Kampf der Kulturen
Sonntag, 20. April 2008, 12:40 Uhr
Abgelegt unter: Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Gewalt & Rassismus, Spielberichte

Spieltag eins des Diablos-Boykotts: Der Sektor B ist nicht mehr wiederzuerkennen. Gedanken und Eindrücke

„Ihr seid doch vom Boykott, oder!?“ Heimspiel gegen den VfB 09 Pößneck, irgendwo zwischen Festwiese und Zentralstadion. Zwei „Normalos“, mittleren Alters und Typs Ur-Chemiker, kommen auf uns zu. Boykott? Nein, eigentlich nicht, denke ich. Und greife trotzdem zu. Die beiden sind vom Fanclub „Pfeffi 07“ und verteilen Zettelchen. Darauf steht in Großbuchtstaben: „Boykotteure sind Verräter. Pfeffi 07 – immer Chemie“. Ein Diablo und ein Pfeffi fangen sofort an zu diskutieren.

Da stehen wir also: Boykotteure, Boykotteure-Sympathisanten und Boykott-Boykotteure. Ich bin verunsichert: Nicht nur im Verein, sondern auch innerhalb der Fanszene läuft Einiges schief. Ein bisschen komisch ist es schon, ins Stadion zu gehen, wenn die Anderen draußen bleiben. Vor allem dann, wenn eine zumindest zu tolerierende, gut begründete Aktion derart plumpe Reaktionen aus der Fanszene hervorruft.

Immerhin habe ich jetzt 90 Minuten Zeit, darüber nachzudenken, was der Boykott mit Verrat zu tun hat. Mein Kumpel und ich gehen kurz vor Anpfiff ins Stadion, zumindest ich mit einem unguten Gefühl. Knapp 1200 haben sich in die Schüssel verirrt. Zum Glück kann Lonzen die Dauerkartenbesitzer mitzählen. Meine Vorahnungen waren düster. Und sie wurden übertroffen. Wir sehen auf den ersten Blick, dass der Sektor B nicht mehr der ist, als den wir ihn kennen. Den Platz der Diablos haben ein paar ältere Chemiker, die dubios begnadigten Metastasen und einige Glatzen eingenommen.

Ein Kulturschock! Irgendwie muss ich mir Luft machen, die SMS nach draußen: „Hier is es total reudig“. Der Rückruf kommt prompt: Ja, wir halten die Stellung. Da läuft das Spiel bereits zwei Minuten, es entwickelt sich ein Grottenkick, passend zur Gesamtsituation. Mein Kumpel studiert inzwischen die neu herausgebildete Fankultur. An uns laufen Fans vorbei, die sich den Reichsadler mit dem Chemie-Logo an Stelle des Hakenkreuzes angesteckt haben. Und natürlich „Thor-Steinar“-Träger. Dass die Diablos fehlen – ein geradezu überflüssiger Gedanke.

In Halbzeit eins passiert sportlich und auf den Rängen nichts Nenneswertes. In der Kurve ist es genauso ruhig wie zu den letzten Spielen, vereinzelt ein paar grölende Gesänge, die nie mehr als ein Duzend Fans mitreißen. Nach dem Wechsel dann die ersten „Uh-Uh-Uh“-Rufe gegen den afrikanischen VfB-Spieler Sinaba. Gefolgt von „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ – klar, das musste kommen, mein Kumpel und ich sind uns einig. Wann wird das Führerlied angestimmt?, frage ich mich. Halle lässt grüßen.

Irgendwann gehen die sportlich limitierten Kellerkinder aus Pößneck nach einem Konter in Führung. Der Ausgleich folgt postwendend durch Tino Semmer, der zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt nach langwierigen Verletzungen in Top-Form gekommen ist. Chemie rennt daraufhin vergebens an, findet keine Lücke für ein zweites Tor. Eigentlich wie immer, ich stehe fast schon apathisch im Block.

