Auf ein Helles im „Martinique“
Donnerstag, 26. September 2013, 22:06 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 27. September 2013, 12:25 Uhr
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Wir stehen im Blickfeld. Gefühlte zwei Augenblicke schon. Viel zu lange. Der Wirt gibt sich nordisch-unterkühlt bei der Begrüßung: hinsetzen, die in der Raucherecke sehen nichts. So viel Preußentum hätten wir nicht erwartet. Nicht hier im „Martinique“, deren Internetseite uns bayerische Gemütlichkeit versprochen hat. In der Kneipe am Berliner Kreuzberg sollen ausnahmslos alle Spiele des FC Bayern über XXL-Leinwände flimmern.

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Fußball ist immer noch wichtig
Freitag, 26. Juli 2013, 9:16 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 26. Juli 2013, 9:43 Uhr
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Das Melt! war diesmal wahrlich zum Dahinschmelzen. Europas größtes Electro- und Indiefestival unter den Stahlmonstern von Ferropolis, 20 000 immer entspannte Partymenschen jeder Herkunft, ein alljährlicher Pflichttermin mitten im Juli. Zelte und all das andere Inventar schleppen, im Campingstuhl lungern, ohne Unterlass Bässe von irgendwoher aufsaugen, viel zu warmes Bier schlürfen – jedes Jahr das gleiche, es wird nie langweilig. Abschalten, vier Tage lang. In diesem Jahr glühte die Sonne wie im Badeurlaub, nur dass so mancher nachher eine Krankschreibung brauchte.

Mit Fußball hat das alles nichts zu tun. Fußball ist dort nicht wichtig, genauso wenig wie die restliche Außenwelt, schon allein weil die Akkukraft unsere Nachrichtenzentralen nicht über vier Tage am Leben hält. Samstagvormittag, die Smartphones werden heiß, der Empfang ist so mies, wie man es in einer Ödnis erwartet, die ein paar Mal im Jahr von Zehntausenden bevölkert wird. Habt ihr schon gehört – so beginnt der Satz, der damit endet, wer am Vortag die Etappe der Tour de France gewonnen hat.

Am Freitag, da war doch was. Drittligaauftakt. Eine große Feier im mitteldeutschen Heimatfernsehen. Ein Kulturderby, habe ich irgendwo gelesen, solche Worte wären vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen, wenn vom Halleschen FC die Rede war. RB Leipzig, auf diesem Projekt liegt alle Hoffnung der Stadt, in der ich groß geworden bin, mit deren tragikomischen, in meinen Augen grün-weißen Fußball ich sehr eng verbandelt bin. Noch immer. Ich muss wissen, wie das Spiel ausging – und bin im nächsten Augenblick enttäuscht. 1:0 für RB.

Ich schimpfe etwas, soweit es die unaufgeregte Atmosphäre zulässt. Meine Zeltnachbarn und ich, wir sind uns einig (zumindest noch). Wir sind Leipziger, aber die Stadt und ihr Fußball hat unseren Lokalpatriotismus nicht nötig. Wo man auch hinkommt, jeder scheint die New York Times gelesen zu haben. Auch wer noch nicht da war, findet diese Stadt schön, lebenswert, hip. Das schickt sich so. „Hypezig“, sagen fremde Frühzwanzigerinnen beim oberflächlichen Kennenlernen stolz und erwarten, dass sich das Leipziger Gegenüber über diese Sprache freut.

Um die Stadt hat sich seit ein paar Jahren jener Hype entwickelt, den Red Bull im städtischen Fußballalltag zunehmend zu kopieren weiß: Kein Vorbeikommen an den Dosen und RB Leipzig, wohin man auch geht. Ein bisschen fühle ich mich wie ein fußballpolitischer Flüchtling, aber das zählt nicht, ich bin freiwillig nach Berlin gegangen, und das ist schon eine Weile her. Aber wenn ich den Sportteil aufschlage, weiß ich manchmal nicht, was ich in Leipzig noch sollte.

