Chemie-Fans widersprechen Berichterstattung von „LVZ Online“
Montag, 20. April 2009, 21:21 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 21. April 2009, 17:59 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau

In ihrem Online-Auftritt hatte die Leipziger Volkszeitung fälschlicherweise behauptet, Chemie-Fans hätten während des gestrigen Auswärtsspiels in Miltitz Anhänger des FC Sachsen angegriffen. Eine Richtigstellung

Fans der BSG Chemie Leipzig widersprechen einem Bericht von LVZ Online, wonach während der Kreisklasse-Partie zwischen Grün-Weiß Miltitz II und der BSG Chemie am gestrigen Sonntag eine Gruppe von etwa 20 Fans des FC Sachsen Leipzig vom Platz gejagt worden sei. Die Aggressionen richteten sich nicht etwa gegen Fans des Regionalligisten, sondern gegen bekannte Kader der „Freien Kräfte Leipzig“. Der Auftritt der gewaltaffinen Neonazis stellte für die Fans der BSG Chemie eine gezielte Provokation und Bedrohung dar. Wiederholte Hinweise seitens der Chemie-Fans, das Sportgelände zu verlassen, ignorierten die Provokateure.

Der Vorstand der BSG Chemie Leipzig unterstrich unterdessen, dass der Verein keinesfalls Aversionen gegenüber Fans des FC Sachsen Leipzig habe. Im Gegenteil, wie das Heimspiel gegen den SV West 03 vor zwei Wochen gezeigt habe, seien Anhänger vom Leutzscher Nachbarn herzlich willkommen. Der Partie hatten in friedlicher Atmosphäre unter anderem auch Mitglieder der „Metastasen“ beigewohnt.

Fans der BSG Chemie Leipzig sind in den vergangen Monaten wiederholt Opfer offenbar politisch motivierter Gewalt gewesen. Zuletzt hatte am 3. Januar 2009 eine Gruppe von etwa 50 Vermummten Chemie-Anhänger brutal überfallen. Dabei wurden auch antisemitische Parolen gerufen. Ein Teil der Angreifer wird im Umfeld der „Freien Kräfte Leipzig“ vermutet.

Die Fans der BSG Chemie Leipzig bedauern es ausdrücklich, dass sich Medien und Öffentlichkeit der Problematik Rechtsextremismus im Umfeld des Leipziger Fußballs offenkundig verschließen. Stattdessen werden gewalttätige Auseinandersetzungen auf bloße Fußballgewalt reduziert und die politische Dimension ausgeklammert. Die Vorfälle vom 3. Januar und 19. April 2009 veranschaulichen jedoch, dass die „Freien Kräfte Leipzig“ den lokalen Fußball als Plattform für ihre Provokationen und Propaganda missbrauchen wollen. Vor diesem Hintergrund appellieren die Anhänger der BSG Chemie Leipzig an Medien und Öffentlichkeit, sich ihrer zivilgesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu werden. Verein und Fans fordern eine differenziertere und ausführlichere Wahrnehmung und Berichterstattung bezüglich dieser Problematik.

Disclaimer: Im Laufe des heutigen Montags hat die Online-Redaktion der LVZ die Berichterstattung mehrmals aktualisiert. Ursprünglich stand bis zum Spätnachmittag folgende Version im Netz:

BSG Chemie-Fans jagen FC Sachsen-Anhänger vom Platz

Leipzig. Zu einer Auseinandersetzung zwischen Fans der BSG Chemie und des FC Sachsen Leipzig kam es am Sonntagnachmittag gegen 13 Uhr. „Etwa 20 Fans des FC Sachsen hatten die Absicht, dem Fußballspiel der 3. Kreisklasse zwischen der BSG Chemie gegen Grün-Weiß Miltitz II auf dem Sportplatz in der Ludwig-Jahn-Straße beizuwohnen“, erklärte Polizeisprecher Sebastian Schmidt gegenüber LVZ-Online am Montag.

