„Nazi“-Schmähung kostet 500 Euro
Donnerstag, 26. Dezember 2013, 2:29 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 26. Dezember 2013, 11:13 Uhr
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Was als eine Diskriminierung gilt, kann eigenwillige Interpretationen hervorrufen. Dem Sächsischen Fußball-Verband genügt es, wenn ein NPD-Kader als „Nazi“ bezeichnet wird

Das Leben kann manchmal ungerecht sein. Schließlich muss es gar nicht so einfach sein, als politisch engagiertes NPD-Mitglied einen Verein zu finden, dessen Kameraden nichts gegen einen braunen Schlussmann haben. Mathias Möbius sitzt für die NPD im Stadtrad von Wurzen – und hütet für den ATSV Frisch Auf das Tor. Beides ist keine leichte Aufgabe: den Wurzenern unter der Woche was von Überfremdung erzählen und am Wochenende die Bälle aus dem Netz des Bezirksliga-Vorletzten holen.

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Willkommen in der Provinz
Montag, 21. Oktober 2013, 21:49 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 22. Oktober 2013, 1:01 Uhr
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In der Bezirksliga sportlich ungeschlagen, werden der BSG Chemie Leipzig die Gegner abseits des Platzes zur größten Herausforderung. Nach zwei Absagen ist nun ein drittes Spiel abgebrochen worden

Sie wollen nur spielen, aber man lässt sie nicht. Die mit dem Fünfeck auf der Brust, Alfred Kunze im Kopf, die Leutzscher Legende im Herzen. Wer für die BSG Chemie Leipzig aufläuft, hat die Heldensaga im Ohr, als 1964 die Falschen DDR-Meister wurden. Das war vom System nicht vorgesehen, das verhalf dem „Rest von Leipzig“ zu Glaubwürdigkeit auf der Straße. Im 50. Jahr danach klingen die Konkurrenten nicht mehr nach Arbeiter-und-Bauern-Maloche, führen die Auswärtsreisen nicht einmal mehr über die einstigen DDR-Bezirksgrenzen. Empor Rostock heißt jetzt Bornaer SV 91 und aus dem SC Karl-Marx-Stadt wurde ATSV Frisch Auf Wurzen.

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Babelsberg, Lok-Nazis und der Ballermann
Donnerstag, 22. August 2013, 22:34 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 22. August 2013, 22:40 Uhr
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Den Problemfans des 1. FC Lok Leipzig war die Reise nach Potsdam-Babelsberg eine dankbare Angelegenheit. Im Verein ist man sich des Problems mehr bewusst denn je. In der Ferne staunt der Badeurlauber

Als sich Probstheida mitsamt fragwürdigem Gefolge in Babelsberg umtut, liege ich auf Mallorca (wohl gewollt) am Ballermann (ein Versehen) am Strand und träufle mir kühles Dosenbier ein. Regionalliga-Auftakt, 3. August, Babelsberg 03 siegt 1:0 gegen den 1. FC Lok Leipzig, das Ergebnis war nebensächlich. Was auf den Rängen abgegangen ist, erfahre ich – den geneigten Nutzer dieses Internets mag das belustigen – zwei Tage später aus der Zeitung. (Wenngleich nicht auf gewesenem Holz, sondern dem Tablet.) Die Lektüre hat mich schnell aus dem unfreiwilligen Ballermann-Dasein gerissen. Lok, Nazis, Medienreaktionen, das geht einfach immer.

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Fußball ist immer noch wichtig
Freitag, 26. Juli 2013, 9:16 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 26. Juli 2013, 9:43 Uhr
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Das Melt! war diesmal wahrlich zum Dahinschmelzen. Europas größtes Electro- und Indiefestival unter den Stahlmonstern von Ferropolis, 20 000 immer entspannte Partymenschen jeder Herkunft, ein alljährlicher Pflichttermin mitten im Juli. Zelte und all das andere Inventar schleppen, im Campingstuhl lungern, ohne Unterlass Bässe von irgendwoher aufsaugen, viel zu warmes Bier schlürfen – jedes Jahr das gleiche, es wird nie langweilig. Abschalten, vier Tage lang. In diesem Jahr glühte die Sonne wie im Badeurlaub, nur dass so mancher nachher eine Krankschreibung brauchte.

Mit Fußball hat das alles nichts zu tun. Fußball ist dort nicht wichtig, genauso wenig wie die restliche Außenwelt, schon allein weil die Akkukraft unsere Nachrichtenzentralen nicht über vier Tage am Leben hält. Samstagvormittag, die Smartphones werden heiß, der Empfang ist so mies, wie man es in einer Ödnis erwartet, die ein paar Mal im Jahr von Zehntausenden bevölkert wird. Habt ihr schon gehört – so beginnt der Satz, der damit endet, wer am Vortag die Etappe der Tour de France gewonnen hat.

