Fußball ist immer noch wichtig
Freitag, 26. Juli 2013, 9:16 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 26. Juli 2013, 9:43 Uhr
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Das Melt! war diesmal wahrlich zum Dahinschmelzen. Europas größtes Electro- und Indiefestival unter den Stahlmonstern von Ferropolis, 20 000 immer entspannte Partymenschen jeder Herkunft, ein alljährlicher Pflichttermin mitten im Juli. Zelte und all das andere Inventar schleppen, im Campingstuhl lungern, ohne Unterlass Bässe von irgendwoher aufsaugen, viel zu warmes Bier schlürfen – jedes Jahr das gleiche, es wird nie langweilig. Abschalten, vier Tage lang. In diesem Jahr glühte die Sonne wie im Badeurlaub, nur dass so mancher nachher eine Krankschreibung brauchte.

Mit Fußball hat das alles nichts zu tun. Fußball ist dort nicht wichtig, genauso wenig wie die restliche Außenwelt, schon allein weil die Akkukraft unsere Nachrichtenzentralen nicht über vier Tage am Leben hält. Samstagvormittag, die Smartphones werden heiß, der Empfang ist so mies, wie man es in einer Ödnis erwartet, die ein paar Mal im Jahr von Zehntausenden bevölkert wird. Habt ihr schon gehört – so beginnt der Satz, der damit endet, wer am Vortag die Etappe der Tour de France gewonnen hat.

Am Freitag, da war doch was. Drittligaauftakt. Eine große Feier im mitteldeutschen Heimatfernsehen. Ein Kulturderby, habe ich irgendwo gelesen, solche Worte wären vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen, wenn vom Halleschen FC die Rede war. RB Leipzig, auf diesem Projekt liegt alle Hoffnung der Stadt, in der ich groß geworden bin, mit deren tragikomischen, in meinen Augen grün-weißen Fußball ich sehr eng verbandelt bin. Noch immer. Ich muss wissen, wie das Spiel ausging – und bin im nächsten Augenblick enttäuscht. 1:0 für RB.

Ich schimpfe etwas, soweit es die unaufgeregte Atmosphäre zulässt. Meine Zeltnachbarn und ich, wir sind uns einig (zumindest noch). Wir sind Leipziger, aber die Stadt und ihr Fußball hat unseren Lokalpatriotismus nicht nötig. Wo man auch hinkommt, jeder scheint die New York Times gelesen zu haben. Auch wer noch nicht da war, findet diese Stadt schön, lebenswert, hip. Das schickt sich so. „Hypezig“, sagen fremde Frühzwanzigerinnen beim oberflächlichen Kennenlernen stolz und erwarten, dass sich das Leipziger Gegenüber über diese Sprache freut.

Um die Stadt hat sich seit ein paar Jahren jener Hype entwickelt, den Red Bull im städtischen Fußballalltag zunehmend zu kopieren weiß: Kein Vorbeikommen an den Dosen und RB Leipzig, wohin man auch geht. Ein bisschen fühle ich mich wie ein fußballpolitischer Flüchtling, aber das zählt nicht, ich bin freiwillig nach Berlin gegangen, und das ist schon eine Weile her. Aber wenn ich den Sportteil aufschlage, weiß ich manchmal nicht, was ich in Leipzig noch sollte.

Ein paar warme Bier später (die Temperatur nimmt proportional zur Tageszeit zu), auf dem Festivalgelände. Man trifft dort Leute, von denen man ahnt, sie könnten da sein, auch wenn man sich nicht verabredet hat. Meine ehemalige Mitbewohnerin, mein ehemaliger Mitbewohner und so weiter. Ich bleibe bei einem Bekannten hängen, er hat sich dem Halleschen FC verschrieben, er meint es sehr ernst mit dem Verein. Ich bekunde höflich Beileid zur vorabendlichen Niederlage gegen meine Stadt und ihr Projekt, das ich doch lieben müsste. Am nächsten Tag lernen wir auf dem Zeltplatz die Gruppe von nebenan kennen, natürlich Hallenser, sie haben am Morgen zuvor unsere sanften Tiraden eingedenk des Ergebnisses gehört – wenn sie davon erzählen, klingt es so, als wunderten sie sich, wie man es in Leipzig nicht so gut mit RB halten kann.

Als vom Melt! in meinem Leben noch nichts zu ahnen war, fuhr ich einmal nach Casaleccio di Reno. Zu den Mondiali Antirazzisti, dem Fußballfestival für Ultras, die keine Nazis mögen. „Antifa Hooligans“, so würden es Los Fastidios nennen. Ihr Auftritt, damals in Italien, liegt mir wieder in den Ohren, seit ich auf diesem Melt! Feine Sahne Fischfilet (die Herren spielen weder Electro noch Indie) gehört und mit Leuchtfeuer auf der Bühne gesehen habe. Es war ein bisschen so, als würden Egotronic noch einmal beim Roten Stern im Bierzelt oder im Leipziger Fanprojekt zwei Boxen aufbauen und die „Bismarck“ versenken.





