„Zu politisch“: FC Sachsen lehnt Antirassismus-Arbeit ab
Montag, 6. Oktober 2008, 18:53 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 27. November 2009, 13:01 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Vereinspolitik

Was jahrelang klappte, darf nun nicht mehr sein. Über aufschlussreiche Korrespondenzen zwischen der Faninitiative „Bunte Kurve“ und dem FC Sachsen Leipzig

Ein typisches Bild in Fußball-Leipzig im Oktober: Fans des FC Sachsen Leipzig engagieren sich gegen Rassismus und Diskriminierung, hängen Spruchbänder auf, gestalten gemeinsame Choreografien mit Fans des FC St. Pauli, arrangieren Fotoaktionen, werben mit bunten Sprüchen auf grün-weißen Trikots. Das war (gefühlt) schon immer so. Seit 2000 hat der FC Sachsen durchgängig an der FARE-Aktionswoche teilgenommen, die jährlich im Oktober von der europäischen Fußballunion UEFA organisiert wird. Doch im Jahr 2008 ist vieles, wenn nicht sogar alles anders: Die Vereinsführung hat eine erneute Aktion anlässlich von FARE abgelehnt.

„Politische Veranstaltungen oder Aktionen“ im Stadion nicht geduldet

Seitdem im Sommer 2008 alle Kommunisten, Autonomen und potentiellen Sprengstoffattentäter den Verein in Richtung BSG Chemie verlassen haben, ist der FC Sachsen nämlich ganz offiziell „unpolitisch“. Dies geht aus einer Mail hervor, die FCS-Geschäftsstellenleiter Lars Schauer an die Faninitiative „Bunte Kurve“ gesendet hat. Zuvor hatte die Bunte Kurve schriftlich angefragt, anlässlich der diesjährigen FARE-Aktionswoche zum Heimspiel gegen den 1. FC Magdeburg ein Transparent mit der Aufschrift „Zeig Rassismus die rote Karte“ aufzuhängen sowie zu den Partien gegen Wolfsburg II, Rostock II und Lübeck vor dem Zentralstadion Flyer zu verteilen, auf denen für die in Leipzig gastierende Ausstellung „BallARBEIT“ geworben wird. In der Antwortmail des FC Sachsen heißt es wörtlich:

(V)ielen Dank für Ihr Angebot der Bunten Kurve. Leider können wir Ihnen für diese Aktionen im Stadion keine Bühne geben, gleichwohl wir Sympathie für beide äußern.

Letzteres darf angesichts der folgenden Zeilen angezweifelt werden:

Grundsätzlich bleibt unsererseits anzumerken, dass der FC Sachsen gänzlich unpolitisch ist und somit keinerlei politische Veranstaltungen oder Aktionen im Stadion geduldet werden. (eig. Hervorhebung, Anm. d. Verf.)

Grundsätzlich bleibt meinerseits anzumerken, dass Winfried Lonzen, Lars Schauer und all die eifrigen Berater eine eigensinnige Definition von Politik haben. Wer keine Antirassismus-Plakate im Stadion haben will, sollte konsequenterweise auch sämtliche Schals, Fahnen, ja eigentlich auch die Spielerbekleidung verbieten. Wäre halt zu politisch, also sämtliche Farben raus aus dem Stadion, es besteht die Gefahr von Identifikation!

Inzwischen nimmt auch Lok an FARE-Aktionswoche teil

Was haben wir gelernt? Der FC Sachsen wiegt sich im wahrsten Wortsinne in Sicherheit, der Verein habe seit dem Abgang der „Verräter“ (O-Ton Lonzen in einer Sicherheitskonferenz zwischen Stadt, Polizei und Fußballvereinen) keine Probleme mehr mit Gewalt oder Rassismus. Der aufgeklärte Beobachter weiß, dass es in Wirklichkeit anders ist. Wie es in einem Verein zugeht, der „gänzlich unpolitisch“ ist, steht im FCS-Forum. Weiter bei der Problemerkennung ist inzwischen der 1. FC Lok. Der Kubald-Klub nimmt dieses Jahr an der FARE-Aktionswoche teil – zum dritten Mal nach 2006 und 2007.