Ein paar warme Bier später (die Temperatur nimmt proportional zur Tageszeit zu), auf dem Festivalgelände. Man trifft dort Leute, von denen man ahnt, sie könnten da sein, auch wenn man sich nicht verabredet hat. Meine ehemalige Mitbewohnerin, mein ehemaliger Mitbewohner und so weiter. Ich bleibe bei einem Bekannten hängen, er hat sich dem Halleschen FC verschrieben, er meint es sehr ernst mit dem Verein. Ich bekunde höflich Beileid zur vorabendlichen Niederlage gegen meine Stadt und ihr Projekt, das ich doch lieben müsste. Am nächsten Tag lernen wir auf dem Zeltplatz die Gruppe von nebenan kennen, natürlich Hallenser, sie haben am Morgen zuvor unsere sanften Tiraden eingedenk des Ergebnisses gehört – wenn sie davon erzählen, klingt es so, als wunderten sie sich, wie man es in Leipzig nicht so gut mit RB halten kann.

Als vom Melt! in meinem Leben noch nichts zu ahnen war, fuhr ich einmal nach Casaleccio di Reno. Zu den Mondiali Antirazzisti, dem Fußballfestival für Ultras, die keine Nazis mögen. „Antifa Hooligans“, so würden es Los Fastidios nennen. Ihr Auftritt, damals in Italien, liegt mir wieder in den Ohren, seit ich auf diesem Melt! Feine Sahne Fischfilet (die Herren spielen weder Electro noch Indie) gehört und mit Leuchtfeuer auf der Bühne gesehen habe. Es war ein bisschen so, als würden Egotronic noch einmal beim Roten Stern im Bierzelt oder im Leipziger Fanprojekt zwei Boxen aufbauen und die „Bismarck“ versenken.





Red Bull und der erbärmliche Rest von Leipzig

Vor vier Jahren startete das RasenBallsport-Projekt am Elsterflutbecken – in Fußball-Leipzig aber hat sich im Grunde nichts geändert

Karfreitag in Leutzsch, Zeitpunkt und Ort für die ganz großen Gedanken. Wie steht’s um den Leipziger Fußball? Das wollen die OstDerby-Initiatoren Michael Kummer und Fedor Freytag, zwei Rot-Weiße aus Erfurt, wissen.

Matthias Kießling, der Rotebrauseblogger, und ich sollen uns ein Streitgespräch liefern: zu Red Bull in Leipzig und dem verkümmerten Rest in Leutzsch und Probstheida. Das ist verdammt schwierig. Nullachtfuffzehn-Argumente ziehen nicht, aber das ist hier nur eine Randnotiz, das Ergebnis wird in der kommenden OstDerby-Ausgabe zu lesen sein.

Die Fundamentalkritik greift zu kurz

Ich sitze unvorbereitet am Wohnzimmertisch bei Kaffee und Kuchen. Die ganz großen Gedanken kommen schon von alleine, habe ich mir vorher gedacht. Ich führe mir immer wieder vor Augen: RasenBallsport Leipzig ist die äußerste Konsequenz der Profifußball-Logik, darin unterscheiden sich Sport und Markt nicht, es geht stets um erfolgreichen Wettbewerb. Die Fundamentalkritik, mit der sich viele Traditionsbewahrer aus dem Lager der Ultras bis hin zu BVB-Boss Hans-Joachim Watzke dem Leipziger Red-Bull-Projekt entgegenstellen, greift fast immer zu kurz.

Kühlen Köpfen wie Matthias Kießling ist das eine Steilvorlage: Er seziert die Kritik genüsslich und findet gute Gegenargumente. Trotz noch immer ausbleibenden Erfolgs wächst der Fanzuspruch beständig. Red Bull wird kein zweites Hoffenheim, weil sich Leipzig so sehr nach der Bundesliga sehnt wie Mäzen Dietmar Hopp nach Anerkennung. Anderswo, in Wolfsburg etwa, muss sich der Fußballclub ebenfalls nicht selbst refinanzieren, sondern kann auf potente externe Geldgeber setzen. Und gerät einer der sagenumwobenen Traditionsvereine in finanzielle Nöte, greift die öffentliche Hand schon mal in die Staatskasse.

Ein Argument aber, das die Red-Bull-Befürworter gerne anführen, hat sich bisher noch nicht bewahrheitet: Die übrigen Leipziger Vereine, heißt es immer, müssten nicht um ihre Existenz fürchten, für deren Sponsoren sei RB Leipzig keine Konkurrenz. Stattdessen könnten Leutzsch und Probstheida im Windschatten durchstarten und etwa von der umfassenden Nachwuchsarbeit profitieren.

