Die Akte Kölmel: Der labile Heilsbringer
Dienstag, 3. Juli 2007, 11:55 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20. März 2008, 16:27 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig, Medienschau, Vereinspolitik

Der Verein ist gerettet. Endgültig. Gestern traten Rolf Heller & Co. vor die Presse und erklärten unter Ankündigung von Umstruktrierungen im Führungspersonal - Präsident Heller, Vize Opitz und Trainer Geyer räumen ihre Posten - die Abwendung des Super-GAU: die Insolvenz ist kein Thema mehr. Der Dank gebührt dem einmal mehr finanziell blutenden Michael Kölmel. Oder?

Das System „Profifußball“ hat in Leutzsch einmal mehr seine hässliche Fratze offenbart. Seit Monaten tobte eine Schlammschlacht um Millionen und Führungspositionen. Der FC Sachsen Leipzig hat seit den letzten Tagen das Medienecho eines Bundesligisten erreicht.

Leutzsch: Für Kölmel ein finanzielles Fiasko 

Der Hintergrund, stark vereinfacht skizziert: Kinowelt-Chef und Stadioninvestor Michael Kölmel hat seit 1999 Millionen in den Leutzscher Traditionsverein gepumpt – und bis heute nichts rausbekommen. Der jahrelange Misserfolg ließ Kölmel im Sommer 2006 selbst aktiv werden. Eduard Geyer, ehemaliger Vater aller Cottbusser Erfolge, wurde zunächst als Sportdirektor und anschließend als Trainer inthronisiert. Mit einem Etat von über 3 Mio. Euro wurde die Mannschaft vermeintlich zweitligatauglich bestückt. Doch in der Saison 2006/07 schoss das Geld nicht die Tore, zumindest nicht in Leutzsch. Die namhaften Neuverpflichtungen schlugen nicht ein, Kölmel stand im Mai 2007 vor einem wirtschaftlichen Scherbenhaufen. Wie kriegt er diese Schüssel bloß endlich voll?

Erfolg durch Technokratie statt Fußballsachverstand? 

Kölmel griff zum härtesten aller Mittel: künftig sollte die Vereinspolitik nur noch in seinen Händen liegen, oder zumindest in denen seiner Bevollmächtigten bzw. für kompetent Befundenen. Mit konzentriertem Fußballsachverstand haben die jedenfalls wenig zu tun, wie Guido Schäfer heute treffend im Leitartikel der Leipziger Volkszeitung herausstellte:

Ein Kernphysiker (Schlörb), ein früherer Rennrodler (Ellinger), ein stiller Vertreter aus dem Nachwuchsfußball (Engler) und ein Wirtschaftsprüfer (Flascha) schauen sich jetzt angestrengt nach einem neuen Trainer und einem geeigneten Manager um. Und über allem thront ein Experte für die Vermarktung von Filmen. Sieht so die neue professionelle Ausrichtung aus? Ist das geballte Fußball-Kompetenz?

Zu Zeiten von Red Bull Salzburg geht es ohnehin nicht mehr um den Fußball an sich, um sportliche Leistungen, um Fankultur und schon gar nicht um Tradition. Fußballvereine werden zunehmend ökonomisiert, selbst in der vierten Liga.

Fehlende langfristige Planung 

Zweifelsohne, Kölmels angedrohter Rückzug war ein taktischer Schachzug. Eine Drohgebährde. „Ohne mich gehen hier die Lichter aus“, hätte man Kölmel in den letzten Wochen in den Mund legen können. Dennoch, Stringenz oder wirtschaftlichen Weitblick lässt der Filmehändler vermissen. Noch 2001 verweigerte Kölmel dem Verein ein Darlehen (ca. 1-2 Mio. DM, die genaue Summe ist dem Autor entfallen), das den Lizenzentzug für die drittklassige Regionalliga verhindert hätte. Der Bau des Zentralstadion stand damals übrigens längst fest.

Die Folge war eine sportliche Talfahrt in die Oberliga, die nur durch ein einjähriges Regionalliga-Intermezzo 2003/04 unterbrochen wurde. Ausgerechnet die für Leutzscher Fans historisch bedingt positiv konnotierte Oberliga wurde in den letzten Jahren ironischerweise fast zum Totengräber des FC Sachsen. Mit Wolfgang Frank wurde neben Ede Geyer ein weiterer namhafter Trainer verpulvert, zeitweilig hatten die Kicker in den Jahren seit 2004 nicht regelmäßig ihr Gehalt auf dem Konto. Wirtschaftlich sowie sportlich eine Farce.

Großes Potential, aber keine Geduld 

Dass Kölmel jetzt schon wieder den Rückzieher machen wollte und der Führungskrieg fast nahezu alle nötigen Planungen für die entscheidende neue Saison behinderte, ist die eigentliche Katastrophe. Michael Kölmel muss sich endlich entscheiden. Sollte eines fernen Tages doch einmal der Aufstieg in die 2. Bundesliga feststehen, würde er in Leutzsch, in Leipzig, ja sogar in ganz Mitteldeutschland als Messias gefeiert. Das Potential ist riesig, ebenso wie das Medienecho (die LVZ reservierte heute Titelfoto, Titelbericht, Leitartikel und eine ganze Sportseite für den FC Sachsen!) und die Begeisterungsfähigkeit der Leipziger – das hat die Olympia-Blase gezeigt.

Fußball in Leipzig bedeutet trotz seiner fatalen Unterklassigkeit mehr als nur einspaltige Zeitungsartikel und ein paar hundert Fans, Chemie ist seit Jahren der Viertligist, der deutschlandweit die meisten Zuschauer in das Stadion zieht. Und das, obwohl in Probstheida ebenso viel Begeisterung geweckt wird. Gute Gründe, um langfristig, und wenn es sein muss, eben auch über Jahre zu investieren. Die millionenschwere TSG Hoffenheim schaffte es in der letzten Saison auch – im x-ten Anlauf …




«
»




3 Kommentare bisher
Hinterlasse deinen Kommentar!

  1. Gravatar of Thomas
    Kommentar von
    Thomas
    04.07.2007 um 10:39
    1

    wir haben uns wie eine hure an diesen menschen verkauft und trotzdem wird kölmel als der retter gesehen. ich kann das nicht verstehen…bin gespannt, was die nächsten tage und die aomv bringen werden.


  1. Gravatar of E. Siebach
    Kommentar von
    E. Siebach
    04.07.2007 um 21:23
    2

    Das was jetzt mit Chemie passiert, ist schon betrüblich. Aber ist es nicht so, daß Fußballer, die schon in niedrigen Klassen mehr Geld verdienen als Spitzenleute in anderen Sportarten (z.B. Handball), wenns nicht klappt – meist selbst verschuldet – das große Heulen beginnen? Mit NUR Geld wird nix – die Motivation muß stimmen – so wars 1964 – und nur so und nicht anders wird es klappen oder eben nicht. Die Fans warten auf LEISTUNG und guten Sport und nicht auf dicke Brieftaschen oder „große“ Namen. Also Fußballer nutzt die Chance, wenns nicht anders geht, als Diener der Herren Kölmel und Schlörb.


  1. Gravatar of Bertram Meier
    Kommentar von
    15.07.2007 um 19:07
    3

    jedes mal denke ich, dass man auf die ganzen hiobsbotschaften nichts mehr drauf setzen kann aber die jungs schaffen es scheinbar problemlos eine kriese nach der anderen heraufzubeschwören ..




Einen Kommentar hinterlassen