„Herr, lass’ Hirn herab“
Freitag, 15. Mai 2009, 1:03 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 15. Mai 2009, 8:16 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, FC Sachsen Leipzig, Medienschau, Vereinspolitik

Vor der heutigen Mitgliederversammlung sieht der FC Sachsen Leipzig seinen vielleicht letzten Wochen entgegen. Guido Schäfer seziert ihn schon einmal. Eine Bestandsaufnahme

Aufmerksame Lesende wissen: das gab es doch schon mal. Richtig. Vor ziemlich genau einem halben Jahr hieß es an gleicher Stelle „Gott, lass’ schnell Hirn herab!“ Beide Verweise auf eine zu erhoffende transzendente Erlösung sind Zitate von Guido Schäfer. Der für die Leipziger Volkszeitung tätige Journalist ist der gefühlt größte Fan des FC Sachsen in der Leipziger Medienlandschaft – und gleichsam sein schärfster Kritiker. Damals ging es um den FC Sachsen im November 2008: Auflösungserscheinungen, eine phantasielose Auswahl der Stadionmusik und Durchhalteparolen. Aus heutiger Perspektive wissen wir: das war Jammern auf hohem Niveau! Im Mai 2009 übertrifft der FC Sachsen locker die belustigenden Probstheidaer Schlagzeilen rund um schlecht getimte Trainerentlassungen und Torschusspaniken in entscheidenden Sechs-Punkte-Spielen.

Skandalnudel FC Sachsen

Was der ehemalige Lonzen- und derzeitige Kratz-Klub sich in den letzten Tagen an Skandälchen geleistet hat, ist fast schon mitleiderregend. „Der soundsovielte Neuanfang steht ins windschiefe Haus“, schreibt Schäfer lakonisch. Aber der Reihe nach: Dienstag, 5. Mai 2009. Es war als Spiel des Jahres angekündigt worden, das die Chance auf den Einzug in den DFB-Pokal bewahren sollte. Auswärtsspiel bei der Landesliga-Vertretung von Dynamo Dresden im Halbfinale des Sächsischen Landespokals. Der FC Sachsen, der zuvor einige Leistungsträger geschonte hatte, ging 0:4 unter. Später wurde bekannt: Wenige Tage vor dem Spiel schwangen elf Spieler bis in die frühen Morgenstunden das Tanzbein (LVZ vom 8. Mai 2009). Dirk Heyne tat das einzig Richtige und suspendierte die Kicker, für die es kein Verständnis geben kann. Kein Gehalt hin oder her – sie ließen jegliche Professionalität vermissen, wurden ihr nicht einmal ansatzweise gerecht. Eine sechsstellige Summe an Einnahmen durch den eventuellen Einzug in die Hauptrunde des DFB-Pokals ist jedenfalls futsch.

Doch das ist bei Weitem nicht alles, gestern berichtete Guido Schäfer von Querellen auf Ebene der Vereinsführung, die wohl beinahe zur Liquidation des Vereins geführt hätten (LVZ vom 14. Mai 2009). Auch bezüglich des kickenden Personals tut sich Einiges, und das nicht zu Gunsten das FC Sachsen. Guido Schäfers heutiger Artikel (LVZ vom 15. Mai 2009) liest sich so, als ob die verbliebenen Spieler mit ihren Gedanken bereits in Mainz oder zumindest beim nächsten Bier wären. Dazu passen die verbalen und tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Nicola Grimaldi und Ante Balic.

Späte Quittung für frühere Alleingänge

Von der prekären finanziellen Situation ganz zu schweigen. Kölmel beharrt auf den Erlösen aus der Veräußerung der PSR-Rechte. Letztere wurde, obwohl aus dem Herbst 2007 datierend, erst in den letzten Wochen publik (LVZ vom 25. März 2009). Im Übrigen soll der Kuhhandel zwischen Verein und Michael Kölmel auch ein entscheidender Anlass für den Rücktritt von Thomas Heier und Uwe Walter von ihren Aufsichtsratsämtern gewesen sein. Guido Schäfer ließ damals die Vereinskritiker zu Wort kommen:

„Der Klub ist ferngesteuert“, spielte Heier auf die Allmacht von Hauptsponsor Michael Kölmel an. „Und der Präsident in spe, der Herr Fenger, ist ein Phantom, hätte sich bei uns längst vorstellen müssen.“ Heiers Schlussfolgerung: Der Aufsichtsrat habe in dieser Form keine Gestaltungsmöglichkeiten, sitze bei wichtigen Entscheidungen nicht mal am Katzentisch. Heier und auch Hochmuth prangern Alleingänge von Aufsichtsrats-Boss Lonzen und dessen Interessenkonflikt mit Stadion-Chef Kölmel an. Lonzen habe in Verhandlungen mit Kölmel nicht immer die Interessen des Klubs vertreten, hieß es in einer Presseerklärung.

Welche Konsequenzen das für die finanzielle Entwicklung und die Leutzscher Fankultur haben sollte, ist erst heute offensichtlich. Womit wir wieder in der Gegenwart angekommen wären. Die Frage nach dem „Wie weiter?“ im Leutzscher Fußball beantwortete ein Freund kürzlich treffend in einer E-Mail:

Ja zu einem Verein, der in Leutzsch spielt.
Ja zu einem Verein, der BSG Chemie heißt.
Ja zu einem Verein, der Ziele verfolgt, die über erfolgreichen Fußball-Ligabetrieb hinausgehen.

Ungewisse Zukunft des Leutzscher Fußballs

So zynisch es auch klingen mag: Die Leutzscher Frage scheint nur lösbar, wenn der FC Sachsen vor die Hunde geht. Die aktuelle Medienberichterstattung lässt zumindest eine gewisse Realitätsferne beim FC Sachsen vermuten. Heute ist beim FC Sachsen Mitgliederversammlung, auf der Vereins-Website steht dazu:

Für die morgige Mitgliederversammlung des FC Sachsen Leipzig sind nur Mitglieder und Vertreter der Presse zugelassen. Gäste erhalten keinen Zutritt, einzig die Anwesenheit von Insolvenzverwalter Heiko Kratz ist aufgrund seiner aktuellen Tätigkeit für den Verein zwingend erforderlich (Hervorhebung d. Verf.).

Ich musste lachen. Beim Post-Lonzen-FC-Sachsen wird ohne Kratz’ Okay kein einziger Ball mehr aufgepumpt. Großzügig, dass dieser Mann in einem Atemzug mit ominösen „Gästen“ genannt wird und seine Anwesenheit trotzdem irgendwie „zwingend erforderlich“ ist.




«
»




Keine Kommentare bisher
Hinterlasse deinen Kommentar!



Einen Kommentar hinterlassen