Das Red-Bull-Dossier

Morgen startet das Red-Bull-Fußballprojekt RasenBallsport Leipzig in seine zweite Saison. Anlass genug für einen kleinen bloginternen Rückblick. Red Bull rettet Fußball-Leipzig – das Dossier

Red Bull war und ist im Leipziger Fußball ein Dauerbrenner, seit 2006 waberten Gerüchte um einen Einstieg zunächst beim FC Sachsen Leipzig, später auch beim VfK Blau-Weiß Leipzig umher. Ich habe versucht, an dieser Stelle die Entwicklung umfassend zu begleiten.

Vorgeplänkel und Warnungen

Was ein möglicher Einstieg von Red Bull für denjenigen Klub zu bedeuten hätte, der sich als Wirt zur Verfügung stellen würde, war bereits im Vorhinein absehbar. Das Beispiel SV Austria, der zum FC Red Bull Salzburg mutierte beweist: Red Bull macht keine halben Sachen, zielt auf aggressives Branding, steht für Eventkultur und sucht sich sein Publikum selbst aus. Die Fans des FC Sachsen waren durch die Salzburger Ereignisse gewarnt.

Als Ende 2006 Red Bull beim FC Sachsen Ernst machen wollte, konsultierte die Redaktion des Fanzines Culthoch64 Moritz Grobovschek von der Salzburger Anti-Red-Bull-Initiative Violett-Weiß um Rat. Grobovscheks Expertise ist dokumentiert in „Red Bull verleiht manchmal auch kurze Beine“.

Der Einstieg und die Reaktionen

Als der Leipziger Fußball 2009 mal wieder am Boden lag, grätschte Red Bull noch vor dem Beginn der Sommerpause jegliches auch nur im Entstehen begriffene Sommerloch ab und verkündete den Einstieg beim SSV Markranstädt: „Rasenball Leipzig: Red Bull, jetzt aber wirklich“.

In den folgenden Wochen quälte ich Google und begab mich auf der Suche nach allem, was das Internet zum Thema Red Bull in Leipzig so hergeben konnte. Darunter waren auch kritische Stimmen, zu finden in „,… ganz oben feiert Mateschitz den Meistertitel‘“ und „RB Leipzig ist Deutschlands ,erster Marketingclub‘“.

Die Kritik an den Fußballambitionen von Red Bull wird häufig undifferenziert vorgetragen. Die Argumentation ist mitunter oberflächlich und verkennt den tatsächlichen Kern, die neue Qualität, das Novum, das RB Leipzig für den deutschen Fußball bedeutet. Dies habe ich versucht in „Hopp, VW und Red Bull: Über ungleiche Fußball-Wohltäter“ zu verdeutlichen.

Besonders in engagierten Fanszenen wurde das Thema RB Leipzig nachgefragt, auch international. Für ein polnisches Fanportal schrieb ich „Red Bull in Leipzig: The fan base’s hopes and fears“ – ein Rundumschlag, der den Red-Bull-Einstieg vor dem Hintergrund der Geschichte des Leipziger Fußballs beleuchtet.

Die Rolle der (kritischen) Fans

Es geht um Fußball, soziale Enteignung und Entfremdung, um die Frage, was die Fans tun können. Die oben verlinkten Vereinsgründungen von unten sind eine Möglichkeit. Und auch Red Bull hatte scheinbar – in weiter Ferne – für sich ein Ausstiegsszenario zurecht gelegt. Der Widerstand ist bisher dennoch vergleichsweise gering und erschöpft sich – zugegeben – an dieser wie an anderer Stelle in theoretischen Pamphleten. Als der FC Sachsen zum Spiel gegen RB Leipzig vom Alfred-Kunze-Sportpark in die damals noch Zentralstadion genannte WM-Arena umziehen sollte, gab es Proteste und Boykottandrohungen – am Ende bestimmte dennoch derjenige die Musik, der bezahlt.

Für mich war die Frage besonders spannend, was die Entwicklung, die Red Bull nun antreibt und die Nachahmer finden könnte, für den Fußball bedeutet. „Über die Identität des Fußballs: Das Beispiel RB Leipzig“ und „Leipzig – eine Stadt, sein Fußball und soziale Verwerfungen“ suchen Antworten. Leipzig, so scheint es, verfügt über die differenziertesten Fankulturen in Deutschland. Eine Vielfalt, die ich in „Korrumpiert und kritisch, braun und bunt: Die Vielfalt des Leipziger Fußballs“ versuche, zu erfassen.

