Favoriten-Sturz und Diablos-Boykott
Donnerstag, 17. April 2008, 11:32 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Montag, 25. August 2008, 22:56 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Medienschau, Vereinspolitik

Ärgerlich, wenn der vorliegende Text schon seit Tagen in Arbeit ist, mangels Südvorstädter DSL-Verfügbarkeit aber erst Ende der Woche veröffentlicht werden kann. Immerhin brauchten auch die konventionellen Medien vier Tage, um das Top-Thema unter Fankreisen aufzugreifen: Guido Schäfer widmet sich in der Leipziger Volkszeitung mit „Aufruf zum Boykott“ den Leutzscher Ultràs und ihrem Vorhaben, Spielen im Zentralstadion bis Saisonende fernzubleiben. Ein Thema, das somit verspätet jene Öffentlichkeit bekommt, die es verdient.

Verhaltener Jubel in Markranstädt

Ja, es war still, erstaunlich still im Markranstädter Stadion am Bad. Trotz Rekordkulisse. Trotz fulminanten Sieges des Underdogs gegen den Tabellenführer. Die Saison ist gelaufen, die Enttäuschung groß, die Zukunft schwammig, die Kassen sind mal wieder, äh, immer noch leer. Das überragende 3:0 in der „Sportstadt am See“ – Leutzscher Fans können nur müde lächeln, manche haben die Schnauze voll. Experimente „scheitern“, Lonzen radelt, die Fanszene brodelt. Mal wieder. Steffen Enigk wundert sich in der LVZ:

Die rund 1000 FCS-Anhänger unter den 2345 Zuschauern unterstützten ihr Team seltsam verhalten und in eher dezenter Lautstärke.

Diablos wollen mit Zentralstadion-Boykott Zeichen setzen

Es war ein Vorgeschmack auf das, was Spieler und vor allem Vereinsführung demnächst im Zentralstadion erwartet – zumindest wenn es nach den Ultràgruppierungen Diablos und Ultrà Youth geht. Die verteilten im Markranstädter Gästeblock ein vierseitiges Pamphlet. Die Quintessenz:

Nach einer emotionalen aber sachlichen Diskussion in dieser Woche, haben wir als Ultragruppen der BSG CHEMIE (FC Sachsen) beschlossen, die verbliebenen Spiele Zeichen zu setzen und uns in einer Form zu positionieren, die für einige Personen vielleicht hätte eher kommen müssen, für Andere vielleicht nicht zu verstehen ist, aber für uns den einzigen Weg in der derzeitigen Situation darstellt. Folglich werden wir die noch ausstehenden Heimspiele im Zentralstadion als Gruppen nicht mehr besuchen und somit nicht mehr im Block B anzutreffen sein.

Ultràs contra Lonzen

Keine Ultràs mehr im Stadion – das hat gesessen. Es war keine einfache, keine vorschnelle Entscheidung. Das zeigt die Stellungnahme. Es geht vor allem um das Zentralstadion. Und die Vereinsführung. Winfried Lonzen, in Personalunion Zentralstadion-Betreiber und FCS-Präsident, hält naturgemäß wenig vom Alfred-Kunze-Sportpark. So sehen es Diablos und Ultrà Youth:

Dabei sollte doch eigentlich der Weg für den Austausch von vereinsrelevanten Dingen vom Stadion und seiner Betreibergesellschaft zu den bestimmenden, geschäftsführenden Gremien des Vereins ein kurzer sein. Schließlich ist doch der Vorsitzende der ZSL und der Präsident des FCS eine Person. Doch genau hier liegt eins der Probleme der aktuelle Schieflage, denn der Interessenkonflikt ist weder wegzuwischen, noch zu übersehen. Wenn dem Vereinspräsidenten wiederholt egal ist, wie das Spiel seines Vereins ausgeht und ihm es wichtiger ist, „das es ruhig bleibt“, ist das nicht mehr als Ausrutscher zu verstehen. Und spätestens wenn in einer Kurzmitteilung auf der offiziellen Homepage des FC Sachsen ein Spiel des 1.FC Lok gegen Aue wichtiger scheint, als das eigene Spiel zur gleichen Zeit in Halberstadt, ist ein Level erreicht, welches nicht mehr tragbar ist. Ein Bezug zu unseren Farbe und etwas Liebe zu unserem Verein sucht Mensch vergebens.

