RB Leipzig ist Deutschlands „erster Marketingclub“
Dienstag, 28. Juli 2009, 0:46 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28. Juli 2009, 9:52 Uhr
Abgelegt unter: Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Kommerz- & Medienfußball, Medienschau, Vereinspolitik

Red Bull ist und bleibt ein Thema, das den Leipziger Fußball in den nächsten Wochen dominieren wird. Eine kritische Medienschau

Es sind die letzten Züge einer denkwürdigen Sommerpause. Seit zwei Monaten ist Leipzig der Schauplatz einer Fußball-Revolution – zumindest was deutsche Maßstäbe betrifft. Wem ich mit dem Thema „Fußballambitionen eines Herstellers koffeinhaltiger Brause“ auf die Nerven gehe, der hat jetzt die Möglichkeit, zur Webseite seines Lieblingskleingartenvereins weitersurfen. Für alle anderen habe ich noch einmal eine kleine alternative Medienschau zusammengestellt. In den letzten zwei Monaten habe ich Beiträge gesammelt, deren Autoren sich noch nicht jegliches Reflexionsvermögen mit einem überteuerten Pseudo-Kult-Drink weggeballert haben.

„Wer das gut findet, muss zum Arzt“

Philipp Köster, Redakteur des Fußballkultur-Magazins 11 Freunde, deutet auf eurosport.de die Austauschbarkeit des Standorts Leipzig an und konstatiert, dass die Leipziger Öffentlichkeit auf die Kölmel-Mateschitz-PR in eigener Sache hereinfällt:

Ernsthaft zu glauben, es ginge Firmeninhaber Dietrich Mateschitz und seinen Abgesandten auch nur in Spurenelementen um Leipzig, um den örtlichen Fußball und um die Chance, hoffnungsvolle Talente in der Region zu halten, ist sträflich naiv.

Wie sagte es Lothar Matthäus am Rande eines Interviews, das wir vor Jahren mit ihm in Budapest führten: „Der will nur Dosen verkaufen!“ er muss es wissen, er war beim österreichischen Pendant Red Bull Salzburg Co-Trainer. Dort wird seit Jahren durchexerziert, wie man einen Klub komplett kommerzialisiert: mit Discolichtern unter dem Tribünendach, mit einer Nachwuchsabteilung, die als „Jungbullen“ firmiert, und vielen anderen Geschmacklosigkeiten mehr.

Ebenso hinterfragt Köster am Beispiel des Red-Bull-Einstiegs in Markranstädt die Entwicklungen, die in Fankreisen als Moderner Fußball charakterisiert werden:

Wenn allerdings allein wirtschaftliches Interesse das Motiv ist, einen Fußballklub zu führen, ist das höchst gefährlich. Dieser Sport befindet sich ohnehin schon zu sehr im Würgegriff kommerzieller Interessen. Die zerpflückten Spieltage, bizarre Anstoßzeiten, Sitzplatzarenen mit austauschbaren Namen – all das macht den Anhängern schon heute das Leben schwer.

Wie auch immer, Markranstädt hat sich bettfein gemacht, und der einzige lokale Akteur, der von Red Bull profitiert, ist Michael Kölmel:

Die Vereinsfarben sind bereits die der Firma, der Klubname ist zumindest als „RB“ abgekürzt schon verwertbar (obwohl „Rasen Ballsport“ klingt, als habe sich eine Kindertagesstätte an der Namensfindung beteiligt) und aufmüpfige Fans, die auf einen Rest an Glaubwürdigkeit pochen, wird es ebenfalls nicht geben. Kurzum, der Klub hat sich all dessen entledigt, was den Sport über das reine Spiel hinaus faszinierend macht.

Wer das gut findet, muss zum Arzt. Oder er hat ein Stadion in Leipzig.

„Das Volk will seine Show haben“

Dass so manche Fußball-Interessierte medizinischer Hilfe bedürfen, ist bei „zone09“, einem Blog von Borussia-Dortmund-Fans, zu lesen:

Wo wir unser Herz an einen Verein knüpfen und diesen auch noch in der 57. Liga lieben würden, geht es vielen anderen nur um ihre Bespaßung. Da ist es egal ob da nun RB Leipzig spielt oder die alte Lok Leipzig. Solange man immer schön gewinnt und man ganz toll Party machen kann werden die Leute auch zu RB Leipzig pilgern. Da kann man dann in bester Länderspielmanier in der 20. Minute beim Stand von 2:0 gegen Bielefeld die Welle machen und singen, dass man sowas schönes schon lange nicht mehr gesehen hätte und in der 85. Minute, wenn es immer noch nur 2:0 steht pfeiffend die Arena verlassen. Oder so wie im Saisonfinale bei Red Bull Salzburg geschehen mal die eigene Mannschaft auspfeiffen, die zwar Meister geworden ist, aber im letzten bedeutungslosen Spiel noch gegen den Absteiger verloren hat. Meister hin oder her, das Volk will trotzdem seine Show haben…

