Jimmy Hartwig mimt den Anti-Helden
Freitag, 30. Oktober 2009, 19:59 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Sonntag, 15. November 2009, 23:50 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, FC Sachsen Leipzig

Angelehnt an Georg Büchners Drama spielt der ehemalige Trainer des FC Sachsen Leipzig Jimmy Hartwig im Centraltheater Leipzig den „Woyzeck“. Ein Blick abseits des grünen Rasens

Er ist ein hessisches Original, eine echte Rampensau, wie er sich selbst beschreibt. Außer ihm gibt es wohl nicht viele Menschen, die mich überhaupt dazu bewegen könnten, ins Theater zu gehen. Jimmy Hartwig, weit vor meiner fußballerischen Wahrnehmung mal HSV-Star und später Trainer beim FC Sachsen Leipzig, ist – nun ja – bekannt. Ob als Schiedsrichter beschimpfender Gast im Aktuellen Sportstudio („Kleines Schweinchen“), Co-Moderator drittklassiger DSF-Call-In-Shows der 90er oder Gast des RTL-Dschungelcamps: Hartwig war immer ein bisschen polternd, unangepasst, für Boulevard-Schlagzeilen gut. Ein Mann mit Charisma.

Schauspielernde Ex-Fußballer faszinieren mich irgendwie. Am Leipziger Centraltheater gibt Hartwig gerade unter Regie von Thomas Thieme den „Woyzeck“ im Stück „Büchner/Leipzig/Revolte“. Woyzeck, da war doch was. Georg Büchners Dramen-„Held“ war der unfreiwillige Star meines Abituraufsatzes. Hätte mir das jemand vorher erzählt – aber naja. Woyzeck war für mich immer zu farblos, langweilig, auch mit bestem Willen konnte ich dem Dramenfragment nicht das Label „Weltliteratur“ verpassen. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert.

Büchners Woyzeck ist ein Anti-Held, ein Opfer, auf dem alle herumhacken, das Schwächste Glied in der Kette, der Praktikant, der sich wünschte, zum Kaffeekochen eingesetzt zu werden. Woyzeck ist ein unfreier Mensch in einem repressiven System, gezeichnet von seiner Entrechtung und zu schwach zum Aufruhr. Büchner zeichnet das Bild eines Nichts, dessen einzige Handlung ein fataler Hilfeschrei ist: Er tötet seine ihn betrügende Freundin. Es ist gerade die Eindimensionalität, mit der Büchner seinen „Held“ charakterisiert. Gerade in Woyzecks gänzlich unpolitischem Verhalten liegen die Faszination und die Botschaft Büchners ( „Friede den Hütten! Krieg den Palästen“). In Thiemes „Büchner/Leipzig/Revolte“ trifft nun jener Anti-Held, der mir zum Abi verhalf, auf den charismatischen, schrägen Ex-Fußballer und -trainer, von dem ich in jungen Jahren nur Skurriles bei Jens Fuge gelesen hatte.

Wenn ich ein Ressort nicht kann, dann ist das Feuilleton. Deshalb will ich mich auch gar nicht darin versuchen. Aber Thomas Thiemes Aufführung hat mir trotz allen negativen Kritiken imponiert. Thieme ist es gelungen, Büchners Woyzeck als zeitloses Werk hinzustellen. „Auferstanden aus Ruinen“, singt noch vor Woyzecks erstem Auftritt ein Chor alter Männer. Und, süffisant: „Wir sind die junge Garde des Proletariats“. Der Hauptmann ist ein NVA-Offizier, der Doktor ein Stasi-Mitarbeiter. Woyzeck funktioniert auch in der DDR.

Und nicht nur da. Als Intro zeigt Thieme einen mehrminütigen Film. Verwackelte Szenen aus der Messestadt, abgedreht in subtilem Schwarz-Weiß. Es geht um Revolution und Veränderung, ein junges Paar besorgt sich Schusswaffen. Gewalt, ja oder nein? Es wird diskutiert. Ende offen.

Woyzecks Auftritt ist ebenso einsilbig wie ursprünglich. Jimmy Hartwigs Hessisch verleiht dem Charakter Authentizität. Woyzeck ist ein Mann von ganz unten, tief verunsichert und in Hilflosigkeit erstarrt. Hartwigs Bewegungsradius im gesamten Stück beträgt zwei Meter. Da steht er, Woyzeck, der mittellose Soldat und Befehlsempfänger, in weißer Fine-Rip-Unterwäsche. Von seinem Vorgesetzten, der seine Freundin vögelt, lässt er sich dissen. Der Kette rauchende Doktor missbraucht ihn als Versuchskaninchen. Woyzeck, der Anti-Held, beweist äußerste Duldsamkeit und bleibt systemkonform – bis zum bitteren Ende.




«
»




Keine Kommentare bisher
Hinterlasse deinen Kommentar!



Einen Kommentar hinterlassen