Gegen Rassismus und Diskriminierung: eine zivilgesellschaftliche Pflicht

Ja, Rassismus, Sexismus, Homophobie und jeglicher anderen Form von Diskriminierung entgegenzutreten, ist vielleicht politisch. Aber es ist auch die verdammte Pflicht eines jeden Bürgers und Bestandteil einer ausgeprägten Zivilgesellschaft. Dass es diesen Grundsatz weiter zu verinnerlichen gilt, beweisen all die Schauers & Co. Und auch die Geschichte: Es gab schon einmal eine Zeit, in der alles Politische als anrüchig betrachtet wurde – und dem Erdboden gleichgemacht werden sollte. Die Folge dieser unpolitischen Auffassung von Politik war in der dunkelsten Epoche der deutschen Vergangenheit die Vernichtung nicht nur sämtlicher Parteien, der demokratischen Kultur und politischer Auseinandersetzungen, sondern auch eines ganzen Volkes.

Nachtrag vom Donnerstag, 9. Oktober 2008, 8:47 Uhr

Die diesem Meinungsbeitrag zu Grunde liegenden Sachverhalte sind nachprüfbar und entgegen einiger Vermutungen im FCS-Forum nicht frei erfunden. Ich beziehe mich auf eine Mail der Bunten Kurve an den FC Sachsen vom 5. September 2008 und auf die Antwort des FC Sachsen durch Herrn Lars Schauer vom 12. September 2008.

Ich finde es sehr bedenklich, dass Personen, die sich zivilgesellschaftlich engagieren, als Linksextreme diffamiert und persönlich angefeindet werden. Es ist bedauerlich, dass der Vorstand des FC Sachsen nicht mit positivem Beispiel vorangeht und eine Initiative von Fans zur FARE-Aktionswoche unterdrückt.




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20 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Tut nichts zur Sache
    Kommentar von
    Tut nichts zur Sache
    08.10.2008 um 17:19
    1

    Mit deinem letzten Absatz übertreibst du nes aber ganz schön. Man könnte meinen du seist krank.

    Zitat:
    Ja, Rassismus, Sexismus, Homophobie und jeglicher anderen Form von Diskriminierung entgegenzutreten, ist vielleicht politisch. Aber es ist auch die verdammte Pflicht eines jeden Bürgers und Bestandteil einer ausgeprägten Zivilgesellschaft. Dass es diesen Grundsatz weiter zu verinnerlichen gilt,…Zitat Ende

    und schon sind wir in der nächsten Epoche der Deutschen Geschichte wo einem alles was die Parte will in den Mund gelegt wurden ist. Die Zeit war genau so besch….

    Schauer und Co. – alles Richtig gemacht.


  1. Gravatar of Chemiker
    Kommentar von
    Chemiker
    08.10.2008 um 18:13
    2

    Ich finde den Kommentar von „Tut nichts zu Sache“ sehr gut und auch absolut zutreffend.


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    08.10.2008 um 17:28
    3

    Lieber Tut nichts zur Sache,

    stimmt, es ist besser, immer schön wegzusehen. „Das ist doch normal, das gehört dazu.“ Wenn ich in deinen Augen krank bin, dann hast du es nicht verstanden und wirst es wohl auch nie verstehen. Trotzdem gibt es genügend Leute, die nicht nachlassen werden, Missstände anzuprangern.

    Geschichtsexkurs: Es gab in der Weimarer Republik einen intellektuellen und elitären Mainstream, der parteipolitische Auseinandersetzungen (also die Grundlage einer Parteiendemokratie) ablehnte. Der Vergleich sollte provozieren. Hat er auch geschafft. Ende Geschichtsexkurs.