Red Bull Salzburg: „Disco oder Fußball?“

Stichwort Eventfußball. Eben jener wird von Red Bull in der Salzburger Heimat in Reinkultur praktiziert, wie ein Erlebnisbericht zu einem Derby zwischen Red Bull Salzburg und Rapid Wien auf schwatzgelb.de, einem Online-Fanzine ebenfalls aus Dortmund, eindrucksvoll vor Augen führt:

Das Stadion [von Red Bull Salzburg, d. Verf.] selbst erinnert in seiner Bauweise an alles Mögliche, aber eher nicht an ein Stadion. Dazu wummerte von innen die ganze Zeit irrsinnig laute Technomusik und die Scheinwerfer leuchteten dazu im Takt auf. Passend dazu wurden draußen Ohrstöpsel verteilt. Das größte Fangeschenk ist aber ein weißes Tuch mit Red Bull-Aufdruck. Dieses – so erfährt der Eventourist auf der beiliegenden Erklärung – solle man im Stadion verwenden, um Stimmung zu erzeugen. Wie in spanischen Stierkampfarenen mit lautem „Olé“ über dem Kopf schwenken, wenn auf dem Platz etwas Positives passiert. Um es vorweg zu nehmen, das klappte natürlich überhaupt nicht. Den sicherlich gut verdienenden Marketingexperten sollte man vielleicht noch den Unterschied zwischen Fußball und sonstigen „Events“ erklären, es ist eben doch keine Trendsportart, zum Glück. Um dem neuen Fan zu helfen hat man übrigens im Stadion ein paar Menschen verteilt, die wie die berühmten Stierläufer von Pamplona verkleidet sind, ganz in weiß und rote Tücher umgebunden. Was das mit Fußball zu tun hat? Natürlich nichts.

Es kommt aber noch besser, am Eingang rannten dann Leute mit Körben herum und verschenkten Ohrstöpsel, da es im Stadion zu Lärmbelästigung kommen könnte. Unglaublich? Nicht in Salzburg. […] Wir erfuhren hier übrigens auch, dass Teile der DFB-Führung beim ersten Heimspiel zu Besuch waren. Anschauungsunterricht, wie man sich ein Publikum heranzüchtet oder zumindest domestiziert?

„Nächstes Jahr geht man dann halt zum Eishockey“

Das Stadion selbst ist seiner Bezeichnung unwürdig und gleiche eher, so ist weiterhin zu lesen, einer „Großraumdisko oder Eventhalle“:

Überall quietschbunte Red Bull-Graffiti, grelle Scheinwerfer, die in allen möglichen Farben leuchteten und ein bis zum Spielende nicht anhalten wollender Strom aus den Nebelmaschinen. Die Scheinwerfer wurden auch nie abgestellt und strahlten ständig in allen möglichen Farben das Feld oder die Tribünen an. Disko oder Fußball? Das ganze wirkte irgendwie vollkommen abgedreht und unecht, es sah nach allem möglichen aus, nur nicht nach einem Fußballspiel. Ein tolles Event für den Eventzuschauer von morgen, der einfach nur unterhalten werden will. Bloß nicht nachdenken, einfach nur konsumieren und nächstes Jahr geht man dann halt zum Eishockey, weil gerade das hip ist. […]

Die Stimmung war eintönig und einzig bei Schmähgesängen gegen Rapid Wien kam so etwas wie Emotion auf, ansonsten wirkte es oft wie aufgesetzt. Aber wie soll man auch für etwas wie Red Bull echte Hingabe zeigen können? Die gleichzeitigen „Salzburg“-Rufe wurden übrigens über die Stadionlautsprecher weitergetragen, dann wirkt es irre echt, aber vor allem lauter. Passt perfekt zum Kunstprodukt und der Gummibärenbande von Dieter Matteschitz.

Zum Abschluss kommentiert schwatzgelb.de noch ein für Dietrich Mateschitz typisches Zitat, in welchem der Konzernchef traditionsbewusste und kommerzkritische Anhänger als Randalierer diffamiert:

„Das ist eine sehr, sehr kleine Anzahl von Fans, denen es wahrscheinlich nicht einmal so sehr um den Sport geht, für die Sport ein Mittel zum Zweck ist, um randalieren zu können. Sie erwarten nicht von mir, dass ich dem gegenüber sehr viel Verständnis zeige? Ich kann ja nicht mit einem lila Bullen spielen, wenn die Marke Red Bull heißt. Einem wirklichen Fußballfan geht es doch bitte um guten Fußball und nicht um ‚colour me beautiful‘!“

Das sollte man vielleicht einfach so stehen lassen, es zeigt jedenfalls mehr als deutlich, wie viel Herr M. vom Fußball und seinen Fans versteht.