50 Anhänger der BSG waren von diesem Vorhaben nicht begeistert und bewarfen die Fans des Regionalligisten mit Tischen, Stühlen und Gläsern der Vereinsgaststätte. Daraufhin zogen die Eindringlinge weiter. Verletzt wurde niemand. Nach Polizeiangaben erstatteten sie keine Anzeige. Ebensowenig wie der Gaststättenbetreiber, denn der entstandene Sachschaden wurde umgehend von den Ballsportlern beglichen.

Das anschließende Fußballspiel endete vor rund 400 Zuschauern 5:0 für Chemie. Vier Tore schoss allein Marko Babick.

In der Zwischenzeit hat LVZ Online reagiert und obenstehende Stellungnahme, die 18:31 Uhr durch den Verteiler geschickt wurde, teilweise eingearbeitet:

Auseinandersetzung in 3. Kreisklasse: Chemie-Fans werfen mit Freisitz-Möbeln

Leipzig. Randale in der 3. Kreisklasse: Am Rande des Spiels zwischen Grün-Weiß Miltitz II und der BSG Chemie Leipzig sind am Sonntag gegen 13 Uhr ankommende Besucher am Sportplatz in der Ludwig-Jahn-Straße mit Tischen, Stühlen und Gläsern beworfen worden. „Etwa 20 Fans des FC Sachsen hatten die Absicht, das Spiel zu verfolgen“, sagte Polizeisprecher Sebastian Schmidt gegenüber LVZ-Online am Montag. BSG-Anhänger widersprechen dieser Darstellung.
Den Beamten zufolge wollten Chemie-Ultras die Fußballanhänger des Regionalligisten aus Leutzsch nicht bei ihrem Spiel dabei haben und hätten sie deshalb mit Möbeln eines angrenzenden Freisitzes beworfen. Verletzt wurde dabei niemand. Nach Polizeiangaben erstattete keiner der Beteiligten eine Anzeige. Auch der Gaststättenbetreiber ließ die Sache auf sich beruhen. Ihm sei der entstandene Schaden umgehend ersetzt worden. Die Ordnungshüter haben dennoch von Amts wegen die Ermittlungen aufgenommen.

Fans der BSG stellen den Vorfall anders als die Polizei dar. Bei den 20 „vom Platz gejagten“ Fans habe es sich keinesfalls um Anhänger des FC Sachsen gehandelt, heißt es in einer am Montag versendeten Mitteilung. Die Aggression habe sich vielmehr gegen „bekannte Kader der Freien Kräfte Leipzig gerichtet“. Der Auftritt von Neonazis bei einem Chemie-Spiel stelle eine „gezielte Provokation und Bedrohung“ dar.

Der Vorstand der BSG Chemie unterstrich der Mitteilung zufolge erneut, dass der Verein keine Vorbehalte gegenüber dem FC Sachsen hat. Fans beider Lager hätten erst vor zwei Wochen gemeinsam das Heimspiel gegen West 03 gesehen.

Chemie-Anhänger sind in den vergangenen Monaten mehrfach Opfer von Übergriffen geworden. Besonders brutal war ein Vorfall im Januar. Vor einem Hallen-Turnier in der Ernst-Grube-Halle waren BSG-Fans von einer Gruppe Maskierter angegriffen worden. Ein 22-Jähriger musste damals mit Verdacht auf Schädelbruch ins Krankenhaus eingeliefert werden, ein 23-Jähriger verlor mehrere Zähne, wurde ambulant behandelt. Andere Besucher trugen Hämatome davon. Bereits damals vermuteten Beobachter, dass einige der Schläger der rechtsextremen Szene angehören. Die Chemie-Fans gelten dem linkspolitischen Spektrum zugehörig, der Schwerverletzte kam aus der Antifa-Szene.

Fußball wurde am Sonntag auch noch gespielt. Die Begegnung gegen Miltitz endete vor rund 400 Zuschauern 5:0 für Chemie. Vier Tore schoss allein Marko Babick.

