Wiederholtes Gewaltfanal gegen antifaschistische Diablos
Mittwoch, 7. Januar 2009, 12:50 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 16. Januar 2009, 9:52 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau

Die Diablos sind erneut brutal angegriffen worden. Die Indizien sprechen auch für einen rechtsextremen Hintergrund

Der 3. Januar 2009, Leipzig, Ernst-Grube-Halle: Frohes Neues, Diablos! Gut ein Jahr hat Leipzig gebraucht, um nach dem brutalen Überfall auf die Weihnachtsfeier der Leutzscher Ultràs Ende 2007 einen neuen Skandal hervorzubringen. „Unbekannte“, wie es so schön heißt, griffen die Diablos vor den Hallenkreismeisterschaften, an denen die BSG Chemie teilnahm, an. Ein engagierter Fan wurde krankenhausreif geschlagen, ein weiterer musste ambulant behandelt werden.

Politisierte Fankultur und rechte Gewalt

Es bedarf keiner sonderlichen Fantasie und Originalität, um die „Unbekannten“ gesellschaftlich zu verorten. Die entsprechenden Gerüchte gab Steffen Enigk bereits am Montag in der Leipziger Volkszeitung wieder:

Einige der Schläger sollen als so genannte „Freie Kräfte“ der rechtsextremen Szene angehören, es könnten auch Anhänger des 1. FC Lok und des Halleschen FC beteiligt gewesen sein. Beweise fehlen, Indizien sind dünn. Die Chemie-Fans gelten als eher linkslastig, der Schwerverletzte kommt aus der Antifa-Szene. Gut möglich, dass politische Auseinandersetzungen und persönliche Abrechnungen auf dem Rücken des Fußballs ausgetragen wurden.

Das ist Fußball-Leipzig, eine komplizierte Vermischung von politisierter Fankultur und ins Perverse übersteigerter Vereinsrivalität. Den wiederholt gezielten Gewaltausbruch gegen die Diablos bewertet die Faninitiative „Bunte Kurve“ als einen „einseitig motivierten Bandenkrieg“. Augenzeugenberichten zufolge trugen die Angreifer Totenkopf-Sturmhauben und schrieen „Juden“ und „Töten“. Das gesellschaftliche Engagement des schwerverletzten Opfers, die Maskierung, die Parolen – die Indizien verdichten sich.

Das Geschrei ist groß: Je nach gesellschaftlichem Akteur reicht die Bewertung von einem naiven „Das hat mit Fußball nichts (mehr) zu tun“ über ein fatales „Selbst Schuld“ bis hin zu einem kurzgeschlossenen „Muss meine Frau jetzt Angst beim Einkaufen haben?“. Gewaltbereitschaft – und das ist nichts Neues – ist nicht nur ein im Fußball verstärkt auftretendes Phänomen, sondern wird auch am rechten Rand des politischen Spektrums als probates Mittel zur politischen „Überzeugung“ eingesetzt. Gegen Schwache. Und Andersdenkende.

Trotz Ankündigung kein Streifenwagen vor Ort

45 Schläger überfallen 60 Fans, am hellichten Tage, die Vermummten kommen vom Wochenend-Markt vor dem Sportforum. Als die Polizei eintrifft, sind sie längst wieder verschwunden. 20 Minuten sollen die Beamten gebraucht haben. Warum hatten die überhaupt einen Anreiseweg? Enigk zitiert Klaus Seiferth, Abteilungsleiter Fußball der BSG Chemie:

[E]s gab im Vorfeld eine Sicherheitsberatung, wir hatten Ordner dabei, uns wurde auch gesagt, dass die Polizei präsent sein wird.

Dem war nicht so. Als die Polizei dann mit verspäteter Präsenz glänzte, habe der Einsatzleiter – so ein Augenzeuge – den Opfern Vorwürfe gemacht und alle Fans kriminalisiert. Das erinnert an die Polizeigebaren nach dem Überfall auf die Weihnachtsfeier der Diablos. Die Verantwortlichen haben offensichtlich nichts gelernt. Stattdessen beklagen sich Polizei und Staatsanwaltschaft, genauso wie ein gewisser Teil der Öffentlichkeit, über die fehlende Kooperationsbereitschaft der Opfer. Dabei überwiegen vor dem Hintergrund der Qualität der Gewalt und ständig drohender Racheaktionen bei vielen Beteiligten schlichtweg die Angst.

