Von Freizeit-Jamaikanern und Holocaust-Leugnern
Montag, 15. Oktober 2007, 21:40 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 14. Oktober 2008, 22:11 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau, Spielberichte

Sie hatten sich bewaffnet, die beste Lauerposition gesucht und gewartet. Und gewartet: Die Medien. Die bundesweite Skandal-Journaille hatte Zettel, Stift, Micro und Kamera gezückt, um exclusiv über den Untergang von Fußball-Leipzig zu berichten. Allein, das Derby hielt in dieser Hinsicht nicht, was es versprach. Für ein Duell Leutzsch gegen Probstheida blieb es nicht nur im Hochsicherheitstrakt Zentralstadion, sondern auch außerhalb der Schüssel erstaunlich ruhig. Fußball gespielt wurde auch: Chemie II unterlag den Lokisten mit 1:3 (0:0).

„Kampf zwischen Rechts und Links“

In den Tagen vor dem Spiel wurde viel geschrieben. Die Bild reduzierte die Partie sogar auf einen „Kampf zwischen Rechts und Links“. Schön, dass man sich von dieser gnadenlosen Schwarz-Weiß-Malerei auch noch geschmeichelt fühlen kann. Entsprechend den Klischees sollte es vor dem Spiel zur Sache gehen, Lok-Alt-Hools attackierten bereits am Südplatz den Chemie-Fantross, an der Marschnerstraße folgte die Provokation mit „Wir sind Lokisten, Mörder und Faschisten!“

Offiziell 12 150 Zuschauer, gut zwei Drittel davon aus Probstheida, kämpften sich schließlich ins Stadion und füllten die leeren Vereinskassen. Spielerisch fehlte lange Zeit der für ein Derby typische „Hass“ auf dem Spielfeld, entsprechend stand es zur Pause auch noch 0:0. Lok kam besser aus der Kabine, vor allem mit mehr Biss. Ähnlich war es auf den Rängen: Insgesamt vier Leuchtraketen (je zwei aus dem Lok- und Chemieblock) wurden nach dem Seitenwechsel abgefeuert, für Schiri Jens Rohland Anlass genug für eine mehrminütige Spielunterbrechung.

Reggae statt Ausschreitungen

Viele Journalisten rieben sich bestimmt die Hände, Stadionbetreiber Winfried Lonzen musste der Angstschweiß (Zieht der DFB seine Länderspiel-Zusage für 2008 zurück?) im Gesicht gestanden haben. Doch er hatte sich für den terroristischen Super-GAU auf den Rängen ein nicht unkluges Alternativprogramm zurecht gelegt: Sommer, Sonne, ein Strand auf Jamaika, Rum – aus den Stadionlautsprechern tönte „Sunshine Reggae“. Die Curva ultrà intonierte spontan „Chemie, Chemie Leipzig… Wir sind immer für dich da!“ und landete damit den Coup des Spiels. Irgendwie passte alles, der Rhythmus, die Atmosphäre, der neue Trikotsponsor: die Sachsen-Zweite spielte zum ersten Mal mit dem Schriftzug „Bunte Kurve – Für Fußball – Gegen Rassismus und Diskriminierung“ der gleichnamigen Faninitiative auf dem Trikot…


Neuer Klassiker? „Chemie, Chemie Leipzig… Wir sind immer für dich da!“ Im weiteren Verlauf wurde auch eine zweite Strophe gesungen: „Chemie, Chemie Leipzig… Denn du bist so wunderbar!“

Lok-Nazis: Offene Sympathiebekundungen für den Iran

Etwas weniger weltoffen präsentierten sich da einge Gäste vom Südfriedhof. Im Sektor C hielten Lok-Nazis stolz die Flagge des Irans hoch. Um diese Botschaft zu verstehen, muss man nicht erst Politikwissenschaft und Arabistik studieren: Es war eine offene Sympathiebekundung für das islamistische Mullah-Regime, das den Iran seit 1979 beherrscht und dessen prominentester Exponent Staatspräsident und Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadinedschad („Israel muss von der Landkarte radiert werden“) ist. „Football no politics?“ Der Ligaalltag vor allem in Deutschlands unteren Spielklassen beweist Woche für Woche das Gegenteil. Anlass genug für gesellschaftliches Engagement, angefangen bei „Nazis raus“-Sprechchören – wie auch gegen Lok.

