Selbstverschuldete sportliche Krise
Sonntag, 16. November 2008, 18:45 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Montag, 17. November 2008, 14:29 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Vereinspolitik

Der FC Sachsen verliert Spiel für Spiel und hat sich im Tabellenkeller eingenistet. Doch statt an die eigentlich Verantwortlichen richtet sich der Zorn der Fans an die Spieler. Eine kleine Problemanalyse

Es ist etwas für Zyniker, Spiele des FC Sachsen Leipzig zu besuchen. Oder für eingefleischte Chemiker, also „Leutzscher“ im ursprünglichsten Wortsinne, die mit dem Zentralstadion nicht so viel anfangen können und gerne Fußball im Alfred-Kunze-Sportpark sehen würden. Doch das geht aus verschiedenen Gründen nicht, der FC Sachsen spielt seit 2004 in einer Exil-Heimstätte, die BSG Chemie auf der Anlage von Nordwest.

Sportliche Schreckensbilanz

Aber wie auch immer, zurück zum zynischen Moment: Der geneigte Chemie-Sympathisant kann die Spiele im Zentralstadion im Moment einfach nur genießen. Ein Gegner nach dem anderen zeigt dem FC Sachsen seine sportlichen Grenzen auf, im regelmäßigen Zwei-Wochen-Rhythmus offenbaren sich Klassenunterschiede zwischen der Elf von Dirk Heyne und den jeweiligen Gästen. Die bisherigen Saisonhighlights: das 0:4 gegen Rostock II, das 1:3 gegen Altona und das heutige 0:3 gegen Oberneuland – allesamt keine Top-Mannschaften der Liga, wohlgemerkt. Für den FC Sachsen läuft es einfach mal gar nicht, nach 13 Spielen steht der Lonzen-Club mit bescheidenen zehn Punkten und peinlichen sechs Toren auf dem vorletzten Rang.

Fehler in der Vereinspolitik

Dass diese sportliche Talfahrt in Anbetracht systematischer transfer- (unter anderem die Personalien Jens Möckel, Tino Semmer) und sportpolitischer (Stichwort „Halbprofitum“) Fehlentscheidungen in der Vereinsspitze abzusehen war, ist nahezu überflüssig zu erwähnen. Der FC Sachsen der Saison 2008/09 hat eine Mannschaft, die auch in der Oberliga bestenfalls Mittelmaß wäre und schlichtweg nicht besser kann, als sie derzeit auftritt. Sprich: Jeder Punktgewinn ist ein Wunder, jeder Treffer ein anerkennenswertes Lebenszeichen. Doch die Fans, die nach wie vor mit ihrem Herzen am FC Sachsen hängen, scheinen dies nicht zu durchblicken. Heute gab es gegen Oberneuland nicht nur Pfiffe, sondern auch die Mannschaft verhöhnende Fangesänge, die mit ihrer Peinlichkeit eine treffende Beschreibung der Fankultur beim FC Sachsen abgaben. Denn diejenigen, die die eigentlich Verantwortlichen dieser sportlichen Misere sind, kommen ungeschoren davon. Beim FC Sachsen gibt es keine Kritikkultur mehr – eine Entwicklung, die abzusehen war.

Fußball-Leipzig steht vor sportlicher Wachablösung

Winfried Lonzen, Vereinspräsident und Stadionbetreiber, hat im Sommer 2008 die Entscheidungen durchgeboxt, die den Verein zwar finanziell konsolidieren sollten, aber im Gleichschritt den sportlichen Untergang vorzeichneten. (Ganz davon abgesehen – dies aber nur als Randnotiz –, dass die verhängnisvolle und irreversible Spaltung der Leutzscher Fanszene in der Ära Winfried Lonzen erfolgte.) Für Lonzens Verein steht viel auf dem Spiel, der 1. FC Lok hat den FC Sachsen unlängst in der Zuschauergunst abgelöst und steht unmittelbar davor, sportlich gleichzuziehen – oder sogar zu überholen. Das wäre der Super-GAU für die (einstige) „Hoffnung Mitteldeutschlands“, die es seit Jahren trotz hochwertiger Nachwuchsarbeit und lange Zeit horrender Spielergehälter nicht vermochte, der sportlichen Stagnation zu entfliehen.

Es sind insofern historische Momente, die diese Saison zeitigen könnte. Bei der BSG Chemie hat man unlängst begriffen, dass ein am sportlichen und finanziellen Tropf hängender FC Sachsen eine große Chance ist. Die Frage ist nur, wie lange die Fans des Regionalliga-Vorletzten die Augen vor der Realität verschließen. Mit dieser Mannschaft ist der Klassenerhalt ein Ding der Unmöglichkeit. Da würden auch keine (derzeit wohl unbezahlbaren?) ein, zwei Verstärkungen weiterhelfen. Die einzigen, die mir im Moment beim FC Sachsen leid tun, sind die Spieler und natürlich der Trainer, der sich sein Personal nicht einmal aussuchen durfte. (Unsäglich in diesem Zusammenhang die Affäre um Halbprofitum-Ideologe Martin Polten, der zuerst kam, sich einen nicht-regionalligatauglichen Kader zusammenstellte und dann doch nicht bleiben konnte-durfte-wollte.) Dirk Heyne und sein kickendes Personal müssen nun ausbaden, was Lonzen und Polten entschieden. Also, wer ist hier verantwortlich, und wen gilt es eigentlich zu kritisieren? Es lohnt, darüber nachzudenken.




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6 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Grobi
    Kommentar von
    Grobi
    16.11.2008 um 21:25
    1

    Gelungene Analyse, aber der Trainer heißt Dirk, oder?