Wann ist für „die Mitte“ das Maß voll?

Rechtsextrem motivierter Gewalt – egal, gegen welche gesellschaftliche Gruppe sie sich richtet – gilt es entgegenzutreten. Wer stattdessen den Opfern lediglich Schuldzuweisungen entgegen bringt, nimmt in Kauf, dass rechte Schläger die verfassungsmäßige Ordnung aushebeln. Nicht von heute auf morgen, sondern in einem schrittweisen, kontinuierlichen Prozess. Ob Halberstadt, Mügeln, Passau, Leipzig – die stoische Hinnahmementaliät der so oft beschworenen (aber de facto nicht existierenden) „Mitte der Gesellschaft“ sollte eigentlich unlängst an ihre Grenzen gestoßen sein.




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12 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Leipziger Szenen : nada
    Pingback von
    07.01.2009 um 17:31
    1

    [...] Weiteres beim Chemieblogger. [...]


  1. Gravatar of Surfer
    Kommentar von
    Surfer
    08.01.2009 um 19:42
    2

    Hier lassen sich einige Leute der erlebnisorientierten Fussballfans zum aktuellen Thema aus.
    Über den IQ der Leute und dieser Seite hülle ich den Mantel des Schweigens…
    Bitte schön:
    http://forum.football-thugs.ne.....eder-7421/


  1. Gravatar of J.Meurer
    Kommentar von
    J.Meurer
    14.01.2009 um 16:58
    3

    Aus der „Mitte der Gesellschaft“ mal so viel:
    Der Fußball dient nur noch als Alibi für sinnlose Gewalt und genau darum stehe ich auch zu meinem „Das hat mit Fußball nichts (mehr) zu tun !“ .
    Nur mal eben so …..
    Was sollen das für „Hooligans“ sein ?
    Was sollen das für „politisch“ motivierte Leute sein ?
    Hooligans verhalten ich traditionell nicht so.
    (Ob man es gut findet oder nicht: Es gibt einen Codex. Alles andere sind keine Hooligans!)
    Mit Politik hat sowas nichts zu tun.
    (Streit in der Sache und mit Argumenten hat mit politischen Motiven und Überzeugungen zu tun.)
    Die ganze moralische Verkommenheit und Charakterlosigkeit, die in solchen „Aktionen“ zum Ausdruck kommt, ist das Ergebnis des globalen Versagens unserer Gesellschaft – also auch von uns selbst – den Problemen gegenüber.
    Es geht nur noch um „aufs Maul“ oder „Rache für irgendwas“. Die Spirale dreht sich und keiner hat die Kraft, sie zu unterbrechen.
    Und die, welche von Staats wegen die Kraft haben müssten, packen 10 Minuten vor Überfällen ihre Schnittchen ein und fahren nach Hause bzw. kommen 20 (!!!) Minuten nach X-Zeit mit einem Bürgerkriegsheer angerückt, statt geringfügig von Anfang an Präsenz zu zeigen.
    Und dann soll man auch noch „Zeugenaussagen“ machen……. Tut mir leid, aber bei der Staats-“Macht“ habe ich keinerlei Hang zu suizidförderndem Verhalten.
    Lasst sie weiter Aufsätze schreiben und verschließt weiter die Augen davor, was jahrelang durch ausgebrannte Ehrenamtliche beim Namen genannt wurde: Die Saat der Ignoranz und Inkompetenz geht in Sachsen – besonders in Leipzig – an allen Ecken und Enden weiter auf. Tja, gegen U-Bahn-Lieder hilft eventuell noch Zivilcourage, aber gegen die in U-Bahnen für Arme verbuddelte Millionen (die in der Sozialarbeit, der Bildung und im Sport fehlen) ist kein Kraut gewachsen.
    DAS wollen die nicht hören, die „in unserem Namen“ das Land und die Stadt regieren.

