„Fußball ist doch unpolitisch…“, oder?
Freitag, 1. Februar 2008, 0:48 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 6. November 2009, 13:22 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus

Rechtsextremismus spielt vor allem im unterklassigen Fußball eine große Rolle. Aber warum ist das so? Und was kann man dagegen tun? Rückblick auf ein erkenntnisträchtiges Seminar

„Hooligans und Neonazis – Kommt da zusammen, was zusammen gehört?“ Es war eine reißerische Überschrift, unter der das Regionalbüro Leipzig der Friedrich-Ebert-Stiftung am Donnerstag zu einem Seminar zur Thematik Rechtsextremismus im Fußball eingeladen hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass die eigentlichen Adressaten der Veranstaltung fern blieben. Vertreter kleinerer Leipziger Vereine hatten die Einladung ausgeschlagen – dafür aber war das Teilnehmerfeld umso gemischter: von Polizeibeamten über Sozialarbeiter und Anhänger aus Leutzsch und Probstheida bis hin zum Lok-Vorsitzenden Steffen Kubald.

Rechtsextremismus im Fußball im medialen Interesse

Der Hintergrund ist brisant, das öffentliche Interesse groß. In den letzten zwei bis drei Jahren entdeckten die Medien das Skandalpotential rechtsextremer Vorfälle im Fußball für sich. Seitdem wird zum Teil exzessiv – zum Leidwesen einiger uneinsichtiger und das Problem herunterspielender Vereinsbosse – über Judenhass in der Kurve oder rassistisch pöbelnde Familienväter auf dem dörflichen Sportplatz berichtet. Als besonderer Brennpunkt gilt der Fußballosten: Traditionsvereine mit enormem Fanpotential, regionale Rivalitäten, marode Stadien und soziale Verwerfungen begünstigen Rechtsextremismus und Gewalt.

Die Ursachen dieser Erscheinungen zu erklären und Lösungsansätze aufzuzeigen, hatten sich die Seminarleiter Ulrich Schuster und Carsten Enders von der Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung in Sachsen zum Ziel gesetzt. Und bewiesen dabei vor allem Eines: umfassende Kenntnisse über die sächsischen Fußballszene. Anhand einer Vielzahl von vor allem regionalen Beispielen wurde die Problematik des Rechtsextremismus im unterklassigen Fußball thematisiert.

Was ist Rechtsextremismus?

Doch was versteht man überhaupt unter Rechtsextremismus? Er sei vor allem ein „Einstellungsmuster, welches auf Vorstellungen menschlicher Ungleichwertigkeit bzw. gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit beruht“, so Schuster und Enders. Rechtsextremismus könne sich in verschiedenen Weisen äußern, etwa im Wahlverhalten, durch Provokation oder Gewalt. Laut aktueller wissenschaftlicher Studien ließe sich Rechtsextremismus unabhängig von Altersgruppen, Parteipräferenzen und Ost-West-Unterschieden in allen sozialen Schichten der Gesellschaft ausmachen.

Rassistische Einstellungen sitzen vor allem unterbewusst

Grundkonsens unserer Gesellschaft sei laut Schuster und Enders das Nationalsozialismus-Tabu. Verlgeiche mit der Naziherrschaft erregen sofort öffentliches Aufsehen, und die Hermans & Co., die durch positive Darstellungen des braunen Terrors negativ auffallen, werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Unabhängig davon, ob man das nur gut oder schlecht findet: Es führt vor allem dazu, dass sich rechtsextreme Einstellungen zwar nicht öffentlich zeigen, dafür aber trotzdem außerhalb der öffentlichen Sphäre präsent sind.

Im Fußballstadion werden diese dann oftmals offenbar: der Schiri ist von Prinzip aus „schwul“ und am Vokabular des „Negers“ wird kaum etwas Anstößiges gefunden. Die Schmähung „Jude“ gilt sogar als das Nonplusultra der möglichen Beschimpfung. In diesem Zusammenhang zitierten Schuster und Enders einen Leipziger Fußballfan:

Für mich ist das eine Beleidigung, weil Juden für mich am Ende auch das Letzte sind. Schon aus der Geschichte heraus begründet, hasse ich Juden. Ich hasse genauso Neger. Da brauchst du keine Gründe für. Gründe findest du immer. Ich hab da jetzt nicht gleich ein Beispiel. Ich kenne eigentlich kaum Juden. Aber vom Hören und Sagen weiß ich, dass die schlecht sind.

Diskriminierungen sind im Fußball an der Tagesordnung

Dass Fußball da noch unpolitisch sein soll, ist nicht nur angesichts dessen unhaltbar. Diskriminierungen, so Schuster und Enders, würden im Fußball vor dem Hintergrund von Siegeswille und totaler Identifikation mit einem Verein besonders gut funktionieren. Leistungssport dem Prinzip frei nach Charles Darwin: der Stärkere setzt sich durch und hat Erfolg. Insofern produziert Sport im Allgemeinen und Fußball mit seinem Nimbus als Arena der Männlichkeit im Besonderen quasi automatisch Aggressionen und Ausgrenzung.