Geldnöte und Grabenkämpfe

Und? Im Jahr vier nach dem Red-Bull-Einstieg droht dem viertklassigen Probstheida die dritte Insolvenz, Hunderttausende Euro fehlen trotz nach wie vor großen Potenzials und Engangements der Fans. Im sechstklassigen Leutzsch streiten sich zwei Vereine um das Erbe von Alfred Kunze und den gleichnamigen Sportpark, um die Betriebskostenabrechnung und die richtige Idee. Dem Modell des basisdemokratischen, „geilen Stadtteilvereins“ der BSG Chemie steht die SG Leipzig-Leutzsch mit ihrem Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Club gegenüber, der es in naher Zukunft seinem Vorbild, dem FC Sachsen Leipzig, gleichtun könnte: Die erklärte einstige „Hoffnung Mitteldeutschlands“ verschwand nach dem zweiten Insolvenzverfahren 2011 aus dem Vereinsregister.

So nachvollziehbar die Probleme und Streitigkeiten im Detail sein mögen, in der Außenperspektive gibt Fußball-Leipzig ein erbärmliches Bild ab, darin hat sich seit der politischen und der Red-Bull-Wende also überhaupt nichts geändert. Das ist ein gar nicht so ganz großer Gedanke, den ich ohne das dreistündige Streitgespräch niemals so klar hätte fassen können.





Die Baustelle
Sonntag, 29. Januar 2012, 15:34 Uhr
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Jahrelang praktizierte das Leipziger Fanprojekt akzeptierende Jugendarbeit mit Neonazis. Nach dem Trägerwechsel soll mit einem neuen Team alles anders werden. Die neuen Inhalte umzusetzen, ist nicht die einzige Herausforderung. Eine Reportage

Die schmale Tribüne ächzt. Es gibt Sitzbänke, aber alle stehen. Hunderte Menschen, eine Familie in Grün-Weiß. Was sie eint, ist die Leidenschaft für Fußball und ihren Verein, die BSG Chemie Leipzig. Sie sind immer da, egal wie es läuft. Sie leben für ihren Klub. Grün-Weißer ist man immer. Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, und in den Träumen sowieso. „Schähm …, Schähm …“, tönt es aus biergetränkten Kehlen. Gemeint ist Chemie, der Schlachtruf ist so alt wie die größten Erfolge des Vereins, der vor Jahrzehnten zwei DDR-Meisterschaften errang, zuletzt 1964. Ein unerwarteter Erfolg, die Geburtsstunde eines Mythos, der auch in tristen Zeiten Tausende mobilisiert. Chemie spielt in der sechsten Liga, die zweite Mannschaft sogar noch weit tiefer.

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Zitat des Tages (20): Grenzen der grün-weißen Toleranz
Montag, 5. Dezember 2011, 11:47 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 6. Dezember 2011, 23:41 Uhr
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Na bei uns ist halt kein Platz für Nazis. Also wir verlangen wirklich von niemanden, dass sie jetzt ’ne rote Fahne draußen aufhängt … weiterlesen





Es zählt allein das Leitbild und sonst nichts
Montag, 17. Oktober 2011, 22:40 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 7. März 2013, 20:48 Uhr
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Eine Wiedervereinigung des Leutzscher Fußballs braucht keiner. Denn das würde zwangsläufig eine Preisgabe des Selbstverständnisses der BSG Chemie bedeuten. Ein Kommentar

Friede, Freude, Wiedervereinigung – eine Faninitiative will den geteilten Leutzscher Fußball wieder zusammen bringen. Doch die Mühen gleichen einem Kampf gegen Windmühlen – und sind obendrein gar nicht nötig. Denn niemand braucht eine Wiedervereinigung – das hat nicht zuletzt eine öffentliche Diskussionsveranstaltung mit den Vorständen der BSG Chemie und SG Leipzig-Leutzsch gezeigt.