Es ist kalt, viel zu kalt für Mitte April. Weder vom Spielfeld noch von den Rängen kommt Erwärmendes. Nahezu jede Entscheidung eines zwar unsicheren, dafür aber überwiegend richtig liegenden Schiris wird mit „Schieber,-Schieber“-Rufen bedacht. Ich bin mir nicht sicher, ob es an der Zusammensetzung des Blocks oder bloß an meiner persönlichen Unzufriedenheit liegt, aber auf jeden Fall gehen mir diese dümmlichen Sprechchöre mit zunehmender Spieldauer immer mehr auf die Nerven.

Schlusspfiff, Erlösung, Befreiung: Mein Kumpel und ich verlassen umgehend die Schüssel, von der wir uns schon lange entliebt haben. Wir halten noch kurz Rücksprache mit einem der „Verräter“. Sie hätten Spaß gehabt, es gab Glühwein, gekickt wurde auch. „Das hält wenigstens warm“, sagt mein Kumpel. Nickende Zustimmung.

Stunden später, in der Straßenbahn auf dem Weg in die Laube. Wir wollen das DFB-Pokalfinale gucken, aber ich komme nicht so richtig weg von den Erlebnissen des Tages. So, wie es heute war, kann ich mir Chemie auch schenken, denke ich mir. Und ich weiß immer noch nicht, was Engagement und Leidenschaft mit Verrat zu tun haben.




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15 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    23.04.2008 um 10:03
    1

    Zurückgebombt in die Neunziger würde ich mal sagen. Da war die Chemie-Fanszene ja bis auf 1-2 aktive Fanclubs und wenige sportliche Highlights schon klinisch tot. Ich hoffe mal, dass sich die Kurven-Vorherrschafts-Kämpfe nur auf das Internet beschränken, die Diablos zum Finale ihren Boykott aussetzen und wir wenigstens in Chemnitz mal was zu feiern haben.


  1. Gravatar of stef
    Kommentar von
    stef
    25.04.2008 um 15:27
    2

    ich muss alex recht geben !!
    hoffen wir das es wenigstens im finale mal was zu feiern gibt ^^
    aber ich denke schon das die diablos zum finale da sein werden, da es ja auch ein auswärtsspiel ist und sie ja eigl nur die heimspiele boykottieren .
    und zur stimmung … ohne die diablos/ultras youth ist der block wirklich nicht mehr das was er sonst ist !!


  1. Gravatar of Guru
    Kommentar von
    Guru
    25.04.2008 um 15:28
    3

    Sehr interessanter Beitrag! Gut zu wissen, dass es noch Leute gibt, die den Tatsachen ins Auge sehen, ohne peinliche Schönfarberei (bzgl. Aussagen zu der Stimmung im Stadion, die angenehm unverkrampft gewesen sein soll) zu betreiben.

    Mich würde interessieren, wie das Heimspiel gegen Boreas Dresden erlebt wurde.

    chemische Grüße!


  1. Gravatar of uwe
    Kommentar von
    uwe
    26.04.2008 um 11:50
    4

    Ein Bericht den ich in Eurer Situation verstehen kann. Eins kann ich nicht verstehen. Warum wird hier die rechte Seite derart hervorgehoben??? Da oich selbst im Stadion war kann ich diesen Punkt nicht bestätigen und halte ihn auch für höchst unrellevant. Ansonsten die Aussage zur Stimmung sehr treffend beschrieben, OHNE EUCH macht das keinen Spaß!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Und noch einen kleinen Hinweis, ist wirklich nur nett gemeint: Bitte überlegt Euch die Sache mit dem Streik wenigstens für das Pokalfinale. Begründung: 1. Wir brauchen Euch, das trifftvielleicht auf 20 angeblich „echte Chemiker“ nicht zu, der Rest jedoch ist zu 50% schweigsam um nicht bei den anderen 20 in ungnade zu fallen und die anderen 50% incl. mir sprechen es frei heraus. 2. Ihr seid chemiefans, es ist das soiel des jahres und gehört nicht zur oberligaserie, es ist wichtig und hilft unserem team, ein sieg würde nächstes jahr einige wochen gehalt für die spieler garantieren, jeder weis wie wichtig lebensunterhalt ist. (jaja raca und co…. bitte nicht jetzt) 3. und für mich persönlich wichtigster punkt. es könnte sein dass ihr euch durch diese n streik für immer und ewig ins abseits stellt. irgendwann kommt der punkt wo keiner mehr verstehen will, auch wenn ihr zum sehr großen teil recht habt…
    ich begrüße euch zum pokalfinale, fahre selbst mit dem zug und wünsche mir für viele andere chemiker auch, Euren SUPPORT.
    Freundliche Grüße aus EB uwe


