Gewalt im Fußball – Kein Konzept, kein Geld und kein Ende in Sicht
Montag, 10. Dezember 2007, 21:56 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20. März 2008, 16:19 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau

Der brutale Überfall auf die Weihnachtsfeier der Diablos stellt eine neue Qualität von Hooliganismus dar. Fans, Vereinen, Ordnungshütern und Politikern muss endlich klar werden, dass es so nicht weiter geht

Szenen wie im Krieg, Szenen, die man eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt: in Italien ist der Fußball fest in Händen der Mafia, die Fangruppierungen sind durchpolitisiert, Bandenkriege stehen auf der Tagesordnung. Seit Samstag scheinen die italienischen Verhältnisse in Leutzsch angekommen zu sein. Für Augenzeugen war es „versuchter Totschlag in Tateinheit mit schwerem Raub“: Ungefähr 50 Vermummte – bewaffnet mit Baseballschlägern, Schlagringen, Leuchtraketen und Schreckschusspistolen – attackierten die Diablos auf ihrer Weihnachtsfeier, verwüsteten die Sachsenstube, richteten auf dem gesamten Vereinsgelände laut Sächsischer Zeitung rund 100 000 Euro Sachschaden an und stahlen die gesamten Tageseinnahmen. Laut bereinstimmenden Augenzeugenberichten und Bild-Informationen waren Mitglieder von „Blue Caps“ und „Scenario Lok“ unter den Angreifern.

„Bitte keine unbedachten Racheaktionen“

Die Nerven liegen blank, die Wut ist groß. Spontane Rachegelüste wundern keinen, bringen aber auch niemanden weiter. Der Verein appelliert in einer Stellungnahme folgerichtig an die Fans: „Bitte keine unbedachten Racheaktionen. Bitte bleibt besonnen. Keine Eskalation der Gewalt“. Eine Aussage, die in Leutzsch und Probstheida jeder Fan und jeder Verantwortliche unterschreiben kann. Geht es in Fußball-Leipzig so weiter, liegen die Konsequenzen auf der Hand. Es könnte den ersten Toten geben. Italien ist ganz nah.

Kritik an Polizeiauftritt

Dass sich dieser Situation ausgerechnet die Polizei nicht bewusst zu sein scheint, ist fatal. Laut Informationen der Leipziger Volkszeitung wurde Lok-Chef Steffen Kubald im Voraus von Fanprojektleiter Erik Fischer über den geplanten Übergriff in Kenntnis gesetzt und alarmierte daraufhin die Polizei. Diese zog ihre daraufhin bereitgestellte Streife jedoch eine Stunde vor dem Angriff wieder ab.

Auch das Auftreten einiger Beamter unmittelbar nach der Tat wirft Fragen auf. „Jaja, alles Opfer“, habe ein Polizist den geschockten Fans entgegen gehalten, so ein Anhänger des FC Sachsen gegenüber Radio Corax. Eine Dienstaufsichtsbeschwerde bleibt wohl aus, der Beamte nannte seinen Namen nicht. Allgemein hätten die Einsatzkräfte wenig Verständnis für die Opfer aufgebracht, so ein weiterer Chemie-Fan: „Nach dem Eintreffen am Tatort haben sie alle sich dort befindenden Personen unter Generalverdacht gestellt und sich auch auf Nachfrage geweigert, den Tatort zu sichern.“

Angst vor Vergeltungsschlägen

Für Verwirrung sorgte in diesem Zusammenhang ein Abschnitt im heutigen Artikel der LVZ:

Als die Einsatzkräfte nach Notrufen eine Stunde später wieder anrückten, seien sie von den Anwesenden, also den (zum Teil blutenden) Opfern, angriffen worden, bevor diese befragt werden konnten – und offenbar wenig sagen wollten. Laut de Parade gibt es keinerlei Zeugenaussagen der Verletzten.

Es gab sehr wohl Zeugen, die zur Aussage bereit waren – sie wurden aber nicht von der Polizei gehört. Auch haben die Diablos noch nicht ausgeschlossen, Aussagen zu Protokoll zu geben, beraten wird in den nächsten Tagen. Doch die Angst vor möglichen Vergeltungsschlägen ist nicht zu leugnen: potentielle Zeugen könnten deshalb vor juristischen Schritten zurückschrecken.