Anekdoten, Skandälchen und ein Sieg auf dem Platz

Was bleibt, sind Anekdoten und verhinderte Skandale, die eingedenk des Leipziger Lechzens nach Profifußball mitunter wenig Beachtung finden. Dazu gehören Kurzschlüsse und Anfälle von Selbstironie in der RB-Fankultur, Salzburger Muskelspiele und diskussionswürdige Personalentscheidungen, eine bisher kaum ernsthaft verfolgte Marketing-Gegenstrategie für Traditionsklubs (bekannt ist mir da der FC St. Pauli, Namensgebung umstritten), ein in den Medien hochgespielter Flirt mit Felix Magath und zuletzt die Affäre um „Die Mensa-Mafia“. Tja, und da gab es noch einen sonnigen Tag im Mai, an dem im Zentralstadion seltener Fußball zum Genießen zelebriert wurde.

Fortsetzung folgt – gewiss.



Zitat des Tages (11): Felix Magath, Red Bull und die Medien

Sonntag, 13. Juni 2010, 0:01 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes,Kommerz- & Medienfußball,Presseschau,Transfers,Zitat des Tages

RB Leipzig [...] hat bis jetzt für die kommende Saison keine großen Spielernamen geholt und Tomas Oral, der ewig als kommender Trainer im Gespräch ist, wird wohl kaum Kohorten von Journalisten in die neue „Red-Bull-Arena“ lenken. …weiterlesen



Tweet-Protokoll: FC Sachsen vs. RB Leipzig 2:1 (1:1)

Samstag, 29. Mai 2010, 17:10 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig,Kommerz- & Medienfußball,Spielberichte,Tweet-Protokoll

Der FC Sachsen Leipzig schlägt RasenBallsport Leipzig zum Abschluss der Oberligasaison 2009/10 dank eines Last-Minute-Tores überraschend mit 2:1. Dabei hatte Red Bull groß aufgefahren: das Spiel war in die zukünftige Red-Bull-Arena verlegt worden, überdies wurden tausende Freikarten verteilt. Geholfen hat es nichts. Das Tweet-Protokoll mit allen Emotionen, unbestechlich und nicht frei von Fehlern

15h49 Aus, aus, keine Nachspielzeit. Sieg geht in Ordnung dank starker zweiter Hälfte. Großartige Arbeit von Dirk Heyne. Krönt starke Saison.

15h45 ZWEI EINS FCS, 89.

15h43 Die SMS eines Kumpels: “40.000 Euro für Rost? Könnte man glatt ein neues Kinderheim von aufmachen”.

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Zitat des Tages (10): Wir nehmen mit, was geht

Freitag, 28. Mai 2010, 10:21 Uhr
Abgelegt unter: FC Sachsen Leipzig,Fanszene,Kommerz- & Medienfußball,Presseschau,Zitat des Tages

Falls morgen die 20 000-Zuschauer-Marke geknackt wird, übernimmt der FC Sachsen am letzten Oberliga-Spieltag die Führung in der Besucher-Tabelle – vom heiß geliebten Nachbarn aus Probstheida. …weiterlesen



Korrumpiert und kritisch, braun und bunt: Die Vielfalt des Leipziger Fußballs

In Leipzig konkurrieren mit RasenBallsport, 1. FC Lokomotive, FC Sachsen, BSG Chemie und Roter Stern fünf grundverschiedene Fußballklubs um die Gunst des Publikums. Die Fans haben die Wahl – für jeden erdenklichen Geschmack ist etwas dabei. Eine Vereinssoziologie

RasenBallsport Leipzig: Das austauschbare Franchise

Egal ob am Mitternachtsshop in der Tankstelle oder im Zentralstadion in der Red-Bull-Arena: Bei Red Bull geht es um Konsum, Events und Lifestyle. Wer sich mittwochabends 20:45 Uhr bei Sat.1 vorm Fernseher wiederfindet und von Johannes B. Kerner erklären lässt, dass Barcelona in blauen Hosen und Manchester in roten Shirts spielt, passt in die Zielgruppe. Hochklassiger, erfolgreicher Fußball ist garantiert, die Fernbedienung dirigiert die Perspektive auf Spielfeld und Kurve. Fußball, der nicht weh tut. Und am nächsten Morgen kann man im Büro trotzdem – oder gerade deswegen – mitreden.

