Den Nazis nicht das Stadion überlassen
Donnerstag, 30. April 2009, 17:24 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 30. April 2009, 17:25 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus

Morgen ist der 1. Mai. Vor dem Hintergrund der rechtsextremen Instrumentalisierung des Leipziger Fußballs organisieren der Red Star Supporters Club und die neugegründete ag.doc eine Demonstration gegen Rassismus und Diskriminierung. Ein Aufruf

Fußball in Leipzig bedeutet Liebe, Leidenschaft – und Rivalität. Die historischen Gräben zwischen Leutzsch und Probstheida haben sich in den Nachwendejahren weiter vertieft. Längst wird die ursprünglich sportliche Rivalität von politischen Auseinandersetzungen überlagert. Seit etwa einem Jahrzehnt setzen sich engagierte Anhänger beim FC Sachsen und später bei der BSG Chemie gegen Rassismus und Diskriminierung ein – ein Betätigungsfeld, durch das die Fans von Teilen der Medien und Öffentlichkeit allzu häufig fälschlicherweise in die linksextreme Ecke gestellt werden. Verschärft wird diese Wahrnehmung durch die wiederholten Übergriffe auf Leutzscher Fans aus dem zum Teil rechtsextremen Umfeld des 1. FC Lok. Eine Auswahl:

- Samstag, 8. Dezember 2007: Etwa 50 zum Teil Vermummte überfallen mit äußerster Brutalität eine Weihnachtsfeier von Fans des FC Sachsen. Die mit Totschlägern und Gaspistolen Bewaffneten hinterlassen mehrere Verletzte und einen Sachschaden im fünfstelligen Euro-Bereich (mehr…).

- Donnerstag, 17 Juli 2008: Etwa 35 Personen der „Freien Kräfte Leipzig“ wohnen der Verhandlung des wegen neonazistischer Beleidigung angeklagten Istvan R. bei. Im Anschluss lieferten sie sich im Bereich der Bernhard-Göring-Straße gewalttätige Auseinandersetzungen mit alternativen Jugendlichen (mehr auf chronik.LE…).

- Freitag, 10. Oktober 2008: Am frühen Morgen reißen unbekannte Täter die am Fanprojekt Leipzig befindliche Sponsorentafel herunter und beschmieren die Rückseite mit einem Hakenkreuz und der Forderung „Raus aus Zschocher“. Der Staatsschutz ermittelt.

- Samstag, 3. Januar 2009: Etwa 50 zum Teil Vermummte greifen Fans der BSG Chemie vor der Ernst-Grube-Halle an der Jahnallee an. Die Täter attackieren aus drei Richtungen und jagen ohne Rücksicht auf Frauen und Unbeteiligte einzelne Personen mit den Parolen „Töten! Töten!“ sowie „Ihr Drecksjuden“. Einer der Opfer wird mit Verdacht auf Schädelbasisbruch in ein Krankenhaus eingeliefert (mehr…).

- Sonntag, 19. April 2009: Führende Kader der „Freien Kräfte Leipzig“ provozieren bei der Partie des SV Grün-Weiß Miltitz gegen die BSG Chemie Leipzig mit ihrer Präsenz und ignorieren Aufforderungen zum Gehen. Es kommt – anlässlich des ähnlichen Bedrohungsszenarios wie am 3. Januar – zu gewalttätigen Auseinandersetzungen (mehr…).

Diese politisch aufgeladene Rivalität ist längst kein Problem ausschließlich des Fußballs mehr. Im Gegenteil, bei den Übergriffen auf die Leutzscher Fans agierten Teile der Lok-Anhängerschaft und der „Freien Kräfte Leipzig“ gemeinsam. Den Neonazis ist es gelungen, den Leipziger Fußball politisch zu instrumentalisieren. Unter dem Deckmantel des Fußballs verbreiten sie Hasspropaganda und rekrutieren Kameraden. Politische Probleme und Auseinandersetzungen tragen sie somit sowohl ins Stadion als auch auf die Straße.

Es liegt an den Fans, diese Hintergründe den Medien und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und somit der Gesellschaft ihre Verantwortung ins Bewusstsein zu rufen. Aus diesem Grund hat sich die Arbeitsgruppe zur Dokumentation von Diskriminierung und rechter Gewalt im Umfeld der Leipziger Fußballfanszene (ag.doc) gegründet. Gemeinsam mit dem Red Star Supporters Club ruft die ag.doc am morgigen 1. Mai zur Demonstration gegen Rassismus und Diskriminierung – nicht nur, aber auch im Fußball – auf. Startpunkt ist das Connewitzer Kreuz, los geht es um 13 Uhr.

Geht zur Demo, denn der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung darf nicht auf einen kleinen Teil des politischen Spektrums begrenzt sein. An sich ist das banal. Doch die Gesellschaft beweist gerade hinter der Folie des Leipziger Fußballs ihre Erkenntnisresistenz. Fußball in Leipzig ist vieles – vor allem auch Politik.




«
»




2 Kommentare bisher
Hinterlasse deinen Kommentar!

  1. Gravatar of 1000schoen
    Kommentar von
    1000schoen
    01.05.2009 um 9:48
    1

    Albern. Man fühlt sich „fälschlicherweise in die linksextreme Ecke“ gedrückt, pauschaliert aber anderswo nach Herzenslust. Zuletzt waren „Teile der Lok-Anhängerschaft“ doch gar nicht beteiligt, den Streit bekommt ihr ganz gut untereinander hin. Auch darf man erstaunt sein, dass ihr die „Unbekannten“ (10.10.) und „Vermummten“ (03.01.) gleichwohl zuordnen könnt. Bei den Geschehnissen vom 17.07. fehlt sogar jeder Fussballbezug. Mir ist auch unbegreiflich, warum schon die „Präsenz“ gewisser Leute Gewalttaten rechtfertigt. Letztlich steht ihr nur auf einer Stufe mit den anderen finsteren Gestalten, die Leute durch die Ortschaften jagen, die nicht in das vorgeformte Weltbild passen. So wird eurer Demo, die i. Ü. ein berechtigtes Anliegen hat, auch diesmal die Öffentlichkeit versagt bleiben. Der Rest ist sinnlose Hetze, die Antworten geradezu provoziert.


  1. Gravatar of BSG Chemie under attack « DesBam sagt an …
    2

    [...] Wer die Medienberichte zum Leipziger Fußballgeschehen verfolgt, wird wissen, dass dies nicht der erste, politisch motivierte Angriff auf die Fans der BSG Chemie war. Einen guten Überblick dazu liefert erneut der Chemieblogger. [...]




Einen Kommentar hinterlassen