Schiri Zwayer beendet Leutzscher Aufstiegshoffnungen
Montag, 30. April 2007, 9:37 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20. März 2008, 16:31 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig, Gewalt & Rassismus, Medienschau, Spielberichte

Es fällt immer leicht zu sagen: der Schiedsrichter war Schuld. An nahezu jedem Spieltag, egal ob in der Bundes- oder Oberliga, ist von „verschobenen Spielen“ die Rede, von Schiedsrichtern, die systematisch für oder gegen eine Mannschaft pfeifen. Einer hat mit diesen Vorwürfen schon unlängst Erfahrungen gemacht: Im Januar 2005 deckte Felix Zwayer mit drei Kollegen den Wettskandal um Robert Hoyer auf. Später geriet er selbst ins Fadenkreuz der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Und nun, zwei Jahre danach, ist wieder alles in Ordnung. Ein glaubwürdiger Schiedsrichter, noch dazu bundesligaerfahren, der ist genau der Richtige, den die brisante Spitzenpartie der NOFV-Oberliga Süd FC Sachsen Leipzig gegen FC Energie Cottbus II braucht, müssen sich die Verantwortlichen für die Schiedsrichteransetzung gedacht haben.

Sein Auftreten auf dem WM-Rasen des Zentralstadions war markig, seine Gesten arrogant und seine Pfiffe fragwürdig. Und in der 25. Minute entschied er das Spiel: „Abstoß!“, wissen die 10 185 Zuschauer und auch der zuständige Linienrichter – „Eckball!“, überstimmt ihn Zwayer. Was folgte, war das 1:0 der Cottbusser. Kurz ausgeführte Ecke, scharfe Flanke vors Tor, Kopfball – Benjamin Boltze klärt (wohl) kurz hinter der Linie. Der Energie-Nachwuchs jubelt, Zwayer zeigt auf den Anstoßkreis.

Keine Chance gegen Energie-Bubis

Die Leutzscher Kicker taten sich schwer mit dem Tabellenführer. Energie II war immer einen Schritt schneller, spritziger und insgesamt überzeugender. Das 1:0, so zwayerhaft es auch entstanden war, war verdient. Vor allem in der ersten Halbzeit sahen die Sachsen keinen Stich. Dafür aber Rot – von Zwayer.  Wegen Nachtretens stellte er Adebowale Ogungbure zurecht vom Platz (38.). „Zwayer wollte gegen uns pfeifen, und wir waren so dumm, ihm die Munition zu liefern“, wird FCS-Präsident Rolf Heller heute treffend in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) zitiert (ein Lesenswerter Artikel von Steffen Enigk, der unter Wahrung aller Neutralität Tacheles redet). Denn nach dem Schlusspfiff hatten die Leutzscher drei Platzverweise zu verbuchen. Kurz vor Schluss mussten Marcel Rozgonyi (87.) und der tapfer kämpfende Miroslav Rada (90.) mit Gelb-Rot vom Platz.

Nein, es waren wirklich nicht die Platzverweise, die man Zwayer vorwerfen kann. Eher fehlendes Fingerspitzengefühl (zahlreiche überflüssige Gelbe Karten) und Wahrnehmungsstörungen (neben dem Eckball, der zum Tor führte noch zahlreiche andere „kleine“ Fehlentscheidungen). Mit einer Vielzahl an Fehlpfiffen und seinem Auftreten heizte Zwayer die Atmosphäre an. Tausende Anhänger auf den Rängen tobten, ließen ihren Frust am Stadioninventar aus, einige gingen sogar schon in der ersten (!) Halbzeit. Twardzik & Co. fühlten sich durch die Fehlentscheidungen provoziert. Die geradezu notwendige Folge: die drei Platzverweise.

Wenn das in Leutzsch passiert wäre…

Zwayer wurde es dabei noch leicht gemacht. Die Cottbusser agierten clever, aber vor allem unsportlich, und nutzten jegliche Berührung zum Fallen und reklamierten jede Kleinigkeit, führten aber ihrerseits eine sehr harte Partie. Sachsen-Vorstand Stefan Opitz fand gegenüber der LVZ die richtigen Worte: „Der hat mit zweierlei Maß gemessen, eine bodenlose Frechheit.“ Dabei passt es ins Bild, dass der vermeintliche Ausgleich der Leutzscher durch Enrico Köckeritz (38.) zurück gepiffen wurde – der Abwehrknochen hatte sich im Fünfmeterraum zu körperbetont gegen Energie-Keeper Mickel durchgesetzt.

Selbst der Halbzeitpfiff darf nicht unerwähnt bleiben. Chemie im Angriff, Einwurf in aussichtsreicher Position – und Zwayer pfeift ab. Tumultartigen Szenen folgen, elf Grün-Weiße stürmen auf Zwayer zu, reden auf ihn ein und können nur ansatzweise von herbeigerufenen Ordnern zurückgehalten werden, auch Ede Geyer („Diese übertriebene Mimik und Gestik gehört nicht auf den Platz. So viel Theater, so viele Karten, Herr Zwayer sollte sich hinterfragen.“/Quelle: LVZ) kann sich nur schwer beruhigen.