„Traditionelle Werte oder der Mief von Geschichte stören nur“

An anderer Stelle entlarvt schwatzgelb.de mit einem weiteren Zitat Mateschitz’ kompromisslose Strategie, die die deutsche Vereinslandschaft bedroht, und verweist zugleich auf die Unterschiede zum Streitfall TSG Hoffenheim, der fälschlicherweise oftmals mit den Entwicklungen in Markranstädt gleichgesetzt wird:

„Wir können nicht das Risiko eingehen, nach einigen Jahren und Zahlungen in Millionenhöhe plötzlich von wem und aus welchem Grund auch immer mit einem Dankeschön verabschiedet zu werden.“

Aus diesem Grund sind auch alle sieben Gründungsmitglieder Angestellte oder Vertraute des Konzerns. Rasenball Leipzig ist zu 100 Prozent ein Spielzeug von Herrn Mateschitz und dient einzig und allein Werbezwecken. Selbst auf den Lokalkolorit eines Dietmar Hopp (Umbenennung in TSG 1899 Hoffenheim) verzichtet man gerne. Schließlich will man hip und bunt sein. Eingefahrene traditionelle Werte oder der Mief von Geschichte stören da nur. […] Zu erwarten sind stattdessen grellbunte Discolichter, wummernde Bässe, Menschen in lustigen Bullenkostümen und vor allem viel Geld für Spieler, die sich für nichts zu schade sind. Ein verabscheuungswürdiger Moloch, der jede Form altbekannter Werte wie ein Vereinsleben, eine Geschichte und eine gewachsene Fankultur strikt ablehnt und einzig und allein zu dem Zwecke veranstaltet wird, das Image der Marke „Red Bull“ zu verschönern. Bundesligafußball zu Vervollständigung des Marketingportfolios.

„Erster Marketingclub im deutschen Fußball“

Das Projekt „RasenBallsport Leipzig“ wird in seiner Bedeutung allzu oft unterschätzt. In einem Interview mit spox.com rückt Prof. Tobias Kollmann, Lehrstuhlinhaber an der Universität Duisburg-Essen, ein verzerrtes Bild gerade:

Der Einstieg von Red Bull mit RB Leipzig im deutschen Fußball ist gleichbedeutend mit einem sportpolitischen Erdbeben. Das ist eine neue Qualität im Hinblick auf die Einbindung eines Investors bei einem Fußballverein.

Im deutschen Fußball sei bisher kein vergleichbares Beispiel zu finden gewesen. Vergleiche mit Hoffenheim auf der einen und Leverkusen und Wolfsburg auf der anderen Seite scheinen zu hinken:

Zwar sind beide Investoren [Red Bull und Dietmar Hopp, d. Verf.] bei einem Fußballverein, aber Herr Hopp finanziert Hoffenheim auch aus privaten und idealistischen Gründen. Sein Unternehmen „SAP“ steht dabei nicht im Mittelpunkt der Werbewirkung. Red Bull hingegen ist ein profitorientiertes Unternehmen, das bei RB Leipzig klare Wirtschafts- und Marketingziele für seine Produkte verfolgt. […]

Bayer und VW haben einen starken regionalen Bezug mit einer dominanten Stellung als Arbeitgeber in der jeweiligen Stadt. Deswegen gilt in Bezug auf die Vereine in Leverkusen und Wolfsburg die enge Beziehung und die Herkunft als sogenannter Werksklub. Red Bull hingegen hat seinen Standort strategisch fern der Heimat ausgesucht, um im deutschen Fußballmarkt mitzumischen und ihn zu erobern. Daher wurde ein Novum im deutschen Fußball geschaffen. RB Leipzig ist kein Werksklub und auch kein von einem Mäzen unterstützter Klub, er ist der erste Marketingklub im deutschen Fußball.

Dass sich der Deal für Red Bull bei entsprechendem Erfolg lohnen wird, stellt Kollmann außer Frage:

In den unteren Ligen wird wesentlich mehr Geld ausgegeben als eingenommen, nichtsdestotrotz kann es sich für Red Bull langfristig wirtschaftlich lohnen. Stichwort Marketing. Die Rechnung ist einfach: Was müsste ich für diesen Werbeeffekt einer Marke im Milliardenmarkt Fußball sonst einem anderen Verein ohne eigene Mitspracherechte bezahlen und was kostet mich der Durchmarsch von unten in die Bundesliga mit dem gleichen Effekt in Eigenregie? Wenn letzteres gelingt und man sich national und vielleicht sogar international etablieren kann, erscheinen 100 Millionen Euro fast wie ein Schnäppchen.