    Und: ich kenne keinen, der im Stadion eine Partei-Fahne schwenkt. Komisch, oder? Wer den Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung mit Parteipolitik assoziiert, weiß nicht, was Zivilgesellschaft bedeutet. Aber zum Glück leben wir weder in der einen noch in der anderen beschriebenen Epoche der deutschen Geschichte. Deshalb darfst auch du deine Meinung sagen. Danke dafür.

    Dein chemieblogger


  1. Gravatar of Thomas
    Kommentar von
    Thomas
    08.10.2008 um 18:37
    4

    Ich finden den Kommentar von „Tut-TuT“ und dem „Chemiker“ nicht so gut und absolut ganz und gar nicht zutreffend.

    Bekomm ich da jetzt ein Bienchen??


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    08.10.2008 um 18:14
    5

    @ Chemiker: das ist dein gutes Recht und so denkt auch die Mehrheit beim FC Sachsen, unbestritten.


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    09.10.2008 um 14:12
    6

    Zitat „Tut nichts zur Sache“:
    >>>Schauer und Co. – alles Richtig gemacht.<<<

    Ja, genau. Alles richtig gemacht. Vor allem der Neutralo-Boss Winfried Lonzen hat alles richtig gemacht. Auf die schlagfertige Attacke der als unpolitisch geltenden „Metastasen“ gegen einen farbigen Ordner – der vermutlich unter Verdacht stand, Politiker zu sein – im Innenraum des Zentralstadions zum Relegationsspiel gegen Greifswald ist er so herrlich unpolitisch geblieben ist und hat überhaupt nicht reagiert. Auffällig beim Ansehen der Videoaufnahmen: Die wenige Meter daneben stehenden hellhäutigen – mit Sicherheit unpolitischen – Ordner, wurden nicht angegriffen. Dem FC Sachsen gilt meine aufrichtige Gratulation zu seiner unpolitischen Konsequenz!


  1. Gravatar of Torsten
    Kommentar von
    Torsten
    09.10.2008 um 15:17
    7

    @ Alex

    man könnte klatt meinen der FC Sachsen ist etwas blind auf dem rechten Auge. Das alles sind natürlich nur Vermutungen und keine Behauptungen.

    @ All

    Dank des Weggangs der Kaputten und Gestörten zu BallSG Chemie bewegt sich der FC Sachsen einer Zukunft ohne Gewalt, Hass und Politik entgegen. Ich finde es daher auch völlig unnötig sich an einer Aktion beteiligen die einfach nur Anzeichen von Zivilcourage zeigen. Mein FCS ist ohne die Kaputten und Gestören endlich ein Verein der zu 110% aus zivilcouragierten Bürgern besteht, wir haben es daher nicht nötig uns an solchen Aktionen zu beteiligen. Das Aufhängen von Plakaten zu Fare-Woche könnte im übrigen den Eindruck erwecken als hätten wir es nötig uns daran zu beteiligen.

    Außerdem verbitte ich mir jede Kritik an unserem Vereinsoberhaupt und seiner treuen Gefolgschaft. Nestbeschmutzer sollen zur BallSG gehen, Herr Lonzen versucht hier völlig seriös einen neuen FCS aufzubauen bei dem der Aufsichtsrat zu 100% seiner Kontrollfunktionnachgehen kann und völlig unabhängig vom Vorstand ist.

    Mal im Ernst es ist schon Schade das die Diablos zur BSG gegangen sind bzw. sich abgespalten haben. Seit dem ist leider vieles anders geworden. Trotzdem werde ich weiter zum FCS gehen.


  1. Gravatar of unwichtig
    Kommentar von
    unwichtig
    09.10.2008 um 18:44
    8

    nichts für ungut, aber lok nimmt das dritte mal an der fare-woche teil …


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    09.10.2008 um 18:47
    9

    @ unwichtig: sorry und danke für den Hinweis!