Am Freitag, da war doch was. Drittligaauftakt. Eine große Feier im mitteldeutschen Heimatfernsehen. Ein Kulturderby, habe ich irgendwo gelesen, solche Worte wären vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen, wenn vom Halleschen FC die Rede war. RB Leipzig, auf diesem Projekt liegt alle Hoffnung der Stadt, in der ich groß geworden bin, mit deren tragikomischen, in meinen Augen grün-weißen Fußball ich sehr eng verbandelt bin. Noch immer. Ich muss wissen, wie das Spiel ausging – und bin im nächsten Augenblick enttäuscht. 1:0 für RB.

Ich schimpfe etwas, soweit es die unaufgeregte Atmosphäre zulässt. Meine Zeltnachbarn und ich, wir sind uns einig (zumindest noch). Wir sind Leipziger, aber die Stadt und ihr Fußball hat unseren Lokalpatriotismus nicht nötig. Wo man auch hinkommt, jeder scheint die New York Times gelesen zu haben. Auch wer noch nicht da war, findet diese Stadt schön, lebenswert, hip. Das schickt sich so. „Hypezig“, sagen fremde Frühzwanzigerinnen beim oberflächlichen Kennenlernen stolz und erwarten, dass sich das Leipziger Gegenüber über diese Sprache freut.

Um die Stadt hat sich seit ein paar Jahren jener Hype entwickelt, den Red Bull im städtischen Fußballalltag zunehmend zu kopieren weiß: Kein Vorbeikommen an den Dosen und RB Leipzig, wohin man auch geht. Ein bisschen fühle ich mich wie ein fußballpolitischer Flüchtling, aber das zählt nicht, ich bin freiwillig nach Berlin gegangen, und das ist schon eine Weile her. Aber wenn ich den Sportteil aufschlage, weiß ich manchmal nicht, was ich in Leipzig noch sollte.

Ein paar warme Bier später (die Temperatur nimmt proportional zur Tageszeit zu), auf dem Festivalgelände. Man trifft dort Leute, von denen man ahnt, sie könnten da sein, auch wenn man sich nicht verabredet hat. Meine ehemalige Mitbewohnerin, mein ehemaliger Mitbewohner und so weiter. Ich bleibe bei einem Bekannten hängen, er hat sich dem Halleschen FC verschrieben, er meint es sehr ernst mit dem Verein. Ich bekunde höflich Beileid zur vorabendlichen Niederlage gegen meine Stadt und ihr Projekt, das ich doch lieben müsste. Am nächsten Tag lernen wir auf dem Zeltplatz die Gruppe von nebenan kennen, natürlich Hallenser, sie haben am Morgen zuvor unsere sanften Tiraden eingedenk des Ergebnisses gehört – wenn sie davon erzählen, klingt es so, als wunderten sie sich, wie man es in Leipzig nicht so gut mit RB halten kann.

Als vom Melt! in meinem Leben noch nichts zu ahnen war, fuhr ich einmal nach Casaleccio di Reno. Zu den Mondiali Antirazzisti, dem Fußballfestival für Ultras, die keine Nazis mögen. „Antifa Hooligans“, so würden es Los Fastidios nennen. Ihr Auftritt, damals in Italien, liegt mir wieder in den Ohren, seit ich auf diesem Melt! Feine Sahne Fischfilet (die Herren spielen weder Electro noch Indie) gehört und mit Leuchtfeuer auf der Bühne gesehen habe. Es war ein bisschen so, als würden Egotronic noch einmal beim Roten Stern im Bierzelt oder im Leipziger Fanprojekt zwei Boxen aufbauen und die „Bismarck“ versenken.





Kein Erfolg macht auch bloß nicht sexy
Montag, 28. Januar 2013, 19:25 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 29. Januar 2013, 0:02 Uhr
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Sportlich im Mittelmaß versunken, knüpfen BSG Chemie und SG Leipzig-Leutzsch erste zarte Bande. Öffentlich werben die Vorstände auf beiden Seiten für einen starken grün-weißen Verein. Dafür müssen sie jedoch nicht nur sich selbst überzeugen

Fußball ist eine äußerst simple Angelegenheit. Da ist die Idee: mit Bauch, Bein oder Po das Leder nach vorne treiben, Gegenspieler übersprinten, Spielsysteme sprengen, das Runde ins Eckige befördern, Fans in Ekstase versetzen. Was zählt, sind Tore und Erfolg, das sind die Zutaten, die aus Kicker-Kämpfern Legenden machen, die Geschichten wie jene aus Leutzsch anno 1963/64 erzählen.