    Ich bleibe bei meiner Auffassung, die ich auch nach dem Überfall auf die Sachsenstube vertreten habe: DAS HAT MIT LOK NICHTS ZU TUN und wer einen Verein mit sowas identifiziert und in eine politische Ecke zu drücken versucht, der muss sich schon die Frage nach dem Grund dafür gefallen lassen. Genau darum hat es auch mit Fußball nichts zu tun.
    DAS SICH SOWAS im Umfeld von Fußballvereinen ansiedeln konnte und kann, hat ganz andere Gründe (siehe oben).
    WER SEINE POLITISCHEN AUFFASSUNGEN mit solchen Mitteln vertreten muss, dem spreche ich das Recht ab, überhaupt politisch zu denken.
    (Und da ist mir egal, von welcher vermeintlichen Seite sich das darstellt !)
    WEM ARGUMENTE FÜR EIN STREITGESPRÄCH IN DER SACHE FEHLEN (…,dass er meint,zu solchen Mitteln greifen zu müssen,…)oder wer(…gewollt belastet mit dem Vorurteil, man könne mit dem jeweils anderen nicht reden,…) jeder politischen Auseinandersetzung aus dem Weg geht, der greift entweder zu solchen Mitteln oder befürwortet sie durch Ignoranz.
    So, und nun schreit mal schön laut auf, die Ihr vermeintlich
    - Linke,
    - Nationale,
    - Mittige,
    - Rechte,
    seit.
    Bin einfach zu alt und habe zu viel bittere Erfahrungen sammeln müssen, als dass ich mir noch von irgendeinem Möchtegernlinken oder -rechten die Welt erklären lasse. Für solche und ähnliche Ereignisse (siehe Brandangriff auf das KOMM-Haus) gibt es keine Erklärungen !
    Fakt ist mal, dass ein Stadtrat am 03.01. vor Ort war.Da kann er ja mal mit seinen Parteigenossen die Versäumnisse der Vergangenheit aufarbeiten. Eventuell fallen ja den ganzen weggelobten und frühpensionierten U-Bahn-Initiatoren, von Tschense bis Tiefensee, Lösungen ein, wenn sie sich mal mit der langen Liste ihres jugend-, sport-, sozial- und kulturpolitischen Versagens konfrontieren.
    Das Mindeste aber, was den im Stadt- und Landesparlament vertretenen Herrschaften mal einfallen sollte ist: WARUM SINKT DIE WAHLBETEILIGUNG EIGENTLICH BIS ZUR UNKENNTLICHKEIT EINES BÜRGERWILLENS UND WARUM HABEN EXTREME ÜBERHAUPT ZULAUF ?
    Das kann ich mit den bisherigen Plattheiten und dem endlosen Alibigelaber der Vergangenheit nicht mehr beantworten.

    Für mich steht daher, „in der Mitte der Gesellschaft“ fest:
    1. Das hat nichts (mehr) mit Fußball zu tun !
    2. Das hat nichts mit politischer Streitkultur zu tun !

    Ich oute mich als hilflos „in der Mitte“ Stehender,der
    - einer vermeinlichen Mitte von eigentlich tief-“rechten“ Sozialdemokraten das Recht zum Regieren dieser Stadt und unseres Landes abspricht,
    - einer Wackel-CDU nichts abgewinnen kann und wird,
    - die PDS als nicht akzeptabel, weil über die tatsächlichen Verhältnisse hinaus die Leute täuschend und beschwindelnd, ablehnt,
    - die FDP als nur bedingt wählbar ansieht,
    und ansonsten keine Alternativangebote erkennen kann, weil die grünen Ökospinner inzwischen „sozialdemokratischer“ sind wie die eigentliche Sozialdmokratie.
    Außerdem oute ich mich als jemand, der das Einschmeißen von Schaufensterscheiben bei kleinen Connewitzer Kaufleuten als „Maifeier“ ebenso verabscheut, wie sinnlose (vermeintlich „linke“ und „mutige“) Angriffe auf Straßenbahnfahrer nach Rock gegen Rechts am Völki, oder Überfälle von durchtrainierten Linienziehern, die sich nur in der Masse, vermummt und bewaffnet (siehe Sachsenstube) vor allem gegen Kinder und Frauen aus ihrem ansonsten eher kümmerlichen Leben ans Tageslicht trauen.
    Aber: Ich gehe wählen, selbst wenn ich mich dabei typisch „sozialdemokratisch“ verhalte und, mangels Alternativen, das „kleinere Übel“ als das wähle, was den geringsten zu erwartenden Schaden für unsere Stadt bzw. unser Land mit sich bringt.

