu viele Stadiongänger die suggestive Bemerkung Scheunemanns verinnerlichen. Ansonsten lautet die ultimative Expertise für alle „Chinesen“ und die, die irgendwie so aussehen: das Handy in der Hosentasche lassen, die Mütze tiefer ins Gesicht ziehen und sich eine verspiegelte Sonnenbrille zulegen. Oder es am besten gleich ganz mit dem Stadionbesuch lassen. Denn das ist Deutschland hier.




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3 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Patsche
    Kommentar von
    Patsche
    29.11.2009 um 21:56
    1

    Jetzt mal bitte die Kirche im Dorf lassen, oder den Tempel – wenns besser passt… Den Worten von Moderator Scheunemann kann ich keine „rassistische“ Anlehnung oder Aussage entnehmen. Ich schaue die Sendung schon länger und kenne Moderator Scheunemann auch von seinen Reportagen usw. von früher bei Sat.1 und arena. Seine Meinungen und Aussagen waren zwar meisstens sehr kritisch zu Problemthemen aber auch immer sehr fair, mit einem Augenzwinkern und ausgewogen. Der journalistische Ansatz in diesem Thema ist doch ein anderer: Ich habe den Beitrag im mdr ebenfalls gesehen und fand ihn sehr aufschlussreich und investigativ. Warum haben sich die dort genannten Chinesen nicht filmen lassen, was haben sie zu verbergen, wenn sie ihre Gesichter nicht zeigen wollten? Deiner Argumentation von rassistischen Vorurteilen und Ressentiments kann ich deshalb nicht folgen. Die Fakten zeigen deutlich eine Tendenz hin zu einem Netzwerk, das sich der Blauäigigkeit und Naivität unserer Fußball-Gesellschaft bedient. Ob Chinese, Kroate oder Deutscher, wer hier kriminell aktiv wird, darf sich nicht wundern wenn “Fragen” gestellt und Zusammenhänge recherchiert werden. Die Aufgabe der Fußball-Medien geht über die 1:0-Berichterstattung hinaus. Wie ich Herrn Scheunemann verstanden habe, gilt seine Aussage der Vorsicht und Wachsamkeit. Ich werte seine Bemerkung als nicht so ernstgemeinten Kommentar, sondern eher als Hinweis, dass die Wettpaten die unteren Ligen bei uns im Visier haben. Die Sensibelisierung für Betrügereien ist offenbar noch immer weniger wert als die Verharmlosung. Typisch Deutsch also, die Lawine rollt auf uns zu und keiner merkts.
    Eigentlich kann man froh sein, dass es Rückgrat-Journalisten gibt, sonst wären Stasi-Machenschaften, Wirtschafts-Kriminalität oder die Doping-Schweinereien nie aufgedeckt worden.


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    30.11.2009 um 9:46
    2

    Man muss – wie oben geschrieben – trennen zwischen dem vorangegangenen Beitrag, der nicht von Scheunemann, sondern Bergmann kam, und dem Statement, dass Scheunemann in der Abmoderation gebracht hat.

    Patsche:

    Warum haben sich die dort genannten Chinesen nicht filmen lassen, was haben sie zu verbergen, wenn sie ihre Gesichter nicht zeigen wollten? Deiner Argumentation von rassistischen Vorurteilen und Ressentiments kann ich deshalb nicht folgen. Die Fakten zeigen deutlich eine Tendenz hin zu einem Netzwerk, das sich der Blauäigigkeit und Naivität unserer Fußball-Gesellschaft bedient. Ob Chinese, Kroate oder Deutscher, wer hier kriminell aktiv wird, darf sich nicht wundern wenn “Fragen” gestellt und Zusammenhänge recherchiert werden.

    Es ging mir nicht darum, irgendwelche Fakten zu bestreiten. Bergmann hat die Zusammenhänge aufgezeigt und entsprechend differenziert berichtet. Das ist einwandfrei. Scheunemanns Nachsatz ist aber in Bezug auf Undifferenziertheit nicht zu übertreffen. Er unterstellt damit jedem „Chinesen“ (wie stellst du denn im Stadion fest, wer Chinese oder Deutscher ist – auf Grund des Aussehens?), der im Stadion sein Handy bedient, dass er gerade Spieldaten an die Wettmafia übermittelt. Implizit ruft er die Zusehenden dazu auf, einzuschreiten – mit welchen Mitteln auch immer. Scheunemann ist selbst über seinen Satz gestolpert. Die Aussage ist medienethisch nicht tragbar und sollte vom Rundfunkrat kritisch geprüft werden.

    Das hat im Übrigen nichts mit „typisch deutsch“ zu tun, sondern mit einem (fehlenden) Problembewusstsein für Alltagsrassismus.


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    30.11.2009 um 15:29
    3

    „Warum haben sich die dort genannten Chinesen nicht filmen lassen, was haben sie zu verbergen, wenn sie ihre Gesichter nicht zeigen wollten?“

    Um in ostdeutschen Stadien als Chinese oder als Nigerianer diskriminiert zu werden, reicht es schon aus, einfach „anders“ auszusehen. Auch ohne Handy am Ohr.

    Ihre Gesichter nicht zu zeigen war schon fast weise Voraussicht, wenn ich mir den Kommentar von Scheunemann so ansehe.

    „Die Fakten zeigen deutlich eine Tendenz hin zu einem Netzwerk, das sich der Blauäigigkeit und Naivität unserer Fußball-Gesellschaft bedient.“

    Das böse Netzwerk funktioniert nicht ohne bestechliche Spieler, Funktionäre oder Schiedsrichter. Richtig wäre: unsere Fußball-Gesellschaft ist – zu einem sehr geringen Prozentsatz – Teil des Netzwerks.

    „Wie ich Herrn Scheunemann verstanden habe, gilt seine Aussage der Vorsicht und Wachsamkeit.“

    Wir reden immer noch von Fußballstadien in unteren Ligen. Die sind nicht immer ein Hort der Objektivität, Friedlichkeit und des Austauschs von sachlichen Argumenten.

    „Eigentlich kann man froh sein, dass es Rückgrat-Journalisten gibt, sonst wären Stasi-Machenschaften, Wirtschafts-Kriminalität oder die Doping-Schweinereien nie aufgedeckt worden.“

    Auch hier bin ich anderer Meinung: ein Rückgrat-Journalist recherchiert investigativ. Ein Rückgrat-Journalist ruft aber nicht dazu auf, jeden Chinese in einem deutschen Fußballstadion als potenziellen Wettbetrüger bloßzustellen.




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