Bulli, Shrek und 20 Mille
Montag, 8. Oktober 2012, 23:44 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 9. Oktober 2012, 8:50 Uhr
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Für das Projekt Bundesliga kann man offenbar nicht nur sich selbst vergessen

Zwischen Professionalität und Peinlichkeit ist es nicht selten ein schmaler Grat.

Da schicken die Macher von Leipzigs letzter Profifußball-Hoffnung RasenBallsport ihr knuffiges, aber leider namenloses Maskottchen in Grundschulen, um es dort denkwürdigerweise auf „Bulli“ taufen zu lassen. So mancher der kleinen designierten Stadionbesucher mag genauso begeistert gewesen sein wie die Marketingstrategen, die so das Logo mit den zwei aufeinanderzustürmenden Stieren in öffentlichen Bildungseinrichtungen zu platzieren vermochten – Eltern und Bildungsagentur waren es weniger.

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Das Erfolgsgeheimnis
Dienstag, 24. April 2012, 0:39 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 24. April 2012, 13:28 Uhr
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RasenBallsport Leipzig droht das zweite Mal in Folge am Drittliga-Aufstieg zu scheitern. Beim Halleschen FC hingegen kann gejubelt werden – nicht zu Unrecht

Fußball ist ein Mannschaftssport. Diese ausgelatschte Plattitüde ist kaum origineller als Franz Beckenbauers jüngstes Bonmot, mit einem Sieg nach Madrid zu fahren, sei eine ganz andere Situation (als mit einem Unentschieden). Allein, der ‚Kaiser‘ hat Recht, und genauso scheint es sich auch mit der eingangs aufgeworfenen These zu verhalten. Das abermalige Scheitern von RB Leipzig (Timo Röttger: Das war’s leider; Daniel Frahn: Das ist sehr, sehr bitter. Wir müssen uns gedanklich mit einem weiteren Jahr vierte Liga befassen) steht wohl fest. Und das scheint an Mängeln im Gesamtpaket zu liegen, zumindest attestiert dies Guido Schäfer in der Leipziger Volkszeitung:

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„More Than Life“: Die Diablos machen seit zehn Jahren Theater
Samstag, 4. Dezember 2010, 15:25 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Montag, 6. Dezember 2010, 13:46 Uhr
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Zehn Jahre Diablos: Die Leutzscher Ultras feiern Geburtstag und können auf eine aufregende Geschichte zurückblicken. Eindrücke und Gedanken von den offiziellen Feierlichkeiten

Offizielles Plakat (zum
Vergrößern anklicken)

„Jeansjackenchoreos“ auf dem Norddamm, eine „kuttige“ Szene, irgendwie „zu assi“: Wie die Zwickauer Ultras Red Kaos heute die Fanszene des FC Sachsen Leipzig anno 2000 einschätzen, steht stellvertretend für eine Bewegung, die Ende der 90er Jahre auch im Fußballosten zunehmend populärer wurde und sich anschicken sollte, die Stimmung in den Stadion zu revolutionieren. Dessen bedurfte seinerzeit nicht zuletzt der FC Sachsen dringend. Der Norddamm, Sinnbild der Leutzscher Hölle der 70er und 80er Jahre? De facto stillgelegt. Die Fanstruktur? Überaltert. Die Stimmung? Nicht gerade unter nennenswert zu verzeichnen. Die tiefe Krise, in der sich die Leutzscher Fanszene zur Jahrtausendwende befand, war – so kann man heute sagen – das beste, was der grün-weißen Fankultur passieren konnte. Denn sie war Ausgangspunkt und Geburtsstunde einer Subkultur, die im Laufe der Zeit einen unverwechselbaren Stil entwickeln und gestern ihr zehnjähriges Bestehen feiern konnte.

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Das Bloggen der Anderen
Montag, 25. Oktober 2010, 22:22 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Samstag, 4. Dezember 2010, 16:37 Uhr
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In Zeiten, in denen an dieser Stelle gähnende Lehre (sic!) herrscht, kann ich nur auf die meinen Tagesablauf strukturierende Magisterarbeit, einen in diesem Zusammenhang stehenden historischen Nervenzusammenbruch und andere Plätze verweisen, auf denen weitergespielt wird. Ein Quasi-Neuzugang mit Perspektive: der bloggende Sündenbock, seines Zeichens ein veritabler Kenner der Ultrà- und Fanszene, kritischer Begleiter der fußballaffinen Forensphäre dieses Universums, unverbesserlicher Verfechter des Glaubens an das Gute im Fan und nimmermüder Kommentator überall dort, wo man vor dem Klick auf den Abschicken-Button seine fußballbezogenen Gedanken und Gefühle in Prosa pressen kann – so auch an dieser Stelle. Lieber Sündenbock, ich gratuliere zunächst einmal zur geglückten Wahl von WordPress und hoffe inständig, dass dir das Verletzungspech fern bleibt. Tendovaginitis und so.