Lonzens Zentralstadion ist nicht nur, aber vor allem unter den Leutzscher Ultràs unbeliebt:

Hatte Mensch vor einiger Zeit zumindest noch den Eindruck, an der Alltagssituation im Zentralstadion etwas ändern zu können (Fanordner, Konzept Freie Kurve, offene Gespräche etc.) und wurde von unserer Seite dem Verein sogar ein Konzept für die Zuschauergewinnung im ZS übergeben, verschlechterte sich die Lage im letzten Jahr zusehends für Alles, was sich Grün-Weiß nennt und nun sind wir mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem wir sagen müssen: es kann so definitiv nicht weitergehen!

Fanschikane im Zentralstadion

Richtig heimisch können sich die Fans also nicht fühlen, dazu kommt die fatale Heimschwäche, die der Stadionwechsel anno 2004 mit sich gebracht hat. Und zahlreiche Schikanen:

Während es Anhängern anderer Clubs erlaubt zu sein scheint, alles mit in den Gästeblock zu nehmen, was der eigenen Lust bedarf und das ohne Kontrolle auf Inhalte oder Sinn, werden uns in der Regel sämtliche kritischen oder den Gegner verhöhnende Spruchbänder, Fahnen und Ähnliches im Vorfeld verboten oder am Einlaß abgenommen. So sollen Spruchbänder zum Beispiel bereits mehrere Tage vorher mit dem genauen Inhalt angemeldet werden, was oft schon logistisch gar nicht möglich ist, da vieles erst in den Tagen vor dem Spiel ausgedacht und gemalt wird, bzw. so das Reagieren auf aktuelle Anlässe vollkommen unmöglich ist. Zaunfahnen unterliegen vollkommen den willkürlich ausgeübten Machtverhältnissen der Security. Motto hier: Was ich nicht lesen kann oder nicht verstehe, darf auch nicht mit rein. Es gibt Beispiele, da wurden kleinen Kindern ihre Fahnen abgenommen, weil sie nicht ins Bild passten. Personen mussten ihre Schals abgeben, weil diese sich gegen Lok richteten. Beim letzten Spiel gegen Halle wurden sogar Jacken und Mützen abgenommen, da diese von der Firma „Mob Action“ waren. Mal dürfen Aufkleber mit ins Stadion, mal nicht. Sogar Inventar unseres Shops wurde schon verboten oder abgenommen.

Man beachte in diesem Zusammenhang vor allem die Kommunikation zwischen Verein und Fans: Der ahnungslose „Mob-Action“-Träger muss sich am Einlass (!) von den Securities sagen lassen, dass die Kleidung nicht erwünscht ist. So ging es übrigens auch dem Autor dieser Zeilen. Am Ende wurde diskutiert, gefragt, und dann durfte ich doch rein. Klasse! Das Misstrauen des eigenen Vereins ist groß. Nicht nur gegenüber den Fans, so Diablos und Ultrà Youth:

Ordnungskräfte filzen 64er Meistermannschaft

Das auch dies noch zu toppen ist und eben nicht nur uns Fans betrifft, zeigt erneut das Spiel gegen Halle, als sogar alle Spieler der Ersten Mannschaft sich und ihr Auto filzen lassen mussten. Dabei kam es auch zu aggressiven Ausbrüchen der Security-Mitarbeiter gegenüber mindestens einem Spieler. Auch Spielern und BegleiterInnen der Meistermannschaft von 1964, die wie sich sicher jeder denken kann, nicht mehr die Jüngsten sind, mußten ihr Auto verlassen und daneben stehen, während es kontrolliert wurde.