Vereinschefs auf Diplomaten-Mission

Das war einmal, dessen wird man sich im Jahre 49 nach Alfred Kunzes Meisterstreich im zweigeteilten Fußball-Leutzsch im grauen Sechstliga-Alltag zusehends deutlicher bewusst. Sportlichem Erfolg ist die grün-weiße Zwietracht von BSG Chemie und SG-Leipzig-Leutzsch abträglich, befinden die Macher hier wie da. Im Interview mit der Leipziger Volkszeitung proben Jamal Engel, 42, Sprachrohr der SG Leipzig-Leutzsch, und das BSG-Chemie-Duo aus Vorstandschef Frank Kühne, 53, und Schatzmeister Siegfried Klose, 58, die Verbrüderung. Das bilaterale Verhältnis? „Keinerlei Probleme“, sagt Chemie-Chef Kühne, „gut bis sehr gut“, sekundiert Klose. „Das kann ich nur bestätigen“, meint Engel.

Die drei Diplomaten stecken das Terrain ab. Was steht einer Leutzscher Einigung im Weg? Sicher, da ist zuallererst der Zwist zwischen beiden Fanlagern, den Frank Kühne bemerkenswert lässig beiseite wischt: In den vergangenen Jahren sei „in Chemie ‚links‘ und die SG ‚rechts‘ hineininterpretiert“ worden. So falsch ist das nicht. Gleichwohl gab es für besagte Interpretationen stichhaltige Beweise, einerseits. Andererseits will sich nicht jeder, der gerne darauf verzichtet, neben einem Neonazi in der Kurve zu stehen, das Etikett „links“ anheften.

Eine große Familie wie Union Berlin

Der Blick richtet sich nach vorn. Die Vorstände haben eine Vision: den wiedervereinigten Leutzscher Fußball. Siegfried Klose will einen „Weg wie Union Berlin“ beschreiten. „Unsere Philosophie ist, wie eine große Familie zu sein.“ Sonst wird’s nix, weder sportlich noch finanziell. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich beide Vereine derart offensiv um die Leutzscher Eintracht bemühen.

Die Hürden sind hoch, wie dieser verbale Schlagabtausch andeutet:

Jamal Engel: Das Zusammengehen mit Chemie muss ein Prozess sein, um den Prozess der auseinander driftenden Fans umzukehren. Dass es zu der Fantrennung kam, lag an Fehlentwicklungen beim FC Sachsen, ich konnte die Fans teilweise sogar verstehen.

Frank Kühne: Du musst mir mal erklären, warum man nicht einfach die BSG Chemie, die ja längst gegründet war, hätte als Nachfolger nehmen können? Selbst die Nachwuchssicherung ist unter der SGL ja kaum gelungen.

Jamal Engel: Ich kann bei euch auch das Haar in der Suppe suchen. Am Anfang konnte man sich bei Chemie mit keinem zusammensetzen, die waren trotzig. Der Tenor im Verein klang nicht nach Gemeinsamkeit.

Nun müssen die Macher bei den Fans für ihre hehre Mission werben. Frank Kühne kann sich schon im Sommer einen gemeinsamen Verein mit Landesliga-Startrecht und Aufstiegsambitionen vorstellen. „Es bedarf aber vieler Gespräche“, sagt Kühne. „Einzelne wird es immer geben, die man nicht erreicht.“ Für die wird beim künftigen Leutzscher Einheitsverein zumindest kein Platz mehr sein.





Profi-Fußballer trotzen Rassismus und Homophobie
Samstag, 5. Januar 2013, 14:35 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Sonntag, 6. Januar 2013, 0:24 Uhr
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Die ersten Januartage gelten gemeinhin als nachrichtenarme Zeit, besonders im Fußball. Ausgerechnet jetzt sind zwei Geschichten in den Schlagzeilen, die nichts mit Wintertransfers oder der Rückrundenvorbereitung zu tun haben und keinesfalls originäre Fußball-Themen sind: Kevin-Prince Boateng, 25, vom AC Mailand wehrt sich gegen rassistische Fans und zwei aktive Profi-Fußballer outen sich offenbar als schwul – und das in Russland

