Die Fans sind lauter geworden, auch weil sie schwiegen
Mittwoch, 12. Dezember 2012, 21:56 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Kommerz- & Medienfußball

Je nachhaltiger sich die Fans mit guten Argumenten für ihre Interessen einsetzen, desto größer ist ihre Chance, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen

Huch! Es gab eine Zeit, da kannte Philipp Markhardt kein Mensch und da ging Michael Gabriel als Schlagerbarde durch. Doch das war einmal. Heute wissen wir mehr. Heute, das ist der 12.12.2012. Ein Tag, den ein paar hoffnungslose Romantiker zum Hochzeitstag (v)erklären – einerseits. Andererseits aber auch der Tag, an dem ein paar liebesentwöhnte Politiker und Funktionäre die heile Welt des Profifußballs retten wollen und damit nach dem Geschmack der Fans gründlich daneben liegen.

„Sicheres Stadionerlebnis“ nennen die zur Deutschen Fußball-Liga (DFL) zusammengeschlossenen Profi-Clubs das heute verabschiedete Konzeptpapier, in dem Fanvereinigungen den Rechtsstaat gefährdet sehen. „Vollkörperkontrollen“ ist das Reizwort schlechthin, das die DFL aus einer früheren Arbeitsversion auf Drängen der Fans aus dem Papier gestrichen hat. Das bedeutet aber nicht, dass die Clubs künftig ausschließen, Fans im Namen der Sicherheit eine Reise an einen FKK-Ostseestrand antreten zu lassen. Ohne Wasser und ohne Urlaubsfeeling, versteht sich.

Der Hintergrund: Politik, Polizei und Fußballfunktionäre sorgen sich um Ultras, Pyrotechnik, gefühlte und tatsächliche Gewalt. Eine Diskussion um Sicherheit hier und Freiheit da, welche die Medien in der Vergangenheit allzu häufig verzerrt transportierten. Damit jedoch scheint nun Schluss. Der Polizeigewerkschafter Rainer Wendt mag seine mitunter kruden Thesen zwar weiterhin abspulen, so abwechslungsreich wie eine hängengebliebene CD und so kreative wie eine graue Betonwand.

Aber: Der Zauber des polternden Polizisten schwindet zusehends. Und die Fans werden zunehmend lauter, bezeichnenderweise nicht zuletzt dank jener Protestaktion, die sich an den vergangenen Bundesliga-Spieltagen durch zwölfminütiges Schweigen auszeichnete, passend zum DFL-Beschluss am Schnapszahltag. Michael Gabriel, den Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS), und Philipp Markhardt, in der Szene kritisch beäugter Vorzeige-Ultrà der Hamburger „Chosen Few“ und ehrlicher Fürsprecher der Faninteressen, ist inzwischen auch dem gemeinen Zeitungsleser bekannt. Das schreibt das aktionismusgetriebene DFL-Papier zwar nicht um, aber es ist mehr, als man sich noch vor Monaten hätte versprechen können.