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Sensationeller Saisonauftakt und viel Luft nach oben
Dienstag, 16. August 2011, 20:27 Uhr
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Die Ergebnisse stimmen, die Mannschaft hat noch viel größeres Potenzial, die Neugierde bei den Fans ist überwältigend und der Verband weiter skeptisch. Ein erstes Zwischenfazit

Nach nur zwei Spieltagen ist es gewiss zu früh für ein erstes Zwischenfazit. Aber außergewöhnliche Zeiten erfordern nun einmal eben solche bloggerische Mittel. Es ist bemerkenswert, wie die Saison für die BSG Chemie Leipzig angelaufen ist – sowohl auf als auch neben dem Platz. Zum Auftakt gegen Eilenburg kamen 1690 Zuschauer. Damit hätte ich persönlich nicht gerechnet. Auch zum ersten Auswärtsspiel nach Markkleeberg sind viele Neugierige mit Chemie gereist. Gut 1000 Chemiker im Sportpark Camillo Ugi – so sieht Aufbruchsstimmung aus.

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Zitat des Tages (17): Von Brücken und Panzern
Mittwoch, 8. Juni 2011, 8:41 Uhr
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Über unsere Brücken rollen nur Panzer!

Die Diablos Leutzsch, Ultras der BSG Chemie, reagieren … weiterlesen





Jamal Engel, die SG Leipzig-Leutzsch und „die Ultras“
Dienstag, 31. Mai 2011, 18:25 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 31. Mai 2011, 18:24 Uhr
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Die neu ins Leben gerufene SG Leipzig-Leutzsch gibt nur wenig über sich preis. Gründungsmitglied Jamal Engel spricht lieber über andere. So etwas wie „Ultras“ soll es in seinem Verein nicht geben.

Showdown im Leutzscher Erbfolgestreit: Die BSG Chemie wird zukünftig mit Landesligist Blau-Weiß Leipzig kooperieren und das Spielrecht der ersten Mannschaft übernehmen. Die SG Leipzig-Leutzsch, die voraussichtlich die Nachwuchsmannschaften des FC Sachsen aufnimmt, sieht sich gut aufgestellt und will nun sogar die Oberliga im Alfred-Kunze-Sportpark stemmen. Am Freitag kam die Nachricht aus dem Hause Red Bull, doch kein Interesse am Fünftliga-Spielrecht des FC Sachsen zu haben. Damit stellte sich zugleich die Frage, wer davon profitieren könnte. Jetzt ist klar: Jamal Engel & Co. wollen einspringen. In welcher Spielstätte und Liga die beiden Vereine anteten, ist noch offen. Die endgültige Entscheidung liegt bei den Verbänden und der Stadt Leipzig, die den Alfred-Kunze-Sportpark verpachtet (die Leipziger Volkszeitung berichtet). Unterdessen rätselt nicht nur Fußball-Leipzig, warum die SG Leipzig-Leutzsch überhaupt ins Leben gerufen wurde. Die Maske fällt zusehends – zuletzt sorgte Engel auf Facebook mit einer vielsagenden Äußerung für Irritationen im grün-weißen Lager:

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„More Than Life“: Die Diablos machen seit zehn Jahren Theater
Samstag, 4. Dezember 2010, 15:25 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Montag, 6. Dezember 2010, 13:46 Uhr
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Zehn Jahre Diablos: Die Leutzscher Ultras feiern Geburtstag und können auf eine aufregende Geschichte zurückblicken. Eindrücke und Gedanken von den offiziellen Feierlichkeiten

Offizielles Plakat (zum
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„Jeansjackenchoreos“ auf dem Norddamm, eine „kuttige“ Szene, irgendwie „zu assi“: Wie die Zwickauer Ultras Red Kaos heute die Fanszene des FC Sachsen Leipzig anno 2000 einschätzen, steht stellvertretend für eine Bewegung, die Ende der 90er Jahre auch im Fußballosten zunehmend populärer wurde und sich anschicken sollte, die Stimmung in den Stadion zu revolutionieren. Dessen bedurfte seinerzeit nicht zuletzt der FC Sachsen dringend. Der Norddamm, Sinnbild der Leutzscher Hölle der 70er und 80er Jahre? De facto stillgelegt. Die Fanstruktur? Überaltert. Die Stimmung? Nicht gerade unter nennenswert zu verzeichnen. Die tiefe Krise, in der sich die Leutzscher Fanszene zur Jahrtausendwende befand, war – so kann man heute sagen – das beste, was der grün-weißen Fankultur passieren konnte. Denn sie war Ausgangspunkt und Geburtsstunde einer Subkultur, die im Laufe der Zeit einen unverwechselbaren Stil entwickeln und gestern ihr zehnjähriges Bestehen feiern konnte.

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