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    17.11.2008 um 10:48
    2

    Waaah, peinlich! Danke dir für den Hinweis. Ich habs einfach mal geändert.


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    3

    [...] zentralstadion Letzte Beiträge „Gott, lass’ schnell Hirn herab!“ (17. November 2008) Selbstverschuldete sportliche Krise (16. November 2008) Herzensangelegenheit Chemie (3. November 2008) 9. FARE-Aktionswoche [...]


  1. Gravatar of desbam
    Kommentar von
    17.11.2008 um 12:37
    4

    Nagel – Kopf. Guter Beitrag.


  1. Gravatar of J.Meurer
    Kommentar von
    J.Meurer
    11.12.2008 um 14:17
    5

    Na ja….. „Nagel auf den Kopf“-Beitrag ???
    Der Polten war doch bloß Mittel zum Zweck und die Aktion um ihn herum ein weiterer Beleg dafür, welche „geballte Kompetenz“ ein „Hallenwart“, ein „Rodler“ und ein Ex-VfBer tatsächlich darstellen. Die raffen es nie, was ihnen da von Mitgliedern und gutgläubigen Fans in die Hände gelegt worden ist.
    Nach einem Aufstieg (der de facto nur ein Klassenerhalt war), dem „Halbpofitum“, den Sprüchen des bezahlten Dreitagechmikers vom „Etikettenschwindel“ und anderen „lustigen“ Begebenheiten beim Bespringen sämtlicher Fettnäpfchen, befindet sich zumindest die Vereinsspitze des FC Sachsen (und in ihrem Hintern all die minderbemittelten Analbohrer, die sich einen wie auch immer gearteten Vorteil von diesen Leuten erhoffen) auf dem besten Weg, den Titel als „lächerlichster Verein Deutschlands“ zu verteidigen. Wenigstens was……..
    Den Jungs und ihrem Trainer oder den vielen gutgläubigen Fans kann man wohl keinen Vorwurf machen – ebensowenig wie einem Polten. Der hat u.a. in Eilenburg seine Kompetenz nachgewiesen.
    Aber unter solchen „Führungs“-Umständen muss auch jeder scheitern. Es sei denn, es realisiert sich was sich seit Monaten anbahnt und „Der Beste“ und die „Hoffnung Mitteldeutschlands“ kehren aus der Super-VIP-Etage der Jahnbude ins Rampenlicht zurück. Dann wird es nicht mehr nur um Lächerlichkeit gehen. Mit so einer Entwicklung bestehen berechtigte Aussichten auf jede Menge hausgemachten Kuchen, wütende „Cheftrainer“ die den Mitgliedern gleich mal ihre Entschdeidungen als „gottgewollt“ verkünden und andere „Leckereien“ aus dem Komödienstadel.
    Der sportliche Fisch stinkt zwar am Kopf am meisten, besitzt aber auch inzwischen jede Menge stinkende Flossen. Die schleichende Zerstörung und Demontage des mit erheblichem Geld kommunaler Betriebe aufgebauten Nachwuchsleistungzentrums, u.a. als „ABM“ für das gefeuerte und in Probstheida nicht mehr gewollte VfB-Kompetenzteam von Tschense & Co. ins Leben gerufen, ist nur einer der unsäglichen Angriffe auf die Leutzscher Fußballtradition.
    Rettung ? Was will man denn noch „retten“ ? Kölmelsche Forderungen ? Darum geht es, denn man muss die Stellung halten, bis ein (vollkommen seniler oder zahlen- und traditionsunkundiger ???) Investor gefunden und von DFB-Gnaden mit freier 51 %-Bahn versehen wird.
    Schade, schade, denn das „Projekt FC Sachsen“ hätte tatsächlich eine Chance gehabt, sich dauerhaft als Nr. 1 in Leipzig zu etablieren.
    Nun kommt die „Wachablösung“ (wenn sie mal nicht schon da ist) mit Riesenschritten auf die Macher zu und sie haben schon vorgebeugt – clever wie sie nun mal sind – und ihre Jahnbude als „Wohnzimmer“ des 1.FC Lok wie Sauerbier angeboten. Ein Axtmann wird sich ins Fäustchen lachen und der „lächerlichste Verein Deutschlands“ seinen Titel mit großem Vorsprung verteidigen.
    Wie schlimm ist „DAS“ denn ???
    Sehr….., vor allem für die, denen ein erneutes „weich Fallen“ nicht mehr gelingen wird, wenn der sportliche Wind sich erneut dreht. Oder meint hier wirklich einer, dass man bei Lok einen „Sportfreund“ Schlieder und seine Helferlein nochmal aufnehmen wird ?
    Na, schaun mer mal und warten ab……
    Sollte mich nicht wundern, wenn es im Sommer 09 noch was ganz anderes zu bestaunen oder zu belachen gibt.
    Bis dahin: Frohes Fest und guten Rutsch !
    (…und glaubt mal nicht alles, was Ihr da so lest…)


  1. Gravatar of Flug Thailand
    Kommentar von
    10.03.2009 um 12:01
    6

    Es ist wie in den meisten Unternehmen und Fussballvereinen auch: Die Probleme liegen meist auf der Führungsebene. Aber bis dies erkannt wird, werden erstmal unzählige Trainer, Manager und Spieler entlassen und eingestellt, da die Personen im Vorstand und Aufsichtsrat sich für unfehlbar halten. Den oft unzureichenden Fussbalsachverstand auf diesen Positionen halte ich für einen wesentlichen Grund. Eine optimale Führungsebene setzt sich aus Personen mit wirtschaflichen Verständnis und Fussballsachverstand zusammen. Doch das scheint reine Illusion zu bleiben! Alles gute für den FC Sachsen!




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