    Nennt es wie Ihr wollt, von mir aus auch spießig.
    Aber DAS alles hat für mich so wenig mit LINKS (im Sinne von humanistisch) denken zu tun, wie solch Aktionen wie am 03.01. für mich etwas mit RECHTS (im Sinne von konservativen Werten) zu tun hat. Das ist einfach nur eine von Dummgeilen in Gang gesetzte und am Drehen gehaltene Spirale krimineller Gewalt, gegen die Bürger machtlos sind, weil ihr Staat sich seit Jahren macht- und konzeptlos zeigt.

    Eines sollte noch angemerkt werden:
    Ich empfinde Mitleid mit denen, die von Berufs wegen das „Problem“ nun lösen sollen – den Mitarbeitern der Fanprojekte !
    Gleizeitig empfinde ich tiefe Befriedigung darüber, dass ich mich nicht mehr ehrenamtlich in der Fanarbeit zum Deppen machen muss unter diesen Umständen in dieser Stadt !
    Trotzdem habe ich meine Meinung und meine Erfahrungen und werde die immer wieder verstreten.
    Mir doch egal, wenn man mir dafür Alterstarrsinn vorwirft……

    Und viele „herzliche“ Grüße auch an die beim FC Sachsen, die nun den „Seht Ihr: Wir sind unpolitsch und uns passiert darum nichts !“-Zeigefinger hämisch aus dem Rattenloch an der Jahnallee heben. Sie sind zu kurzsichtig (nicht nur im Fußball sondern auch was das Drumherum betriff), um ihren Anteil am Versagen von uns allen zu benennen. Aber genau das wäre mal nötig, um einen kleinen Schritt voran zu kommen.


  1. Gravatar of Gemischte Gefühle zur Winterpause « DesBam sagt an …
    4

    [...] zum Thema steht wie immer beim Chemieblogger, bei der Bunten Kurve und diesmal auch im Bericht der Polizei. Posted by Dessau Bambaataa Filed [...]


  1. Gravatar of Solidarität
    Kommentar von
    Solidarität
    28.01.2009 um 16:00
    5

    http://fc42.de/bilder/bilder08.....e09209.JPG Niemals aufgeben Diablos


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
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  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
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    [...] dem Hintergrund der vorherrschenden Verhältnisse in Leipzig, wo politische und Fußballgewalt miteinander verschmelzen, stellt sich das Konzert [...]


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
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    [...] - Samstag, 3. Januar 2009: Etwa 50 zum Teil Vermummte greifen Fans der BSG Chemie vor der Ernst-Grube-Halle an der Jahnallee an. Die Täter attackieren aus drei Richtungen und jagen ohne Rücksicht auf Frauen und Unbeteiligte einzelne Personen mit den Parolen „Töten! Töten!“ sowie „Ihr Drecksjuden“. Einer der Opfer wird mit Verdacht auf Schädelbasisbruch in ein Krankenhaus eingeliefert (mehr…). [...]


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
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  1. Gravatar of Leipziger Szenen « casual nothingness
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    [...] on: Chemieblogger / [...]


  1. Gravatar of „More Than Life“: Die Diablos machen seit zehn Jahren Theater | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
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    [...] im Zentralstadion eines Michael Kölmel und seines Vollstreckers Winfried Lonzen und die zahlreichen gewalttätigen Angriffe aus dem Neonazi- und Hooligan-Dunstkreis von 1. FC Lok und Halleschem FC überstehen konnten, [...]




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