Kevin-Prince Boateng nimmt den Ball an, dreht sich um die eigene Achse, dribbelt – und bricht plötzlich ab. Er greift sich das Leder und drischt es auf die Tribüne. Dass Schiedsrichter und Gegenspieler auf ihn einreden, ist ihm egal. Der Mittelfeldspieler des AC Mailand, frustriert von den permanenten rassistischen Sprechchören von der Tribüne, zieht sich das Trikot aus verlässt mit seinen Mitspielern das Spielfeld. Es sind Szenen aus einem Testspiel zwischen Pro Patria und Milan, die eine kontroverse Debatte entfacht haben. Boateng hat nun nachgelegt: Er kann sich vorstellen, Italien zu verlassen. Sein Verhalten stößt prompt auf Kritik, etwa bei Clarence Seedorf.

Boateng macht alles richtig

Dabei macht Boateng, einst bekannt für Eskapaden abseits des Spielfelds, alles richtig. Die italienische wie deutsche Öffentlichkeit diskutiert sein Verhalten – und muss zwangsläufig die Hintergründe reflektieren. Rassismus ist ein globales Alltagsphänomen, selbst wenn es sich hierzulande ungleich latenter äußert als in italienischen Fußballstadien. Affenlaute schallten früher auch in der Bundesliga schwarzen Spielern entgegen. Die Rassisten sind stummer, aber gewiss nicht weniger geworden. Umso bedeutsamer ist es, dass Boateng nun die Zustände in Italien anprangert. Das hilft beim Nachdenken über die „Deutschen Zustände“, nicht nur in den Fankurven.

Kokorin und Mamajew: Echtes Outing oder Satire?

Aus Russland kommen immer wieder Nachrichten, die von grassierendem Hass zeugen auf alle, die anders sind. In der Politik wie zuletzt im Fußball bei Fans von Zenit St. Petersburg. Nun könnten sich mit Alexander Alexandrowitsch Kokorin, 21, von Dynamo Moskau und Pawel Konstantinowitsch Mamajew, 24, von ZSKA Moskau zwei russische Profi-Fußballer als schwul geoutet haben. In einem sozialen Netzwerk finden sich Fotos, die beide zusammen in vertrauten Posen zeigen. Alex Feuerherdt (@LizasWelt) ordnet die Bilder ein und trägt zugleich berechtigte Zweifel zusammen, ob es sich tatsächlich um ein Outing handele oder um eine satirische Antwort auf die Petersburger Fan-Forderungen. Zumindest gilt auch hier: Politik, Medien und Gesellschaft kommen an einer Debatte nicht vorbei.





Die Fans sind lauter geworden, auch weil sie schwiegen
Mittwoch, 12. Dezember 2012, 21:56 Uhr
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Je nachhaltiger sich die Fans mit guten Argumenten für ihre Interessen einsetzen, desto größer ist ihre Chance, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen

Huch! Es gab eine Zeit, da kannte Philipp Markhardt kein Mensch und da ging Michael Gabriel als Schlagerbarde durch. Doch das war einmal. Heute wissen wir mehr. Heute, das ist der 12.12.2012. Ein Tag, den ein paar hoffnungslose Romantiker zum Hochzeitstag (v)erklären – einerseits. Andererseits aber auch der Tag, an dem ein paar liebesentwöhnte Politiker und Funktionäre die heile Welt des Profifußballs retten wollen und damit nach dem Geschmack der Fans gründlich daneben liegen.

„Sicheres Stadionerlebnis“ nennen die zur Deutschen Fußball-Liga (DFL) zusammengeschlossenen Profi-Clubs das heute verabschiedete Konzeptpapier, in dem Fanvereinigungen den Rechtsstaat gefährdet sehen. „Vollkörperkontrollen“ ist das Reizwort schlechthin, das die DFL aus einer früheren Arbeitsversion auf Drängen der Fans aus dem Papier gestrichen hat. Das bedeutet aber nicht, dass die Clubs künftig ausschließen, Fans im Namen der Sicherheit eine Reise an einen FKK-Ostseestrand antreten zu lassen. Ohne Wasser und ohne Urlaubsfeeling, versteht sich.

Der Hintergrund: Politik, Polizei und Fußballfunktionäre sorgen sich um Ultras, Pyrotechnik, gefühlte und tatsächliche Gewalt. Eine Diskussion um Sicherheit hier und Freiheit da, welche die Medien in der Vergangenheit allzu häufig verzerrt transportierten. Damit jedoch scheint nun Schluss. Der Polizeigewerkschafter Rainer Wendt mag seine mitunter kruden Thesen zwar weiterhin abspulen, so abwechslungsreich wie eine hängengebliebene CD und so kreative wie eine graue Betonwand.

