Kommerzfußball: öffentliche Veranstaltung oder Werbespot?
Dienstag, 9. September 2008, 18:35 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 9. September 2008, 18:38 Uhr
Abgelegt unter: Kommerz- & Medienfußball, Medienschau

„Was erlaube´ DFL!“ Über eine Verbands-GmbH, die die Taschen nicht voll genug kriegt. Eine Leseempfehlung

Die BSG Chemie Leipzig ist nicht nur ein Verein, in dem Fußball und Schach gespielt werden – sie versteht sich zugleich als ein anachronistisches Projekt, das sich dem Konzept des Modernen Fußballs entgegen stellt. Insofern ist ein Blick über den Verein hinaus Pflicht: Katrin Schuster, Redakteurin des linksintellektuellen Wochenblatts Freitag, widmet sich unter dem Titel „Was erlaube´ DFL!“ dem Thema Kommerz- und Medienfußball. Bezeichnend, denn der Freitag klammert Sport sonst aus, berichtet über Politik, Kultur und Literatur.

Dementsprechend kritisch werden die Machenschaften von Ligaverband und DFL beleuchtet – die Quintessenz: es geht (fast) ausschließlich um Lizensierung, Vermarktung und Profite. Gegen Unsummen wird der Fußball in die heimischen Fernseher ausgestrahlt. Fragt sich bloß, wie lange noch im Free TV. Premiere & Co. stehen mit noch mehr Geld Schlange, allein das Bundeskartellamt stellte sich in der Sommerpause der Abwicklung der öffentlich-rechtlichen Sportschau entgegen.

Wer zahlt, schafft an: Mit den exklusiven TV-Bildern dürfen sich im Moment die ARD-Sender schmücken. Die anderen Kameras müssen draußen bleiben.

Fußballspiele sind vor einem medialen „Missbrauch“ in Deutschland besser geschützt als jeder normale Mensch. Eine freie Berichterstattung darüber ist längst nicht mehr möglich.

Angesichts dessen fragt sich Schuster zurecht:

Dass die Fans sich nicht längst abgewandt haben, ist das einzige Wunder in dieser Geschichte. Bei der Planung von Spieltagen, Anstoßzeiten sowie neuen Cups und Wettbewerben richten sich DFB und DFL nicht nach denen, die mit ihrer Aufmerksamkeit für den entscheidenden Mehrwert sorgen, sondern zuallererst nach den Möglichkeiten der Erlössteigerung.

Die Journalistin sieht mit den exklusiven TV-Lizenzen die Pressefreiheit eingeschränkt:

Auf der Straße hat jeder Bürger mehr Rechte als in einem Fußballstadion oder vor einem Fernseher, in dem ein Spiel übertragen wird. Während über Prominente und Politiker berichtet werden darf, sobald das öffentliche Interesse daran außer Zweifel steht, gilt dieses Gesetz für den Fußball offenbar nicht. Genauso wie im Zweifel die Vereine noch immer auf ihr Hausrecht beharren können – auf ihr Hausrecht in den Stadien, die die öffentliche Hand zuvor brav mitfinanziert hat. (…) Im Grunde ist die Sache ganz einfach: Entweder Fußball ist ein öffentliches Ereignis – dann dürfte jeder frei darüber berichten. Oder es ist keines – dann möchte die DFL für die Ausstrahlung ihres 90-minütigen Werbespots bitte dieselben Beträge an die Sender überweisen wie Persil, VW, Eon und McDonald´s das tun.

Eine provokante Sichtweise, auf die man erst einmal kommen muss. Und sie ist keinesfalls unberechtigt.




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4 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Christoph
    Kommentar von
    Christoph
    10.09.2008 um 17:30
    1

    Alter Schwede, selbst meine Lieblingszeitung wird hier zitiert. Danke!


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    12.09.2008 um 14:43
    2

    Ich kann mich für diesen Artikel nicht erwärmen. Er leidet unter seiner Polemik und letztlich auch der inhaltlichen Unschärfe.

    Im nicht zitierten Teil des Artikels wird von „ökonomischer Zensur“ gesprochen. Diese Formulierung hinterfragt nicht nur den kommerzialisierten Fußball und die DFL, sondern das komplette deutsche Mediensystem. Ohne exklusive Übertragungsrechte gäbe es keinen Spitzensport in Deutschland. Es gibt sicher unzählige Aspekte, die TV-Vermarktung im Fußball zu kritisieren. Übertragungsrechte komplett in Frage zu stellen, zeugt von Naivität. Und warum sollte in einem Fußballstadion nicht das Hausrecht gelten? Stellt sie sich rechtsfreie Räume als Alternative vor? Auch die Argumentation, dass die Stadien ja öffentlich finanziert sind, ist nicht sauber recherchiert. Ohne jede Recherche fällt mir auf Anhieb die ausschließlich privat finanzierte Allianz-Arena.

    Auch die Behauptung, dass Fußballspiele vor einem medialen Missbrauch besser geschützt wären, als einzelne Menschen, ist sehr gewagt. Ich behaupte: Mit Blick auf Grundgesetz, Medienrecht und unzählige Gerichtsentscheide schlicht falsch. Ganz davon abgesehen, dass eine Veranstaltung nicht mit einer Person verglichen werden kann.

    Sogar im BAFF-Buch „Ballbesitz ist Diebstahl“ ist nachzulesen, dass ohne Kommerzialisierung der Fußball nicht das wäre, was er heute ist. Mitte der Neunziger (des 19.Jh.!) gab es schließlich auch Auseinandersetzungen, ob Fußballspieler mit ihrem Sport Geld verdienen dürfen.

    Meine Devise lautet eher: Kampf den Kommerzialisierungs-Auswüchsen statt Kampf der Kommerzialisierung!


  1. Gravatar of Grobi
    Kommentar von
    Grobi
    15.09.2008 um 22:12
    3

    Zitat Alex: „Meine Devise lautet eher: Kampf den Kommerzialisierungs-Auswüchsen statt Kampf der Kommerzialisierung!“

    Dazu meine Meinung:
    Wo ist die Grenze? Wer hält die Auswüchse auf? Sind 3500 Zuschauer eines ostdeutschen Viertligisten in einer angemieteten WM-Arena nicht schon betroffen? Sind 8,- (Kurve) und 12,- Euro (Gerade) für diese Klasse nicht schon Auswüchse? Ja sind es…meiner Meinung nach sogar Geschwüre.
    Also, gegen wem willst du den kämpfen Alex???


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    23.09.2008 um 14:42
    4

    Eigentlich sind wir einer Meinung. Es sind die extremen Auswüchse, die gezielt von den Fans bekämpft werden müssen.

    Ob die Eintrittspreise im Zentralstadion nun dazugehören, darüber kann gestritten werden. Meine Erfahrung ist, dass die Eintrittspreise nicht proportional zur Spielklasse ab- oder zunehmen. Was auch daran liegt, dass Vereine unterhalb der ersten und zweiten Bundesliga viel stärker auf die Einnahmen aus Tickets angewiesen sind.

    Acht Euro für die günstigste Karte sind zwar heftig, in Verbindung mit der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel aber m.E. noch vertretbar.




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