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Testspiele und andere Zukunftsprognosen
Montag, 2. August 2010, 12:26 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 4. August 2010, 0:41 Uhr
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Der FC Sachsen Leipzig hat sich punktuell verstärkt und muss nun lernen, Tore zu schießen. Die Saisonvorschau

Testspiele in der Saisonvorbereitung haben einen überschaubaren sportlichen Wert. Während Trainer A seine Schützlinge gerade noch auf dem Mount Everest ins Sauerstoffzelt gebeten hat, übte sich Trainer B zuvor im Hütchenaufstellen und dem Verschieben von Namen auf Taktiktafeln. Raus kommt dann ein alle überraschendes Spielergebnis, bei dem der Trainer der höherklassigen Gästemannschaft den Gastgeber devot lobt, der unermüdlich gekämpft und eine schwere Probe dargestellt, am Ende aber nicht die unabdingbare Abgezocktheit aufgewiesen hätte. Am Ende sind alle so schlau wie zuvor und freuen sich auf die Saison.

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Verrückte Liga, bittere Wahrheiten
Sonntag, 18. Mai 2008, 18:35 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Sonntag, 18. Mai 2008, 18:43 Uhr
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Drei Spieltage vor Saisonende hat der FC Sachsen noch immer Chancen auf die Regionalliga, sieben weitere Mannschaften kämpfen um Platz vier. Und über allen thront ausgerechnet der Hallesche FC

Während sich die Leutzscher selbst zerfleischen, hin- und hergerissen sind zwischen Kreisklasse-Romantik und FC Lonzen, wird weiter Fußball gespielt. Die NOFV-Oberliga Süd der Spielzeit 2007/08, sie ist ein Mysterium. Der Hallesche FC ist durch, der Chemnitzer FC so gut wie, und auch für den VFC Plauen sieht es gut aus – auf den ersten Blick keine Überraschungen. Wohl aber auf den zweiten.

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Wie gewonnen, so zeronnen
Freitag, 11. April 2008, 12:42 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 11. April 2008, 13:22 Uhr
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NOFV-Sportgericht: Drei-Punkte-Abzug wegen rassistischer Ausschreitungen für Wiederholungstäter Hallescher FC

Zuerst gejubelt und dann doch abgewatscht: Der HFC gewinnt glücklich beim FC Sachsen, um vier Tage später vorm NOFV-Sportgericht zu verlieren. Drei Punkte Abzug wegen wiederholt rassistischer Anfeindungen im Fanblock, adé Tabellenführung. Völlig zurecht, im Übrigen. Mit welcher Penetranz sich Fans (die Nicht-Täter) und Verantwortliche des HFC vor der Wirklichkeit verschlossen hatten, war schlichtweg peinlich.

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Leutzscher Herbst. Eine Zwischenbilanz nach sechs Spieltagen
Mittwoch, 26. September 2007, 17:55 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20. März 2008, 16:24 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig, Gewalt & Rassismus, Medienschau, Vereinspolitik

Drei Tage nach Halle, ein Tag vor der richtungsweisenden Mitgliederversammlung: Der FC Sachsen steht – mal wieder – am Abgrund, und das in jeder Hinsicht. Die Oberliga-Saison ist sechs Spieltage alt. Vor knapp drei Monaten gelang es die Insolvenz abzuwenden. Zeit um eine erste Zwischenbilanz zu ziehen.

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In Leutzsch davongejagt – in Halle willkommen / Oder: Die verfehlte Transferpolitik à la Chemie Leipzig
Freitag, 25. Mai 2007, 15:40 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20. März 2008, 16:28 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig, Transfers, Vereinspolitik

In der Vergangenheit wurden in Leutzsch viele Fehler gemacht. Vor allem auf der Ebene der Transferpolitik. David Bergner ist ein Beispiel. Von 1999 bis 2000 und von 2002 bis 2004 hielt der 1,96-m-Hühne die Leutzscher Abwehr zusammen. Wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtet, wird Bergner demnächst ausgerechnet für den Rivalen Hallescher FC die Töppen schnüren.

Unrühmliche Trennung von Bergner 

David Bergners Abgang 2004 war ein unrühmlicher. Nach dem Abstieg aus der Regionalliga wurde der Blondschopf für untauglich befunden und davongejagt. Die Verdienste der Aufstiegssaison 2002/03 wurden vergessen – Union Berlin nahm Bergner gerne. Mit den „Eisernen“ stieg er sofort in die Regionalliga auf und behielt auch dort seinen Stammplatz. Untauglich für die Oberliga? Nein! Das weiß man zumindest in Halle.

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