Halbzeit zwei brachte neben der mehrfachen Unterzahl auch ein beachtliches Aufbäumen der Leutzscher. Ein Ausgleich wäre angsichts aller beschriebenen Umstände verdient gewesen – aber er fiel nicht, und das war vielleicht auch besser so. Die Saison darf endgültig abgehakt werden und alle treuen Stadiongänger wissen, dass sie beim nächsten Besuch im Zentralstadion nicht wieder um weitere fünf Jahre altern müssen. A propos Zentralstadion: hätte das Skandalspiel im Alfred-Kunze-Sportpark stattgefunden, wären spätestens nach einer halben Stunde die Dämme gebrochen – oder Zwayer hätte gar nicht erst so gepfiffen…

Pfefferspray für Sektor B! 

Übrigens: Zwayer war nicht der einzige, der sich daneben benahm. Wie aus Security-Kreisen durchsickerte, habe ein Ordner die Chemie-Fans mit „L-O-K“-Rufen beblödet und somit die ohnehin schon angeheizte Atmosphäre zum Überkochen gebracht (Der Verantwortliche gehört fristlos entlassen.). Das Ergebnis: In der 75. Minute marschierte – behelmt, gepolstert und unter einem gellenden Pfeifkonzert - die Polizei durch den Spielertunnel ins Stadioninnere des Hochsicherheitstrakts ein, um die angefeindeten Ordner zu schützen. Eine durchweg überflüssige Aktion, die alles andere als deeskalierend und sicherheitsstiftend wirkte.

Die Polizei konnte sich im Übrigen nur mühsam gegen die aufgebrachten Massen erwehren. Die tausenden potentiellen „Gewalttäter Sport“, die sekündlich damit drohten, die ca. drei Meter hohen Barrieren hinunterzuspringen und das Spielfeld zu stürmen, um Zwayer zu erklären, dass der Eckball kein Eckball war, konnten glücklicherweise per Pfefferspray zurückgehalten werden. Na da haben wir ja noch mal Glück gehabt, dankeschön!




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  1. Gravatar of DerTasmanischeTeufel
    Kommentar von
    30.04.2007 um 16:04
    1

    Heute einen Tag nach dem Spiel bin ich immernoch enttäuscht und traurig. Eigentlich hätten wir es diese Saison garnicht verdient aufzusteigen und ich hätte mich warscheinlich auch nicht so geärgert wenn wir gestern verloren hätten weil wir einfach schlechter waren. Aber die Art und Weise wie das Spiel und die Minuten nach dem Spiel gestern gelaufen sind, sind einfach nur erschütternd und unbegreiflich, so haben wir das definitiv nicht verdient! Unfassbar!
    Fussball ist kein Sport mehr sondern leider nur noch ein medium für sich selbst darstellende Schiedsrichter und Polizisten!

    Ein guter Bericht zum Spiel übrigens!


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    01.05.2007 um 16:06
    2

    Danke fürs Feedback! Wenigstens können wir die Saison jetzt abhaken – um das Positive zu betrachten. Die Art und Weise, wie Polizei und Ordnungskräfte agiert haben, muss einmal mehr hinterfragt werden.


  1. Gravatar of Matthias
    Kommentar von
    Matthias
    02.05.2007 um 8:42
    3

    Das Problem bei diesem Spiel ist, man weiß gar nicht wo man anfangen soll sich aufzuregen. Bei einem bestechlichen Schiris oder bei völlig eskalierend agierenden Ordnungshütern die Angst um das Verfallsdatum ihres Pfefferspray haben und deswegen alles noch schnell aufbrauchen müssen.

    Zu Schiri wurde genug gesagt, zum Polizeieinsatz ansich auch. Die Frage ist aber wer hat die Erlaubnis gegeben, dass die Schildkröten in den Innenraum kommen um der Currywurst die entsprechende Würze zu verleihen. Wenn ich richtig informiert bin ist dazu die Genehmigung des Vereins oder Stadionbettreibers notwendig. Sollten die diese dem Einsatz angeregt haben, muss man sich ernsthaft fragen ob die wissen wie ein Fußballfan tickt. Sicher war die Stimmung aufgereizt, aber glauben die im Ernst das hunderte von Leuten die drei Meter hohe Bande runter springen und Lust haben sich die Knöchel zu brechen.

    Liebe Polizei, lieber Verein erst Denken dann Handeln!!!

    Im übrigen wird es Zeit, dass Polizisten offen an ihrer Uniform eine Nummer tragen mit der sie am Ende eindeutig zu identifizieren sind. Denn die einzelnen Polizisten die gesetzwidrig und überhart handeln müssen zu Rechenschaft gezogen werden und dürfen sich nicht weiter hinter ihren Helmen und Uniformen verstecken, hinter denen Sie nicht erkennbar sind.


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    02.05.2007 um 20:04
    4

    Chemie ist schlimmer als jede Achterbahn: Auf jedes Euphoriehoch folgt in rasender Fahrt wieder der Absturz. Aber langweilig wird es mit dem Verein einfach nie.

    Was den Polizeieinsatz im und vor dem Stadion anbetrifft: Pfefferspray und Tritte gegen den ehrenamtlichen Fanbeauftragten, der sich auch noch als solcher zu erkennen gibt, beweist Riesenmängel in der Kommunikation. Die gleichen Leute, die versuchen besänftigend auf die eigenen Fans einzureden, werden weggeknüppelt. So werden auch noch die eher „entspannte“ Fans radikalisiert. Bravo!


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    03.05.2007 um 15:19
    5

    Wunderbarer Beitrag.
    Vielen Dank!




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