Sturz in die Bedeutungslosigkeit
Donnerstag, 3. April 2008, 12:05 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 3. April 2008, 14:03 Uhr
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Fünfte Liga, wir kommen! Der Abstieg ist so gut wie sicher, künftig kicken Feierabendfußballer in Leutzsch. Ein Niedergang, der sich lange im Voraus angekündigt hat

Endlich, es ist vollbracht: Wir, der sympathische FC Sachsen und seine leidgeprüften Fans, sind angekommen in der fünften Liga. So gut wie, zumindest. 0:2 in Halberstadt, leistungsgerecht, auch standesgemäß. Keine Chance gegen Oberliga-Mittelmaß aus der Würstchenstadt, der FC Sachsen gehört in der Form nur ins untere Tabellendrittel. Doch es sind nicht nur die Lonzen, Leitzke und Chemie-Uwes, die leiden. Auch die Leipziger Journalisten.

Sehnsucht nach Spitzenfußball

Bei der Leipziger Volkszeitung sehnen sich Winfried Wächter, Guido Schäfer & Co. nach Leipziger Spitzenfußball. Darbenden Sportjournalisten scheint jedes Mittel recht, denn künftig droht allein der ruhmreiche SSV Markranstädt die Fahne der Messestadt (oder zumindest ihres Großraums) im (Halb-)Profibereich hochzuhalten, heißt es in Schäfers „Notizen aus der Fußball-Provinz“:

Intelligente Lösungen sind gefragt. Wie wäre es etwa mit einem FC Halle-Leipzig, der im Zentralstadion spielt und die Potenzen beider Städte vereint?

Sicher, Guido Schäfer darf man nicht immer hundertprozentig ernst nehmen. Aber zugegebenermaßen macht das Berichterstatten einfach mehr Spaß, wenn die Bayern oder Schalke zu Gast sind statt sich chronisch daneben benehmender Hallenser oder in der Oberliga überforderter Sangerhäuser. Wen interessiert da noch ein FC Sachsen.

Die Zukunft des Leipziger Fußballs kommentiert LVZ-Sportchef Winfried Wächter in „Ohrfeige für Leipzig“:

Leipzigs Fußball ist in der nächsten Spielzeit fünftklassig. Dann ist er Lichtjahre von den Ligen entfernt, in denen es um wirklich ambitionierten Fußball geht. Es wird dann nur wenig Aussicht auf grundlegende Besserung bestehen. Wer soll sich künftig finanziell engagieren? Welcher einigermaßen talentierte Nachwuchsspieler sieht seine Zukunft noch in Leipzig? Keine vergleichbare deutsche Stadt hat sich mit der Sportart Nummer eins so blamiert – die wenigsten Städte aber verfügen über ein supermodernes und superteures WM-Stadion.

Soweit keine Einwände. Vielleicht eine kurze Ergänzung: Der Fußball ist noch nie das liebste Kind der Leipziger Stadtoberen gewesen. In Erolgszeiten gab es immer viele warme Worte, wenn es aber – finanziell – hart auf hart kam, standen FC Sachsen und VfB alleine da. Es mutet bizarr an, wenn man sich da die Verenkungen in der sächsischen Landeshauptstadt, um Dynamo zu retten, anschaut …

Verpasster Aufstieg 2007: Der Anfang vom Ende

Dennoch ist die prekäre sportliche Situation hausgemacht: In der Saison 2006/07 wurde jeder nach Leipzig-Leutzsch geholt, der möglichst viel versprach, den Geldbeutel aufhielt und trotzdem wenig brachte. So kamen Ede Geyer, Wanderdüne Ivanovic oder Rolf-Christel Guié-Mien, der in der Oberliga an gnadenloser Unterforderung scheiterte. Chemie stieg mal wieder nicht auf, kam dafür aber in finanzielle Nöte. Die Konsequenz: Mit Christian Reimann verließ der einzige Spieler den Verein, der wirklich Leistung gebracht hat. Der grün-weiße Niedergang, er hat sich in langen Schritten angekündigt – und kam letztlich zwangsläufig.

SSV Markranstädt als „Hoffnungsträger der Region“

Letztes Jahr war es der FC Eilenburg, diesmal ist es der SSV Markranstädt: das Phantom der Saison. Das kann sich keiner erklären, das gibt es halt im Fußball. Die Kicker von der „Sportstadt am See“, so der stadteigene PR-Slogan, sind Oberligaspitze. Winfried Wächter:

Welche Ohrfeige für Leipzig, wenn nun der SSV Markranstädt als Hoffnungsträger der Region gilt. Kleines Budget, aber großes Herz und kontinuierliche solide Arbeit haben sich als das bessere Rezept erwiesen. Die Anerkennung für die Markranstädter kann nicht groß genug sein. Das Kopfschütteln über Leipzig ebenfalls.

Das Prinzip Markranstädt kann dabei in Leipzig vermutlich gar nicht funktionieren. Dort, in der „Sportstadt am See“, wird vor allem ohne Druck und fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit gearbeitet. Die Medien des Leipziger Großstadtdschungels hingegen verfolgen jeden (Fehl-)Tritt, jeder Rückschlag wird minutiös seziert. Die Erwartungshaltung ist unübertreffbar. Gerade wegen WM-Arena und Fußballtradition.

Planungssicherheit: Feierabendfußball in Leutzsch

Was bleibt, sind die positiven Schlüsse der Verantwortlichen aus der 0:2-Pleite in Halberstadt: Das Eingesändnis, dass die Leutzscher im nächsten Jahr fünftklassig spielen, der Abschied vom Profifußball. Chemie kann für die nächste Saison planen. Guido Schäfer („Lonzen führt Feierabend-Fußballer ein“) und die tief greifenden Konsequenzen:

Nach Stand der Dinge endet das Kapitel Profifußball mit dem letzten Pflichtspiel dieser Saison, wird der Feierabend-Fußballspieler eingeführt, der Etat von weit über zwei Millionen Euro auf unter eine Million (500 000 Euro entfallen auf das Nachwuchszentrum) gedrückt, Spätestens nach dem Halle-Gastspiel (Sonntag, 13.30 Uhr, Zentralstadion) beginnt Lonzen die Gespräche mit Coach Hans Leitzke und dem kickenden Personal.

Klar ist: Der FC Sachsen der Spielzeit 2008/2009 wird ein anderer sein, sich von hehren Zielen verabschieden. Die Großverdiener Karsten Oswald, Catalin Racanel und Marcel Rozgonyi müssen gehen. Talentierte Männer wie Daniel Lippmann, Tino Semmer oder Jens Möckel werden gehen. Wenn Offerten kommen.

Sachsenpokal-Finale: Letzte Chance, die Saison zu retten

Wie auch immer, die Saison hat noch einen ultimativen Höhepunkt parat. Am 30. April steigt das Finale um den Sachsenpokal. Leider kommt nach dem fulminanten 5:1 in Neugersdorf nicht Dynamo Dresden ins Zentralstadion. Die Leutzscher müssen im Stadion an der Gellertstraße antreten, da sich der Chemnitzer FC gegen Dynamo durchsetzte. Der FC Sachsen ist mit vier Titeln Rekordsieger, aber in Chemnitz nur krasser Außenseiter. Für Chemie ist es eine Gelegenheit, trotz Abstieges in die fünfte Liga doch noch die Bayern oder Schalke zu empfangen. Im DFB-Pokal …




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