Fragwürdige Entlassung
Donnerstag, 8. Mai 2008, 17:35 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Montag, 25. August 2008, 22:56 Uhr
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Er galt als Integrationsfigur, jetzt muss er gehen. Hansi Leitzke wurde von seinem Traineramt beurlaubt – und keiner weiß warum

Der Verein steht am Scheideweg, die Fanszene ist gespalten. Dieser Tage formulieren einige FCS-Mitglieder an ihrer Austrittserklärung, auf der Gegenseite erfreut sich die BSG Chemie Leipzig zahlreicher Neumitgliedschaften. Dort ist man für alle Eventualitäten gerüstet, jüngst wurde eine Satzungsänderung durchgewunken, die formell ermöglicht, dass die BSG Chemie im nächsten Jahr eine Kreisklasse-Mannschaft anmelden kann. Droht jetzt die endgültige Spaltung? Für die Diablos zumindest gibt es wohl keinen Weg mehr zurück ins Zentralstadion.

Die Ursachen dieser Entwicklung liegen auf der Hand, viele Sympathisanten des FC Sachsen haben keine Lust mehr auf gnadenlose Erfolglosigkeit und finanzielles Chaos, stattdessen träumen sie von ehrlichem Fußball und einem Verein, der auf die Fans zugeht. Beides kann Vereins-Betreiber und Stadion-Vorsitzender Winfried Lonzen derzeit nicht bieten, auf die Fans wirkt der gemütliche Boss mit Alleinherrschschaftsansprüchen ebensowenig versöhnlich wie kompetent.

Trainerentlassung trotz guter Leistung gegen Plauen

Jüngstes Beispiel: Die Entlassung von Chemie-Legende und Integrationsfigur Hansi Leitzke. Und das ausgerechnet nach dem wohl besten Spiel der Saison, einem verhinderten 10:1 für uns, das unter anderem wegen fünf (!) Aluminiumtreffern nur 1:1 endete – natürlich gegen den VFC Plauen, gegen den es nie etwas zu holen gab. Guido Schäfer zählt in der Leipziger Volkszeitung die wichtigsten Chancen auf:

VFC-Keeper Okrucky fingert einen Lee-Gandaa-Kopfball über die Latte, Richard Baum schießt aus 20 Metern einen halben vorbei, Semmer nagelt den Ball an den Außenpfosten, Rozgonyi trifft aus sieben Metern die Latte, Kopfball-Ungeheuer Möckel zwingt Okrucky zu einer Glanztat, Heinzes Böller landet am Pfosten, Garbuschewskis Freistoß an der Latten-Unerkante, Heinze trifft im Nachschuss den Pfosten, Lee Gandaa und Heinze bringen am Fünfmeter-Raum nur Rohrkrepierer zustande.

Krönung zum Nachmittag der verpassten Chancen: Sekunden vor Schluss wird der einnickbereite Nico Breitkopf für alle ersichtlich weggestoßen, Schiri Stefan Weber (Eisenach) pfeift den fälligen Elfer nicht.

Kann man nach so einem Spiel den Trainer entlassen? Natürlich nicht, kommentiert LVZ-Sportchef Winfried Wächter:

Auch wenn der FC Sachsen in dieser Saison (zu) oft enttäuschte. Von Leitzke war viel erwartet worden. Nach dem großen Geld und der noch größeren Bauchlandung seines Vorgängers Eduard Geyer sollte er Schadensbegrenzung vornehmen und den Verein in die neue vierte Liga führen. Mit einer Mannschaft, die permanent aufs Gehalt wartete. Das passte von vornherein nicht zusammen. Große sportliche Pläne, aber finanziell schwach auf der Brust – an diesem Widerspruch krankten die Leutzscher die gesamte Saison. In einem solchen Spannungsfeld hat es jeder Trainer schwer. Erst recht, wenn Siege gegen Außenseiter ausbleiben und somit die Unruhe wächst. Plauen war kein Außenseiter, ist vielmehr ein Aufstiegskandidat. Den hat der FC Sachsen klar beherrscht, freilich nicht bezwungen. Weil die Spieler, nicht Leitzke, klarste Chancen vergaben. Paradox, dass er danach gehen muss.

Immerhin ging es zuletzt wieder aufwärts, in der Oberliga gab es nach dem unglücklichen 0:1 gegen den Halleschen FC acht Punkte aus vier Spielen, im Pokalfinale scheiterten die Leutzscher zudem nur knapp mit 0:1 beim Chemnitzer FC. Einen fairen Umgang, eine richtige Chance hätte der ehemalige Torjäger Leitzke, der über 600 Pflichtspiele für die BSG Chemie und den FC Sachsen absolviert hat, allenfalls verdient gehabt.

Vorstand für sportliche Misere mitverantwortlich

Und selbst wenn Vorstand und Aufsichtsrat darüber einig waren, sich vom sportlichen Leiter zu trennen – was sprach dafür, die Beurlaubung Leitzkes, dessen Vertrag ohnehin ausläuft, unbedingt noch im Endstadium der laufenden Saison durchzusetzen? Diese Entscheidung hat nur unnötige Unruhe in den Verein und die Anhängerschaft gebracht. Folgerichtig, so scheint, wäre ohnehin nur die Selbstentlassung aller Verantwortlichen in Vorstand und Aufsichtsrat gewesen – Leitzke wurde im Zeitraum der letzten zweieinhalb Jahre dreimal zum Cheftrainer berufen, fungierte aber jeweils nur als besserer Lückenbüßer und konnte somit nie sein eigenes Konzept durchsetzen. Stattdessen wurde viel Geld verpulvert, Geld, das gerade in dieser wegweisenden Saison gefehlt hat. Und zweifelsohne zum Scheitern der Mannschaft beigetragen hat.




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2 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of ml
    Kommentar von
    08.05.2008 um 21:38
    1

    Das eigentlich traurige für mich ist ja, das Chemie Plauen tatsächlich streckenweise beherrscht hat, hätte gewinnen müssen. Wenn andere Spiele, besonders die der Hinserie gesehen habe war das eine deutliche Steigerung in den letzten Spielen.

    Was den Verein angeht bin ich immer noch der Meinung das es besser wäre (im übrigen für beide Mannschaften) in Ihrem/n Stadien zu spielen. Leer ist es immer doof, da machen auch die Diabolos nur einen qualitativen Unterschied btw.

    Nja. Mal sehen wie es weiter geht 🙂


  1. Gravatar of Tom
    Kommentar von
    Tom
    10.05.2008 um 11:26
    2

    Eins muß ich mal los werden.Ich höre immer nur Hans Leitzke das große Idol.Ja das war er!!Als Spieler!!Aber doch bitte nicht als Trainer.Er war in den letzten Jahren drei mal wiedergekommen.Immer dann wenn wir grad mal keinen hatten.Da ist doch völlig normal das er auch unter den Spielern absolut an Autorität verliert wenn man immer nur der Notnagel ist.Und er ist meiner Meinung nach auch nur immer wiedergekommen weil ihn einfach woanders keiner wollte.Weil vorzuweisen hat er nämlich gar nichts.Und bei mir ist er allerspätestens seit der Versetzung Bela Virags völlig untendurch.Einer unserer besten Spieler, spielt in der 2. weil der Herr Leitzke wohl nicht mit ihm konnte.Aber damit ist ja jetzt zum Glück Schluß….Aber Chemie wäre nicht Chemie wenn nicht alles möglich ist…wenn wir keinen finden bis August ruft doch wieder den Hansi an…Dann aber ohne mich!In diesem Sinne:“Das kann doch einen Leutzscher nicht erschüttern“…:-)




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