„Jeder Bullen-Furz als göttlicher Fingerzeig in die Champions League“

Deutliche Kritik am vermeintlichen Leipziger Vorzeigeprojekt, wie sie, bei entsprechender Recherche, vielfach zu lesen ist, wird besonders in den lokalen Medien vernachlässigt. Das wird in einem vor allem auf Grund der Formulierungen lesenswerten Blogbeitrag von „DesBam“ deutlich:

Was er macht, das macht er richtig – schreibt der lokale Sportjournalist Guido Schäfer seit Wochen sinngemäß über den Brause-Mateschitz, kolportiert dreistellige Millionen-Investitionen in den Leipziger Fußball und feiert jeden Bullen-Furz als göttlichen Fingerzeig in die Champions League. Nicht zuletzt ,wird hier in jedem zweiten Halbsatz über den neuen Verein auch das angeblich Flügel verleihende Produkt der Österreicher gepriesen, als hätte Mateschitz mit dem SSV Markranstädt auch gleich noch kostenlose Anzeigen in den Medien erworben. Zumindest kann Red Bull so schon jetzt einen beachtlichen Marketing-Mehrwert aus seinem Leipziger Engagement verbuchen – sogar mein Vater rief mich kürzlich an und wollte wissen, wo es denn diese österreichische Brause gibt, die jetzt täglich in der Zeitung stehe.

„Kritische Stimmen werden in der Luft zerrissen“

„Guido Schäfer wird neuer Pressesprecher von RB Leipzig“, polemisiert der Blogger René Loch auf lipsia.wordpress.com und stimmt in die Medienkritik ein:

Dass sich kritisches Hinterfragen in den ersten Tagen des Bekanntwerden des Millionen-Deals noch in Grenzen halten würde, war anzunehmen. Ende Mai / Anfang Juni interessierten vor allem die Details, das Konzept, die genauen Einzelheiten des Projekts. Um zu hinterfragen, fehlte noch das Wissen. Das hat sich mittlerweile geändert. Und unabhängig davon, ob man das Red Bull-Engagement in Leipzig gut oder schlecht findet oder dem Ganzen ziemlich neutral gegenüber steht – mögliche negative Faktoren sind nicht zu leugnen. Und die sollten auch angesprochen werden.

Doch nicht so bei Guido. Was andere Redakteure als “Kommentar” nutzen, verpackt Guido als ganz gewöhnlichen Artikel: seine persönliche Meinung. Und so ist alles, was es bislang in der LVZ über den RasenBallsport Leipzig zu lesen gab (mal abgesehen von ein paar kritischen Leserbriefen, die gegenüber den euphorischen natürlich in der Unterzahl sind), nicht mehr als Guidos persönliche Meinung. Und die fällt wohlwollend aus. Sehr wohlwollend. Kritische Stimmen werden in der Luft zerrissen.

Guido Schäfer werfe jegliche für einen Journalisten unumgängliche Distanz über Bord, so Loch weiter:

Schlimmer noch: Er manipuliert die Öffentlichkeit. Wer ein paar (über)kritische Worte zum Red Bull-Projekt sucht, sollte lieber bei der Leipziger Internet Zeitung oder den nicht in Leipzig verwurzelten Boulevard-Medien (also Bild-Lokal-Ausgabe & LVZ) Ausschau halten. Dass es so etwas wie Objektivität in der Presse nicht wirklich gibt, ist klar. Ob FAZ, Spiegel oder Süddeutsche – sie alle besitzen eine “Tendenz”, machen sich aber nicht gemein mit einer Sache. Bei Guido hingegen kann man sich kaum mehr sicher sein, ob er nicht vielleicht schon längst auf der Gehaltsliste von Red Bull steht.

Soziologin: Fusion löst Gewaltprobleme

Dass selbst eine Vertreterin der Leipziger Wissenschaft undifferenziert über den Red-Bull-Einstieg urteilt, wird in einem überraschend beliebigen Feature von den offensichtlich wenig im Fußball verankerten Autoren Sebastian Pittelkow und Dominik Schottner, das im linksintellektuellen Wochenblatt Freitag erschienen ist, deutlich:

Petra Tzschoppe ist Sportsoziologin an der Universität Leipzig. Sie sagt, das Beste für Leipzigs Fußball wäre eine Fusion von Lok und Sachsen: „Dieser Impuls, der stark genug gewesen wäre, die tradierten Feindschaften zu überwinden, wurde aber leider bisher nicht gegeben.“ RB eröffne nun die „Chance, eher sach- und ergebnisorientierte Zuschauer zu binden, auch Familien.“