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    26.04.2008 um 12:22
    5

    Was eine schlichte Erwähnung unter einem LVZ-Artikel anrichten kann…
    Erstmal danke fürs Feedback.

    @Guru: gegen Borea war ich auch nicht im Stadion, sondern im Fanprojekt, weil mich das Pößneck-Spiel in jeder Hinsicht angekotzt hat. Danke für deinen Kommentar.

    @Uwe: Es ist schön, dass es auch unter „normalen“ Fans derartig überlegte und reflektierte Stellungnahmen gibt, und nicht nur bloßes Rumgepöbel. Danke dafür (sicherlich auch im Sinne der Diablos).
    Die rechte Seite habe ich so betont, weil es einfach meine subjektive Wahrnehmung war – in diesem Moment. Das kannst du gerne anders sehen. Das Blog soll ja zum Diskutieren anregen, letztendlich ist alles subjektiv und kann in Frage gestellt werden. Dafür ist die Kommentar-Box da.

    Ich denke, es ist einfach wichtig, dass man sich wirklich mit den Inhalten der Diablos-Erklärung auseinandersetzt, statt einfach nur (aus purem Diablos-Hass) draufzuhauen.


  1. Gravatar of ml
    Kommentar von
    04.05.2008 um 16:52
    6

    Irgendwie ist das Stadion sehr leer, jetzt irgendwie. Ich mein, 2.000 Leute? Kann ja nix werden in dem großen Rund. Warst du heute beim Heimspiel?


  1. Gravatar of B.R.
    Kommentar von
    B.R.
    05.05.2008 um 6:58
    7

    Warum liest man über diverse rassistische Entgleisungen des Anhangs von Sachsen Leipzig nie etwas bei Spiegel-Online ?
    Wenn es beim 1.FC Lok oder wie kürzlich in Halle Vorkommnisse gibt dann ist ihre Organisation „Bunte Kurve“ überaus fix dabei, via „SPON“ für bundesweite Verbreitung zu sorgen und gleichzeitig wieder ein bisschen am Bild zu feilen:“ Hier ein vornehmlich von Nazis,Rechten und Schlägern dominierter Club und da die sogenannte Nummer 1
    des angeblich „gelebten Antirassismus“ im Fußball, der eigene Verein.


  1. Gravatar of ml
    Kommentar von
    05.05.2008 um 10:04
    8

    Naja, ob Bunte Kurve direkt mit SPoN verbandelt ist und „via “SPON” für bundesweite Verbreitung“ sorgt, sei mal dahingestellt.
    Das SPoN und andere Medien Dinge darstellen und andere nicht dürfte u.a. daran liegen, dass sich im Zentralstadion niemand in Kreuzform hinstellt (zufällig, natürlich) oder J****n-Jena gerufen wird. Das Bild einen Fußballvereins wird halt nur partiell von den Zeitungen geprägt, eher von den „sogenannten Menschen“ (O. Kahn)…


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    05.05.2008 um 10:10
    9

    @ ml: Ja, ich war da, ein Artikel ist in Arbeit, angesichts der aktuellen Grabenkämpfe zwischen FC Sachsen und BSG Chemie fehlt allerdings die Motivation. Und dass es so leer war, liegt an gnadenloser Erfolglosigkeit und am Boykott der Diablos.

    @ B.R.: So einfach ist es nicht, die Bunte Kurve agiert nicht mit Scheuklappen. Rassistische Vorfälle in der eigenen Kurve werden sehr wohl thematisiert, siehe etwa hier oder hier.