Aber: Der Zauber des polternden Polizisten schwindet zusehends. Und die Fans werden zunehmend lauter, bezeichnenderweise nicht zuletzt dank jener Protestaktion, die sich an den vergangenen Bundesliga-Spieltagen durch zwölfminütiges Schweigen auszeichnete, passend zum DFL-Beschluss am Schnapszahltag. Michael Gabriel, den Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS), und Philipp Markhardt, in der Szene kritisch beäugter Vorzeige-Ultrà der Hamburger „Chosen Few“ und ehrlicher Fürsprecher der Faninteressen, ist inzwischen auch dem gemeinen Zeitungsleser bekannt. Das schreibt das aktionismusgetriebene DFL-Papier zwar nicht um, aber es ist mehr, als man sich noch vor Monaten hätte versprechen können.





Die Leutzscher Einheit ist kein Selbstzweck
Montag, 11. Juni 2012, 21:33 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20. Juni 2012, 23:21 Uhr
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Das Lob sei vergiftet, sagt ein Freund am Telefon. Es ist der Tag zwei nach dem beschwingenden Sieg im ‚Derby‘ gegen die SG Leipzig-Leutzsch. Zeit für eine Bestandsaufnahme. „Da sind richtig kreative Jungs im Block, die für gute Stimmung sorgen“, hatte Jamal Engel gegenüber LVZ Online gesäuselt. Es ist das erste öffentliche Lob des SGLL-Vorstandssprechers für die Chemie-Fans, und es ist alles andere als ironiefrei. Vor dem Spiel im Alfred-Kunze-Sportpark hatten Anhänger der BSG Chemie ein Kassenhäuschen gestürmt und einen Ordner der Sicherheitsfirma „Leipziger Löwen“ brutal zusammengeschlagen. Der Verein hat schnell reagiert und die Ereignisse verurteilt. Dieses Vorgehen ist alternativlos. Fans und Verein müssen sich der Kritik stellen, ihre Lehre daraus ziehen. Sich am Leitbild messen lassen, das nicht nur Folklore sein soll.

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Müssen wir jetzt ganz neu über Sportjournalismus nachdenken?
Mittwoch, 16. Mai 2012, 0:28 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 16. Mai 2012, 20:28 Uhr
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Von einem kuriosen Platzsturm, der von nichts als Emotionen zeugt, und der ARD, die damit nicht umzugehen weiß

Nur noch ein paar Sekunden, dann ist Schluss. Fortuna Düsseldorf steht vor der Rückkehr in die Bundesliga, zum ersten Mal seit Jahren. Fortuna-Stürmer Ranislav Jovanovic vergibt die Großchance zum alles entscheidenden Tor. Doch das 2:2 im Relegationsrückspiel gegen Hertha BSC reicht nach dem Sieg im Berliner Olympiastadion ohnehin. Für die Fans der Fortuna, zumindest für viele von ihnen, gibt es kein Halten mehr. Sie stürmen auf den Platz, obwohl der Schiedsrichter noch gar nicht abgepfiffen hat. Euphorie pur. Eines besseren Beweis bedarf es kaum, dass Fußball mit Emotionen ebenso untrennbar verbunden ist wie das Christentum mit der Bibel.

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Die Baustelle
Sonntag, 29. Januar 2012, 15:34 Uhr
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Jahrelang praktizierte das Leipziger Fanprojekt akzeptierende Jugendarbeit mit Neonazis. Nach dem Trägerwechsel soll mit einem neuen Team alles anders werden. Die neuen Inhalte umzusetzen, ist nicht die einzige Herausforderung. Eine Reportage

Die schmale Tribüne ächzt. Es gibt Sitzbänke, aber alle stehen. Hunderte Menschen, eine Familie in Grün-Weiß. Was sie eint, ist die Leidenschaft für Fußball und ihren Verein, die BSG Chemie Leipzig. Sie sind immer da, egal wie es läuft. Sie leben für ihren Klub. Grün-Weißer ist man immer. Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, und in den Träumen sowieso. „Schähm …, Schähm …“, tönt es aus biergetränkten Kehlen. Gemeint ist Chemie, der Schlachtruf ist so alt wie die größten Erfolge des Vereins, der vor Jahrzehnten zwei DDR-Meisterschaften errang, zuletzt 1964. Ein unerwarteter Erfolg, die Geburtsstunde eines Mythos, der auch in tristen Zeiten Tausende mobilisiert. Chemie spielt in der sechsten Liga, die zweite Mannschaft sogar noch weit tiefer.

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