An dieser Stelle muss ich kurz kommentieren: Wer darf sich eigentlich heutzutage Soziologe oder Soziologin nennen? Dass gewalttätige Auseinandersetzungen, die im Umfeld des Fußballs stattfinden, nicht auf den Fußball an sich zurückzuführen sind, sollte eigentlich eine banale Erkenntnis sein. Eine Fusion könne Gewaltprobleme lösen? Ich empfehle Frau Tzschoppe ein Studium der Leipziger Fankulturen und all ihrer komplexen Strukturmerkmale. Nur so viel: Es geht um weit mehr, als „nur“ um Fußball. Ein Blick, liebe Frau Tzschoppe, auf die Seiten der ag.doc lohnt sich, auch und vor allem für SportsoziologInnen.

„Red Bull will selbst die Entscheidungen treffen“

Bei soviel Oberflächlichkeit ist es unabdingbar, mit einem qualitativen Beitrag zu schließen. Und der kommt abermals aus der Fanszene von Borussia Dortmund. Hendrik Vial erklärt im Magazin Die Kirsche in einem ausführlichen Beitrag das Pro und Contra des Einstieges von Red Bull – und fällt eindeutige Urteile über die weiterhin fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs:

Ein Traditionsverein will Red Bull gar nicht werden. Wie Tradition aussieht, sehen die Leipziger jeden Tag und genau das stößt sie ab. Red Bull liefert das genaue Gegenteil des Status Quo. Für das Eintrittsgeld soll dem Zuschauer etwas geboten werden. Dazu gehören eben auch Unterhaltung, Spaß und Spiele. Die Partymeilen zur WM 2006 waren nicht allein ein Erfolg, weil die Mannschaft ganz gut mitspielte. Es war die Atmosphäre, die Millionen Menschen auf die Straße und zusammen brachte. Das wird nun in ein Stadion transportiert.

Für Lokomotive und Sachsen bedeutet Red Bull das Ende. Aber wem werden diese beiden Vereine fehlen? Nostalgiker, die sich an Zeiten erinnern, die schon lange vorbei sind. […]

Red Bull macht nichts anderes als die Telekom, Gazprom, Evonik, Citibank und andere. Sie pumpen schlichtweg Geld der Kunden in Fußballmannschaften. Es gibt nur einen Unterschied: Red Bull will nicht zuschauen wie Funktionäre das empfangene Geld einfach nur verbraten. Sie wollen selbst die Entscheidungen treffen.

Red Bull wird Erfolg haben. Die Menschen wollen einen Verein, der ein wenig Ballermann ausstrahlt, aber dazu noch familientaugliche Seriösität liefert. Fußball ist für viele Menschen eben nur eine Nebensache, die sie unterhalten soll. Mehr nicht. All jene Menschen, werden bei Red Bull eine Heimat finden und dort auch glücklich werden. Es ist nicht vermessen zu behaupten, dass RasenBallsport Leipzig eine Marktlücke füllt und genau deswegen das Potential hat eine große treue Fanschar zu kriegen.

„Red Bull vertritt nicht Leipzig sondern Red Bull“

Wie Red Bull unseren Sport verändern wird, macht Vial mit einem Abriss über die Genese und das bisherige Wesen des deutschen Vereinsfußballs deutlich:

Red Bull hat einen Schritt gemacht, der den deutschen Fußball nachhaltig negativ beeinflussen wird. Fußball ist nicht einfach nur ein Markt oder ein Zeitvertreib. Der Fußball ist Teil der Kultur dieses Volkes. Im Fußball spiegelt sich unsere Gesellschaft wieder. Ihre Werte und ihre Traditionen sind Teil des Sportes. Dass die Ligeneinteilungen so sind wie sie sind, entspricht einem gesellschaftlichen Konsenz. Ebenso die Strukturierung der Vereine. Deutschland ist ein Land der Vereine. Was das gesellschaftliche Leben angeht, so hat der Deutsche das Bedürfnis nach Struktur und einem Hauch von Basisdemokratie. Nicht umsonst werden wir gerne als Vereinsmeier hingestellt.

Auch ist der deutsche Fußball eine Art Ersatzhandlung für die traditionellen jahrhundertlangen Fehden zwischen Regionen, Stämmen und Dörfern geworden. Es treten nicht einfach nur zwei Mannschaften gegeneinander an. Es sind die Vertreter ihrer Stadt, ihrer Region.

Wenn sich das System von Red Bull durchsetzt, ist es vorbei mit dem Fußball deutscher Prägung. Nicht mehr Vereine und ihre Mitglieder bestimmen über des Deutschen liebste Freizeitbeschäftigung. Irgendwelche Firmen nutzen dann den Sport einfach nur als Marketingplattform.