  1. Gravatar of Tut nichts zu Sache
    Kommentar von
    Tut nichts zu Sache
    10.10.2008 um 9:09
    10

    Dann frag doch mal den dunkelhäutigen Ordner der LL warum er eine auf den Deckel bekommen hat. Und weil wird gerade dabei sind: Wenn du schon Videoaufnahmen hast dann schaff sie zur Polizei und erstatte Anzeige gg. die oder den Metastasen. Aber nein das mach ich nicht mit den Bullen quatschen und andere anzinken. Dann lieber trete ich die Sache bei jeder sich bietenden Möglichkeit breit. Ihr seid Helden – armes Deutschland


  1. Gravatar of Hurra die BSG ist wieder da!
    Kommentar von
    Hurra die BSG ist wieder da!
    11.10.2008 um 15:53
    11

    Der Vorstand vom FCS verschließt die Augen! Es gibt Rassismus bei den Fans vom FCS, der früher nicht da war. Leipzigs Fussball wird langsam BRAUN! Ärgerlich was mit unserem geliebten Fussball passiert.


  1. Gravatar of Christoph
    Kommentar von
    Christoph
    14.10.2008 um 10:43
    12

    Ärgerlich? Todtraurig! Es war zu befürchten, daß sich beim FCS ohne die „Chaoten“ alle (sicher nicht alle, aber…) bald lieb haben würden – daß es so kommt, wie es hier geschildert wird, ist bitter, bitter, bitter… Danke, Torsten und Bastian!


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    14.10.2008 um 12:36
    13

    Zitat “Tut nichts zur Sache”:
    >>>Dann frag doch mal den dunkelhäutigen Ordner der LL warum er eine auf den Deckel bekommen hat. Und weil wird gerade dabei sind: Wenn du schon Videoaufnahmen hast dann schaff sie zur Polizei und erstatte Anzeige gg. die oder den Metastasen.<<<
    Ich kenne den Ordner nicht und werde ihn auch nicht fragen können. Und ganz sicher werden die Metastasen „gute“ Gründe gehabt haben, den Aufstieg des FC Sachsen auf diese sehr spezielle Art und Weise zu feiern. Auch nach diesen Gründen werde ich mich übrigens nicht persönlich erkundigen können.


  1. Gravatar of Aufschwung in Leutzsch « DesBam sagt an …
    14

    [...] zum Thema hat der Chemieblogger [...]


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    15

    [...] zentralstadion Letzte Beiträge 9. FARE-Aktionswoche gestartet (17. Oktober 2008) „Zu politisch“: FC Sachsen lehnt Antirassismus-Arbeit ab (6. Oktober 2008) Kommerzfußball: öffentliche Veranstaltung oder Werbespot? (9. [...]


  1. Gravatar of mobster
    Kommentar von
    mobster
    25.10.2008 um 22:22
    16

    “Unpolitische Sportvereine sind die erste Anlaufstelle für Rechtsradikale” (Dr. Theo Zwanziger)


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    17

    [...] eine Herzensangelegenheit (3. November 2008) 9. FARE-Aktionswoche gestartet (17. Oktober 2008) „Zu politisch“: FC Sachsen lehnt Antirassismus-Arbeit ab (6. Oktober 2008) Kommerzfußball: öffentliche Veranstaltung oder Werbespot? (9. [...]


  1. Gravatar of mogli
    Kommentar von
    mogli
    28.11.2008 um 13:29
    18

    also ich weiss ja nicht diese Ignoranz die aus vielen dieser kommentare spricht zeigt doch das die meisten menschen nicht verstehen das es zur zivilcourage gehört faschisten sexisten und sonsitgem nasen-pack gemeinsam mal mindestens die rote karte zu zeigen , wenn nicht sogar mal ein bisschen mehr^^…..

    bürger aller länder vereinigt euch!

    ein ausenstehender pauli fan……

    an die diaboöos_Kopf hoch!


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