Update vom Dienstag, 21. April 2009, 17:57 Uhr: In ihrer heutigen Printausgabe verlässt sich die Leipziger Volkszeitung weiterhin ausschließlich auf eine wahrheitsverzerrende Pressmitteilung der Polizeidirektion Leipzig:

Hooligan-Randale in 3. Kreisklasse

Jetzt gibt es schon in der niedrigsten Fußball-Liga massive Krawalle: Am Sonntag gerieten in der dritten Kreisklasse bei der Partie zwischen Grün-Weiß Miltitz und der BSG Chemie etwa 50 Fans von Chemie und 20 Anhänger des FC Sachsen aneinander, teilte die Polizei gestern mit. Ein Großaufgebot an Ordnungshütern musste zum Sportplatz in der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße. „Die Sachsen-Fans wurden von den Ultras der BSG Chemie attackiert“, so Kriminaloberkommissar Sebastian Schmidt. Die Angreifer hätten mit Tischen, Stühlen und Gläsern des Freisitzes geworfen. Die Sachsen-Fans blieben unverletzt, verzichteten auf eine Anzeige. Ebenso wie der Wirt, nachdem die Chemie-Hooligans den finanziellen Schaden beglichen hatten.

Verantwortlich für diesen auf einer (!) Quelle beruhenden Journalismus zeichnet Frank Döring.




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4 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of desbam
    Kommentar von
    25.04.2009 um 16:36
    1

    Zitat 1: „Kurz vor Anpfiff der Partie provozierte eine Gruppe von etwa 15 Personen, darunter führende Köpfe der „Freien Kräfte Leipzig“ sowie Metastasen, mit ihrer Präsenz und mit unter Rechtsextremen beliebter Kleidung.“

    Zitat 2: „Die Aggressionen richteten sich nicht etwa gegen Fans des Regionalligisten, sondern gegen bekannte Kader der „Freien Kräfte Leipzig“.

    Da ich nicht dabei war: Was war jetzt mit „sowie Metastasen?“ Gelten die nicht mehr als Fans des FC Sachsen? Oder gelten Fans des FCS nicht mehr als solche, wenn sie mit den „freien Kräften“ gemeinsame Sache machen? Oder wurden Metastasen von den „Aggressionen“ „verschont“, weils sie Fans des Regionalligisten sind? Klärt mich auf!

    Wie gesagt, ich war nicht dabei und empfinde in den Darstellungen von allen Seiten (Polizei, Presse UND Verein) einfach nur jede Menge Ungereimtheiten.


  1. Gravatar of desbam
    Kommentar von
    25.04.2009 um 17:31
    2

    @bastian. Danke. Und: Nun ja, dass sich zwei, drei Fans des FC Sachsen zu Spielen der BSG Chemie von „15 Exponenten der Freien Kräfte Leipzig“ begleiten lassen, ist zumindest nicht missverständlich. 😉


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    25.04.2009 um 17:05
    3

    @desbam: Ich war mittelbar dabei, im Folgenden gebe ich Augenzeugenberichte wieder: Es waren 2-3 Metastasen dabei, also sehr wohl FC-Sachsen-Fans. Sie wurden begleitet von Exponenten der „Freien Kräfte Leipzig“, wie oben geschildert. Zunächst kam die Ansage (in Richtung FKL), sie sollten sich verziehen. Die reagierten mit Pöbeleien. Bevor die FKL-Leute dann letztendlich rausgeworfen wurden, waren die Metas noch zum Zur-Seite-Gehen aufgefordert worden. Auch das geschah nicht.

    Ergo: Der Angriff galt explizit nicht den Metastasen, sondern ihrer Begleitung. Der Grund, weshalb im Nachhinein so missverständliche Meldungen und Berichte kursierten, liegt darin, dass sich die „Opfer“ gegenüber der Polizei als Gruppe vermeintlicher FC-Sachsen-Fans ausgaben (wobei unbekannt ist, ob es die gesamte Gruppe oder nur Einzelpersonen waren, die die Polizei aufgriff) und die Ordnungshüter dies ohne weitere Prüfung/Differenzierung weitergaben.


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    4

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