Es werden nicht mehr Städte, Dörfer, Regionen und somit die Menschen selbst sein, die gegeneinander antreten. Es sind Firmen. Seelenlose Konstrukte. Daran ändert auch nichts, dass Red Bull in Leipzig antritt. Red Bull vertritt nicht Leipzig sondern Red Bull. Es wird diesen neuen Fußballfirmen egal sein wo sie spielen. Was passiert denn, wenn Red Bull so groß geworden ist, dass das Stadion zu klein wird? Red Bull sucht sich einen neuen Standort. So und nicht anders läuft es in einer Marktwirtschaft.

Disclaimer: Alle in den Zitaten auftauchende Fehler im Original.




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5 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Ultras Red Bulls
    Kommentar von
    31.07.2009 um 14:03
    1

    ‚Ultras Red Bulls‘
    Mit diesem kurzen Anriss gruppeninterner Ansichten möchten wir versuchen unsere Beweggründe nahe zulegen, warum wir als ‚Ultras Red Bulls‘ dem Red Bull Leipzig treu sind und auf ewig treu bleiben werden. Für uns ist Hooligan-Dasein mehr als Saufen, Kotzen, Deutschsein.

    since 2009

    Im Fußballgeschäft dreht sich leider alles ums Geld. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Die einen haben -gewiss- mehr davon, die andern weniger. Die einen kämpfen um den Aufstieg, die andern gegen den Abstieg. Die einen kaufen sich Stars ohne Ende, die andern rackern alljährlich um die Lizenzen neu. ‚Ausnahmevereine‘, so dass Stichwort, sind solche, wo ein reicher Multi daherkommt, die Finanzspritze setzt und die Freikarte für den Verein ins Liga-Tollhaus praktisch gesichert hat. Seit dem Big-Deal zwischen Red Bull und dem SSV Makranstädt ereifert sich so praktisch jeder, vom Freizeitjournalist bis hin zum Stammtischprolet. Das polemische Gedresche ist uns ehrlich gesagt zu wider. Eins ist gewiss: Die Sündenbock-Mentalität, wie sie hier praktiziert wird, entbehrt sich jeglichem Fachverständnis. Wer keine Ahnung hat, wie es im Fußballgeschäft läuft, der solle doch bitte die Schnauze halten.

    Mythos Hoffenheim?

    Ähnlich sind die Wahnvorstellungen und die Hasstiraden gegen den TSG Hoffenheim. Ein Herr Hopp ist Sinnbild für den Erfolg des Vereins, zugleich aber auch Hassfigur für jeden anderen Bauernclub. Dabei ist es nicht mehr als bloßer Neid auf den sportlichen Erfolg des TSG.
    Zum Geschäftlichen: Ein Herr Hopp macht unterm Strich nichts anderes als wie jeder andere Sponsor oder Geldgeber eines jeden Vereins auch. Er gibt Geldmittel, mit dem der Verein sein Etat für die kommende Saison ausrichten kann: Spieler können gekauft, die Infrastruktur ausgebaut und andere Arbeiten können geleistet werden. Machen wir uns nichts vor. Geld hat schon immer den sportlichen Erfolg bestimmt. Ein FC Bayern München steht nur deswegen besser da als jeder andere Club, weil sie mehr Geld auf der Kante haben und sich dementsprechend teurere, weil bessere Spieler leisten können, und dass bestimmt letztlich den sportlichen Erfolg. Sportlicher Erfolg heißt dann dementsprechend finanzielle Gewinne einzunehmen. Jeder Verein ist ein sportliches Unternehmen, dass genauso wie jedes andere Unternehmen in Konkurrenz zueinander steht. Man könnte meinen, dass man gerade im Fußball gut erkennen kann wie Kapitalismus funktioniert. Die Konkurrenz am Markt zwischen Vereinen um den Erfolg verdammt- dem Profit willen. Der TSG Hoffenheim ist deswegen erfolgreich, weil sie mittlerweile über mehr Geld, mehr Eigenkapital verfügen als andere Vereine, dank der großzügigen Unterstützung eines milliardenschweren Herr Hopp. Eine Ausnahme stellt das allerdings nicht dar, eher ist dies die sportliche Realität im Kapitalismus. Wer das ungerechtfertigt findet, der solle mit politischen Anspruch auf die Barrikaden gehen als hier mit Sündenbockmentalitäten den vermeintlichen Klassenfeind anzugreifen.