Subotnik in Leutzsch statt Sektor B

Wie stellen sich die Leutzscher Ultràs die heimspiellosen Wochenenden vor? Sie wollen nach eigener Aussage

(…) die Zeit nutzen, um an anderen Stellen und durch verschiedene Aktionen gemeinsam etwas für uns, für die Kurve, für die Fanszene und für Chemie auf die Beine zu stellen. Beim ersten Spiel gegen den VfB Pößneck werden wir uns daher vor dem Eingang zum Sektor B treffen und dort gemeinsam auf unseren Protest/Boykott aufmerksam machen. (…) Für die darauffolgenden Spiele gibt es mit Sicherheit eine breite Palette an Möglichkeiten einer gemeinsamen Nachmittagsgestaltung. Denkbar wäre neben einem Fußballturnier, zum Beispiel ein Subotnik in Leutzsch oder Ähnliches. Termine und Treffpunkte werden auf unserer Homepage rechtzeitig bekannt gegeben, für Ideen sind wir natürlich offen.

Diskussionen in Fanszene

Ohne Widerspruch bleiben solche Zeilen in der grün-weißen Fanszene selbstredend nicht. Gudio Schäfer mit den Nachwirkungen:

Wenige Minuten nachdem der Boykott-Aufruf auf dem Markt war, meldeten sich die altehrwürdigen Fanklubs „Feinherb“ und „Die Weitreisenden“ zu Wort. Die sind gewissermaßen die „Normalos“, der Gegenentwurf zu den Ultras. Ewig dabei, Traditionalisten, die die Väter der sehr jungen und sehr Wilden sein könnten. Von einem „Erpressungsbrief“ ist die Rede, einem „Schlag ins Gesicht für alte Chemiker“. Man lasse den Verein „nicht zu einem Spielball einer Gruppe von Jugendlichen verkommen“, alle wahren Fans würden am Sonnabend gegen Pößneck ins Stadion pilgern „Flagge zeigen“.

Kultureller Verlust für grün-weiße Kurve

Nun mögen die Normalos, um mit Guido Schäfer zu sprechen, zu den Leutzscher Ultràs stehen, wie sie wollen. Es ist eine Entscheidung, die Respekt verdient. Zumal Diablos und Ultrà Youth bei Weitem nicht die Ersten sind. Der Ein oder Andere boykottiert – für sich, privat, unter Ausschluss der Öffentlichkeit – seit Jahren das Zentralstadion.

Wie das nächste Heimspiel aussehen wird, wer ins Stadion kommt, wer sich den Ultràs anschließt – eine entscheidende Frage. Fakt ist, dass sich die grün-weiße Kurve in ihrer Zusammensetzung und ihrer Außendarstellung verändern wird. Und das nicht unbedingt zum Guten. Die Diablos stehen seit Jahren für eine kreative, vor allem aber auch antifaschistische Fankurve. Was bei Chemie niemals selbstverständlich war. Wer in den nächsten Heimspielen den Ton angibt, bleibt abzuwarten. Dass der Kurve ihr Lebensimpuls und die dezidiert antifaschistische Ausrichtung fehlen wird, steht bereits jetzt schon fest.




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  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um den FC Sachsen Leipzig
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  1. Gravatar of „More Than Life“: Die Diablos machen seit zehn Jahren Theater | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
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    [...] aus dem Leutzscher Alfred-Kunze-Sportpark, die wiederholten Anfeindungen in der eigenen Fanszene, die Repressionen im Zentralstadion eines Michael Kölmel und seines Vollstreckers Winfried Lonzen und die zahlreichen [...]


  1. Gravatar of Wenig Fußball, viele Unterschiede | chemieblogger.de – Das Blog rund um die BSG Chemie Leipzig
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    [...] an der Realität vorbeigeht, wusste der aufmerksame Leser dieses Blogs bereits vor dem Spiel (I. Der Boykott, II. Der Niedergang der kritischen Fankultur, III. Die Wiederbelebung der BSG Chemie, IV. Die [...]




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