Was Neonazis am Fußball begeistert

Deshalb sei der Fußball laut Schuster und Enders auch für rechtsextreme Organisationen wie die NPD ein beliebtes Agitationsfeld. In der Vergangenheit versuchten Neonazis wiederholt, Einfluss vor allem im unterklassigen Fußball, so zum Beispiel in Lübeck, Wattenscheid und Uerdingen, zu erlangen. Gerd Dembowski, Sozialarbeiter bei zwei Duisburger Fanprojekten und ehemaliger Sprecher von BAFF (Bündnis aktiver Fußball-Fans), hat dafür eine plausible Erklärung gefunden:

Der Fußballsport liefert durch sein Identitätsangebot, starres Regelwerk mit Befehl, Gehorsam und Bestrafung ein Präsentationsfeld für konventionelle Werte und autoritäre Charaktere. Er kann durch seine Strukturen und Institutionen autoritäre Charakterstrukturen, Nationalismus, Rassismus, Gewalt, Identitätsdenken, Sexismus verstärken.

Daran anknüpfend betonten Schuster und Enders, dass der Fußball mit dem Rechtsextremismus bestimmte Schnittmengen aufweise. Diese seien die Identifikation mit einer Gruppe, was zugleich Abgrenzung impliziert, außerdem ein fester Wertekanon, wie Ehre, Treue, Kampf, Stärke und Sieg sowie die Erlebnisorientierung in Form von Action und Events.

Vielzahl an Ansätzen zur Problemlösung

Angesichts dessen ist es kein Zufall, dass Rechtsextremismus im Fußball besonders manifest wird. Doch welche Gegenmaßnahmen und Strategien sind möglich und nötig, um rechtsextreme Gedanken und Aktivitäten aus der Kurve zu verbannen? Eine Frage, die im Seminar kontrovers diskutiert wurde. Als besonders beachtenswert wurden dabei die Veränderungen in der Leutzscher Fankultur innerhalb des letzten Jahrzehnts erwähnt. Weg von der U-Bahn-Pöbelei hin zu einer aktiven Fanmasse, die rassistische und diskriminierende Gesänge versucht niederzusingen – sicherlich ein wesentlicher Verdienst vor allem der antifaschistisch ausgerichteten Diablos und deren Umfeld, die seit 2000 die Kurvenkultur maßgeblich prägen.

Ob antirassistische Vereinssatzungen und Stadionordnungen, Verbote des Tragens bestimmter Kleidung und Symboliken, präventiv und resozialisierend wirkende Fanprojekte oder verschärfte Repression – wobei die sächsische Landesregierung vor allem auf Letzteres setzt –, das Feld der möglichen Maßnahmen ist ebenso vielseitig, wie dessen Diskussion kontrovers. Umso wichtiger ist es, die Menschen für das Thema Rechtsextremismus zu sensibilisieren – und das nicht nur im Fußball. Insofern ist die Teilnahme an dem Seminar von Ulrich Schuster und Carsten Enders zum Thema schlichtweg Pflicht. Denn hier wurden keine wirklichkeitsfremden Sozialwissenschaftler auf den Fußball losgelassen. Beide sind selbst Fußballfans mit Szenekenntnissen. Und das hat dem Seminar gut getan.

Dieser Beitrag ist parallel auf www.bunte-kurve.de erschienen.




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2 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Bunte Kurve | Für Fußball – Gegen Rassismus und Diskriminierung
    1

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  1. Gravatar of Feinherb
    Kommentar von
    Feinherb
    07.02.2008 um 17:44
    2

    Samstag, 23.02.2008, ab 18.00 Uhr, Sachsenstube Leutzsch

    Der Fanclub Feinherb und die Sachsenstube möchten ALLE Fans, Gruppierungen, Fanclubs und Unterstützter des Leutzscher Fußballs einladen, mit uns gemeinsam den Start in die Rückrunde zu feiern und uns aufs Wesentliche, die GEMEINSAME Unterstützung UNSERES Vereins zu besinnen.

    Dazu spendiert feinherb eine große Runde Kesselgulasch für ca. 150 Personen, wie der Name schon verrät, aus dem Kessel vor der Sachsenstube und 50 Liter Freibier. Die Sachsenstube haut noch 50 Liter Freibier drauf.
    Uns ALLE sollte die Liebe zu unserem Verein verbinden!!!! Schmeißt persönliche Befindlichkeiten über Bord und besinnt Euch ALLE wieder auf`s Wesentliche, der bedingungslosen Unterstützung UNSERER großen Liebe oder Sünde.
    Lasst uns den Frust der letzten Wochen, Monate, Jahre einfach mal vergessen und gemeinsam abfeiern, wir können es alle gebrauchen.

    Der Fanclub feinherb und das Team der Sachsenstube freut sich auf Euch, wir wären schwer enttäuscht, wenn Ihr uns nicht die Ehre erweist, und an diesem Termin teilnehmt, ALLE!!!!! Egal ob jung, alt, dick, dünn, recht, links, oben, unten, Nord, Süd, schwul, hetero, männlich, weiblich, …………………………………….., s geht nur um unseren Verein.

    ….. und am nächsten Tag geht`s nach Meuselwitz!!!!!!!




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