    Plädoyer für den ‚moderner Fußball‘

    Red Bull Leipzig – der neue TSG Hoffenheim des Ostens, sollte man meinen. Zwar ist der ertragreiche Sponsor nicht Herr Hopp in Personalunion, dafür aber der Konzernriese Red Bull. Wie sooft haben solche sportlichen Entwicklungen auch positive Auswirkungen, die wir befürworten. Die marode Geschichte des Leipziger Fußballs hatte bis dato nicht viel zu bieten, als dass man diesen Erfolg endlich einem Leipziger Verein wünschen sollte, aus der Sumpflandschaft des niedrig-klassigen Fußballs herauszukommen.
    Das fußballerische Niveau steigt mit der Wettbewerbsfähigkeit eines Vereins in höheren Spielklassen. Namenhafte Spieler, der offene Wettbewerb gegen etablierte Clubs, gar die Bundesligaluft oder das internationale Geschäft. Bisher nur Träume, aber sie bereichern die Erlebniswelt in Leipzig.
    Auch dem Fanklima kann Bundesligaluft gut tun. Nicht zuletzt weiß der DFB am besten Bescheid wie die Fußballanhängerschaft gerade in unteren Spielklassen ist. Es sei nicht nur auf das rechte Fanklientel des 1.FC Lokomotive hingewiesen, die mit Negativschlagzeilen immer wieder Aufmerksamkeit erregten- Transparentaufschriften wie ‚Wir sind Lokisten-Mörder und Faschisten‘ oder ‚Ultras Lok- nationaler Widerstand‘ (Leipzig toleriert…). Viel mehr ist dies ein gesamtdeutsches Problem. Rechte Einstellungen finden in vielen deutschen Stadien ihren Worthall und stoßen dabei auf breite Akzeptanz. Antisemitismus und Rassismus durchziehen ganze gesellschaftliche Bereiche. In Fußballstadien werden diese Erscheinungsformen zelebriert. Dem entgegen arbeiten wichtige Fanprojekte und Initiativen. Es gibt auch antirassistisch-ausgerichtete Vereine wie z.B der Rote Stern Leipzig oder die BSG, die solchen Deppen erst gar keinen Zutritt gewähren.
    Für uns ist der ‚moderne Fußball‘ nichts widerspenstiges. Wir sehen in ihm vielmehr eine Chance für die Fankultur in Leipzig. Hinter dem allbekannten Ruf gegen den ‚modernen Fußball‘, versteckt sich doch viel mehr die Ritualisierung des deutschen Einheitsbreis auf und um den Fußballplatz herum. Es ist weder die Liebe zum Traditionsclub, zur Bolzarena, der Fetisch für das ‚ehrliche Spiel‘. Es ist das nationale Anti-Bonzen-Getue deutscher Männer und Frauen, die Bedenken vor dem weltlichen Fußballgenuss haben. Zum Glück ist das nicht die herrschende Realität im Profibetrieb. Weltlicher Fußball in höheren Ligen zelebriert eine offene Gesellschaft, deren Anspruch Leipzig gut tun würde. Die Bolzarena sei uns herzallerliebst, aber wir verteufeln nicht den Aufwind in höhere Gefilde. Eine größere Wahrnehmung des Leipziger Fußballs in einer höheren Spielklasse heißt nicht unmittelbar, dass diese befreit ist von nationalen Deppen, aber aufgrund des größeren öffentlichen Interesses, werden diese keine Bewunderung finden. Einfalts-Denken kann so entgegen gewirkt werden. Das liegt auch in unserem Interesse.

    linke Ultras!- Vorwärts!

    Wir als linke Ultras verstehen uns als antirassistische, antifaschistische, antisexistische Gruppierung. Wir sind Antikapitalisten und sehen in Staat und Nation keine Perspektive für ein emanzipiertes Individuum sowie für eine aufgeschlossene Gesellschaft. Unseren Unmut mit den bestehenden Verhältnissen bringen wir auf die Straße. Unsere Kritik an der kapitalistischen Totalität üben wir im öffentlichen Raum. Wir wehren uns aber entschieden gegen ‚Heuschrecken‘– und Bonzen-Hasstiraden bezüglich unseren Clubs. Euer Kampf ist nicht der Unsere! Das Fanbewusstsein für den RBL ist für uns das bessere Leben im falschen Ganzen. Wir sind Leipziger, Fußballverrückte, linke Chaoten. Für den RBL!

    Will be back on the barricades.