    Auch in diesem Blog wurde wiederholt auf rassistische Vorfälle in FCS-Kurven hingewiesen. Außerdem stellt sich bspw. kein Mitglied der Bunten Kurve in den LOK-Block, um Reichsadler zu zählen. Das ist noch nie vorgekommen und wird es auch nicht.

    Wenn die Bunte Kurve Rassismus beim LOK anprangert, dann gewiss nur bei entsprechenden Vorfällen.

    Dass sich SpOn auf den LOK eingeschossen hat (wenn ich deine Aussage richtig interpretiere), liegt bestimmt nicht an medienwirksamer PR-Arbeit der Bunten Kurve, sondern an einigen Fans des LOK selbst (ganz im Sinne von ml).


  1. Gravatar of B.R.
    Kommentar von
    B.R.
    05.05.2008 um 14:03
    10

    @Bastian: Wo bitte schön hat es den beim 1.FC Lok in den letzten Jahren rassistische Vorfälle gegeben ? Mir fällt bezüglich der Dinge,welche sich im Stadion des Vereins, und nur hierfür kann ein Club überhaupt verantwortlich gemacht werden, nicht viel mehr ein als diese Hakenkreuzaktion einer Ansammlung von Hauptschülern welche von einem Mitglied Ihrer Initiative umgehend zum Spiegel weitergeleitet wurde.Hier wurde doch mit Freude einkalkuliert, das in der Berichterstattung nicht mehr differenziert sondern nur noch pauschalisiert wurde.
    Über den Unterschied in der Außenwirkung von zwei Blogpostings auf der einen Seite(FCS) und bundesweitem Pressefeuer(Lok) auf der anderen Seite müssen wir uns doch nun wirklich nicht im Detail unterhalten.
    Warum spielen eigentlich beim 1.FC Lok mehr als ein Dutzend Kinder und Jugendliche nichtdeutscher Herkunft,und ich kann Ihnen versichern,alle diese Jungs spielen sehr gern beim FC Lok, wenn unser Verein angeblich von Rassisten und Rechten dominiert wird. Ist das nicht ein wenig seltsam ?


  1. Gravatar of ml
    Kommentar von
    05.05.2008 um 16:41
    11

    Bastian: in dein nächste Post kannst du gleich das Schicksal von Hansi Leitzke einfließen lassen … 🙂 Armer Mann.


  1. Gravatar of stef
    Kommentar von
    stef
    05.05.2008 um 19:21
    12

    zu hansi leitzke … ich finds iregenwie schon mies, ich mein er hat viel für denn verein getan .
    hat sich immer wieder vom chef- zu co- un wieder zum cheftrainer „machen lassen “ und jetzt schissen sie ihn einfach ab ^^


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    07.05.2008 um 19:57
    13

    @ B.R. >>> Mir fällt bezüglich der Dinge,welche sich im Stadion des Vereins, und nur hierfür kann ein Club überhaupt verantwortlich gemacht werden, nicht viel mehr ein als diese Hakenkreuzaktion einer Ansammlung von Hauptschülern welche von einem Mitglied Ihrer Initiative umgehend zum Spiegel weitergeleitet wurde.<<<

    Nichts gegen eine konstruktive Diskussion. Aber an dieser Stelle wird mal wieder tief in der blau-gelben Mythologie-Kiste gekramt. Was nicht überrascht, wenn ich mich an diverse Kubald-Interviews und seine Rede auf einer Friedrich-Ebert-Veranstaltung erinnere.

    Nur mal zu Erinnerung: A-Jugend-Pokalderby: Februar 2006, Gründung „Wir sind Ade“: April 2006. Selbst nach der Gründung war der Fotograf des Hakenkreuzes nicht Mitglied in einer der Initiativen. Das Foto ist auch nicht an den Spiegel weitergeleitet worden. Und überhaupt bitte ich inständig darum, auch auf dieser Seite von – an Verleumdungen grenzenden – Behauptungen abzusehen.

    Einer von drei Auswärtsfans im BPS am 05.02.2006.


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