Leipziger Fußball am Boden

Die Ereignisse des Samstagabends, sie stellen zweifelsohne eine neue Qualität des Hooliganismus dar. Und setzen die Liste unsäglicher Zwischenfälle im Leipziger Fußball fort. Betroffen ist der FC Sachsen ebenso wie der Probstheidaer Stadtrivale. Bürgerkriegsähnliche Zustände sind keine positiven Signale in Zeiten, in denen der FC Sachsen händeringend nach Geldgebern sucht, um die Saison zu Ende und irgendwann endlich mal wieder höherklassig zu spielen.

Kein Geld für Fanprojekte

Allen Beteiligten muss endlich klar werden: hier kann es nicht um Rache gehen, nicht um Ehre, „fairen Kampf“ oder sportliche Rivalität. Denn damit hat der Überfall überhaupt nichts zu tun. Stattdessen gilt es, umzudenken. Die Vorfälle vom Wochenende sind keine Angelegenheit ausschließlich des Fußballs. Das hohe Gewaltpotential und dieser blanke Hass sind Phänomene, die tief in unserer Gesellschaft begründet liegen. Sie sind die Ergebnisse einer verworfenen Sozialstruktur und verfehlter Politik. Auf Länderebene – Sachsen strich jüngst die Mittel für Fanprojekte –, auf Verbandsebene – die Funktionäre haben schlichtweg keine greifenden Konzepte –, auf Vereinsebene – vor allem in Probstheida wurde lange Zeit zu wenig gegen Gewalt und Rassismus getan. Der Fußball in Leipzig hat ein Problem, ein Problem, das – in abgeschwächter Form – bundesweit in jeder Region auftreten kann. Helfen kann nur eines: langfristige integrative Arbeit. Und ja, Herr Buttolo, diese kann, wird und muss Geld kosten. Konzepte mit Perspektive müssen her. Statt blindem Aktionismus.




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7 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of hempel
    Kommentar von
    hempel
    10.12.2007 um 23:55
    1

    anbei hat kopfstoß aus halle ein gutes interview gemacht!
    http://media2.roadkast.com/kop.....-20070.mp3


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um den FC Sachsen Leipzig
    2

    [...] Gewalt im Fußball - Kein Konzept, kein Geld und kein Ende in Sicht [...]


  1. Gravatar of surfer
    Kommentar von
    surfer
    12.12.2007 um 22:16
    3

    Hallo
    ich hab eben mal rumgesurft (langeweile) und habe auf einem scheinbar ausgestorbenem Fan-gästebuch folgenden Eintrag gefunden:


    KEULE, schrieb am 06.10.2007 um 10:08 Uhr
    Na ihr Muschis. Ist schon großes Einschei*en angesagt bei Euch? Vergesst eure Krankenkarten nicht und passt auf die Knabberleisten auf.

    Bis dahin noch frohes Kauen…. solange Ihr noch könnt.

    Man beachte, der wurde 3 tage VOR dem Überfall geschrieben. Man kann bestimmt die IP-Adresse des Verfassers herausfinden!

    siehe hierzu: http://www.fcs-fanpage.de/gaestebuch/


  1. Gravatar of surfer
    Kommentar von
    surfer
    12.12.2007 um 22:17
    4

    ups hab nicht auf den Monat geachtet 😉 Dann war das wohl mist :/


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    5

    [...] Leipzig, Ernst-Grube Halle: Frohes Neues, Diablos! Gut ein Jahr hat Leipzig gebraucht, um nach dem brutalen Überfall auf die Weihnachtsfeier der Leutzscher Ultràs Ende 2007 einen neuen Skandal hervorzubringen. [...]


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    6

    [...] - Samstag, 8. Dezember 2007: Etwa 50 zum Teil Vermummte überfallen mit äußerster Brutalität eine Weihnachtsfeier von Fans des FC Sachsen. Die mit Totschlägern und Gaspistolen Bewaffneten hinterlassen mehrere Verletzte und einen Sachschaden im fünfstelligen Euro-Bereich (mehr…). [...]


  1. Gravatar of Neonazis kämpfen zuerst um die Fankurven, dann gegen den Feind | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    7

    [...] dem SSV Kulkwitz schließen sich nahtlos einer Reihe von brutalen Zwischenfällen an. Die Weihnachtsfeier mit ungeladenen Gästen, der blutige Neujahrsempfang oder die zu Bruch gegangene Biergarnitur sind steigerbar, so scheint [...]




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