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Leipzig – eine Stadt, sein Fußball und soziale Verwerfungen

Die linke Wochenzeitung Jungle World wartet mit einer Artikelserie auf, in der es um Leipzig, seine Ambitionen, seine Gesellschaft und nicht zuletzt auch seinen Fußball geht. Ein paar Leseempfehlungen

Zur Einstimmung provoziert, ja kokettiert Gero Hirschelmann mit Lokalprovinzialismus und sagt, dass Halle kleiner und proletarischer, kurzum liebenswerter ist als die „Pleiße-“, „Bach-“ oder wahlweise auch „Sportstadt“ Leipzig. Ganz ohne Größenwahn:

Es mag sein, dass Leipzig von seinen Bewohnern geliebt wird. Halle aber liebt umgekehrt auch seine Bewohner. Leipzig ist also eine gute Stadt, Halle, nun ja, ist eine Weltanschauung.

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Über die Identität des Fußballs: Das Beispiel RB Leipzig

Die Debatte über Kommerz und Tradition bedarf einer neuen Diskussionskultur. Red-Bull-Kritiker sollten lernen, differenzierter zu argumentieren

Dem Projekt RasenBallsport Leipzig ist viel Kritik und Häme, mitunter auch Hass entgegengekommen – auch in diesem Blog. Die Gruppe der „Skeptiker“ gegenüber den Marketingstrategien von Red Bull im Profifußball ist in sich sehr heterogen, was zur Folge hat, dass ein reflektierter Umgang mit Dietrich, Dietmar & Co. auch schon mal als modernisierungsfeindlich, völkisch und in letzter Konsequenz antisemitisch marginalisiert wird. Für manche steht somit dieses Blog auf einer Stufe mit faschistoiden Entblödungen der Saalefront-Ultràs à la „Tötet RB“ . Das größte Verdienst des Red-Bull-Einstieges in Leipzig ist, dass eine Debatte über Identität und Wertvorstellungen – nicht nur im Leipziger Fußball – ausgelöst wurde. Über intellektuell anspruchsvolle Beiträge aus dem Post-Markranstädt-Lager musste man lange warten. Doch jetzt bin ich in einem Trackback über ein interessantes Blog gestolpert.

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Zitat des Tages (7): Fußball und Kapital, Fans und 50+1

Wir hatten leider nie eine Situation wie in Deutschland. [...] In England findet gerade ein Umdenkprozess statt. Früher hat sich keiner darum geschert, die letzten sechs Monate haben das geändert.

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Stühlerücken bei Red Bull: Beiersdorfer lässt keinen Stein auf dem anderen

Mittwoch, 10. Februar 2010, 20:43 Uhr
Abgelegt unter: Kommerz- & Medienfußball,Presseschau,Vereinspolitik

Präsi Andreas Sadlo weg, Physio Nils Haacke weg – das Personalkarussell dreht sich immer schneller, und am Ende bleibt Dietmar Beiersdorfer als Einziger sitzen. Eine Bestandsaufnahme

Es ist Winterpause – und im beschaulichen Markranstädt kommt RasenBallsport Leipzig nicht zur Ruhe. Nachdem zunächst vor drei Wochen mit Andreas Sadlo der Vater des Projektes im Zuge eines Machtkampfes geräuschvoll entsorgt worden war, musste nun Chef-Physiotherapeut Nils Haacke dran glauben. Dessen Weggang hatte der Red-Bull-Klub am Montag über die Vereinshomepage kolportiert. …weiterlesen



Red Bull: Kontert jetzt Dynamo?

Montag, 1. Februar 2010, 0:07 Uhr
Abgelegt unter: Kommerz- & Medienfußball,Vereinspolitik

Was Konzerne können, kann der Fußball schon lange. Wann entdecken Klubs ihr eigenes Potential als Produktmarke?

Bei konzeptspeicher hat sich Sebastian kreative Gedanken darüber gemacht und Argumente angeführt, wie Traditionsfußball mit Marketing für regionale Produkte verbunden und damit ganz nebenbei auch noch die monopolistischen Sponsoringstrukturen des Fußball-Weltverbandes durchbrochen werden können. Das klingt zunächst einmal unbescheiden und vielleicht auch illusorisch, zumindest fand ich beim ersten Lesen die Idee eines Energy-Drinks namens „Dynamo“ schlichtweg albern. Aber nicht, wenn man es richtig angeht.

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