    Juli 2009


  1. Gravatar of Freund des guten Fußballs
    Kommentar von
    Freund des guten Fußballs
    08.08.2009 um 14:24
    2

    Es tut mir leid, aber ihr Ultras Red Bulls widersprecht euch ja jetzt schon: Einerseits sprecht ihr davon, gegen den Kapitalismus zu sein, aber andererseits seit ihr Fans eines Vereins, der vollständig auf Kapitalismus aufbaut. Sowas nenne ich politisches Verständnis…

    Nun zu euren Argumenten, die ich allesamt simpel widerlegen kann und werde:
    Fußball ist in erster Linie Sport und Spaß. Dies sollte im Vordergrund stehen. Von einem Fußballgeschäft zu reden halte ich für absolut oberflächlich. Nun zu Hoffenheim: Ihr scheint wohl den Unterschied zwischen einem Mäzen und Sponsoren noch nicht ganz erkannt zu haben. Währrend Dietmar Hopp 49 % an der TSG hält und ohne ihn der Klub wegen Auflagen absteigen würde, sind Sponsoren Geldgeber, die eine Gegenleistung, also Werbung erhalten. Ein normaler Verein ist nicht nur von einem Sponsor abhängig wie die TSG. Die Hoffenheimer dagegen wären ohne Hopps Hilfe sofort wieder weg. Zudem kommt zur Kritik an dem Hoffenheimern hinzu, dass damit ein Verein ohne jegliche Eigenarbeit, ein Klub ohne Tradition und Kultur in Sphären katapultiert wird, die er nie im Leben erreicht hätte. Dabei bleiben ehrlich arbeitende Klubs auf der Strecke. Und der Vergleich mit dem FC Bayern hinkt gewaltig. Zu Anfang stand der FCB im Schatten von 1860, doch durch harte Aufbauarbeit und eine goldene Generation (die man erst mal ausbilden muss), hat na sich einen Spitzenplatz ergattert. Hoeneß hat durch kluges Management und ohne Mäzen einen Klub aqufgebaut – und ihn nicht hochgepusht, das Geld kommt durch kluge Arbeit zustande, nicht durch irgendwelche Mogule.
    Zu dem restlichen Kram sage ich nur: Das ist politisch schwache Propaganda über irgendwelche Vorurteile gegenüber Traditionsklubs und deren angebliche rechte Vergangenheit. Unseriös.

    Ihr scheint auch nicht zu begreifen, dass es Red Bull nicht um die Region Leipzig geht, sondern um gute Produktplatzierung, die aber auch durch ein normales Sponsoring möglich wäre. Aber nein, man muss einen Klub gleich übernehmen und überrumpelt die 50+1-Regel rücksichtslos. Dass der DFB mitspielt und eine Lex Red Bull aufbaut, ist eine Schande. Red Bull ist Leipzig und der Fußball völlig schnuppe. Es geht um eine einzige riesige Marketingkampgne, der unter anderem der Salzburger Fußball schon zum Opfer gefallen ist. Denn was hat sich dort entwickelt? Die Stadien bleiben leer und keiner will was damit zu tun haben. Das Projekt ist gescheitert. So wird es auch in Leipzig kommen. Stattdessen werden zahlreiche Geschmacklosigkeiten gebildet, bei denen der Sport zum Event hochstilisiert wird. Discolichter umterm Stadiondach und Jugendmannschaften mit dem Namen „Jungbullen“ – den Oberen ist nicht eine Geschmacklosigkeit zuwider. Ist das Euer Sport?! Oder ist das Basketball oder Formel 1?!


  1. Gravatar of Über die Identität des Fußballs: Das Beispiel RB Leipzig | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    3

    [...] Chemie, „ehrlichen Fußball“ spielen zu wollen, und ist ebenso einfach wie unwiderstehlich: RB Leipzig ist Deutschlands „erster Marketingclub“. Der Fußball verkommt zum Medium einer PR-Kampagne eines [...]


  1. Gravatar of Daniel
    Kommentar von
    Daniel
    27.07.2010 um 11:13
    4

    Eine sehr gute Zusammenstellung über das „Projekt“. Bei den Ausführungen der „Ultras RBL“ hätte ich mich kugeln können vor Lachen. Das braucht man gar nicht zu kommentieren, die machen sich ja bereits mit wenigen Zeilen selbst lächerlich und jeder Fussballfan, der ein Meter geradeaus denken kann, sieht das auch.

    Es ist eine widerliche Entwicklung, Hoffenheim und WOB sind böse Geister, die jetzt schon durch die BuLi schwirren. Mit RBL kommt es wohl nochmal zu einer Steigerung der Abartigkeit.


  1. Gravatar of Das Red-Bull-Dossier | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    5

    [...] In den folgenden Wochen quälte ich Google und begab mich auf der Suche nach allem, was das Internet zum Thema Red Bull in Leipzig so hergeben konnte. Darunter waren auch kritische Stimmen, zu finden in „,… ganz oben feiert Mateschitz den Meistertitel‘“ und „RB Leipzig ist Deutschlands ,erster Marketingclub‘“. [...]




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