A propos Sprechchöre: Das Duell auf den Rängen entschieden die Leutzscher für sich, angetrieben und organisiert von Diablos in Höchstform. Kreativ, singfreudig, ein echter Rückhalt für die Mannschaft. Die sich mit dem 1:3 teuer verkaufte. Gegen den auf dem Papier übermächtigen Favouriten war angesichts des Spielverlaufs ein Punkt möglich gewesen. Kurz vor Schluss machten die Leutzscher hinten auf, Lok kam zu dem entscheidenden dritten Treffer. Der mitgebrachte Lok-Stadionsprecher half auch gleich bei der Einordnung: Es war bezeichnenderweise die 88. Minute.

Knappe Niederlage

Bis dato war es eine enge Partie, Chemie II spielte buchstäblich jungen, schnellen, direkten Fußball. Die Probstheidaer Führung durch Alexander Kunert (57.) egalisierte Peter Schlieder (59.) quasi im Gegenzug. Alles war wieder offen, bis sich ausgerechnet Oberliga-Keeper René Twardzik bei einem langen Ball verschätzte und René Heusel-H… zur erneuten blau-gelben Führung abstauben konnte (68.). Der Rest ist bekannt. Insgesamt war es eine knappe Niederlage – so wird es für den Ortsnachbarn schwer mit dem nächsten Aufstieg, die Lok-Mannschaft agierte genauso ideenlos und behäbig wie ihre Fans (Wer inspierierte da wen?).

Für Inspiration sorgte bei Lok vor allem ihr Stadionsprecher. Spielstände wurden sicherheitshalber gleich dreimal durchgesagt, falls es jemand noch nicht mitbekommen haben sollte. Und nach dem Spiel regte der Glatzkopf eine Ufta an. So können sich Fan-Kulturen unterscheiden. Übrigens: Es hat nichts mit Gastfreundschaft und besonderer sportlicher Fairness zu tun, wenn man zum Heimspiel den gegnerischen Stadionsprecher einlädt – im Gegenteil: das wirkt eher provokativ als integrativ…




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5 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Thomas
    Kommentar von
    Thomas
    17.10.2007 um 10:55
    1

    sehr schöner artikel mein guter…recht einseitig, wie ich finde, aber genau so muss es sein!!! weiter so!


  1. Gravatar of berT
    Kommentar von
    berT
    19.10.2007 um 10:03
    2

    naja wenn ich auf ne hp mit dem namen chemieblogger geh darf man auch ein wenig rosarote brille erwarten .. was keine kritik sein soll sim gegenteil .. da man sich hier als fan im geseite dann „ja der hat doch wie immer recht sagen hört“ und man sich dann auch gleich besser und bestätigt fühlt ..

    beim spiel war ich ja leider nicht .. aber das video läßt schon erahnen wie die stimmung war .. umso ärgerlicher ..


  1. Gravatar of berT
    Kommentar von
    berT
    19.10.2007 um 11:06
    3

    ich meinte ja auch „ein wenig“ ^^


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    19.10.2007 um 10:37
    4

    Danke, es darf ruhig einseitig, aber nicht unbedingt durch die rosarote Brille sein. Genug Kritik gibts zum Glück in anderen Beiträgen…


  1. Gravatar of Das Derby ist nicht mehr das Derby | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    5

    [...] Davon ist im Spätsommer 2009 nicht mehr viel zu spüren. Die Diablos feiern in der elften Liga, während 14 986 Groundhopper, Event-, erlebnisorientierte und alteingesessene Fans für einen Zuschauerrekord in der fünften Liga sorgen. Das erste Derby ohne die Diablos – es war ruhig, es war langweilig. Und das, obwohl – wie aus Lok-Kreisen zu erfahren ist – während des Spiels Hooligans von Lok und dem BFC Dynamo gemeinsam mit einzelnen Neonazi-Kadern aus Leipzig und dem Leipziger Umland an ihrer gewohnten Stelle im Sektor C standen. Noch vor zwei Jahren war die Situation zwischen den Diablos und Kadern der NPD und „Freien Kr&#228... [...]




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